KILLING FIELDS (1): Terror auf dem Acker

death-ROUNDUP

Man kann ein Problem nicht mit der gleichen Denkweise lösen, durch die es entstanden ist“.

Albert Einstein

LEBEN IM UND AM ACKER:  MEHR ALS DIE SUMME SEINER TEILE

Justus von Liebig hat uns als „Vater“ der modernen Agrochemie ein schweres Erbe hinterlassen. Er war es, der die bahnbrechende Nachricht verbreitete, dass die Ernährung von Pflanzen im wesentlichen nur aus drei Komponenten bestünde: Stickstoff, Phosphor und Kali und dass durch Anwendung von Mineraldüngern (und später Pestiziden) die Erträge erheblich gesteigert werden könnten. Diese primitive Sichtweise und das daraus resultierende „Doping“ der Pflanzen hat sich im Grunde bis heute gehalten, obwohl das ganze natürlich enorm kurzsichtig und eine wirtschaftliche Milchmädchenrechnung ist (siehe dazu auch meine früheren Beiträge über Landwirtschaft).

Frederic Vester, einer der klügsten deutschen Denker des 20. Jahrhunderts hat sich bemüht, uns darzulegen, was ein System ist und dass man ein System nie durch Konzentration (der Analyse) auf einzelne Komponenten verstehen kann, sondern nur, wenn an die Wirkungsbeziehungen aller Teile zueinander untersucht.

Heute gibt es zwar den Wissenschaftszweig der Agrarökologie, doch deren Erkenntisse werden von der Politik weitgehend ignoriert und stattdessen die Profitinteressen der Chemiekonzerne bedient, die mit ihren synthetischen Düngern und Pestiziden unsere Böden vergiften, uns krankmachen und dabei Milliarden verdienen.

DUMMHEIT UND STOLZ:  GENTECHNIK &  ROUNDUP

Zukünftige Historiker werden darüber schreiben, wie bereitwillig wir die Gesundheit unserer Kinder und späterer Generationen durch ein gigantisches Experiment geopfert haben, das auf falschen Versprechungen und  Scheinwissenschaft beruht.“  (Don Huber)

HuberDr. Don Huber, emeritierter Professor für Bodenökologie und Pflanzenpathologie reiste Anfang 2012 durch Europa, um unsere politisch Verantwortlichen vor den verheerenden Folgen von Glyphosat (Wirkstoff im meistverkauften Unkrautvernichtungsmittel „Roundup“ in der Landwirtschaft zu warnen. Er hielt Vorträge vor Parlamentsausschüssen, Bauernverbänden und NGOs, die sich für Umwelt- und Tierschutz einsetzen.

Er betonte, dass Landwirtschaft ein integriertes System sei, in dem viele Komponenten interagieren. Dieses Zusammenspiel, diese Wechselwirkungen zwischen Pflanze, Bodenleben, Wasserkreislauf,  Klima, etc. bestimmen die Gesundheit der Agrarpflanzen und damit auch die Erträge. Biobauern wisssen ja schon lange, dass die Erhaltung der Bodengesundheit –und damit der Fruchtbarkeit – im Vordergrund stehen muss und nicht ein viel zu kurzsichtiger Fokus auf ständig steigende Erträge, wobei immer mehr (fossile) Energie aufgewendet werden muss.

Dr. Huber lässt keinen Zweifel daran, wie gefährlich die massenhafte Verwendung von Glyphosat (gefördert durch den Anbau transgener Pflanzen) für die Agro-Ökosysteme, die Zukunft der Landwirtschaft und unsere Gesundheit ist.

Er arbeitet seit Jahrzehnten für ein staatliches Forschungsinstitut in den USA, das sich mit der Entstehung und Behandlung von Pflanzenkrankheiten beschäftigt. Seit 20 Jahren beschäftigt er sich intensiv mit den Auswirkungen von Glyphosat auf Feldpflanzen, nachdem in den USA eine Epidemie von Pflanzenkrankheiten auf Äckern aufgetreten ist, die jahrelang mit Glyphosat behandelt wurden.

Im Februar 2011 schrieb Dr. Huber einen Brief an den US-Landwirtschaftsminister Tom Vilsak, der an die Öffentlichkeit gelangte und für Aufsehen sorgte, weil er darin von einem neuen Krankheitserreger spricht, der massenhaft in RR-Getreide (Roundup-Ready – RR Mais und RR Soja) vorkommt und Unfruchtbarkeit bei  Rindern, Schweinen und Geflügel auslöst.

Passiert ist von seiten der Politik aber nichts (außer Vertuschung) – kein Wunder, denn Monsanto ist ein fleißiger Lobbyist und Wahlkampfspender des US Kongresses und hat enorme politische Macht.  Die armen Amerikaner müsssen seit Jahren transgenes Getreide essen – ob sie wollen oder nicht, weil es in den USA keine Kennzeichnungspflicht dafür gibt. (Ausweichen kann man nur durch Bioanbau)

monsanto 3Doch der Widerstand wächst, weil sich die Hinweise verdichten, dass TGP+G (TGP=transgene Pflanzen; +G= Behandlung mit Glyphosat, aber auch G alleine) schwere gesundheitliche Störungen bei Menschen und Tieren verursachen (mehr dazu im nächsten Beitrag – hier konzentrieren wir uns zunächst auf die Schäden bei Pflanzen).

Ein Empfänger von Monsanto Wahlkampfspenden ist der republikanische Senator Roy Blunt. Er sorgte dafür, dass vor kurzem in ein amerikanisches Gesetz ein Abschnitt „hineingeschmuggelt“ wurde, (es gab vorher keine Debatte bzw. Abstimmung im Kongress, die große Mehrheit der Abgeordneten lesen offenbar Gesetze, die sie beschließen sollen,  vorher nichtwie bei uns …! ), der den Schutz der US Bürger vor Umwelt- und Gesundheitsschäden durch transgene Pflanzen noch mehr unterminiert:

Der »Monsanto Protection Act«, wie er mittlerweile genannt wird, ein Zusatz zur HR 933 Continuing Resolution (dem Übergangs-Haushaltsgesetz – das gar nichts mit Landwirtschaft zu tun hat), erlaubt es den Biotechfirmen sich über gerichtliche Entscheidungen hinwegzusetzen, falls wegen eingebrachter Klagen bzw. Gerichtsurteilen aus den Bundesstaaten ein Anbaustopp angeordnet wird.

Obwohl sich die Hinweise verdichten, dass GMO erhebliche Gesundheits- und Umweltschäden verursachen, kann Monsanto  weiterhin seine gefährlichen Produkte verkaufen bzw. können die Kunden (also die Farmer) weiterhin dieses Saatgut anpflanzen, ernten und in die Nahrungsmittelkette einbringen.

MaiskolbenIn klassischem „Free Market“- Doublespeak  trägt die Passage den Titel „The Farmer Assurance Provision“, als ob es hier um die Absicherung der Bauern ginge und nicht um den Schutz von Profiten der Hersteller. Besonders infam finde ich die Tatsache, dass mit diesem Gesetz einem Landwirtschaftsminister quasi befohlen wird, sich – zum Vorteil der Biotechindustrie und scheinbar auch deren Kunden, also vielen Bauern – über das geltende Rechtssystem hinwegzusetzen und damit die Hersteller Immunität genießen.

Zwar gilt das Gesetz vorläufig nur für ein halbes Jahr (bis 30. September 2013), doch angesichts der Macht von Monsanto in den USA (und anderer Chemiekonzerne wie Bayer, BASF, etc. bei uns)  dürfte das erst der Anfang von der endgültigen Entmachtung der Parlamente sein.

Tatsächlich hat das US-Landwirtschaftsministerium (USDA) diesen Eingriff in das Rechtssystem schon in der Vergangenheit vorgenommen: Im Jahr 2010 urteilte ein Bundesgericht in San Francisco , dass die Zulassung von genetisch veränderten Zuckerrüben durch das USDA nicht rechtens sei, weil es keine Umweltverträglichkeitprüfung gegeben habe.  Dadurch wurde der zukünftige Anbau dieser transgenen Zuckerrüben illegal.  Das USDA versuchte das Urteil zu umgehen, doch der Richter ordnete das Ausbuddeln und die Vernichtung der Stecklinge an.

Privi lege gilt für große Konzerne, nicht für kleine Leute: Monsanto und die deutsche Firma KWS („partners in crime“)  übten Druck auf das USDA aus, eine partielle „Deregulierung“ der transgenen Rübe zu erlauben – was dann auch geschah: Die Farmer durften letztlich die GM-Pflanzen anbauen – – trotz eines rechtskräftigen Gerichtsurteils und obwohl noch völlig unklar war, welche Umweltschäden dadurch entstehen würden. Daran sehen wir, wohin die Reise geht: das Vorsorgeprinzip, der Schutz der Natur und des Menschen vor schwerwiegenden, womöglich irreversiblen Schäden wird über Bord geworfen, wenn es darum geht, der „Wirtschaft“ freie Fahrt zu gewähren, wobei die chemische Industrie sicherlich zu den gefährlichsten Bedrohungen der Gesundheit und auch der Demokratie gehört.

Natürlich wäre es für einen Farmer hart, wenn er das teuer gekaufte GM-Saatgut nicht ausbringen bzw. nicht ernten dürfte, doch die Wurzel dieses Problems liegt darin, dass es eben kein wirklich ernstzunehmendes, transparentes und wissenschaftlich fundiertes  Zulassungsverfahren  für TGP (transgene Pflanzen) gibt. Wäre das der Fall, würden diese geklonten Laborsamen nie in den Handel kommen, und die Bauern hätten sie erst gar nicht gekauft. Aber Bauern – im ursprünglichen Sinn –  wird es ja bald nicht mehr geben, sondern „Agrarunternehmer“, die „Investitionssicherheit“ wollen.

In der EU scheiterte kürzlich die Abstimmung der Landwirtschaftsminister über das neueste Konstrukt der Agro-Gentechnik, dem SmartStax Mais – der dem Begriff „Frankenstein-Food“ eine wahrhaft neue Dimension verleiht. Auch dieser Mais ist u.a. gegen „Roundup“ resistent (RR) und produziert noch dazu SECHS Insektengifte. (Mehr dazu später)

Um zu verstehen, warum Dr. Huber und andere Wissenschaftler so alarmiert sind, müssen wir uns Glyphosat genauer ansehen:

roundup-ready1 WIE WIRKT GLYPHOSAT?

Glyphosat ist ein Breitband-Unkrautvernichtungsmittel (Herbizid), das in viele physiologische Prozesse der Pflanze eingreift. Die Agrochemische Industrie hat sich jedoch nur auf einen Prozess konzentriert: den sogenannten Shikimisäureweg. Glyphosat blockiert dabei das Enzym EPSPS, das für die Herstellung aromatischer Aminosäuren unverzichtbar ist.  Aminosäuren sind die Bausteine für lebensnotwendige Eiweiße.

Glyphosat wurde eigentlich als Chelatbilder entwickelt, weil es Metalle wie Mangan, Magnesium, Eisen, Nickel, Zink und Calcium bindet. Diese Metalle spielen für die Funktionsfähigkeit zahlreicher Enzyme eine sehr wichtige Rolle (siehe dazu auch „Spurenelemente“ und „Mineralstoffe“) und die Enzyme selbst haben eine Schlüsselfunktion in der Steuerung fast aller biochemischen Prozesse. Stehen diese Metalle der Pflanze aber nicht mehr zur Verfügung, kommt es zu schweren Mangelerscheinungen, weil die Enzyme nicht mehr „arbeiten“ können.

Für Pflanzen und die Ökosysteme des Ackers wirkt Glyphosat verheerend: das Immunsystem der Pflanzen wird extrem geschwächt und gleichzeitig werden krankmachende Mikroben (Bakterien, Pilze, etc.) stärker, weil sich das mikrobielle Gleichgewicht zu ihren Gunsten verschiebt:

visible damage

Mehr als 40 Pflanzenkrankheiten werden mit Glyphosat in Verbindung gebracht (die lange Zeit sehr selten auftraten), vor allem Pilzkrankheiten:

Fusariuminfektionen haben um 500% zugenommen:

1 Fusarium growth

und ebenso SDS (sudden death syndrome – plötzliches Absterben)  bei Sojabohnen.   So sieht SDS aus der Nähe aus:

SDS 2

Bei längerer Anwendung von Glyphosat kommt es zu einer dramatischen Veränderung der Bioflora im Ackerboden: ganze Gruppen von Organismen verschwinden, andere vermehren sich explosionsartig.

Die phänomenale Wirkung von „Roundup“ als Unkrautvernichter beruht ja darauf, dass die Wildpflanzen durch die o.a. Effekte so krank werden, dass sie sterben. Nicht nur, weil die Aufnahme von lebensnotwendigen Mineralstoffen blockiert wird, sondern auch deshalb, weil sich noch dazu krankmachende Mikroorganismen im Ackerboden vermehren*. Das ökologische Gleichgewicht im Boden wird massiv gestört, die Pflanzen haben keine Abwehrkräfte mehr gegen diesen enormen Stress und gehen ein.

(*Dieser Effekt wurde dadurch nachgewiesen, dass mit Glyphosat behandelte Pflanzen die in steriler Erde angebaut wurden, nicht abgestorben sind (sie kümmern nur dahin – Bild unten: die Pflanze links; Mitte: Roundup in normaler Erde; rechts: ohne Roundup)

1 weak defense+ pathogen increase

2 WARUM KONNTE MONSANTO ROUNDUP ALS „HARMLOS“ VERKAUFEN?

Antwort 1: Weil der Shikimisäureweg bei Menschen und Tieren nicht vorkommt.

Das klingt auf den ersten Blick durchaus logisch, doch wenn man auch nur bescheidene Biologiekenntnisse vorweisen kann, sollte klar sein, dass diese Argumentation einer kritischen Überprüfung nicht ständhält. Warum?

Weil in unserem Körper Millionen von Bakterien wohnen, die – vor allem im Darm – natürlich auch von diesem Biozid getroffen werden! Die nützlichen Darmbakterien gehen ein, die krankmachenden vermehren sich dramatisch …(mehr dazu im nächsten Beitrag)

Antwort 2: Weil Glyphosat im Ackerboden durch die Chelatwirkung „immobilisiert“ wird. D.h. es ist nicht löslich, bleibt stabil und kann schwer abgebaut werden. Was Monsanto jedoch verschwiegen hat, ist die Tatsache, dass bei Düngung mit Phosphor das Herbizid „desorbiert“ wird, es also im Boden (auch nach Jahren) wieder aktiv ist!  Ebenso ignoriert wurde der Umstand, dass sich Glyphosat im Boden anreichert und niemand hat überprüft, wie sich das nach Jahren auf die Bodenlebewesen auswirkt.

Prof. Huber erklärt, dass die Interaktion von drei Faktoren entscheidend ist, für die Entstehung von Krankheiten:

  • Das biotische Umfeld (dazu gehören auch nützliche Organismen im Boden wie Knöllchenbakterien)
  • Das abiotische Umfeld (Nährstoffe, Feuchtigkeit, pH-Wert)
  • Abwehrsystem gegen schädliche Pathogene

interaction 3 factors

Monsanto, Bayer, Syngenta & Co. (und viele Wissenschaftler und Politiker!) behaupten seitJahren, dass die giftige Agrochemie sowie die transgenen Pflanzen (TGP) unverzichtbar seien, weil nur damit genug Lebensmittel für die ständig steigende Weltbevölkerung erzeugt werden können.

3 BESSERE  ERTRÄGE  DURCH  ROUNDUP (Glyphosat)

Das ist eine gewaltige Lüge.  Selbst wenn wir zunächst davon absehen, dass etwa DIE HÄLFTE der in den westlichen Industriestaaten produzierten  LEBENSMITTEL (viel davon schon in den Supermärkten) WEGGEWORFEN werden, und ein gigantischer Teil der Getreideproduktion nur für die irrwitzige Tiermast verwendet wird, ist die Behauptung unwahr, weil die Erträge der industriellen Landwirtschaftvor allem mit transgenen Pflanzen und /oder Glyphosat – sinken und nicht steigen.

Wie Professor Huber ausführt, hat Glyphosat auf alle vier o.a. Bereiche eine so große Störwirkung, dass geschätzte 50% der möglichen Ernteerträge verloren gehen. Es wird nicht nur im oberirdischen pflanzlichen Gewebe  angereichert, sondern vor allem auch in den Wurzeln, die es dann an den Boden abgeben, wodurch nützliche Mikroorganismen (Regenwürmer, Knöllchenbakerien, Micorrhizae,etc.) dezimiert bzw. getötet werden.

Diese Ausschaltung biologischer Kontrollsysteme hat eine Zunahme und erhöhte Virulenz der Krankheitserreger zur Folge, denen die geschwächte Pflanze hilflos gegenüber steht.

1 SDS soja2010 wurden in den USA große Verluste bei der Sojaernte durch SDS gemeldet. Beim Überfliegen der Felder sah man grüne Flecken (mit gesunden Pflanzen), die vollständig von abgestorbenen Pflanzen umgeben waren. Man wollte natürlich wissen, was denn der Unterschied  zwischen den gesunden und den kranken Feldern war und stellte fest: die gesunden Feldfrüchte waren keine transgenen Maissorten und sind ohne Glyphosatspritzung gewachsen.

Durch diese Krankheit allein wurden in den USA in einem Jahr 20 Millionen Tonna  Soja verloren.

sudden death syndrome RR soy fg 2010

In den letzten Jahren wurde auch die rasante Ausbreitung einer Pilzerkrankung (verursacht Wurzelfäule) festgestellt, die vor der Einführung von RR Mais und Soja & Roundup keine wirtschaftlichen Probleme verursacht hatte.

Wurzelfäule Corynespora

4 WAS HEISST DENN ROUNDUP-READY“ (RR)? 

Glyphosat (G) kann direkt auf die RR-Pflanze gesprüht werden, ohne dass sie abstirbt. Diese Sojabohnen oder Maispflanzen enthalten ein  bakterielles Gen für das EPSPS-Enzym, das NICHT durch Glyphosat blockiert wird – allerdings nur in reifem Gewebe.

RR heißt aber nicht, dass die Wirkung von Glyphosat auf die gesamte Pflanze neutralisiert wird: die Pflanze stirbt zwar nicht ab,  doch die Aufnahme / Verfügbarkeit von Nährstoffen wird auch in der RR-Pflanze reduziert. Dr. Huber beruft sich auf Studien an amerikanischen Universitäten, die zum Ergebnis kamen:

Alleine das Vorhandensein des fremden Gens hemmt die Fähigkeit der RR-Pflanzen, Mikronährstoffe effizient zu verwerten. Die Anwendung von (G) macht es noch schlimmer. Die Chelatwirkung ist nicht selektiv, sondern trifft alle wichtigen Metalle: Ca (Kalzium), Cu (Kupfer), Fe, Mg (Magnesium), Mn, (Mangan), Ni (Nickel) und Zink.

Das führt zu einer Ertragsminderung, Verschlechterung der Qualität und einem frühzeitigen Absterben der Pflanzen.

reduced mineral content

RR heißt also, dass die transgene Pflanze durch G zwar nicht getötet wird, aber das bedeutet nicht, dass sie physiologisch die gleiche Effizienz hat, wie normale Pflanzen. Sie ist quasi systemisch „behindert“ und kann deshalb lebenswichtige Nährstoffe nur mangelhaft verwerten – von der Schwächung des Immunsystems ganz zu schweigen.

Auf dem Bild unten sieht man zB eine Chlorose (verursacht durch Eisenmangel):

chlorose Fe def

5 Das Märchen von der „Substanziellen Äquivalenz“

Die GM-Pflanze ist NICHT substanziell äquivalent mit der konventionellen Pflanze

Diese Aussage von Dr. Huber müsste eigentlich große Sprengwirkung haben, weil die Behauptung der „Substanziellen Äquivalenz“ (SÄ) die Basis für die extrem laxen Zulassungsbedingungen in den USA (und später auch bei uns) bildete:

Das Konzept der SÄ ist nirgends exakt definiert, es ist ein nebuloser Begriff.  Gerade deshalb ist es für die Hersteller so praktisch, aber mit Wissenschaft hat das nichts zu tun.

(Ich wünschte nur, ein einziger Journalist würde sich damit einmal befassen und bei der nächsten „Debatte“ über Gentechnik diesen Punkt endlich mal zur Sprache bringen, stattdessen immer dasselbe absurde Theater des „ausgewogenen Journalismus“ … der keine Ahnung hat, worum es hier wirklich geht … aber „beide Seiten zu Wort kommen lässt …)

Normalerweise müssen neue chemische Verbindungen (z.B. in Medikamenten, als Zusatzstoffe für Nahrungsmittel, Pestizide, etc. – in der transgenen Pflanze entstehen neue  Eiweiße) auf ihre potenzielle Giftigkeit  getestet werden.  Diese toxikologischen Tests hätten aber Jahre gedauert und Millionen gekostet, also hat man andere Wege gesucht, um die GVOs schnell auf den Markt bringen zu können.

Die Biotech-Industrie wollte ein Verfahren, dass den Konsumenten vorgaukelt, ihre Produkte wären sicher, aber gleichzeitig die Zulassungshürden so niedrig wie möglich hält, damit das Geschäft nicht behindert wird.

Leider  ist  es  aber  wissenschaftlich  nicht  möglich,   toxikologische  Gefahren  und  mögliche gesundheitliche Schäden vorherzusagen, wenn man nur die chemische Zusammensetzung einer Pflanze kennt. Am Beispiel von Dr. Arpad Pusztai wurde klar, wie absurd dieses Konzept ist.

Negative biochemische und immunologische Effekte sind nicht durch Analyse der chemischen Zusammensetzung erkennbar,  das zeigten  Pusztai`s Untersuchungen, die gesetzlich nicht vorgeschrieben sind und deshalb auch nicht gemacht werden, bevor gentechnisch veränderte Lebensmittel in den Handel kommen.

Die Absurdität des Systems zeigt sich auch an folgender Tatsache:

Damit die transgenen Pflanzen PATENTIERBAR werden, müssen sie als „neu“, eingestuft werden, also verändert gegenüber der Ausgangspflanze, damit sie aber ohne strenge Sicherheitstest auskommen und als harmlos gelten , werden sie wiederum als praktisch „gleich“ mit der natürlichen Pflanze eingestuft.  Das ist absurd …

Das Prinzip der substanziellen Äquivalenz ist ein ein pseudo-wissenschaftliches Konzept, das echte wissenschaftliche Sicherheitskriterien verhindern soll. Die Forschungsergebnisse von Dr. Huber u.a. Wissenschaftlern zeigen klar, dass transgene Pflanzen NICHT GLEICHWERTIG mit normalen Pflanzen sind.

Sie enthalten weniger Nährstoffe, sind geschwächt und empfindlich für Krankheiten und produzieren fremde Eiweiße, die das Immunsystem von Tieren und Menschen völlig aus der Bahn werfen können. Durch die Behandlung mit Glyphosat (G) werden sie zur Giftbombe, weil es sich in allen Pflanzenteilen anreichert.  Die den Bauern aufgeschwatzte Praxis, die Pflanzen vor der Ernte mit (G) zu spritzen , macht die Sache noch schlimmer.

Sikkation MADNESS

6 BESSERE PFLANZEN DURCH GENTECHNIK ERSCHAFFEN

Alle Gentechniker und „Life Science“ Firmen verkünden seit Jahren mit dem Brustton der Überzeugung, dass sie „bessere Pflanzen“ erschaffen, die den natürlichen Sorten „überlegen“ seien und daher für die Zukunft höhere Erträge bei weniger Arbeitsaufwand bedeuten.

Diese gefährliche Illusion – man könnte auch  Lüge sagen –  muss endlich als solche erkannt, angeprangert und sanktioniert werden.

Gibt es ein größeres Verbrechen als Boden und Nahrungspflanzen krank zu machen (und letztlich auch Tiere und Menschen)?

failure_to_yieldDie Selbstherrlichkeit und Hybris dieser Leute, angetrieben von hunderten Millionen an Forschungsgeldern, die in die Biotechnologie gesteckt werden (und anderswo fehlen), gepaart mit den Machtansprüchen der Monsantos dieser Welt, ist unser Untergang, zerstört unsere Ökosysteme und unsere Gesundheit, wenn wir uns nicht massiv dagegen zur Wehr setzen.

Nicht nur, dass die Heilsversprechen (bessere, widerstandsfähigere Pflanzen, bessere Erträge) nicht eingehalten werden, die bittere Wahrheit ist, dass die transgenen Pflanzen SCHLECHTER sind als die natürlichen Pendants: sie brauchen mehr Wasser, sind weniger Stress resistent als die anderen Sorten, haben einen verminderten Nährstoffgehalt (man muss also mehr davon essen, um die gleiche Dosis zu erhalten!), sind immer öfter von Pilzen befallen und sterben immer häufiger massenweise ab.

Selbst wenn einem „die Umwelt“ egal ist, muss klar sein, dass die Bauern hier für dumm verkauft werden und sich langsam aber sicher in den eigenen Ruin „wirtschaften“.

6 DIE REALITÄT: KRANKE PFLANZEN – KRANKE BÖDEN

Damit nicht genug, werden nicht nur kranke Pflanzen gezüchtet, sondern auch kranke Böden, weil das Glyphosat im Boden angereichert (und auch von toten Unkräutern über deren Wurzeln freigesetzt) wird. Das bedeutet, es können auch zeitverzögert Schäden entstehen: wenn Ackerpflanzen auf ein Feld gesäht werden, in dem früher Glyphosat verwendet wurde, aber derzeit nicht mehr.

10 yr effect gly

Dr. Huber führt als Beispiele für die verminderte Effizienz der Pflanze an:

  • Eingeschränkte Photosynthese
  • verringerte Ligninbildung
  • abnehmender Aminosäurengehalt
  • doppelter Wasserverbrauch pro kg Trockenmasse, wenn Glyphosat eingesetzt wird.

Zum Vergleich – die Behauptungen der Gentech-Lobby:

„Gentechnik verbessert die Resistenz gegen Schädlinge, erhöht die Toleranz gegenüber Herbiziden und ermöglicht die Anwendung umweltfreundlicher, nachhaltiger Anbaumethoden. Sie hilft, die Welt zu ernähren durch:

  • Höhere Ernteerträge mit weniger Aufwand
  • Verringerter Einsatz von Agrochemikalien wodurch die Umweltbelastung abnimmt
  • Transgene Ackerpflanzen ermöglichen die Reduzierung des Pestizideinsatzes
  • Entwicklung von Pflanzen mit verbessertem Nährstoffgehalt, die Vitamin- und Mineralstoffmängel in der Ernährung bekämpfen
  • Produktion von Nahrungsmitteln ohne Allergene und Toxine (wie Mykotoxine)
  • Verbesserung des Ölgehaltes zur Stärkung des Herz-Kreislaufsystems

Wie wir anhand der Ausführungen von Dr. Huber (der sich auf wissenschaftliche Studien und praktische Erfahrungen beruft) gesehen haben, sind alle diese Aussagen nicht nur falsch, sondern das genaue Gegenteil ist der Fall:

Weniger Ertrag, mehr Einsatz von teurer Agrochemie, wodurch die Umwelt und die Gesundheit massiv belastet wird;  erheblich geringerer Nährstoffgehalt, der Mangelerscheinungen geradezu herausfordert! Hohes allergenes Potential, weil transgene Pflanzen fremde Eiweiße produzieren, die das Immunsystem in Aufruhr versetzen und erhöhte Gesundheitsgefahr durch verstärkten Befall mit Pilzkrankheiten.

Hier noch eine Übersicht der Pflanzenprobleme:

Symptome für Glyphosat- Schäden (abhängig von der Dosis and Dauer der Anwendung) nach Dr.Huber:

  • Schwächliche, verkümmerte Pflanze, langsames Wachstum
  • Chlorose (vergelben der Blätter zwischen den Blattadern oder komplett)
  • Blattflecken, manchmal mit nekrotischen Punkten
  • Verformung der Blätter (Einrollen, Falten, Bildung von„Mausohren“)
  • Abnormales  Stengelwachstum
  • Knospenabwurf
  • Verzögertes Nachwachsen nach Schnitt (z.B. Alfalfa, mehrjährige Pflanzen)
  • Niedrigere Ernten, niedrigerer Mineralstoffgehalt
  • Verstärkte Neigung zu Infektionskrankheiten (häufig)
  • Verstärkte Empfänglichkeit für Insektenfrass
  • Induktion abiotischer Krankheiten (Dürre- u. Kälteschäden, „Sonnenbrand“, etc.)
  • Aufbrechen der Rinde
  • Ineffiziente Stickstofffixierung und –aufnahme
  • Erhöhte Wurzelkolonisation mit pathogenen Mikroben
  • Erhöhte Durchlässigkeit der Membranen

EFSA-logo

Screw the EU ….again …

no evilDas soll ein „Fortschritt“ in der Landwirtschaft sein? Wie bescheuert ist das denn?  Und was haben eigentlich unsere Landwirtschafts- und Umweltminister im Kopf? Stroh?  

Wie die Tiere und Menschen unter dem „Genfutter“ leiden, und was das mit Angelina Jolie zu tun hat – schauen wir uns im nächsten Beitrag an …

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SHIT HAPPENS (3): Falsche Fährten?

Unfassbar: Obwohl bestätigt wurde, dass die Keime auf den spanischen Gurken nicht die Erreger der EHEC / HUS Infektion sind, geht die Gemüsehysterie weiter und es werden Tonnen von gesundem Gemüse nicht gegessen, sondern vernichtet. Die Dummheit kennt anscheinend keine Grenzen, denn was isst der in Spanien urlaubende Deutsche stattdessen?  Fast Food! (laut n-tv)

Es ist zwar bekannt, dass unhygienisch zubereitetes Rinderhack eine der Hauptquellen für Darminfektionen darstellt, doch man greift lieber zum – auch sonst ungesunden – Hamburger und entfernt dann auch noch die Tomate und das Salatblatt. Was soll man dazu noch sagen? How stupid can you get? 

Es muss noch einmal betont werden: das größte und gefährlichste Reservoir für diese EHEC Keime sind Wiederkäuer, vor allem Rinder (deren Verdauungssystem bzw. deren Ausscheidungen). Die Quelle ist also die (vor allem industrielle) Tierhaltung und hat nichts mit Gemüse- bzw. Bioanbau zu tun. Irgendwelche unsichtbaren Mikroben sind immer auf unserem Gemüse, doch durch gründliches Waschen werden diese entfernt (sonst müssten wir ja dauernd  Verdauungsstörungen haben).

Wie übertrieben und kurzsichtig es ist, sich nur auf Gemüse zu konzentrieren, zeigt auch folgende Geschichte:

In einer Wurstfabrik in Deutschland wurden im Rahmen einer Studie fast zwei Jahre lang die Arbeiter untersucht, um eventuelle Keimträger zu ermitteln. Zwei der Arbeiterdie überhaupt keine Symptome hatten – hatten wochenlang den gefährlichen EHEC-Erreger ausgeschieden, und niemand wäre (nur durch Befragungen, wie sie das Robert-Koch Institut jetzt durchführt) je darauf gekommen.

In diesem Zusammenhang scheint es auch wichtig, hervorzuheben, dass die Übertragung von Mensch zu Mensch weit häufiger vorkommt, als es die Medienberichte vermuten  ließen. Aus einer amerikanischen Studie stammt folgendes Diagramm:

Daraus ist zu ersehen, dass 38% der STEC Infektionen durch Übertragung von infizierten Personen zustande kamen, 15 % durch Fleischkonsum, gefolgt von Milchprodukten und belastetem Wasser, aber nur 6% durch Obst und Gemüse.

Da muss man fragen: Wie wird diese Übertragung in Deutschland verhindert? Noch dazu gibt es nicht wenig Menschen, die sich nach dem Besuch einer Toilette nicht die Hände waschen ….

Bakterienangst: Immer auf die Kleinen …

Bakterien sind um uns herum, leben auf und in uns und das ist auch ganz normal so. Es besteht kein Grund, deswegen hysterisch zu werden oder gar zu anti-bakteriellen Chemikalien zu greifen. Der Kauf dieser Produkte (anti-bakterieller Seifen und Waschlotionen, Produkte wie Danchlor, etc.) ist immer kontraproduktiv, d.h. wenn Sie solche aggressiven Chemikalien verwenden, steigt die Chance dramatisch an, dass die Bakterien in ihrem Haushalt (bzw. auf Ihrer Haut) mutieren und früher oder später resistent werden. Bakterien „ausrotten“ zu wollen, ist eine Illusion, je mehr man sie unter Druck setzt, desto stärker werden sie.

Gesunde Lebensweise (dazu gehört viel Obst und Gemüse!), ein starkes Immunsystem und ein gewisses Maß an Sauberkeit sind die beste Voraussetzung für eine problemlose Koexistenz mit den zahlreichen Mikroben, die uns umgeben.

Aber zurück zu den E.Coli bzw. EHEC Infektionen:

Während hier also – bewusst – die ganze Aufmerksamkeit auf Gemüse gelenkt wird, muss man sich die Frage stellen, will man hier eine falsche Fährte legen?

Im  RASFF Bericht der EU (2009), werden die festgestellten Gesundheitsrisiken in Lebensmitteln festgehalten und evaluiert. Unter der Rubrik „pathogene Mikroorganismen“ gibt es ein Balkendiagramm, das verdeutlichen soll, welche Keime am häufigsten gefunden wurden und in welchen Nahrungsmitteln: (Seite 27). E.Coli ist neben der Listeria der am häufigsten gefundene Keim (gelber Balken). Doch in welchen Nahrungsmitteln wurde er meistens gefunden?

In Meeresfrüchten, vor allem in Muscheln und Tintenfischen, etwa fünf Mal häufiger als in Fleisch, das an zweiter Stelle steht. Da frage ich mich, warum niemand diese Tatsache erwähnt, wenn in einer Stadt wie Hamburg, die natürlich auch ein Umschlagplatz für Fische und andere essbare Meerestiere ist, eine große Zahl von Menschen an diesen Keimen erkrankt.

Doch es gibt noch eine ganz andere mögliche Quelle für die „Evolution“ eines besonders gefährlichen Bakterienstammes, über die man gar nicht spricht, denn das würde einen Sturm der Entrüstung auslösen):

Die Biotechnologie-Firmen in Norddeutschland (mehrere in Hamburg und Bremen) oder ganz allgemein die Gentechnik-Labors, in denen Dinge passieren, die sich der normale Bürger nur schwer vorstellen kann.

So wird tunlichst nicht erwähnt, dass das E. Coli Bakterium seit vielen Jahren in diesen Labors als „Klonapparat“ und als „Modellorganismus“ für eine ganze Reihe anderer biotechnologischer Experimente benutzt wird.

Bakterien können sich in wenigen Stunden explosionsartig vermehren  und ihre „Kompetenz“ (man kann fremdes bzw. künstliches Genmaterial in sie einschleusen, das dann millionenfach geklont wird) als „Bio-Reaktor“ ist in der Biotech-Branche äußerst beliebt. E.Coli ist der Liebling aller Gentechniker, denn er lässt  – scheinbar – alles mit sich machen. Um zu verstehen, worum es hier geht, müssen wir uns etwas näher mit der Vermehrung von Bakterien und ihrem Genom beschäftigen:

Bakterien haben prokaryotische Zellen, in denen die Erbanlagen, (als freier, gekräuselter DNA Strang)  zu finden sind. Zusätzlich können sie aber auch so genannte Plasmide beherbergen, das ist ein Stück kreisrunder DNA, das sich unabhängig vom „Chromosom“ (es ist kein echtes, wie beim Menschen) vermehren kann und ohne Hülle auskommt (man nennt das „nackte“ DNA).  Das Fehlen des Hüllenproteins (das „O“ beim EHEC) macht es viel leichter, in andere Zellen einzudringen, deshalb werden Plasmide millionenfach in der Gentechnik zum Einschleusen bestimmter Genkonstrukte verwendet.

Mehr dazu im nächsten Beitrag   

P.S.

Seltsam: Laut ECDC hat Deutschland die ersten HUS Fälle schon am 25. April gemeldet (Bei einer Inkubationszeit von etwa 7-10 Tagen (für EHEC)  hat also die Infektion Mitte April stattgefunden)

Laut Robert-Koch Institut traten die ersten Fälle aber erst Anfang Mai auf. Wer erzählt hier die ganze Wahrheit? Wer hat den Überblick?

RKI: „Der früheste Erkrankungsbeginn mit Durchfall war am 2. Mai 2011.

„Vom 2. bis 8. Mai lag die Fallzahl zwischen 0 und 2 Fällen täglich. Am 9. Mai stieg die Fallzahl auf 6 Fälle an und erhöhte sich seitdem kontinuierlich weiter bis zu einem bisherigen Maximum von 34 Fällen am 19. Mai. Zwischen 13. und 22. Mai lag die tägliche Fallzahl bei mindestens 17 bis maximal 34 Fällen. Seit dem 23. Mai lag die HUS-Fallzahl bei weniger als 15 Fällen pro Tag, wobei sich die Fallzahlen aufgrund eines Melde- und Übermittlungsverzugs wahrscheinlich noch ändern werden.“

 ECDC  Reported HUS Cases / Deaths                          Update 1 06 2011

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

SHIT HAPPENS (2): Das Kommt Mir Spanisch Vor …

SPIN ALARM! (Mein angekündigter Beitrag zum Thema Gentechnik -Was hat die mit der Gefährlichkeit von Bakterien zu tun? – folgt  deshalb später)

Während die Gemüse-Panik also, wie erwartet, immer mehr um sich greift, betätigt sich die Presse, wie immer, als Wiederkäuer der  monoklonalen Agenturmeldungen, deshalb schreiben auch alle, mit kleinen Variationen, das gleiche.

Ein bisschen Panikmache fördert die Auflage, das ist ja normal, aber es wird gefährlich – im demokratischen Sinn – wenn die Medien eine Stimmung erzeugen, die auf Schüren von Emotionen und nicht auf Fakten beruht. Niemand von uns möchte gerne an einer blutigen Durchfallerkrankung leiden oder gar an Nierenversagen sterben, doch Vorsicht und Hygiene ist eine Sache, Verdummung und Irreführung eine andere. Was ist damit gemeint?

Wenn  man sich die Presseberichte ansieht, fällt bereits auf, dass sich niemand die Mühe macht, einmal die Quellen der Information näher zu untersuchen bzw. die Übereinstimmung ihrer Aussagen zu überprüfen (wir kennen das ja aus den zahllosen Krimisendungen im Fernsehen …). Das ist aber sehr aufschlussreich und hilft, zu erkennen, was wahr und was Stimmungsmache bzw. Propaganda ist.

1-„BIO-BASHING“  STATT ECHTER AUFKLÄRUNG

Der ORF (österreichische Rundfunk)  meldete heute folgendes:

 „Nun ist wegen des EHEC-Keims, der eine Durchfallepidemie insbesondere in Deutschland auslöste, auch in Österreich eine Rückrufaktion gestartet worden […]

Das Gesundheitsministerium  fordert nun die Konsumenten auf, aus diesen Geschäften bezogene spanische Gurken, Paradeiser und Melanzani auf keinen Fall zu verzehren, sondern zu vernichten. …“

Sucht man die Quelle dieser Meldung im Internet, findet man folgendes:

Die AGES [privatwirtschaftlich orientierte Agentur mit Verbindung zu öffentlichen Stellen; getarnt als „Public Private Partnership“ ] gibt im Auftrag des  Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) bekannt, dass geringe Mengen von spanischen Gurken, die im Verdacht stehen, mit EHEC-Keimen belastet zu sein können, über deutsche Großhändler auch nach Österreich gelangt sind.

Wie über das Europäische Schnellwarnsystem RASFF am 28.05.2011 um 21.30 Uhr gemeldet wurde,  wurden spanische Bio-Schlangengurken des Erzeugers Frunet S.L. von den Firmen Dennree GmbH und Ökoring Handels GmbH, Deutschland, an Einzelhändler in Österreich geliefert.“

Auf der Website des österreichischen Gesundheitsministeriums findet man jedoch bei genauerem Hinsehen Informationen, die weniger geeignet sind, wieder einmal auf „Bio“ hinzuhauen und vom eigentlichen Problem (der industriellen Landwirtschaft) abzulenken:

EHEC in spanischen Gurken nachgewiesen

„Am 26.5. teilten die deutschen Behörden über das RASFF-System mit, dass bei zwei Gurken aus Spanien von zwei verschiedenen Erzeugerfirmen (ein Bioprodukt, ein herkömmliches) EHEC-Bakterien festgestellt wurden. In dieser Meldung war keine Lieferung nach Österreich angegeben. Noch ist nicht eindeutig klar, ob es sich um denselben Keim handelt, der bei Erkrankten auftritt.

Auch wurde über RASFF mitgeteilt, dass bei einer Gurke eines holländischen Vertreibers EHEC-Bakterien festgestellt wurden. Die Herkunft des Produktes ist derzeit noch unklar. Die holländischen Lebensmittelbehörden ermitteln.

Am späten Abend des 28.5. wurde über das RASFF-Schnellwarnsystem gemeldet, dass geringe Mengen der spanischen Biogurken, bei denen EHEC-Keime nachgewiesen wurden, über zwei deutsche Großhändler auch nach Österreich gelangt sind. …Beide Großhändler haben gleich nach Bekanntwerden des positiven Ergebnisses einen Lieferstopp und Rückruf durchgeführt. Der Rückruf betrifft auch Tomaten und Melanzani, sodass insgesamt 33 Betriebe in Österreich betroffen sind..  Die Produkte sollen keinesfalls verzehrt werden. „

Das klingt ziemlich dramatisch. Doch etwas weiter unten steht dann:

Diese Information erfolgt vorsorglich und besagt weder, dass die in Österreich vertriebenen Gurken tatsächlich mit EHEC-Keimen belastet sind noch dass diese Gurken die Ursache für die Erkrankungswelle in Deutschland sind.“

Was in der „RASFF“ Notifikation  wirklich stand, können sie hier lesen:(nur eine einzige Bio-Probe wurde gezogen, die zweite konventionelle – verschwand die und was ist mit der Ware aus Holland?)

2- DIE GRÖSSERE (?) GEFAHR: EHC

Die „EHC“ ist meine Abkürzung für „Europäische Heuchler Commission, die normalerweise mit „EUC“ abgekürzt wird (ohne Heuchler natürlich). Wenn ich Herrn Barroso nur sehe, kommt mehr Übelkeit auf, als  ein Bakterium je auslösen kann .. . Aber Schluss mit der Polemik und zurück zu den Fakten:

Auch die EU-Kommission (unsere obersten, ungewählten Herrscher) hat natürlich ihren Senf zum EHEC Drama dazugegeben und eine Pressemeldung lanciert, darin heißt es erstaunlicherweise:

Die deutschen Behörden haben … die Kommission darüber informiert, dass sie Gurken aus biologischer Landwirtschaft (original: organic cucumbers) aus zwei spanischen Provinzen … als eine der (Infektions-)Quellen identifiziert haben. Es sind weitere Untersuchungen im Gange, um andere potentielle Quellen zu ermitteln, während eine dritte Charge von Gurken, die aus den Niederlanden kommt, auch untersucht wird.“

Wenn wir diese Meldung mit der oben angeführten des österreichischen BMG vergleichen, fällt auf, dass die „konventionelle“ oder „herkömmliche“ Gurke jetzt verschwunden ist  und nur mehr die „Biogurke“ am Pranger steht. Das ist doch äußerst interessant, oder?

Und mittlerweile kümmert sich auch niemand mehr um die Gurken aus Holland, während Spanien als „Bösewicht“ gebrandmarkt wird und die spanischen Gemüsebauern vor dem Ruin stehen. Ist das alles Zufall oder Inkompetenz?

Wer immer diese Pressemeldung lanciert hat, ist jedenfalls nicht besonders intelligent, oder sehr nachlässig, denn es geht so weiter:

The E. Coli outbreak is responsible for two deaths in Germany, while a total number of 214 cases have been recorded therealmost seven out of 10 (68%) concern women. …..

Die 214 Fälle, die hier zitiert werden, ist aber nicht die Zahl der EHEC-Infektionen, (die natürlich bei mehreren hundert, inzwischen bei tausend liegt) sondern die Zahl der HUS-Fälle (inzwischen 276), also jener schweren Komplikation, die in Deutschland viel häufiger aufgetreten ist, als sonst üblich. Das Robert-Koch Institut dazu:

„Das hämolytisch-urämische Syndrom (kurz: HUS) ist eine schwere, manchmal todliche Komplikation, die u. a. bei bakteriellen Darminfektionen mit enterohamorrhagischen Escherichia coli (EHEC) auftreten kann. Das Vollbild des HUS ist charakterisiert durch akutes Nierenversagen, hamolytische Anamie (Blutarmut) und Thrombozytopenie (Mangel an Blutblattchen). Typischerweise gehen dem enteropathischen HUS blutige Durchfälle voraus. Pro Jahr werden dem RKI durchschnittlich etwa 1.000 symptomatische EHEC-Infektionen und etwa 60 HUS-Falle, zum größten Teil Kinder betreffend, übermittelt.

Ein Grund, warum diese Erreger so gefährlich sind, ist auch, dass diese sehr und mehrfach-resistent gegen Antibiotika (AB) sind; eine Behandlung mit Antibiotika würde die Ausschüttung der Toxine (Giftstoffe) sogar noch verstärken!

Hier eine beeindruckende Liste von AB, die der aktuelle Erreger O 104:H4 problemlos ausschaltet:

Ampicillin, Amoxicillin/Clavulansäure, Piperacillin/Sulbactam, Piperacillin/Tazobactam, Cefuroxim, Cefuroxim-Axetil, Cefoxitin, Cefotaxim, Cetfazidim, Cefpodoxim, Imipenem, Meropenem, Amikacin, Getamicin, Kanamycin, Tobramycin, Streptomycin, Nalidixinsäure, Ciprofloxacin, Norfloxacin, Tetracyclin, Nitrofurantoin, Trimethoprim/Sulfamethoxazol, Chloramphenicol, Trimethoprim/Sulfamethoxazol-Kombination, Tetracyclin

Ob die Pharmaindustrie wirklich weiß, mit wem sie es hier zu tun hat? Wenn es ein Lebewesen gibt, für das der Satz „Was uns nicht umbringt, macht uns nur härter“ gilt, dann sind es (E.Coli) Bakterien, die der Mensch gewaltig unterschätzt und als „Klonmaschine“ für künstliche Genkonstrukte verwendet (mehr dazu folgt)

Der Bakterienstamm ist also wirklich ein formidabler „Gegner“, umso wichtiger ist es festzustellen, woher er wirklich kommt (wieso sich die gefährlichen  E.Coli Bakterien im Darm der Rinder so vermehren, habe ich ja in meinem ersten Beitrag erläutert…), anstatt Tonnen von Gemüse zu vernichten, während andere Menschen hungern.

FAKTEN ÖSTERREICH

  • ·   Bei keiner einzigen Gemüsesorte aus Spanien  wurde in Österreich  das EHEC Bakterium nachgewiesen. Alle bisher gezogenen Proben von Lebensmitteln waren nicht zu beanstanden. 2010 wurden Erreger nur in Rohwürsten gefunden.
  • ·   Bei keinem einzigen Bioprodukt wurde EHEC nachgewiesen.
  • ·   Es gibt keine Erkrankungsfälle in Österreich (2 Fälle von deutschen Radtouristen, die sich in Österreich aufhalten, aber vor kurzem in Norddeutschland waren; sie sind beide schon wieder aus dem Krankenhaus entlassen worden).
  • ·   Der in Deutschland als (ein) Auslöser identifizierte Bakterienstamm (STEC O104:H4) wurde in Österreich heuer weder bei Menschen noch bei Tieren oder Lebensmitteln nachgewiesen.

 

 

 

 

FAKTEN ALLGEMEIN

1- Es gibt keinen einzigen Beweis dafür, dass die Quelle der Kontamination in Spanien liegt.

Die Firma Frunet liefert hunderte Tonnen von Gemüse nach Deutschland und Skandinavien, nur ein kleiner Teil davon wird in Hamburg bzw. Schleswig-Holstein konsumiert. Der Bio-Anteil ist vergleichsweise winzig. Wieso werden nur Leute aus Norddeutschland krank bzw. Leute, die kürzlich dort waren?

„… Auch im Ausland verbreitet sich der Erreger. Schweden hatte 25 nachgewiesene Ehec-Erkrankungen, Dänemark sieben, Großbritannien drei, Österreich zwei und die Niederlande eine.“ (Quelle: Stern)

Gefährlicher Keim breitet sich in Europa aus

Meldungen, wie diese sind falsch und sehr irreführend. Die FAZ relativiert zwar im Artikel u.a.:

SCHWEDEN: Zum Wochenauftakt war eine Reisegruppe von zwölf Golfspielern nach der Rückkehr aus Norddeutschland an den typischen Symptomen erkrankt.“

Doch die Schlagzeile suggeriert, hier bahne sich eine Epidemie an und ist somit auch eine Form von Panikmache. Die Europäische Behörde für Seuchenkontrolle ECDC  klärt auf:

„Other Member States have also reported HUS cases: UK (2), Denmark (3) and Netherlands (1). One of the UK cases has been confirmed as STEC O104. Both of the UK cases are German nationals. The Danish HUS cases have yielded isolation of STEC strain, which is eae-negative and Stx1/Stx2-positive. One of the Danish cases is a German national, and both cases have travelled to Germany. The Dutch case had been visiting Hamburg on 15 May, three days before the onset of illness.”

Alle Erkrankten im Ausland waren kürzlich in Norddeutschland, einige davon sind Deutsche (Menschen können sich natürlich auch untereinander anstecken, wenn es an Hygiene mangelt).

Das ECDC hat weiters diese  Informationen veröffentlicht:

„Der STEC Ausbruch, der aus Deutschland berichtet wird, ist deshalb auffällig, weil binnen kurzer Zeit so viele  schwere Fälle gemeldet wurden: 276 HUS Patienten und zwei Tote in nur wenigen Wochen. Eine große Mehrheit der Fälle sind erwachsene Frauen. Das bedeutet, dass mehrere hundert schwere Erkrankungen noch zu erwarten sind.

Weitere 15 HUS-Fälle sind außerhalb Deutschlands aufgetreten. Alle sind mit Reisen nach Norddeutschland verbunden. Das wahre Ausmaß dieses Ausbruchs an Darminfektionen wird sich in den nächsten Wochen zeigen, wenn die Falldefinitionen harmonisiert wurden und die Dokumentationsprobleme gelöst wurden.“

2 -Es gibt keinen einzigen Beweis dafür, dass Biogurken (oder andere Biogemüse durch den Anbau an sich) für Infektionen in Deutschland verantwortlich sind.

Zwei Gurken zu untersuchen, und daraus eine Gefahr für alle Gurken (oder gar Gemüse) aus Spanien zu machen, ist absurd und wissenschaftlich unhaltbar. So schreibt auch das Robert-Koch-Institut in einer Aussendung:

… ist nicht auszuschließen, dass auch … andere Lebensmittel als mögliche Infektionsquelle in Frage kommen. Die Studie war darüber hinaus auf Hamburg begrenzt, sodass die Ergebnisse nicht mit Sicherheit auf das Gesamtgeschehen übertragen werden können. Fragen nach den Bezugsquellen der Lebensmittel ergaben bislang ein uneinheitliches Bild.“

Auch das ECDC weist darauf hin, dass weder Zeitpunkt noch Ort der Kontamination mit den gefährlichen Bakterien  geklärt wurden und dass es zweifelhaft sei, dass die Ergebnisse der kleinen Probe aus Hamburg auf ganz Deutschland übertragen werden können. Die definitive Quelle der Infektion muss erst noch gefunden und bewiesen werden.

…Samples of fresh cucumbers taken in Hamburg tested positive for STEC, however, the exact time and place of contamination remains unclear.

It is unclear whether the results from Hamburg can be extrapolated to the whole of Germany. Furthermore, it cannot be excluded that an alternative food item is the vehicle of infection. The definite source of the infection remains to be confirmed.

Die Schlussfolgerung der ECDC lautet:

Der Ausbruch von STEC / HUS Erkrankungen ist (für diesen Kurzen Zeitraum) bedenklich hoch, mit einer untypischen Verteilung nach Alter und Geschlecht, doch es gibt bis dato keine Beweise dafür, dass irgendein potentiell kontaminiertes Nahrungsmittel außerhalb Deutschlands vertrieben wurde (was sehr interessant  ist ..) und dass der  Wirkungsbereich des Erregers  auf Deutschland beschränkt sei.

Gründliche Untersuchungen seien im Gange um die Quelle der Infektion zu finden und um die Dimension des Risikos richtig beurteilen zu können.

Quelle: Outbreak of Shiga-Toxin Producing E-Coli (STEC) in Germany

Es besteht also überhaupt kein Grund, sämtliches Gemüse aus Spanien unter Generalverdacht zu stellen, oder kein rohes Gemüse mehr zu essen (gründliches Waschen ist ja wohl üblich), schon gar nicht Biogemüse zu meiden.  Einfach deshalb, weil diese auch sehr viele gesundheitsfördernde Inhaltsstoffe enthalten, die unser Immunsystem stärken und wenn sie – mit der und nicht gegen die Natur – angebaut wurden, umso besser. (Vergessen wir nicht, bevor die chemische Industrie ihre ehemaligen Kriegschemikalien in die Landwirtschaft umgelenkt hat, war alles „Bio“ – siehe dazu auch die wunderbare  Vandana Shiva )

(Übrigens, ich esse nur Biogemüse (täglich Salat, Gurken, Tomaten- auch heute) und es geht mir und meiner Familie prima)

Die Quelle des Problems ist die industrielle Tierhaltung (siehe dazu Teil 1 von SHIT HAPPENS), der globale undurchsichtige Handel mit Lebensmitteln über tausende Kilometer; brutale Preiskonkurrenz, die zu Qualitätsverlust und höherem Risiko führt (für Gesundheit und Umwelt) und eine irrsinniges Wirtschaftsdogma, das „Wachstum und Wettbewerb“ zum quasi-religiösen Status erhoben hat, dem sich alles unterordnen muss (Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Mitgefühl, Tiere als gleichwertige Lebewesen zu betrachten, etc.)

Zum Abschluss noch eine schöne Animation, in der gezeigt wird, wie es die Bakterien schaffen, in die Zellen der Darmschleimhaut einzudringen (die ja- wie alle Zellen, eigentlich „zu“ sind, und nur durch Freisetzung bestimmter Proteine ein Andocken bzw. Eindringen fremder Organismen zulassen)

 

(Die Untertitel sind in Englisch und für Menschen, die sich gar nicht mit Molekularbiologie befasst haben, schwer  zu verstehen, aber trotzdem interessante Bilder…)

Leichter verständlich, ein Video aus Österreich, dass über die Risiken und Gefahrenquellen  aufklärt:

VIDEO über Ansteckung und Vermeidung (AGES)

 

 

 

 

SHIT HAPPENS (oder „Die Killergurken“)

E.Coli Bakterien

 das ist die Schlagzeile, die man als Zusammenfassung der Pressemeldungen über die gefährlichen „EHEC-Bakterien“ in seinem Gedächtnis abspeichern könnte. Angst und Unsicherheit führen zu gewaltigen Umsatzeinbrüchen bei den betroffenen Nahrungsmitteln (Gurken, Salat, etc.) – so titelt der Stern etwa:

Bauern shreddern ihr Gemüse

Die Medien berichten, dass der EHEC Erreger auf spanischen Gurken nachgewiesen wurde (auf 3 von 4 Gurken – woher kam die vierte?), doch das sagt nichts über die tatsächliche Quelle der Verseuchung aus.

Während also die „Gemüsepanik“ um sich greift, wird die eigentliche Ursache des Problems so gut wie gar nicht erwähnt. Das ist ja auch kein Zufall, denn die „moderne Landwirtschaft“ steht nicht gerne am Pranger und die Politiker, die sie vorantreiben, schon gar nicht. Schauen wir uns also die Sache in einem größeren Kontext an, um herauszufinden, wo die Wurzel des Übels wirklich liegt:

1 -Was sind E.Coli (bzw. EHEC) Bakterien und woher kommen sie?

E. Coli (Escherichia coli) sind eine große Gruppe von Bakterien, die im Darm von Säugetieren und Menschen vorkommen. Sie sind im Allgemeinen nicht gefährlich, sondern ein nützlicher Bestandteil der natürlichen Darmflora, deren „Gesundheit“ vor allem von unserer Ernährung, aber auch von anderen Lebensgewohnheiten beeinflusst wird (seelischer Stress, Bewegung, Rauchen, andere Umweltgifte, etc.) Entscheidend ist, dass die Darmflora „im Gleichgewicht“ ist, also nicht ein Mikrobenstamm quasi die „Überhand“ gewinnt, während andere dezimiert bzw. unbeabsichtigte genetische Mutationen ausgelöst werden (was z.B. durch leichtfertige und häufige Einnahme von Antibiotika passieren kann – mehr dazu später).

Es gibt neben den harmlosen Varianten auch gefährliche Stämme von E. Coli,  die man als pathogen, also krankmachend bezeichnet. Meistens werden sie in Verbindung gebracht mit Durchfallerkrankungen, aber es gibt auch Arten, die Infektionen der Harnröhre oder der Atemwege (bis zur Lungenentzündung) auslösen können.

Shiga Toxin Molekül

Sehr gefährlich sind die so genannten STEC- Infektionen:  Das „ST“ steht für Shiga- (ähnliches) Toxin, ein sehr gefährlicher Giftstoff, der eigentlich von einer anderen Bakterienart stammt: Shigella dysenteriae. Vermutlich wurde die Fähigkeit, diesen Giftstoff zu produzieren, durch horizontalen Gentransfer zwischen den beiden Bakterienarten vermittelt. (Was das ist, wird im nächsten Teil erklärt).

Manchmal werden sie auch VTEC oder  – wie jetzt in Deutschland – EHEC genannt, das steht für enterohaemorrhagische E.Coli: das bedeutet, es schädigt die Darmschleimhaut, und löst gefährliche Blutungen aus; Enteritis = Darmentzündung)

Die  gefährlichste Unterart (in den USA und später auch weltweit), auch Serotyp genannt,  ist O157: H7. Aandere Serotypen, die  Krankheiten auslösen sind z.B. 026, 0111 und 0104, das in Deutschland bei vier Patienten nachgewiesen wurde.

Darm eines infizierten Hundes

2 – Wie kommt ein „Darmbakterium“ auf Gemüse?

Das ist wohl eine zentrale Frage in diesem  Puzzlespiel und die Aussagen dazu sind eindeutig: die Hauptquelle für Infektionen mit pathogenen E.Coli Stämmen ist das Rind im Kontext der industriellen Landwirtschaft, deshalb heißt diese Krankheit auch in den USA  scherzhaft  „Hamburger Disease“.

In den USA trat 1982 erstmals eine Infektion mit „STEC“ Bakterien auf. Die „Prävalenz“, also die Häufigkeit der Erkrankungen nahm seither ständig zu: Heute werden pro Jahr 110.000 Fälle in den USA registriert, Tendenz (weltweit) steigend, 30 Länder haben seither Infektionen gemeldet.  In Großbritannien sind es 40.000 jährlich. Die Inkubationszeit dauert nur wenige Tage und es ist nur eine sehr geringe Menge an Bakterienmaterial erforderlich (10 sollen schon genügen). Die größte direkte Infektionsquelle ist der Rindermist, also die Ausscheidungen der Tiere, aber auch unpasteurisierte Milchprodukte, rohes Fleisch, kontaminiertes Wasser (getrunken, zur Bewässerung von Feldern oder zum Schwimmen genutzt) und schlechte Hygiene (WC Besuch ohne Hände waschen!). Die Bakterien sind aber auch leicht durch „Schmierinfektion“, also von Mensch zu Mensch übertragbar. Schweine und Vögel können die Verbreitung fördern, ohne selbst betroffen zu sein.

Man könnte denken, Rinder (und andere Wiederkäuer) seien ein „natürliches“ Reservoir für diese Krankheitserreger …Ist das wirklich so simple?

3- Wieso nimmt die Ausbreitung von EHEC  zu (und ihre Gefährlichkeit für Menschen)?

Das CDC erwähnt auf seiner Homepage [unter der Rubrik Incidence] en passant, dass EHEC Infektionen in den Entwicklungsländern eher selten sind – was können wir daraus schließen? Einen Zusammenhang zwischen Massentierhaltung, industrieller Landwirtschaft und dem vermehrten Auftreten neuer Infektionskrankheiten als Folge der „modernen Methoden“ in der Tierhaltung? Präventiver Einsatz von Antibiotika in der Tiermast? Grauenvolle Zustände, in denen Tiere wie Produktionsmaschinen behandelt werden, die nie die Sonne sehen, sich frei bewegen können oder ihre sozialen Bedürfnisse ausleben dürfen?

Hier tun sich Abgründe auf, die wir gerne verdrängen – besonders die Einkäufer von „Billigfleisch“, aber auch Politiker ,Wirtschafts-Gurus und Journalisten tun so, als ob dieser Wahnsinn nicht nur normal, sondern ein Zeichen des Fortschritts in der Landwirtschaft wären, eine Steigerung von „Effizienz“ und “Produktivität“.  Demgegenüber steht der gern belächelte Öko-Romantiker, der Kühe auf grünen Wiesen sehen möchte und Schweine, die sich im Dreck wälzen dürfen und dafür auch noch gerne mehr bezahlt.

Und dann kommen die „Experten“, die uns weismachen, es gäbe keinen Beweis dafür, dass „Bio“ und „Öko“ gesünder wäre als  „konventionell“ und außerdem könne sich ja nicht jeder die höheren Preise leisten, die moderne Landwirtschaft sei einfach kosteneffektiver, oder?

Spätestens jetzt ist es notwendig, einmal der Wahrheit die Ehre zu geben, um den Irrsinn der industriellen Agrarproduktion endlich bloßzustellen:

Es gibt eine klare Korrelation zwischen der „Besatzdichte“ (Konzentration der Tiere auf engem Raum) und dem HU-Syndrom bei Kindern (Studie in Frankreich, Zeitraum: 1996-2001). Die „intensive Tierhaltung“ begünstigt also die Vermehrung und die Verbreitung dieser gefährlichen Mikroben,  besonders in den „CAFOS“, das sind riesige Mastbetriebe, mit mehr als tausend Tieren (manchmal sogar 10.000 …). Die Unmengen an Gülle und Mist sind nicht nur ekelhaft, sondern auch schwer zu „entsorgen“, deshalb werden sie oft illegal ausgetragen und kontaminieren so Boden und Wasserquellen. 2006 kam es in den USA zu schweren Erkrankungen, weil das Bewässerungssystem für Spinatfelder in Kalifornien mit dem EHEC „Abwasser“ eines angrenzenden Mastbetriebes verseucht war.  In Kanada wurde die Wasserquelle einer ganzen Stadt durch Überlaufen einer riesigen  „Gülle-Lagune“ mit gefährlichen Keimen infiziert ….

4 – Warum ist es  ziemlich bekloppt, „Kraftfutter“  an Wiederkäuer zu verfüttern?

Bereits im Jahr 2000 wurden Studien  veröffentlicht, die einen klaren Zusammenhang zwischen der dominanten Getreidefütterung und der dramatischen Vermehrung von pathogenen e.coli Bakterien im Dickdarm der Rinder aufzeigten. Konsequenzen? Keine. Einige Jahre später machte man erneut eine erstaunliche wissenschaftliche Beobachtung:

Als man das Futter für Rinder von Getreidepellets (90% Mais und Soja) auf Grünfutter umstellte, verringerte sich nach nur fünf Tagen die Zahl der E.Coli Bakterien im Dickdarm um das 1000-fache. Dazu wurde noch festgestellt, dass die Fähigkeit dieser Stämme, einen “Säureangriff“ zu überleben, durch das Grünfutter entscheidend abnahm bzw. die Population der säureresistenten Stämme um das 100.000-fache kleiner wurde. (Außerdem enthält Grünfutter Tannine und andere Polyphenole, die hemmend auf das Bakterienwachstum wirken, und das Immunsystem der Tiere auf natürliche Weise stärken.)

Wieso ist das wichtig?  Weil unser Immunsystem ja einen wichtigen Helfer hat: die Magensäure, die vielen unerwünschten Eindringlingen den Garaus macht, also auch Bakterien ins Jenseits befördert. Warum können dann die EHEC Stämme den Magen passieren? Weil sie quasi durch einen permanenten Säureangriff so  (genetisch) trainiert wurden, dass ihnen die Magensäure nichts mehr anhaben kann. Was hat das mit Getreidefutter  zu tun?

Das Verdauungssystem von Wiederkäuern ist für faserreiches GRÜNFUTTER ausgelegt und nicht für Getreide  wie Mais oder Soja (das noch dazu tausende km transportiert wird und 10-mal soviel Menschen wie Tiere ernähren könnte, wenn die pflanzlichen Kalorien direkt aufgenommen würden). Nach Aufnahme großer Mengen leicht verdaulicher (fermentierbarer) Kohlenhydrate, werden bei deren Abbau große Mengen organischer Säuren gebildet (im Pansen)  und in der Folge verändert sich das bakterielle bzw. mikrobielle Gleichgewicht. Die Stärke kann im Pansen nicht vollständig abgebaut werden und so wird sie im Dickdarm vergoren, wobei Zucker entsteht, der wiederum ein hervorragender Nährboden für die gefährlichen E.coli Stämme ist.

Der Fachmann spricht von SARA: subakuter ruminaler Azidose, die durch einen hohen Kohlenhydratanteil im Tierfutter erzeugt wird. Die Folge ist die explosionsartige Vermehrung von EC Keimen mit „Virulenzgenen“, die die Entstehung von Entzündungen (Immunreaktion) begünstigen, u.a. auch  des Euters, also der Mastitis bei Milchkühen. Dann kommen noch mehr Antibiotika, die die Widerstandskraft der Bakterien noch mehr herausfordern  (Hypermutationen erzeugen Resistenz), der Teufelskreis geht weiter – bloß nicht das Denkgebäude einstürzen lassen, das den ganzen Irrsinn hervorgebracht hat.

Uns fragt ja keiner ...

So macht man also aus symbiotischen Organismen in Rindern durch „moderne Fütterungsstrategien“ und „effiziente Haltung“  ein immer größeres Reservoir für mutierende und zunehmend resistente Infektionserreger, die Menschen und Tiere gefährden,  aber in der ökonomischen und intellektuellen Bilanz der „modernen Landwirtschaft“ nicht auftauchen (dazu gehören natürlich auch: BSE, Geflügelpest („Vogelgrippe“ und SARS), etc.

Die Bakterienlast (Krankheitserreger) könnte also erheblich reduziert werden, wenn die Tiere artgerecht gehalten werden: auf der Weide, mit Licht und Bewegung, hauptsächlich Grünfutter statt Getreide (das noch dazu große ökologische Probleme verursacht, weil transgener Mais  bzw. Soja durch unlautere Methoden immer mehr verbreitet wird). Gesündere Tiere, weniger Kosten für die Bauern, gesündere Lebensmittel, weniger Umweltbelastung, weniger klimaschädliche Emissionen, etc.. Doch was passiert?

Die mächtige, von wenigen Konzernen beherrschte Futtermittelindustrie bzw. die  „geistigen Eigentümer“ der patentierten Getreidesorten wehren sich mit allen Mitteln gegen eine Änderung des etablierten Systems. Schließlich verdient man sich dumm und dämlich damit.

Und außerdem ist eine Vernunft basierte Lösung nicht erwünscht. Es muss der „Markt“ das letzte Wort haben, soll heißen: ein selbst geschaffenes, systematisches Problem wird nicht an der Wurzel gelöst, sondern als neue „Marktchance“ gesehen: die Tiere werden also weiterhin konsequent durch falsche Ernährung und stressvolle Haltung chronisch übersäuert, wodurch viele Krankheiten entstehen. Doch anstatt diese zu verhindern, will man damit auch noch verdienen.

So werden z.B. Patente für Medikamente angemeldet, die die Azidose bekämpfen sollen: z.B. Amylasehemmer, an denen dann wiederum die großen Pharmakonzerne verdienen.

Ein Satz aus der Patenanmeldung zeigt, wie diese Leute denken:

„Es wird geschätzt, dass Pansen-Azidose und dazu in Beziehung stehende Probleme die Tierindustrie aufgrund verlorener Leistung mehr als 1 Milliarde Dollar pro Jahr kosten.“

Beachten Sie das Wort „Tierindustrie“ und die Sorge um „verlorene Leistung“ (man könnte also noch mehr Profit aus den Hochleistungsrindern herausholen …)

Damit kommen wir zu einem sehr wichtigen Aspekt dieses Problemkreises: Antibiotika &  Biotechnologie, der im nächsten Beitrag behandelt wird:

5 – Was hat die Gentechnik mit den (EC) Infektionen zu tun?

Für mehr Hintergrundinformation und Kontext zu den Auswirkungen der „modernen“ Landwirtschaft bitte auch meine früheren Beiträge (tag: „Landwirtschaft“) ansehen …

 

DER GANZ NORMALE WAHNSINN

In den Medien wird immer noch sehr irreführend berichtet, denn es dominiert der Eindruck, nur die vom aktuellen „Skandal“ betroffenen Tiere bzw. Eier und andere tierische Produkte seien  „dioxinverseucht“, also gesundheitsschädlich, alle anderen tierischen Produkte aus der Massentierhaltung aber harmlos (frei von Dioxinen / PCB (und anderen Schadstoffen, die hier aber nicht weiter erörtert werden).

Das ist eben nicht der Fall: die Alarmglocken haben diesmal nur geläutet, weil die Grenzwerte für „Dioxine“ erheblich überschritten wurden und auch das wird nur durch „Stichproben“ überprüft. (siehe dazu meinen vorhergehenden Beitrag)

Meistens werden die Behörden nur dann aktiv, wenn die Tiere Krankheitssymptome zeigen (die Untersuchungen zum Nachweis für Dioxin sind sehr teuer). Die ganze Medienmeute kümmert sich außerdem nur um die Gesundheit der Menschen, aber die Tiere werden ja durch Dioxine (und DL-PCB) auch chronisch vergiftet (Ihr „Glück“ besteht nur darin, dass sie früher sterben als wir und sich deshalb nicht so viel Schadstoffe ansammeln können, wie bei uns;) Alles was wir ihnen antun, kommt als „Bumerang“ früher oder später zu uns zurück. Tier- u Umweltschutz heißt also immer auch Menschenschutz.

Der eigentliche Dauer-Skandal besteht darin, dass wir ständig mit unserer Nahrung (und natürlich auch in der Atemluft) immer mehr gesundheitsschädliche Substanzen aufnehmen, die unsere fortschrittsgläubige Industriegesellschaft in riesigen Mengen freisetzt.  Das Dioxin-Problem ist ja nur eines von vielen (zB Schwermetallbelastungen, Pestizidrückstände, gesundheitsgefährdende Wirkungen von Kunststoffen (die allgegenwärtig sind, zB als Verpackungsmittel für Lebensmittel, aber auch in unseren Wohnräumen) schädliche Abgase aus Industrie, Hausbrand und Verkehr. Alleine die chemische Industrie produziert seit Jahren ein riesiges, unübersichtliches Arsenal an potentiell-schädlichen Substanzen (das die EU über die  REACH Verordnung in den Griff bekommen wollte, was aber kläglich gescheitert ist), deren kumulative bzw. Langzeit- Wirkung niemand untersucht hat, bevor sie massenhaft produziert wurden;

Es ist kein Zufall, dass Allergien, Auto-Immunkrankheiten (zB Multiple Sklerose), Krebs (vor allem bei Kindern!) und neurobiologische Störungen (Alzheimer, Parkinson,etc.) im Vormarsch sind und die oberste Priorität kann nicht sein, nach einem therapeutischen „Wundermittel“ zu forschen (durch Gentechnik, etc), sondern alles zu tun, um die Entstehung solcher Krankheiten zu verhindern.

Das Problem ist, dass sich die Medien und auch die Politik meistens nur dann mit diesen Themen befassen, wenn es einen „Skandal“ oder zumindest ein Aufsehen erregendes Ereignis gegeben hat (So etwa die Aluschlacken-Katastrophe in Ungarn – tolle „Katastrophenbilder“- oder der „BSE-Skandal“ – taumelnde Kühe schockieren –  garantieren die Aufmerksamkeit der Leser bzw. „Konsumenten“ von Nachrichten. Aber selbst dann wird der größere Kontext ignoriert.

Man fordert dann stets „mehr und strengere Kontrollen“, strengere Haftung, etc. was aber im Zeitalter des neoliberalen Kapitalismus, der sich die „Freiheit“ des Marktes auf die Fahnen geschrieben hat, und die staatlichen Lenkungs- u. Kontrollfunktionen immer mehr aushöhlt, auf ziemlich verlorenem Posten steht: So sind in Zeiten des angeordneten „Sparens“ (für die Bankenoligarchie) auch Lebensmittel-Kontrollbehörden mit Personal chronisch unterversorgt.

Dazu kommt noch die ideologische Indoktrination der Politik: man verlässt sich auf „Selbstkontrollen“  und „Eigenverantwortung“ der Industrie, was natürlich – im Kapitalismus – ein schlechter Witz ist. Doch „Privat“ ist immer besser als staatlich  und der letztlich angestrebte „Nachtwächterstaat“ soll sich darauf konzentrieren, das Privateigentum und die wirtschaftlichen Machtverhältnisse abzusichern und aufkeimende Unruhe in der Bevölkerung wegen der wachsenden sozialen Ungerechtigkeit und der fortschreitenden Entmündigung des Bürgers (zB selbst zu bestimmen, wie unsere Lebensmittel angebaut / produziert werden, nach welchen Spielregeln die Wirtschaft funktionieren soll, etc.) zu kriminalisieren oder wenn nötig, auch niederzuknüppeln (siehe Griechenland, Irland, England, Portugal, etc.) Das heißt dann, „für innere Sicherheit sorgen“. Subventionieren darf der Staat auserwählte Branchen natürlich schon, alles andere regelt schon der „Markt“ alleine.  Als der „Gammelfleisch-Skandal“ in Bayern Aufsehen erregte, wurde nicht einmal der Name des verantwortlichen Unternehmens veröffentlicht, um dessen „Image“ nicht zu gefährden. Hier geht es eben nicht „nur“ um schädliche Lebensmittel, sondern auch um die Aushöhlung der Demokratie durch wirtschaftliche Machtstrukturen, die der Politik vorgeben, wo es langgeht.

Die vorgefertigten, monotonen Debatten in Talkshows über den „Dioxin-Skandal“ sind also nicht geeignet, die Wurzel des Problems anzuprangern– das natürlich ein systemisches ist und nicht die Folge „krimineller Energie“  einzelner Personen. Erich Fromm hat dazu ja schon vor vielen Jahren seine Thesen vom „gesellschaftlichen Charakter“ (der den individuellen Charakter verändert) formuliert. Dieser „social character“ nimmt durch den Kapitalismus immer negativere Züge an und in letzter Konsequenz muss die Menschlichkeit selbst (moralisch, ethisch und solidarisch zu handeln) als Ballast und Hindernis für Profitmaximierung und Erhaltung der Machtstrukturen über Bord geworfen werden.

Herabwürdigende Ausdrücke wie „Gutmenschentum“ zeigen ja bereits, wohin die  Reise geht ….

Wir können also lange über „mehr Kontrollen“ diskutieren, aber das geht am eigentlichen Problem völlig vorbei:

Solange das oberste Prinzip der Wirtschaft die Profitmaximierung ist, (die Politik sich von „Wirtschaftsexperten“ und „Think-Tanks“ das Denken abnehmen lässt) und gleichzeitig die Machtkonzen-trationen zunehmen, werden die negativen Folgen für die Gesell-schaft immer schlimmer: Zerstörung unserer Lebensgrundlagen, Tierquälerei im großen Stil, völlige Entfremdung von der Natur, Wirtschaftsidiotie und Konsumidiotie für  ein „Wachstum“, das uns  in letzter Konsequenz alle umbringen wird.

Schon in den 1970er Jahren haben uns visionäre Denker wie E.F. Schumacher, Herbert Gruhl oder Frederic Vester gezeigt, dass das Mantra von „Wachstum & Wettbewerb“ bei näherer Betrachtung ein Haufen Bullshit ist, weil systemische Effekte, ökologische Folgeschäden, soziale „Kollateralschäden“ und die unvermeidbare, wirtschaftliche Polarisierung (intra- und international) einfach ausgeblendet werden.

Was uns droht, wenn der kapitalistische „Markt“ zum obersten Prinzip unserer Gesellschaft erhoben, bzw. diese selbst zur „market society“ transformiert wird, hat uns Karl Polanyi schon vor 60 Jahren klargemacht: alle menschlichen und sozialen Beziehungen werden schließlich der Marklogik untergeordnet (Patienten, Schüler, Studenten, pflegebedürftige Menschen werden zu „Kunden, die nur gegen Bezahlung eine „Leistung“ erhalten, die sich natürlich „rechnen“ muss …) …

Die Beziehung zwischen Mensch und Natur ist völlig gestört, weil auch sie nur mehr als auszubeutendes Reservoir von Rohstoffen bzw. als Dumpingground für Abfälle betrachtet wird. Alle Lebewesen werden zu „Waren“, denen ein „Marktwert“, sprich Preis zugeordnet wird. Tiere werden zu gefühllosen Produktionsmaschinen degradiert. Die können doch auch Dreck und Abfall fressen …

Die von einer Minderheit angemahnte Erhaltung von Ökosystemen und Artenvielfalt (wenn schon nicht aus ethischen Gründen, sondern wenigstens um das eigene Überleben zu sichern) wird durch effektive PR-Strategien der Industrie wie „greenwash“, „corporate responsibility“ Slogans und „astroturfing“ unterminiert und ad absurdum geführt (am Beispiel des Informationskrieges zum Thema  „Klimawandel“  gut zu erkennen)

Entscheidend für das soziale Prestige und den Wert der Menschen ist nur mehr ihre ökonomische Verwertbarkeit. (Langzeit-Arbeitslose sind demnach nichts wert, sie sind ökonomischer Ballast).Der „Nutzen“ einer Tätigkeit wird nur mehr daran gemessen, wie viel Profit generiert wird – so werden Bauern, die ihren Boden und ihre Tiere noch mit Respekt behandeln, belächelt und als „überholt“ und sentimental betrachtet, während die Großbetriebe, die riesige Profite machen, aber gewaltige ökologische Schäden anrichten, als „erfolgreich“ „effizient“ und „zukunftsfähig“ hingestellt werden.

Diese Schäden werden „externalisiert“, d.h. auf die Gesellschaft übergewälzt (in Form von Krankheit, Umweltzerstörung,  etc.), während die Profite natürlich privatisiert werden (und man auch danach trachtet, möglichst keine Steuern zu zahlen). Würde man diese Folgekosten den Verursachern aufbürden (sie also in die betriebswirtschaftliche Rechnung aufnehmen), dann würde  Kostenwahrheit entstehen und plötzlich wären die Bioprodukte billiger als die aus der „konventionellen“ Landwirtschaft. Dann wäre es vorbei mit dem Preisbetrug …

Ein weiteres Grundproblem (das sich aus dem vorgenannten ergibt)  wird auch gar nicht thematisiert:

Wir können es uns nicht mehr leisten, dass nur „die Wirtschaft“ (bzw. die Investoren und Kapitalbesitzer) entscheiden, was (wie und mit welchem Ziel) produziert wird:

Sprüche wie „der Markt“ wisse am besten, wie die Kapitalallokation zu erfolgen habe, und man müsse diese (anonymen) Kräfte nur walten lassen, sind natürlich völliger Unsinn und zeigen, wie indoktriniert „Entscheidungsträger“ und „Multiplikatoren“ (so werden ja Journalisten heute genannt) mittlerweile sind. Wirtschaft funktioniert doch nicht in einem (konstruierten mathematischen) Vakuum! Unternehmen sind Teil eines sozialen Gefüges und natürlich auch Teil eines übergeordneten Produktionskreislaufes  – der Natur, mit ihren für uns unverzichtbaren Ökosystemen (deren Leistungen wir „gratis“ bekommen und deshalb ihren Wert nicht erkennen).

Hühnerfabrik 2011

Der Preisdruck des Weltmarktes und die Industrialisierung der Landwirtschaft führen natürlich dazu, dass die Produktionskosten (bei gleichzeitiger Expansion) ständig gesenkt werden müssen. Die Konzentration der Futtermittelhersteller und Großhändler verstärkt das massive Ungleichgewicht in der Verhandlungsmacht der „Markt-Teilnehmer“. Bei Nutztierhaltung und Mast heißt das natürlich, dass in letzter Konsequenz der billigste Dreck gerade gut genug ist, denn auch am anderen Ende will man noch kräftig trotz „Billigpreisen“ verdienen.

SPIN-ALARM:

Jedes Mal wenn es wieder einen Lebensmittel –„Skandal“ gibt, schreibt der brave Journalist, der Konsument sei schuld, weil er doch „so billig“ einkaufen wolle – egal, mit welchen Folgen. Doch diese Binsenweisheit ist nur auf den ersten Blick wahr, denn völlig ausgeblendet werden dabei folgende, entscheidende Faktoren für die Preispolitik:

Der „MARKT“ wird (durch die „Globalisierung“) zunehmend ein HAIFISCHBECKEN: Es gibt eine gewaltige Konsolidierung bei den großen „Food-Multis“ (globale Einkäufer, Verarbeiter Großhandel), daraus resultiert eine konzentrierte Marktmacht weniger Konzerne, gegen die die Millionen Erzeuger (vor allem „echte“ Bauern) keine Chance haben. Diese globalen Konzerne haben natürlich ein starkes Interesse daran, dass die Erzeugerpreise so niedrig wie möglich gehalten werden, damit ihre Profite so hoch wie möglich sind. Ähnliche – extrem ungleiche – Machtverhältnisse finden wir im Einzelhandel, wo eine Handvoll Unternehmen sich den „Markt“ aufteilt. Sie machen ebenfalls immer mehr Druck auf die Lieferanten (zB von Eiern, Gemüse, Fleisch, etc.) um mit den Ladenpreisen wieder den größte Profit zu machen und der “Wettbewerb“  wird hier praktisch ausschließlich über den „Billig-Preis“ geführt.

Es ist also nicht so, dass die Menschen vom dem Gedanken beherrscht werden, immer das billigste Lebensmittel zu kaufen und ihnen alles andere egal ist, sondern dass mit mehr oder weniger subtilen PR-Methoden , den Leuten eingehämmert wird, das billigste zu kaufen, sei ein Zeichen für Intelligenz („Geiz ist geil“; „Bio“-Schmäh“, „ich bin doch nicht blöd“, etc.). Verschärft wird der Drang zum „billigen Essen“ natürlich durch sinkende Real-Löhne, prekäre Arbeitsverhältnisse, höhere Arbeitslosigkeit, etc.  hier muss also auch der größere Kontext der neoliberalen Umverteilung der Einkommen und Vermögen von unten nach oben gesehen werden.

Und als letztes Mosaiksteinchen kommt natürlich noch die gewollte Verblödung der Leute durch die Medien hinzu (die selbst zum Instrument der wirtschaftlichen Machtelite werden). So wird eben jede tiefer gehende Debatte zum Wahnsinn unseres Wirtschaftssystems, wie ich sie skizziert habe, tunlichst vermieden. Und wenn jemand den Mut hat, dieses Thema anzuschneiden, wie Sarah Wiener, wechselt der Journalist das Thema, oder – wenn es „Die Linke“ ist, wird sofort „Kommunismus-Alarm“ ausgerufen und der Dissident dämonisiert …

Mehr Info siehe meine Artikel zum Thema „Landwirtschaft“

Dieser  beeindruckende Film zeigt (kommentarlos) wie der Wahnsinn bei uns Methode hat …(als NORMAL akzeptiert wird) Welche absurden Verhältnisse die „Marktwirtschaft“  hervorruft, zeigt dieser eine Satz aus dem Film:

„Der Preis für eine  Tonne Streusplit ist höher als für eine Tonne Weizen.“

Wir sehen also, dass jeder Zusammenhang zwischen Preis und Wert verloren gegangen ist …


Dazu kommt noch, dass die Millionen Tonnen unerwünschter Nebenprodukte und Abfälle aus der industriellen Produktion teuer „entsorgt“ werden müssten (das Wort ist Orwell pur). Diese Kosten möchte man natürlich auch auf andere überwälzen oder zumindest reduzieren. (Mehr dazu im nächsten Beitrag)

So nimmt es nicht Wunder, dass Altöle und ausrangierte Industriefette nach dieser Logik des „Cost-Cutting“ letztlich im Tierfutter und somit auch in unseren Körpern landen.

Der chilenische Ökonom Manfred Max-Neef (mit deutschen Wurzeln) hat das Dilemma unserer idiotischen Wirtschaftspolitik (die immer mehr einer Religion ähnelt als einer Wissenschaft)   kürzlich in einem Interview auf den Punkt gebracht:

„We are simply dramatically stupid“

Fortsetzung folgt…

DRECK FRESSEN – Hintergründe zum „Dioxin-Skandal“

Die "effiziente" Form der Geflügelhaltung

Brave New Year 2011

1- Woher kommen „Dioxine“?

Dioxine sind unerwünschte „Verunreinigungen“, die  bei der Synthese (künstlichen Herstellung) chlororganischer Produkte entstehen. Sie bilden eine Gruppe halogenierter aromatischer Kohlenwasserstoffe,  die ähnliche chemische Strukturen aufweisen.

Dioxine entstehen aber auch bei Verbrennungsvorgängen, so zB in Müllverbrennungsanlagen. Durch optimierte Verbrennungstemperaturen und spezielle Abgasbehandlung ist inzwischen eine gewisse Emissionsminderung erreicht worden (allerdings  nimmt die Müllmenge dank „Wirtschaftswachstum“ ständig zu). Daneben werden Dioxine in Kraftwerken sowie in Diesel- und Benzinmotoren gebildet. Auch industrielle Prozesse tragen erheblich zur Dioxinbelastung bei: zB in der Metallindustrie (Aluminium-schmelze und Sinteranlagen bei der Eisenerz-/Stahlerzeugung)

Polychlorierte Biphenyle (PCB) oder „Die Geister, die ich rief ….“

sind  chemische Verbindungen, die gezielt für verschiedene industrielle Anwendungen hergestellt wurden. Z.B als Transformatorenöl, Dielektrikum in Kondensatoren, Hydraulikflüssigkeit im Bergbau und als Wärmeüberträger. Sie wurden auch als kostengünstige Schmier-, Imprägnier- und Flammschutzmittel, Weichmacher (Kunststoffindustrie) sowie als Zusatzmittel in Druckfarben, Papier und Klebstoffen vermarktet und in großen Mengen eingesetzt.

PCB sind geruchlose, geschmack- und farblose bis blass-gelbe, ölige Flüssigkeiten oder Feststoffe, manche kommen als flüchtige Dämpfe vor. Da sie nur sehr schwer abgebaut werden können, werden sie als  „persistente“ (dauerhafte) Umweltgifte bezeichnet.

Wie immer, interessierte man sich nur dafür, ob diese neu geschaffenen Stoffe die erwünschten Eigenschaften für die industrielle Anwendung hatten und natürlich billig in der Herstellung waren. Als man nicht mehr ignorieren konnte, wie umwelt- und gesundheitsgefährdend diese Verbindungen sind, wurde schrittweise ein Verbot durchgesetzt. Doch obwohl die Erzeugung von PCB seit mehr als 20 Jahren verboten ist,  stellen sie noch immer ein gewaltiges Problem als „Altlast dar. Die „Schöpfer“ dieser Substanzen haben uns (ähnlich wie bei Asbest und anderen Errungenschaften des glorifizierten „technischen Fortschritts“ ein scheinbar ewiges Gifterbe hinterlassen. Doch im Gegensatz zu den finanziellen Belastungen (Haushaltsdefizite & Schuldenberge) unseres irrsinnigen Wirtschaftssystems spricht hier kaum ein Politiker von der Unverantwortlichkeit, dieses schreckliche Erbe unseren Kindern aufzubürden  (von der unkritischen Euphorie über die angewandte Nano- und Gentechnik ganz zu schweigen).

2 -WIE  GIFTIG  SIND  PCB?

PCBs werden je nach ihren biochemischen und toxikologischen Eigenschaften in verschiedene Gruppen eingeteilt. So unterscheidet man dioxinähnliche PCB (DL-PCB), und dioxin-unähnliche NDL-PCBs, die toxikologisch als weniger gefährlich betrachtet werden. Je nach Anzahl der Chloratome und ihrer Position, sind 209 verschiedene Verbindungen möglich. Die Giftigkeit der einzelnen Varianten (Kongenere) ist sehr unterschiedlich. 130 dieser Verbindungen kommen in produzierten Gemischen der Industrie  vor.

Obwohl die Dioxine in der Regel als komplex zusammengesetzte Gemische vorliegen, haben sich die meisten Studien bisher auf das (als Giftstoff) besonders relevante 2,3,7,8-Tetrachlordibenzo-p-dioxin („Seveso-Gift“) beschränkt. Im Tierversuch sind bei allen  Tierarten  Auszehrungssymptome,   eine Schrumpfung  der  Thymusdrüse sowie Magen-Darm-Blutungen festgestellt worden. Daneben hat man auch Leberschäden und Enzyminduktion beobachtet. (Enzyme haben eine Schlüsselfunktion bei allen biochemischen Prozessen im Körper, sie wirken als Auslöser (Induktor)  bzw. Beschleuniger (Katalysator).

Wie aber kann man die Giftigkeit der verschiedenen Kongenere  vergleichen bzw. ihre Gesamtwirkung bewerten?

Die akute Toxizität eines bestimmten Stoffes wird meistens mit dem so genannten „LD-50-Test“ bestimmt: dabei wird jene Dosis (pro kg Körpergewicht) ermittelt, bei der die Hälfte der Versuchstiere stirbt. Selbst bei einer einzigen Dioxinvariante ist es schwer, die akut-giftige Dosis pro Gewichtseinheit zu ermitteln: Der LD50- Wert von 2,3,7,8-TCDD schwankt  beispielsweise bei oraler Gabe zwischen 1 μg/kg Körpergewicht beim Meerschweinchen und dem tausendfachen Wert bei anderen Nagetieren. Die akute Giftigkeit ist also je nach Tierart sehr unterschiedlich. Wie soll man angesichts dieser enormen Schwankungen solche Testergebnisse auf den Menschen übertragen? (Tiere und Menschen sind eben mehr als „biochemische Maschinen“).

Wir wissen jedenfalls, dass die Werte in unseren Nahrungsmitteln bei weitem nicht so hoch sind, dass eine akute Gesundheitsgefahr bestünde (also unmittelbar eintretende Effekte wie Übelkeit, Erbrechen, und die später auftretende typische Chlorakne, etc.) Das Riesenproblem ist natürlich die chronische Giftigkeit: Wie wirken sich winzige Mengen aus, die über einen langen Zeitraum im Körperfett akkumulieren?

Das deutsche Institut für Risikobewertung schreibt dazu u.a. in einer Stellungnahme (Seite 3):

„Als chronische Wirkungen von Dioxinen und PCB wurden bei Tierversuchen Störungen der Reproduktionsfunktionen [beim Menschen zB verminderte Spermienproduktion bei Männern], des Immunsystems, des Nervensystems und des Hormonhaushalts beschrieben. Als empfindlichste Zielorgane wurden dabei die Leber und die Schilddrüse identifiziert. Verschiedene Dioxine gelten als Tumorpromotoren.“

PCB und Dioxine haben also eine verheerende, weil systemische Stör-Wirkung in dem hoch komplexen biologischen Netzwerk unserer Milliarden Zellen und das heimtückische daran ist, dass man die negativen Folgen erst nach Jahren bemerkt.

Welche furchtbaren Folgen Dioxine auch für folgende Generationen haben können, zeigt dieses Foto (hier als Resultat des großflächigen Einsatzes des Entlaubungsmittels Agent Orange im Vietnam-Krieg, das übrigens die Firma MONSANTO hergestellt hatte, die uns heute mit transgenen Pflanzen traktiert…) Noch heute kommen in Vietnam und Kambodscha Kinder mit schweren Missbildungen auf die Welt, doch darüber spricht man nicht …. (Die USA sind die einzige Industrienation, die das Abkommen von Stockholm zur weltweiten Reduzierung der Belastung mit dauerhaften Umweltgiften nicht unterzeichnet haben – mehr dazu im nächsten Beitrag)

 

 

 

 

 

 

Dioxine und PCB sind lipophil, d.h. sie werden im Fettgewebe gespeichert und dort natürlich im Laufe der Zeit angereichert. Die „Giftfracht“ ist demnach auch in jenen Lebensmitteln am höchsten, die einen hohen Fettgehalt haben und je weiter oben in der Nahrungskette sich das Tier befindet. Der Mensch wird  somit zum „Endlager“ seiner eigenen Giftproduktion, die im Falle der Dioxine als unerwünschtes Nebenprodukt („Verunreinigung“), aber im Falle der PCB absichtlich (ohne Berücksichtigung der systemischen Auswirkungen) erfolgte.

Und wie soll dann noch die Gesamtheit der unerwünschten und schädlichen Effekte dieses changierenden „Giftcocktails“ in unserem Körper evaluiert werden, von synergetischen Effekten mit anderen Schadstoffen und Langzeitfolgen ganz zu schweigen? Diese Bewertung kann aufgrund der enormen Komplexität biologischer Systeme und des Fehlens von Langzeit-Studien über chronische Belastungen (die niemand finanzieren will) nicht von der Wissenschaft erbracht werden, sondern ist natürlich letztlich eine politische Entscheidung (ebenso wie die „Strahlenschutz-Werte“ mehr mit Willkür und Wirtschaftsmacht zu tun haben, als mit Vorsorge).

 

Schweine im Unglück

3 -DIE  EU  UND  DAS  DIOXIN-PROBLEM

So hat man festgelegt, dass nur eine kleine Gruppe ausgewählter Kongenere wirklich „Anlass zur Sorge“ geben, da sie als „besonders“ giftig und hartnäckig angesehen werden: 17 „echte“ Dioxine und 12 (dioxinähnliche) DL-PCB, die ein ähnliches toxikologisches Profil haben wie das „giftigste“ aller Dioxine: 2,3,7,8-TCDD. Damit überhaupt eine Risikoabschätzung bzw. Regulierung erfolgen kann, mussten „Toxizitätsäquivalenzfaktoren“ (TEFs) konstruiert werden, deren Anwendung in der „Empfehlung“ 1881/2006 der EU-Kommission definiert wird: d.h. um die Ergebnisse der Giftigkeitsanalysen vergleichen und einschätzen zu können, wird als Referenzfaktor das hoch giftige „Seveso-Dioxin“ (2,3,7,8-TCDD) hergenommen, es wird also die Giftigkeit jeder Variante mit dem „Seveso-Gift“ verglichen und entsprechend eingestuft.

2002 erstellte die EU-Kommission (EUC) erstmals einen Aktionsplan, um die Dioxinbelastung in Lebens- und Futtermitteln zu reduzieren.  Der Zeitpunkt war kein Zufall: 1999 hatte der belgische Dioxinskandal Öffentlichkeit und Politik erstmals aufgerüttelt:

„Bis zum 15. August 1999 wurden 4 464 t Hühnchen, 9 996 t Schweine und 4 000 t Fleisch, Fleischprodukte und Lebensmittel vernichtet. Insgesamt sind bis zum 6. Oktober 1999 60 000 t Tiere getötet und aus der Nahrungsmittelkette entfernt worden. Alle Tiere und Lebensmittel wurden als Risikomaterial bei Temperaturen von über 1 400 °C verbrannt. Der direkte Schaden für die belgische Wirtschaft wird auf rd. 1 Milliarde Euro geschätzt.“

Diese Passage ist aus zwei Gründen ein erschreckendes Beispiel  für den als „normal“ akzeptierten Wahnsinn der industrialisierten Landwirtschaft:

Erstens, weil Tiere nicht mehr als Lebewesen, sondern nur mehr als Produktionsmaschinen bzw. „Produkte“  wahrgenommen werden (sie werden als „vernichtete Tonnen“ (!) angegeben) und zweitens, weil man sich nur für den wirtschaftlichen Schaden interessiert, aber die ökologischen Kosten der Massentierhaltung bzw. der „Markt- und Profitlogik“ völlig ignoriert:

Lebensmittel sind eben keine bloßen „Industrie-Waren“, deshalb muss ihre Produktion ganz besonderen Schutzvorschriften und Vorsorgeprinzipien unterliegen und darf nicht den amoralischen und nicht rechenschaftspflichtigen „Märkten“ überlassen werden.

(Vor Gründung der WTO bzw. Existenz des AoA waren landwirtschaftliche Produkte, also LEBENSMITTEL auch von gängigen Handels- u. Exportregeln ausgenommen, heute heißen sie (Grundnahrungsmittel wie Weizen, Mais, Reis, etc. ) nur mehr „Agrarrohstoffe“ und die Preise werden zunehmend Gegenstand der organisierten Spekulation …)

2004 empfahl die EUC den Mitgliedsstaaten schließlich auch ein Dioxin-Monitoring (Dioxine, DL-PCB und NDL-PCB) von Lebens- und Futtermitteln durch stichprobenartige Untersuchungen (2004/704/EC). Entsprechende Daten wurden seitdem an die Kommission weitergeleitet und diese waren dann die Basis für die spätere Bewertung der europäischen Lebensmittelbehörde EFSA.

2006 gab es den nächsten Dioxin-Skandal in der EU, wobei offenbar das gleiche belgische Futtermittel-Unternehmen, das auch 1999 in die kriminellen Vorfälle verwickelt war, wieder sein Unwesen trieb (man hatte nur den Firmennamen geändert …):

Wegen Dioxin 400 Betriebe in Belgien und den Niederlanden gesperrt

2008 ging es dann in Irland weiter:

Bis zu 25 Länder mit verseuchtem Fleisch beliefert

Und jetzt der aktuelle Skandal: Im Rahmen des letztendlich in der EU etablierten Schnellwarnsystems wurde heuer bereits im Frühjahr bekannt, dass es zu erheblichen Grenzwertüberschreitungen gekommen war: (BfR-Stellungnahme vom Mai 2010)

„Aus Deutschland und den Niederlanden wurden erhöhte Dioxingehalte in Eiern gemeldet. Der in der Verordnung (EG) Nr. 1881/2006 festgelegte Höchstgehalt für Dioxine von 3 Pikogramm WHO-PCDD/F-TEQ pro Gramm Fett und für Dioxine und dioxinähnliche PCB von 6 Pikogramm WHO-PCDD/F-PCB-TEQ pro Gramm Fett wurde in einigen der amtlich untersuchten Proben überschritten. Somit ist diese Ware aus lebensmittelrechtlicher Sicht nicht verkehrsfähig.“

Wieso wurden diese (immer wieder vorkommenden) Überschreitungen erst im Dezember publik gemacht?

Es ist offensichtlich, dass hier die wirtschaftlichen Interessen der Fleischlobby (vor allem in Ländern wie Niedersachsen) höher wiegen, als das Recht der Bevölkerung, aufgeklärt zu werden. Erst wenn es nicht mehr vertuscht werden kann, wird wieder einmal „ein Skandal“ bekannt.

Es gibt zwar seit 2006 in der EU Höchstgrenzen für (eine Kombination aus) PCDD/F (Dioxine) und DL-PCB (dioxin-ähnliche PCB)  in Lebens- und Futtermitteln – als tolerierbare wöchentliche Aufnahme (TWI)  hat das SCF der EU einen Wert von 14 Pikogramm pro kg Körpergewicht  festgelegt -aber keine Limits für NDL-PCBs, obwohl diese anteilsmäßig überwiegen – sie wurden lt EFSA Bewertung in mehr als 80% der getesteten Lebensmittel nachgewiesen. Die komplexe, biologische Gesamtwirkung der PCB (und anderer Gifte, die wir aufnehmen) kann also nur erahnt werden. Selbst die EFSA beklagt in ihrem Schlussstatement, wie unzureichend die zur Verfügung gestellten Daten sind.

Natürlich ist es schwer möglich (und sehr teuer) genau festzustellen, welche Dioxinlast (inkl.PCB) die Menschen bereits mit sich herumtragen und wie viel tierische Fette sie täglich aufnehmen. Doch die Daten, die wir jetzt schon (über den täglichen Konsum) haben, zeigen klar, dass die gewählten „Höchstgrenzen“ nicht mehr lange zu halten sind, wenn weiterhin soviel Fleisch bzw. tierische Produkte aus der Massentierhaltung konsumiert werden. (Noch schlimmer ist es mit Fischen, die als „Sammelbehälter“ für alle möglichen Gifte dienen, die im Meer gelandet sind – aber die haben wir ja ohnehin bald ausgerottet.

Bezeichnend und erschreckend ist, dass man in diesem Zusammenhang von einer „background-presence“ (Hintergrundbelastung) spricht, das Vorhandensein von Dioxinen und PCB in der Nahrung (und somit in der Natur) also mittlerweile als normal und unvermeidbar angesehen wird.

Dieser „Hintergrundbelastung“ (Emissionen in der Luft bzw.  Partikel  im Freien, die sich auf Pflanzen absetzen) kann natürlich auch die Bio-Landwirtschaft nicht entgehen, aber die Futtermittel der Biobauern werden streng kontrolliert und müssen ebenfalls aus Biolandwirtschaft stammen. Da die Bauern höhere Preise erzielen, müssen die Tiere auch nicht möglichst billig und schnell gemästet werden. Kleinere Betriebsgrößen erlauben es auch, dass das Futter im Idealfall vom eigenen Hof stammt. (Dass in Deutschland Hühnerhalter mit tausenden Tieren noch als „Biohöfe“ durchgehen, muss sich aber auch ändern).

Mehr dazu im zweiten Teil: DER GANZ NORMALE WAHNSIN

(Massentierhaltung als Teil einer idiotischen Wirtschaftspolitik … warum wir ständig Schadstoffe und Gifte mit der Nahrung aufnehmen …was passiert eigentlich mit dem wachsenden Berg von  „Sondermüll“ den unsere Wirtschaft produziert?)

Bodenlose Dummheit oder Fortschritt am Acker?

DIE GRÜNE REVOLUTION IST BANKROTT

Die meisten Menschen halten die „moderne“ Landwirtschaft für eine Erfolgsstory und so sieht sie auf den ersten Blick auch aus: Eine winzige Zahl von Bauern (gemessen an der Gesamtbevölkerung) ernährt heute etwa 2o0 Millionen mehr Menschen in Europa als 1950 und dazu wird natürlich noch für den Export in außereuropäische Länder produziert. Doch trotz dieses Überflusses macht sich Unbehagen breit: Ernährungsbedingte Krankheiten nehmen zu, Nahrungsmittelallergien steigen stark an;  Verunsicherung durch „Fleischskandale“, BSE, zunehmende Tierseuchen, vermehrter Einsatz von Antibiotika; gesundheitsschädliche Rückstände von Agrargiften in Obst, Gemüse und Gewürzen, usw.

Die extrem wichtige Rolle der Landwirtschaft zur Erhaltung der Volksgesundheit und der Ökosysteme als unsere Lebensgrundlagen wird selten erwähnt und auch im Kontext des „Klimawandels“ wird die industrielle Landwirtschaft ziemlich ignoriert.  Doch diese Bagatellisierung können wir uns nicht mehr leisten:

Ein großes Problem ist etwa der rasant  steigende Einsatz synthetischer Düngemittel, der sich seit 1961 mehr als verfünffacht hat: Bei Stickstoffdünger stieg der Verbrauch von etwa  8 kg pro Hektar auf heute mehr als 60 kg pro Hektar, also um mehr als  700%. Doch dieser exorbitante Stickstoffeintrag endet nicht zur Gänze in der Pflanze, sondern ein Teil davon landet im Grundwasser bzw. in der Luft (man könnte sagen, der Stickstoff wird vom Boden wieder „ ausgeatmet“)

Wozu die Aufregung,  könnte so mancher jetzt denken, deshalb sind ja auch die Erträge pro Hektar  stark gestiegen und man konnte „mehr Menschen satt machen“. War das nicht die Essenz der mit großem Medienecho propagierten „Grünen Revolution“, für die Norman Borlaug den Friedensnobelpreis erhielt?

Ein Siegeszug des wissenschaftlichen „Fortschrittes“ (dank Justus von Liebig), der sich in diesem Fall durch massiven Einsatz von Düngern und Pestiziden manifestierte? Leider ist auch diese „Erfolgsgeschichte“ menschlicher Innovation bei näherem Hinsehen ein Flop und langfristig sogar eine Katastrophe. Warum, das zeigen folgende Zahlen:

Die vier wichtigsten Grundnahrungsmittel auf diesem Planeten sind Weizen, Soja, Mais und Reis.  Sie alleine benötigen etwa ein Drittel der weltweiten  Ackerflächen. Bei allen vier Getreidearten ist der heutige Ertrag, gemessen am Düngereinsatz und im Vergleich zu 1961 um mehr als 70% gesunken:

Per  Kilo Stickstoff wurden folgende Erträge erzielt:

1961 2006
Weizen 126 kg 45 kg
Soja 131 36 kg
Reis 217 kg 66 kg
Mais 226 kg 76 kg

Dass die anfänglich gefeierte Ertragssteigerung durch synthetische Dünger langfristig nicht haltbar ist, weil das Verhältnis zwischen Input und Output eben nur scheinbar linear ist, ist ja nichts Neues. Schon Ende der 1970er Jahre gab es erste Warnungen über die „Grenzen des Wachstums bzw. über die missachteten ökologischen Regelkreise der Natur und das fehlende systemische Denken.

Einer dieser Propheten war Herbert Gruhl, der mit seinem Buch Ein Planet Wird Geplündert“ (1978) für große Furore sorgte, weil er als CDU-Politiker den Wahnsinn des Wachstumsparadigmas anprangerte und dafür wie ein Häretiker und Spinner von seiner Partei und den vermeintlichen „Wirtschaftsexperten“  behandelt wurde.

Doch Gruhl hatte mit allem, was er kritisierte, recht (mehr dazu später) und so zeigte er schon 1978 auf, dass die Erfolgsstory der industriellen Landwirtschaft in Wahrheit ein Märchen ist. Als praktisches Beispiel diente u. a. eine Tabelle über den steigenden Energieaufwand beim Maisanbau:

Aus einer Statistik des Wissenschaftsmagazins Science (Vol. 182, Nov. 1973, 445) ergab sich folgendes Bild:  Die gesamte Aufwandsenergie für Arbeit, Maschinen, Strom, Treibstoff, Dünger (N, P, K) Samen, Bewässerung, Pestizide, Trocknung, Transport wird dem Maisertrag (in Kilokalorien) gegenüber gestellt:  Daraus ergeben sich folgende Verhältnisse:

1945 925.500 kcal Aufwand für     3.427.000 kcal  Ertrag

Verhältnis:        1: 3,7 0

1964 2.242.000 kcal  Aufwand für    6.854.000 kcal Ertrag

Verhältnis:        1: 3,06

1970 2,896.000 kcal Aufwand für     8.165.000 kcal Ertrag

Verhältnis:        1: 2,82

2009: Verhältnis:        2: 1?

Das heutige Verhältnis ist mit Sicherheit inzwischen negativ, man muss also mehr Energie investieren, als im Endeffekt dabei herauskommt.  Soviel zum Thema „Effizienzsteigerung“ in der Landwirtschaft durch „moderne“ Anbaumethoden, die man inzwischen vermehrt den Entwicklungsländern aufs Auge gedrückt hat und die kleinräumige, traditionelle Landwirtschaft als Auslaufmodell  lächerlich macht.

Doch – big surprise – die Hungernden bzw. Unter- oder Mangelernährten auf der Welt werden nicht weniger, der Zugang zu erschwinglichen Nahrungsmitteln wird immer mehr zum Privileg einer wohlhabenden Minderheit, wie auch kürzlich beim „Hungergipfel“ in Rom beklagt wurde (siehe dazu meinen Beitrag Papst, Hunger, Kaffee etc. wo es natürlich auch um Handelspolitik geht)

Aber auch der exponentiell steigende Verbrauch von synthetischen Düngern war bereits damals ein Thema. Gruhl griff noch weiter zurück, bis 1949. Damals wurden weltweit 3,10 Millionen Tonnen Stickstoffdünger verbraucht. Bis 1961 hatte sich dieser Bedarf mehr als verdreifacht, bis 1978  auf  rund 48 Millionen Tonnen gesteigert, das entspricht einer Steigerung von 1.548% in 29 Jahren.

Zum Vergleich, die Weltgetreideernte stieg zwischen 1950 und 1984 um 250%, bis 1994 hatte sie sich verdreifacht. Der Energieeinsatz hatte sich bereits vervierfacht. Seitdem stiegen sowohl der Energieeinsatz als auch der Einsatz von Düngern und Pestiziden, doch die Erträge können nur mehr marginal gesteigert werden und sinken weiter im Verhältnis zum Input wie oben bereits ausgeführt.

Da die fossile Energie immer teurer wird und gleichzeitig die Erzeugerpreise systematisch nach unten getrieben werden (davon profitieren natürlich die großen Food Multis, die sie verarbeiten -siehe dazu meine älteren Beiträge unter „Landwirtschaft“) haben die Bauern keine Chance in diesem System, es sei denn, sie werden zu „Unternehmern“ (die Familie muss durch andere „Projekte“ ernährt werden)  oder Agrarfabriken, die mit „Agrikultur“ nichts mehr zu tun haben und die Zerstörung der Bodenfruchtbarkeit noch mehr beschleunigen.

Heute liegt der N-Düngerverbrauch bei mehr als 90 Millionen Tonnen pro Jahr. Solche Steigerungsraten kann kein System auf Dauer aushalten, weder das komplexe Ökosystem des Ackerbodens, noch die übergeordneten Systeme und natürlich führt diese exorbitante Ausbeutung der Rohstoffe (z.B. Rohphosphat) dazu, dass sie nicht mehr lange vorhanden sein werden.  Den beschränkten, weil viel zu kurzen  Planungshorizont der Politik beklagte Gruhl schon 1978: „Die Bodenschätze sind unser Kapital, nicht unser Einkommen“, (sie werden aber weiter so behandelt)  und schüttelt den Kopf darüber, dass in der ökonomischen Theorie nur die Produktionsfaktoren Kapital und Arbeit Beachtung finden, aber weder „Natur“ noch „Energie“. Dazu kommt noch der Irrsinn, dass industrielle Großverbraucher von Energie durch besonders niedrige Preise belohnt werden.

Graphik 3.17:   Globaler Verbrauchstrend für Stickstoffdünger, 1961–2001 ( in Millionen Tonnen)

Die so genannte gewaltige  “Produktivitätssteigerung in der Landwirtschaft ist also in Wahrheit ein gewaltiger Selbstbetrug, denn der Einsatz der Arbeitskraft ist zwar dramatisch verringert worden und der Ertrag gesteigert, dafür wurde eben immer mehr Energie eingesetzt, wobei das Verhältnis zwischen Input und Output mittlerweile negativ ist! Worin besteht der Fortschritt, wenn man die Ernten vervierfacht, aber den Energieeinsatz verzehnfacht und dabei noch die Bodenfruchtbarkeit und die Biodiversität schrittweise ruiniert?

Man könnte auch sagen, wir „essen“  mit jedem Weizenkorn fossile Energien.  Es gibt Berechnungen, wonach in einem Kilogramm Stickstoffdünger das Energieäquivalent von  etwa 1,4 – 1,8 l Diesel steckt. Für eine Tonne wären das (Mittelwert 1,6) dann 1.600 l Diesel, für die 100 Millionen Tonnen Jahresverbrauch (die wir bald haben) sind das

160. 000. 000. 000 Liter Diesel pro Jahr

nur für Stickstoffdünger

Wenn man noch die Prozessenergie der industriellen Lebensmittelverarbeitung dazurechnet, ist das ganze endgültig ein Irrsinn, weil für jede Nahrungskalorie, die vor allem in  Form diverser Convenience Produkte auf unserem Tisch landet, insgesamt etwa 10 Kalorien Energie verbraucht wurden.

Der Konsum tierischer Produkte (vor allem Fleisch) ist natürlich an sich energieintensiver, denn für eine Fleischkalorie muss man zwischen 3 und 10 Pflanzenkalorien einsetzen.

(Die Tiere bewegungsunfähig zu machen, um Futter zu sparen, ist die perverse Folge einer irrationalen Sichtweise, die Lebewesen (weil sie essbar sind) wie Maschinen behandelt, deren „Effizienz“ dadurch gesteigert wird. Dass diese Form der Tierquälerei als biologischer Bumerang zu uns zurückkommt (Geflügelpest, pardon „Vogelgrippe“ etc.), ist klar, wenn man das Ausbrechen von Tierseuchen  als negatives Feedback erkennt. Diese Rückkopplung sollte ein starkes Indiz dafür sein,  einen unhaltbaren Zustand (Massentierhaltung) zu beenden, doch dazu reicht das Denkvermögen offenbar nicht aus. Stattdessen werden Millionen Tiere getötet und dann macht man weiter, wie bisher ….)

Dass für die Produktion von synthetischen Düngern Energie aus fossilen Quellen verbraucht wird (vor allem Erdöl und Erdgas), macht die Sache noch schlimmer, besonders im Kontext der aktuellen Klimadebatte. Dabei fällt auf, dass die Landwirtschaft in Kopenhagen so gut wie gar nicht erwähnt wird (jedenfalls nicht in den Medien).

Der Energieeinsatz in der „modernen“ Landwirtschaft lässt sich wie folgt aufteilen: (am Beispiel der USA)

  • 31% für die Düngerherstellung
  • 19% für landwirtschaftliche Maschinen (Feldbearbeitung)
  • 17% für Transport
  • 13% für Bewässerung
  • 8% für Tierhaltung (ohne Futter)
  • 5% für Trocknen der Ernte
  • 6 % für Pestizidherstellung

Der Einsatz von organischen Düngern in der biologischen Landwirtschaft, die quasi als Nebenprodukt ohne zusätzlichen Energieeinsatz in einer Kreislaufwirtschaft entstehen,  ist also schon für sich alleine eine gewaltige Verbesserung der Energie- und Stoffbilanz und ein Beitrag zum „Klimaschutz“.

Dass durch den intensiven Einsatz von Agrochemie aber langfristig auch die Bodenfruchtbarkeit abnimmt ist ein Riesenproblem, das viel zu wenig beachtet wird. Die leichte Verfügbarkeit der Nährstoffe wirkt wie ein „Doping“ im komplexen Bodenleben. Die Mikroben vermehren sich explosionsartig, was wiederum den Abbau der organischen Substanz beschleunigt, wodurch vermehrt Kohlendioxid freigesetzt wird. Der ganze Stoffkreislauf wird also auf „Turbo“ gesetzt, was damit endet, dass die organische Substanz immer weniger wird und auch die Bodenorganismen abnehmen, weil der natürliche Regulationsprozess nicht mehr funktioniert. Es kommt zu Bodenverdichtung (auch die Folge schwerer Maschinen), der Boden kann weniger Wasser und Nährstoffe  speichern, die Wurzeln der Pflanzen verkümmern (u.a. auch weil die Symbiose mit Wurzelpilzen gehemmt ist) usw.

Ohne ein ausgewogenes Verhältnis zwischen organischer Masse, Bodenlebewesen und Verfügbarkeit von Mikro-Nährstoffen (die sich alle gegenseitig beeinflussen, dazu kommen natürlich noch andere Faktoren wie das Wetter, die Bodenbearbeitung /  Pflege, negative Umwelteinflüsse (z.B. Industriegifte) u.v.a. nimmt die Bodenfruchtbarkeit ständig ab.  Das „lineare“ Denken, das Frederic Vester schon vor dreißig Jahren angeprangert hat, ist aber immer noch vorherrschend, weshalb die Reaktion auf diese Probleme  völlig falsch ist und den Prozess der Bodendegradierung noch beschleunigt (positive Rückkopplung).

Man bringt noch mehr Dünger aus und wundert sich dann, warum die Erträge nicht mehr gesteigert werden können, während die Produktionskosten weiter nach oben gehen. Nicht selten ist es an diesem Punkt, dass Bauern erkennen, in welche Sackgasse die industrielle Landwirtschaft führt und dass die Kosten – Nutzenbilanz eindeutig negativ ausfällt.

Der hohe Einsatz von Stickstoffdünger hat aber auch für den „Klimawandel“ verheerende Folgen, denn aus dem Ackerboden entweichen Stickoxide, die im Vergleich zum Kohlendioxid   200 mal effektiver sind). Diese Stickoxide sind für  mehr als 40% der Treibhausgase verantwortlich, die die Landwirtschaft erzeugt.

Doch wie oft in einem komplexen System, dessen Selbststeuerung durch menschliche Eingriffe unterminiert wird, kommt es zum Aufschaukeln ungewollter Effekte: Denn die Abnahme organischer Masse behindert nicht nur die Nährstoffaufnahme der Pflanzen sondern reduziert auch die Kapazität des Bodens als Kohlenstoffspeicher. Ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Stickstoff und Kohlenstoff kann nicht mehr gewährleistet werden.

Nach konservativen Schätzungen hat die organische Masse um etwa 1-2% abgenommen (in der etwa 30 cm dicken Humusschicht). Das klingt ziemlich mickrig. Doch hochgerechnet auf die gesamte Ackerfläche sind das etwa 200 Millionen Tonnen. Ohne diesen Verlust könnten etwa  330 Millionen Tonnen Kohlendioxid aus der Luft gefiltert und im Boden gespeichert werden.

Versuchen wir nun, den Einsatz von synthetischen Düngern als Paradebeispiel für lineares Denken (man fokussiert auf  eine Ursache  und  eine Wirkung) und die Missachtung des Systemcharakters darzustellen:

Logik für Simple Minds: (die reduktionistische Betrachtung der Natur als Maschine….)

  • Prämisse: Pflanzen brauchen Nährstoffe, die sie dem Boden während des Wachstums entziehen
  • Schlussfolgerung:  ersetzt man diese Nährstoffe durch Dünger, (N, P, K), ist ewige Fruchtbarkeit garantiert; je mehr Dünger, desto größer die Ernte, oder wie?

Völlig ignoriert:

  • Welche anderen Faktoren  beeinflussen die Bodenfruchtbarkeit?
  • Welche Effekte hat der Dünger- und Pestizideinsatz auf diese Faktoren (und damit die Bodenfruchtbarkeit)?
  • Welche Regelkreise werden durch den menschlichen Eingriff  gestört?
  • Welche schädlichen Wirkungen entstehen dadurch (oft zeitverzögert )?
  • Welche „Führungsgröße“ (Ziel) bestimmt das menschliche Verhalten (der Produzenten)?  Maximierung des Ertrags >> Profitstreben
  • Von welchen Zielen werden die ökologischen Regelkreise gesteuert?
  • Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit und Artenvielfalt, Stabilität der Ökosysteme, Stabilität des Mikroklimas,  des Wasserhaushaltes, etc.

Doch die Steigerung der Erntemengen ist noch aus anderer Sicht eine Illusion:  Die Pflanzen mögen schneller wachsen, doch die neuen „Hochleistungssorten“ sind weniger wert, als die alten, lokal angepassten Sorten. Warum? Weil sie  weniger Mineral- und Nährstoffe enthalten als früher und weil sie weniger aushalten (an Umweltstress).

In einer Dokumentation („Je suis mal à la terre“) von ARTE, die schon vor einiger Zeit gezeigt wurde, konnte man sehen, dass der angebliche „Fortschritt“ keiner ist: Ein Getreidebauer in Frankreich hat sich auf den Anbau alter Weizensorten (nach „alten“ Methoden, also eigentlich biologisch, spezialisiert (man könnte auch sagen, er hat damit experimentiert, denn offiziell ist dieser Anbau sogar verboten!). Diese sind rein optisch sofort von den modernen Sorten zu unterscheiden: Die Getreidehalme sind sehr hoch (1,50 – 1,70 m), knicken aber trotzdem nicht so leicht um und sind resistenter gegen Pilzkrankheiten.

Sie sind für die maschinelle Verarbeitung in Großbäckereien nicht geeignet, weil sie einen höheren Eiweißanteil haben. „Moderne“ Sorten wurden ja für diese Erfordernisse gezüchtet:

  • durch das Düngerdoping schossen die Halme zunächst in die Höhe, wodurch sie bei Wind leicht umknickten. Deshalb mussten auch „Wachstumshemmer“ eingebaut werden.
  • durch das Ammoniumnitrat (Stickstoff) werden die Wände der Pflanzenzellen aufgedunsen und dünn. Die Pflanze ist durch das „Turbowachstum“ geschwächt und anfällig für Krankheiten.
  • Durch die kurzen, sehr dicht beieinander stehenden Ähren wird zusätzlich die Entstehung von Pilzkrankheiten gefördert. Also mussten Fungizide her.
  • Durch die „modernen“ Monokulturen hatten Schädlinge ein Festmahl (ohne Feinde) vor sich, also mussten Insektizide her, usw.

Das Ende vom Lied sind Weizensorten, die sich prima von und in Maschinen verarbeiten lassen, aber weniger Eiweiß enthalten, als die alten Arten und auch der Mineralstoffgehalt ist gegenüber ökologisch intakten Böden reduziert.  Das heißt also, wir müssen mehr Weizen essen, um die gleiche Menge der Nährstoffe zu bekommen, die in den alten Sorten enthalten waren. Dafür bekommen wir aber Pestizidrückstände „gratis“ dazu ….

Ähnliche Zustände gelten für Gemüse und Obst:  2003 wurde in England ein Bericht veröffentlicht, der zu folgenden Ergebnissen kam: Zwischen 1940 und 1990 betrug der Verlust an Mineralstoffen bei Gemüse im Durchschnitt:  (die Vergleichswerte stammten aus einer Studie aus dem Jahr 1940  des Medical Research Councils, dessen Forschung später vom  britischen Landwirtschaftsministerium fortgeführt wurde)

  • 24% Magnesium
  • -46% Calcium
  • -27% Eisen
  • 76% Kupfer

Nach diesen Untersuchungen müsste man heute  z.B.  8-10 Tomaten essen, um die  gleiche Menge Kupfer aufzunehmen, als mit einer Tomate aus dem Jahr  1940*Das ist doch „Fortschritt“, oder nicht?

(* Quelle: „We Want Real Food“ / Graham Harvey, Chapter 4, page 52)

Fortsetzung folgt ….

Quellen: 

Earth Matters (GRAIN Report)

Millenium Assessment

Agroecology and the Search for a Sustainable Agriculture


Papst, Hunger, Kaffee und Wirtschaftslügen

Gedanken zu Medienberichten über den  Welternährungsgipfel in Rom: Warum nimmt der Hunger zu?  Who cares? Wer verarscht hier wen?

In seiner Rede zum Amtsantritt am 20. Jänner 1949 sprach der amerikanische Präsident Harry Truman  zum ersten Mal von der wichtigen Aufgabe, die unterentwickelten Gebiete der Welt am wissenschaftlichen und industriellen Fortschritt teilhaben zu lassen, um durch die Ausweitung des Welthandels Armut und Hunger zu beenden und den Frieden  zu sichern.

Diese Rede kann wohl als Startschuss für das gelten, was heute als „Entwicklungshilfe“ bekannt ist, doch diese entpuppte sich bald als Trojanisches Pferd für Marktmacht und ökonomische Diktatur …

Bis 1960 wurde mehr als ein Drittel des globalen Weizenhandels über US „Food Aid“ (subventionierte Preise) abgewickelt. Ende der 1960er Jahre gingen  80% der US-Exporte in die „Dritte Welt“. So wurden Eingriffe in die globale Nahrungsmittelversorgung ein nicht unerheblicher Part amerikanischer Außenpolitik. Doch auch die EU ist mittlerweile auf diesem Pfad erfolgreich unterwegs und terrorisiert mit ihrem Export- und CAP-Wahnsinn die kleinen Bauern dieser Welt ….

Die „Grüne Revolution“ mit ihren gewaltigen Ertragssteigerungen bedeutete mehr verfügbare Lebensmittel, führte jedoch keinesfalls zu „Ernährungssicherheit“, weil die Selbstbestimmung der Länder über ihre Agrar-, Export- und Wirtschaftspolitik immer weiter unterminiert wurde.

Free Trade“ funktioniert eben nur mit Nötigung und Zwang, das ist die Ironie … (siehe Karl Polanyi: The Great Transformation)

Stattdessen wurden neue Abhängigkeiten geschaffen: die multinationalen Konzerne der Agrochemie verdienten mit ihren synthetischen Düngern und Pestiziden nicht nur Milliarden, sie gewannen gleichzeitig eine wachsende Zahl von „Agro-Junkies“, die ohne ihre „Infusionen“ in die Äcker nicht mehr auskamen und ständig mehr davon verwenden mussten, weil die Bodenfruchtbarkeit langfristig durch den Einsatz dieser Chemikalien sowie die intensive Bewirtschaftung (Monokulturen, Herbizide, etc.) abnimmt. Doch das alles wird im Irrenhaus der Ökonomie unter „Effizienz- bzw. Produktivitätssteigerung“ geführt, denn die sozialen und ökologischen Kosten werden einfach „externalisiert“

Dass die überwältigende Mehrheit der Hungernden und Unterernährten selbst Bauern sind bzw. in der Landwirtschaft arbeiten, scheint auch nicht weiter aufzufallen ….  (siehe Vandana Shiva u.a.)

Ein sehr effektives Mittel zur Kontrolle der Nahrungsmittelproduktion auf internationaler Ebene sind  natürlich die Kredite, deren Vergabe an strenge Auflagen (SAP) geknüpft wurde, die dem internationalen Bankenkartell (bekannt als IWF und Weltbank) und den transnationalen Konzernen (vertreten durch WTO) möglichst ungehinderten Zugang zu den Ressourcen  und Märkten der „unterentwickelten“ Länder garantieren sollten und ein Herr von Schuldsklaven ….

Unter dem Deckmantel der „Entwicklungshilfe“,  angeblichem Kampf gegen Armut, etc. wurde die Handels- und Agrarpolitik also zu einem Machtinstrument für die finanziellen und wirtschaftlichen Eliten dabei wurde massiv in das Selbstbestimmungsrecht der schwächeren Staaten eingegriffen: „Food Sovereignity“ ist das Recht von Gemeinden, Regionen und Ländern, ihre eigene Landwirtschafts- und letztlich auch Wirtschaftspolitik festzulegen, deren Prioritäten von den Bedürfnissen der eigenen Bevölkerung geleitet werden und nicht von ökonomischer Ideologie und den Machtinteressen der transnationalen Konzerne, die das gegenwärtige System zu ihren Gunsten konzipiert haben.

Diese „Souveränität“ schließt auch Ernährungssicherheit (im Bezug auf Produktion, Verteilung, Qualität, umweltverträgliche Anbaumethoden, die langfristig die Bodenfruchtbarkeit und unverzichtbare Ökosysteme erhalten) ein.

Doch weder das Bevölkerungswachstum noch die angeblich zu geringe Produktivität der Landwirtschaft sind das eigentliche Problem, sondern das Festhalten an einer irrsinnigen Ideologie: Wachstum & Wettbewerb (sprich: Marktbeherrschung, Re-Feudalisierung der Welt und Oligopole, die Preise diktieren und die Armut verschärfen) Natürlich ist auch der westliche Konsumwahn (sprich: „Wachstum“), die Verfütterung von 60% des Getreides an tierische Produktionsmaschinen (als Lebewesen werden sie ja nicht mehr behandelt) in industriellen Gulags (CAFOs), die Perversion der forcierten Erzeugung von „Biotreibstoff“ für prestigeträchtigen Schwachsinn wie SUVs, (der wieder mit Erdöleinsatz und  massiver Umweltzerstörung hergestellt wird…), die steuerliche Bevorzugung des Flugverkehrs, die Subvention von Kohle und Atom und vieles mehr Ausdruck des Irrenhauses, in dem wir leben und das uns als rationale Wirtschaftspolitik verkauft wird ….)

Undemokratische Organisationen wie die WTO, die Weltbank und der IWF – aber auch die EU – haben Strukturen gefördert, die unvereinbar sind mit dem Selbstbestimmungsrecht der Völker, den Menschenrechten und den ökologischen Imperativen, die die Säulen unsere Lebensgrundlagen bilden. Sie haben die Armut und damit den Hunger (bzw. Mangelernährung) vergrößert und quasi zementiert, und gleichzeitig die astronomischen Gewinne der dominanten Marktakteure ermöglicht.

Dies soll an einem konkreten Beispiel dargestellt werden, einem Produkt, das wir wohl alle gerne konsumieren:

Kaffee

Was kostet ein Kilo guter Kaffee für den Konsumenten im Einzelhandel?  Etwa 10 Euro, also etwa 15 US-Dollar. Raten Sie mal, wie viel davon bekommt wohl der Kaffeebauer? Wieviel davon der Kaffeeexporteur? Ein Drittel, ein Viertel? Weit gefehlt.

Schauen wir uns die Verhältnisse am Beispiel der Kaffeepreise in Uganda an. Nach den Monatsberichten der  „Uganda Coffee Development Authority“ brachte der Export von einem Kilo Rohkaffee im Schnitt

Juli 2008:       2,15 Dollar / kg

September      2,10 Dollar / kg

Dezember       1,63 Dollar / kg

Mai 2009        1,53 Dollar / kg

In Euro ausgedrückt hat sich der Exportpreis also in 10 Monaten von EUR 1,43 auf EUR 1,02 reduziert (wobei natürlich auch der Wechselkurs eine Rolle spielt). Er ist also um 29% gefallen. Auch wenn man weiter zurückgeht und die Entwicklung über Jahre anschaut, die Tendenz ist immer die gleiche: die Preise fallen und fallen und das ist natürlich kein Zufall, denn das ganze System des „Welthandels“ ist so angelegt, dass die Erzeugerpreise fallen müssen, dass gewaltige Überschüsse entstehen, die den großen Händlern und Verarbeitern ständig fallende Einkaufskosten bescheren, während der Preis für den Konsumenten nicht gesenkt wird oder sogar steigt, sodass es ein Kinderspiel ist, in diesem System ständig steigende Gewinne zu machen (siehe Nestlè & Co.)

Die verzweifelten Bauern versuchen natürlich die Verluste durch Steigerung der Produktion wettzumachen, werden also mehr oder weniger dazu gewzungen, was aber letztlich den Preisverfall wieder beschleunigt. In diesem System kann der Produzent NUR verlieren. Die Zahlen aus Uganda zeigen auch diese systemische Ausbeutung auf:

Im Jänner 2009 wurde nur  8%  weniger Rohkaffee exportiert als im Jänner des Vorjahres, aber der Wertverlust war 23%. Im May 2009 nahm die Exportmenge gegenüber dem Vergleichsmonat um 4,7% ab, aber der finanzielle Verlust war bereits 31,3%. Zwischen Oktober 2008 und Jänner 2009 wurde das Exportvolumen um 7% gegenüber dem Vorjahr gesteigert, aber die Einnahmen stiegen nur um 0,66%.

Dieser eingebaute Abwärtstrend hat natürlich fatale Folgen für diese Länder, deren Exporte zu einem Löwenanteil aus der Landwirtschaft bestritten werden. Denn obwohl sie den „Rat“ der „Freihandelstheologen“ befolgten (IWF, Weltbank, WTO, EU) und vermehrt „Cash Crops“ exportierten, kommen sie aus der Schuldenfalle nicht heraus. Warum? Obwohl die Exporte ständig ausgeweitet werden, sinken die Einnahmen, aber gleichzeitig steigen die Produktionskosten (schon alleine durch die steigenden Energiepreise).

Das können nur Großbetriebe überleben, aber der weitaus größte Anteil in den „Entwicklungsländern“ sind natürlich Kleinbauern, die diesen unfairen Preiskampf nicht lange durchstehen. Ende der 1990er Jahre fiel der Welt-Kaffeepreis in vielen Fällen unter die Produktionskosten. Aber aus Sicht der neoliberalen Prediger ist auch das kein Problem: Entweder die Bauern bringen sich massenweise um (wie in Indien – das freut die Malthusianer ….), oder sie wandern in die Slums der Großstädte, wo sie bereit sind, unter sklavenähnlichen Bedingungen  in Sweatshops und anderen menschenverachtenden Systemen zu arbeiten. So garantiert der „Welthandel“ immer eine Reservearmee von verzweifelten Menschen, die bereit sind, unter unmenschlichen Bedingungen für das Wohl der Konzerne zu arbeiten.

Aber wie viel bekommt denn nun der Kaffeebauer selbst für seine Bohnen? In Uganda sind es derzeit etwa 35 Eurocent pro Kilo (zwischen 1000 und 1200 ugandische Schillinge) – wir erinnern uns, der Exporteur bekommt etwa 1 Euro und wir zahlen dafür etwa 10 Euro. Der Preis ist also um mehr als das 28-fache gegenüber dem Erzeuger gestiegen. Handel und Verarbeitung ist das große Geschäft, aber der Produzent, der das größte Risiko hat und seine Familie von diesem ständig und heftig schwankenen Einkommen ernähren muss, bekommt nur die sprichwörtlichen „Peanuts“, also so gut wie nichts.

Stellen Sie sich mal ihr, ihr Einkommen würde trotz harter Arbeit kontinuierlich sinken, unter das Existenzminimum und sie könnten nichts dagegen machen….

Was passiert, wenn die Bauern in Uganda aufgeben müssen? Kein Problem, die Weltbank und andere „Entwicklungshelfer“ sorgen schon für Ersatz. So wurde z.B. in Vietnam eine super-billige (minderwertige) Kaffeeproduktion gefördert, die die Preise noch weiter in den Keller trieb und nebenbei noch große Urwaldgebiete zerstörte (was natürlich den Klimawandel forcierte) – mehr dazu weiter unten.

Deutschland feierte kürzlich den 20. Jahrestag des Falls der Berliner Mauer, aber für die Menschheit insgesamt war das – aus heutiger Sicht – kein Grund zum Feiern. Warum nicht?

Schon wenige Monate nach dem Mauerfall, zog sich die USA vom so genannten ICA, ein internationales Handelsabkommen für Kakao und Kaffee, das Ende der 1960er Jahre unter Führung der UNabgeschlossen worden war, zurück und in der Folge  kündigten auch andere Länder ihre Teilnahme auf, so dass die Kontrolle der Produktionsmengen und damit einigermaßen stabile Erzeugerpreise nicht mehr funktionierte. Die Folge waren dramatische Preisverluste für die Bauern, hunderttausende wurden in den Ruin getrieben, viele brachten sich um, oder mussten ihr Land auf der Suche nach Arbeit, verlassen.

Die historische Fakultät der Universität in Santa Cruz (Kalifornien) hat eine kleine Geschichte des Kaffeeanbaues auf ihrer Website veröffentlicht. Darin heißt es u.a.:

„Der Rückzug der USA aus dem ICA war symptomatisch für die globalen wirtschaftlichen Veränderungen in der Zeit nach Ende des kalten Krieges, die gravierende Auswirkungen auf den Kaffeehandel hatten. Ohne die Bedrohung des Kommunismus sahen von den USA geführte Organisationen wie der IWF und die Weltbank keinen Grund mehr, marktradikale, neoliberale Wirtschaftspolitik auf kleiner Flamme schmoren zu lassen. Das Streben nach Profiten musste jetzt nicht mehr wegen der Bedürfnisse nach sozialer Gerechtigkeit  gezügelt werden, denn das „Ende der Geschichte“ war gekommen. Jetzt konnte man endlich voll zuschlagen ….

Voller Sieg des Kapitalismus, keine Gefahr mehr durch den gescheiterten Soviet-Sozialismus (der natürlich mit Marx’schen Ideen einer neuen Gesellschaft relativ wenig zu tun hatte …)

IWF und Weltbank haben großzügig Kredite an „Entwicklungsländer“ vergeben, um damit Infrastrukturprojekt zu finanzieren (dieses Geld floss zum größten Teil wieder an die Geberländer zurück, weil deren Konzerne die Projekte durchführten), die meistens überdimensioniert waren und kaum der eigenen Bevölkerung nutzten. Als Bedingung mussten „Strukturanpassungs-programme“ (SAP) durchgeführt werden, die den Abbau von Sozialprogrammen und Preisstützungen für Nahrungsmittel; Deregulierung und Privatisierung verlangten.  Exportwaren mussten direkt auf dem Weltmarkt verkauft werden, mit einem Minimum an Steuern und Zöllen.

Die verheerenden Effekte der neoliberalen Politik sind am Beispiel Vietnams zu sehen:

Anfang der 1990er Jahre erhielten die Bauern hohe Kredite um den Kaffeeanbau dramatisch auszuweiten. Dabei wurde nicht nur Regenwald und die dazugehörige Fauna weitgehend zerstört, sondern auch viele indigene Gruppen vom Land ihrer Väter vertrieben, die mit und vom Regenwald gelebt hatten, und den unschätzbaren Wert dieses Ökosystems nicht so gering achteten, wie die vermeintlichen Vertreter des „Fortschritts“.

Im August 2000, attackierten mehr als 150 Mitglieder der Edeh in der Provinz  Dak Lak (zentrales Hochland) eine Kaffeefarm, zerstörten Häuser und brannten zwei Hektar mit Kaffeesträuchern nieder. Obwohl die Regierung hart durchgriff und sogar das Militär einsetzte, eskalierte der Widerstand und tausende gingen auf die Straße, ja blockierten sogar ganze Straßen, um gegen diese menschenverachtende Form der „Entwicklung“ zu protestieren. Nach zwei Wochen mussten sie sich geschlagen geben … (Ähnliche Szenen spielen sich natürlich an vielen Orten der Welt ab, wo der „Fortschritt“ und die „Entwicklung“ auf Kosten der Menschen durchgesetzt werden, aber in den Medien erfährt man davon so gut wie nichts…)

Und die vietnamesischen Kaffeebauern? Haben die wenigstens etwas gewonnen? Schön wär’s.

Um diese Kredite zurückzahlen zu können, mussten sie den Kaffee so schnell wie möglich auf den Weltmarkt bringen. Diese Kaffeeflut bewirkte einen dramatischen Preisverfall mit verheerenden Folgen für hunderttausende Bauern weltweit. Während die Proponenten dieses Systems behaupten, dieser Irrsinn hätte tausende Arbeitsplätze in Vietnam geschaffen, ist die traurige Wahrheit, dass die Kaffeebauern in Vietnam aus der Schuldenfalle nicht mehr herauskommen. Schwankungen der Währung und der Zinsen hängen wie ein Damoklesschwert über ihnen und die Banker dieser Welt strahlen: denn der IWF ist in Wahrheit ein Bankenkartell unter Führung des US-Finanzministeriums… Dass diese Herren „systemrelevant“ sind, egal welche horrenden Schäden sie auf der Welt anrichten, wurde ja erst kürzlich wieder gezeigt … Too Big to Fail (Firmen), too Small to Survive (Menschen) …die Tragik der modernen „Wirtschaft“

Man darf ja auch nicht vergessen, dass die „Plantage“ ja Ausdruck und Ergebnis der kolonialen Ausbeutung war und ohne die brutale Sklaverei, die großen Gewinne mit Zuckerrohr, Kaffee, Kakao, Baumwolle nicht möglich gewesen wären. Diese Denkschule der „Plantagenwirtschaft“ gibt es noch heute, sie ist nur etwas subtiler und heißt heute „Globalisierung“ und auch sie braucht Arbeitssklaven ….nur die Ketten wurden abgeschafft uns durch unsichtbare „Zwänge“ ersetzt ….

Zwischen 2000 und 2004 sanken die Kaffeepreise wegen der bewusst geförderten Überproduktion auf ein absolutes Rekordtief (die Bauern bekamen weniger als 1960!), wodurch 25 Millionen Menschen, die vom Kaffeeanbau leben, in eine extreme Notlage gerieten und ihre Familien ins Elend gestürzt wurden. Die Weltkaffeeproduktion im Jahr 2002 betrug etwa 116 Millionen Säcke (à 60 kg), während nur fünf Millionen dieser Säcke konsumiert wurden.  Die von der Weltbank geförderte Ausweitung der  Kaffeeproduktion in Vietnam um das 14-fache war also ein Anschlag auf die Überlebensfähigkeit der Kleinbauern zugunsten der stark steigenden Gewinne der fünf großen Kaffeeverarbeiter und des konzentrierten Einzelhandels.

Der Kaffeeabsatz stagniert im Großen und Ganzen, die reichen Länder trinken ohnehin schon mehr als vielleicht aus gesundheitlicher Sicht gut für sie ist. Trotzdem wird die Produktion weiter ausgeweitet, das muss zu weiteren Preisverfällen führen, damit die Gewinnspannen trotz stagnierender Umsätze weiter steigen …. Es ist nie genug … Die Investoren wollen doch steigende Renditen sehen, wo die in einer begrenzten Welt herkommen, interessiert nicht ….

Nach dem Hinscheiden des ICA, ist der Anteil der Erzeugerländer am Profit des Kaffeegeschäftes  von 40% auf ca. 12% gesunken. Das große Geschäft ist die Veredelung, die zur Gänze in den westlichen Industrieländern stattfindet. Nur die „Fair Trade“ Produkte sind ein Ansatz, den Produzenten ein Einkommen zu gewährleisten, von dem sie auch leben können.

Das globale Kaffeegeschäft dreht sich inzwischen um mehr als 140 Milliarden Dollar (zweitgrößter Handelswert an den Terminbörsen), nach Erdöl das lukrativste Geschäft mit Rohstoffen, die durch die Verarbeitung gigantische Gewinne bescheren ….

Die Kaffeebauern der Welt werden gegeneinander ausgespielt (wen kann man noch mehr auspressen, wo gibt es noch brutalere Produktionsbedingungen, noch weniger Ansprüche auf Menschenrechte, etc.) und die großen Food-Multis (eine Handvoll beherrscht den Markt) kassieren gigantische Gewinne. Das ist das gern ignorierte wahre Wesen von „Wettbewerb“ und „Wachstum“, von dem neoliberale Politiker ständig schwärmen ….  „Wachstum“, das über Leichen geht …

Papst Benedikt hat in seiner Rede zum Welternährungsgipfel etwas sehr wichtiges gesagt:

Es ist nötig, sich [folgende Dingen] entgegenzustellen:

  • jene Formen der „Hilfe“, die schweren Schaden in der Landwirtschaft anrichten,
  • jene Sicht der Nahrungsproduktion, die nur auf Konsum ausgerichtet ist und den größeren Kontext [soziale und ökologische Folgen] völlig außer Acht lässt und besonders
  • der Gier, die das hässliche Gesicht der Spekulation sogar in der Vermarktung von Getreide auftauchen lässt, als ob Lebensmittel wie jede andere Ware zu behandeln seien …

Damit hat er einen zentralen Punkt getroffen, der in der endlosen Debatte über den Hunger in der Welt, so gut wie nie erwähnt wird. Denn natürlich sind Lebensmittel etwas besonderes, weil sie unverzichtbar sind. Man kann als „Konsument“ Macht ausüben, wenn man bewusst eine Ware nicht kauft, aber auf Essen kann niemand verzichten.

Dass Lebensmittel wie Socken oder Nägel behandelt werden, verdanken wir der WTO und dem „Agreement on Agriculture“. Dass nur mehr der Papst echte Kritik an den systemischen (und moralischen) Ursachen von Hunger und Armut übt, während unsere Journalisten nur mehr die „Talking Points“ wiederholen, die irgendwelche (von den Konzernen gesteuerten) Think-Tanks bzw. deren Gesandte („Experten“) ihnen vorsetzen, ist ein Trauerspiel der besonderen Art.

Sie reden über Bevölkerungsexplosion, Biosprit, fehlenden Investitionen und Korruption, aber die systemischen Ursachen von Armut und Hunger – die verheerende Wirtschafts- und Handelspolitik des  neoliberalen Marktkultes, die gewollte Konzentration von Profit und Macht in den Wirtschafts- und Finanzeliten, die auf Handlanger-Dienste reduzierte Rolle der Politik, die bewusst in Kauf genommene hohe Arbeitslosigkeit, die „beschränkte Haftung“ der Wirtschaftsführer für nie dagewesene ökologische Zerstörung, Plünderung öffentlicher Haushalte  und soziale Verelendung, all das ist kein Thema für sie.

Die Verzweiflung und Stigmatisierung von Hartz IV-Beziehern,  die bedrohte Existenz (auch unserer) Bauern, mehr als 150.000 Selbstmorde alleine in Indien – no Big Deal.. Aber wenn sich ein Fußballer umbringt, ist nationale Trauer  und große Betroffenheit angesagt …

Der Journalist als Autist, als Medienschaf, das mit den anderen im Chor blökt …. (Agenturmeldungen wiederkäuen und möglichst Denken vermeiden ….) und wir hungern nach Wahrheit ….

P.S. Es gibt noch wenige Ausnahmejournalisten, die uns wirklich helfen, die Welt besser zu verstehen und die Hintergründe zu erkennen, z.B. HIER., sollten wir solche raren Dokumente der Pressefreiheit nicht durch Abos der Printversion unterstützten?  …. Diese Zeitung hat finanzielle Probleme (kein Wunder, denn sie ist völlig unabhängig und keine Massenware ….) und dennoch kann man das Online-Archiv gratis benutzen, weil eben nicht das Profitmotiv im Vordergrund steht ….

Bio oder Bullshit – Teil 2 (Fleisch & Klima)

organic_farming_365-773444Eine Studie der TU München (Lehrstuhl für Ökologischen Landbau) hat sich u.a. mit folgenden  Fragen befasst:

Kann der ökologische Landbau einen wirksamen Beitrag zum Klimaschutz leisten? Wie hoch sind die Emissionen von Treibhausgasen im ökologischen Landbau im Vergleich zu anderen Landnutzungsformen? Wie hoch sind der Energieeinsatz und die Energieeffizienz im ökologischen Landbau?

Daraus nur einige (editierte)Auszüge

[…] „Durch Photosynthese werden jedes Jahr etwa 60 Milliarden Tonnen C in der pflanzlichen Biomasse gebunden. Ein Teil dieser Biomasse gelangt in die Böden und trägt zur Kohlenstoff-Speicherung im Humus bei. Etwa die gleiche Menge wird jährlich durch Bodenmikroorganismen wieder veratmet und an die Atmosphäre abgegeben. Damit wäre der Kreislauf geschlossen. Durch menschliche Einflüsse wird der globale C-Kreislauf massiv verändert.

Allein durch die Nutzung fossiler Energieträger werden jährlich 6,3 Milliarden Tonnen als Kohlendioxid emittiert, durch massive Eingriffe in die Landschaft (z. B. Rodung tropischer Wälder) weitere 1,7 Milliarden Tonnen. Ungefähr die Hälfte dieser CO2-Emissionen wird in Ozeanen und in terrestrischen Senken (wie Wälder) gebunden.“

[…] In der Landwirtschaft müssen – wie in jedem Wirtschaftsbereich – Möglichkeiten zur Energieeinsparung genutzt werden. Ein wichtiges Bewertungskriterium landwirtschaftlicher Systeme ist daher der Einsatz fossiler Energie je Flächen- bzw. Produkteinheit.

[…] Die Kohlenstoff-Speicherung im Humus landwirtschaftlich genutzter Böden ist eine Option zur Minderung des CO2-Anstiegs, die weltweit diskutiert wird. Humus besteht zu etwa 58 % aus Kohlenstoff, der aus der Atmosphäre stammt. Wenn der Humusgehalt von Böden durch geeignete Maßnahmen (Fruchtfolge, Düngung, Bodenbearbeitung) erhöht wird, kommt es zur C-Akkumulation. 

Neben CO2 sind Methan (CH4) und Lachgas [Folge der Stickstoffdüngung] als Treibhausgase bedeutsam, deren Konzentration seit 1750 um 148 % bzw. 18 % zunahm (IPCC 2007). Obwohl diese Mengen verglichen mit Kohlendioxid sehr klein sind, müssen sie beachtet werden, da ihr Treibhauspotenzial um ein vielfaches größer ist.

Ergebnisse (verkürzte Darstellung ohne „Wissenschaftsjargon“)

Es „besteht ein linearer Zusammenhang zwischen Energieinput und Treibhauspotenzial“, d.h. also je höher der Einsatz fossiler Energien (in Form von Mineraldüngern, Pestiziden, etc.) desto höher der Beitrag zum Treibhauseffekt. Aber auch die bessere Humusbildung bei Biolandbau spielt eine entscheidende Rolle, weil der Humus – wie oben erwähnt -Kohlenstoff bindet.

„ Aufgrund eines geringeren Stickstoff und Energieeinsatzes wurden für die ökologischen Betriebe deutlich geringere Stickoxid- und Kohlendioxid-Emissionen als für die integrierten Betriebe berechnet“ [letztere erzeugen fast dreimal soviel Treibhausgase wie Biobetriebe]

Bezogen auf die Produktivität ist das Verhältnis natürlich weniger extrem, weil konventionelle Betriebe höhere Erträge pro Hektar produzieren – aber um welchen Preis?

Wollen wir höhere Erträge pro Hektar für ein paar Jahrzehnte, die nur unter ständig steigendem Einsatz von Energie und Chemie (sprich Umweltschäden) möglich sind (und natürlich auch den Preisverfall beschleunigen) oder nachhaltige Landwirtschaft, die die Bodenfruchtbarkeit erhält und nicht von der Agro-Chemie abhängig ist? Auf den Punkt gebracht, wollen wir eine langfristig destruktive Landwirtschaft, die unsere Lebensgrundlagen zerstört oder eine, die lebensnotwendige Leistungen der Ökosysteme bewahrt?

In einem Bericht des  IAASTD („Agriculture at a Crossroads“) heißt es dazu:

„ Agriculture generates large environmental externalities, many of which derive from failure of markets to value environmental and social harm and provide incentives for sustainability.“

AMAZON-DEFORESTATION/Die konventionelle (industrialisierte) Landwirtschaft produziert nur scheinbar „billiger“, denn die riesigen Probleme und Umweltschäden, die sie verursacht, werden „externalisiert“, also der Gesellschaft  insgesamt aufgebürdet, während die marktbeherrschenden Erzeuger, Händler und Verarbeiter große Profite einstecken. Doch auf dem Altar des „Marktes“ wird weiter von praktisch allen politischen Parteien geopfert, denn man kann sich – durch ideologisch induzierte Blindheit – dem schwachsinnigen Dogma von „Wachstum und Wettbewerb“ nicht entziehen und auch die Medien machen schön brav mit, dafür sorgt schon Bertelsmann und andere „think tanks“, die getarnt als„Stiftungen“ Politik, Wirtschaft und Medien als  „Berater“ zur Seite stehen….

Dass ein System, das ständig wachsen muss, um nicht zu kollabieren, sich langfristig selbst zerstört, ist schon lange bekannt (siehe z.B. Small ist Beautiful), aber man macht munter weiter, bis zum bitteren Ende – selbst jetzt, wo sich eine ökologische Katastrophe ohne Gleichen ankündigt. („Klimawandel“ ist dafür ein verharmlosender Euphemismus)

Der o.a. Bericht befasst sich natürlich auch mit den Auswirkungen des ständig steigenden Fleischkonsums bzw. des Konsums an tierischen Produkten:

Panorama kritisiert zu Recht, dass die Haltung tausender Hühner mit der Bio-Ethik unvereinbar ist (obwohl man einräumen muss, dass es diesem Geflügel immer noch viel besser geht, als den gequälten Käfighühnern, zerflederten Puten, Enten, etc. in finsteren, stinkenden Hallen, wo sie über ihre toten Artgenossen stolpern und nie das Licht der Sonne geschweige denn ausreichende Bewegung erleben…)

Viele Probleme, die wir heute bewältigen müssen, können nicht von heute auf morgen angegangen werden, aber die Massentierhaltung und ihre verheerenden Folgen für Umwelt, Tier- und Menschengesundheit, sowie die dadurch verhinderte, gerechte Verteilung der Nahrungsmittel  könnte relativ schnell beendet werden:

Der Fleischkonsum (aber auch – nicht ganz so dramatisch – der Konsum von Eiern, etc.) in den Industrieländern muss dramatisch reduziert werden, damit die  pflanzlichen Kalorien (in Form von Getreide) den Menschen zur Verfügung stehen, die sie zum Überleben brauchen und damit die ultimative Umwelt- und Klimakatastrophe verhindert werden kann.

Dass inzwischen Urwälder gerodet werden, damit unsere Masttiere mit Millionen Tonnen von Soja (das noch dazu fast nur mehr als transgenes Saatgut vorhanden ist) gefüttert werden, ist ein ökologischer und landwirtschaftpolitischer Wahnsinn, der aufhören muss. (Mehr zur globalen Handelspolitik, die diese bedrohliche Entwicklung fördert in den Links am Ende dieses Beitrags)

Da man niemand zwingen kann, weniger Fleisch zu essen, muss die Lenkung über den Preis erfolgen (Bewusstseinsbildung ist natürlich auch wichtig): Die viel zu niedrigen Fleischpreise sind ein Irrsinn und bilden in keiner Weise die gesellschaftlichen Kosten ab, die durch die Intensivmast entstehen, auch hier wird also massiv externalisiert“.

Das perverse System „füttert sich selbst“: die Ungerechtigkeiten sind systemimmanent – Bauern mutieren zu Mega-Mästern, weil immer größere Fleischmengen zu immer niedrigeren Preisen gewünscht sind. Es gilt also die Produktivität zu steigern, immer größere Einheiten – eben die Massentierhaltung, in der Tiere nur mehr als Produktionsmaschinen gesehen werden, sind die Folge. Dieses immer größer werdende „Output“ hat aber natürlich einen weiteren Preisverfall zur Folge, was wieder dazu anregt, noch mehr Tiere zu halten, usw.  Ein endloser, teuflischer Kreislauf, der unsere Lebensgrundlagen zerstört und den Tieren grausame Lebensbedingungen beschert, die (zu viele Tiere auf zu engem Raum) die Natur dann durch mutierte Viren zu beseitigen sucht (wie z.B. „Vogelgrippe die in Wahrheit natürlich eine neue Variante der altbekannten Geflügelpest ist)

Neben den massiven Umweltproblemen (u.a. durch Gülleseen und Mistberge, Dauereinsatz von Antibiotika, Förderung von Tierseuchen, etc.) ist der häufige Fleischkonsum (und auch zu viel tierisches Eiweiß in anderer Form) ja auch ein Grund für gesundheitliche Probleme– und das in einer Zeit, wo die Gesundheitssysteme kaum noch finanzierbar sind.

Dringend nötig wäre es auch (mit Ausnahme von Sarah Wiener, die in der Lage ist, über den kulinarischen Tellerrand hinaus zu denken), den immer mehr werdenden TV-Promi-Köchen klarzumachen, dass die Herkunft und Produktionsbedingungen ihrer Zutaten, vor allem aber die Dauerpräsenz von Fleisch in ihren Rezepten, ein Zeichen beunruhigender Ignoranz ist, die wir uns nicht mehr leisten können….

Zum Abschluss noch ausgewählte Erkenntnisse aus  ‚Natur und Kultur: Transdisziplinäre Zeitschrift für ökologische Nachhaltigkeit‘, Ausgabe 2/2 (2001), Seiten 60-81.: „Ausgewählte ökologische Auswirkungen unseres Ernährungssystems am Beispiel Klimaschutz“

Steigender Fleischkonsum und die Folgen: Zahlen und Fakten

[…] Bemerkenswert ist, dass allein bei der Erzeugung von Rindfleisch und Milchprodukten etwa 60% der klimawirksamen Emissionen der Landwirtschaft entstehen.

Gegenwärtig werden weltweit an die 18 Milliarden Tiere gemästet. Davon sind rund eine

Milliarde Schweine, 1,3 Milliarden Rinder, 1,8 Milliarden Schafe und Ziegen sowie 13,5 Milliarden Hühner. Ein Viertel der Festlandoberfläche der Erde wurde in Weideflächen umgewandelt. In Südamerika werden pro Rind etwa 1,8 ha Regenwald gerodet. Die Weltfleischproduktion lag 1999 bei 217 Millionen Tonnen, 1950 waren es noch 44 Millionen. Neben dem enormen Tierleid, das man hinter solchen Zahlen nur erahnen kann, bedeuten diese großen Tierbestände auch ein erhebliches Umweltproblem.

[…] Weltweit stieg der Fleischkonsum pro  Kopf von 17 kg im Jahre 1950 auf 36 kg im Jahre 1999. Doch der Verbrauch ist ungleich verteilt: In den westlichen Industrieländern werden pro Kopf und Jahr 87 kg Fleisch, 213 kg Milchprodukte, 71 kg Gemüse und 572 kg Getreideprodukte verbraucht. In den ‘Entwicklungsländern’ liegen die Zahlen pro Kopf und Jahr bei 23 kg Fleisch, 42 kg Milchprodukten, 72 kg Gemüse und 249 kg Getreideprodukten.

Wenn man den gesamten Ernährungssektor – inkl. Verarbeitung, Transport und Zubereitung –

betrachtet, zeigt sich: Die Fleischwirtschaft inklusive der Milchwirtschaft ist für den größten Teil der Klimabelastungen verantwortlich. Dagegen ist der Energieaufwand der Pflanzenproduktion fast vernachlässigbar. Der energetische Vergleich zwischen einem Fleischlaibchen und einem Getreidelaibchen (je 250 g) verdeutlicht dieses Faktum: […] Isst man also ein Fleischlaibchen, verursacht man eine fast 13- mal stärkere Klimabelastung als beim Verzehr eines Getreidelaibchens. Dabei ist bemerkenswert, dass die Emissionen beim Getreidelaibchen zu über 80% beim Verbraucher erzeugt werden, während sie beim Fleischlaibchen zu über 90% von der Tierproduktion bedingt sind.

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[…] 1 kg Fleisch ist bis zu zehnmal umweltbelastender als 1 kg Gemüse. Prinzipiell ist die ‘Veredelung’ von Pflanzen zu Fleisch sehr energieintensiv. Denn eine Kalorie Rindfleisch verbraucht ca. 10 Kalorien Getreide, bei Schweinefleisch ist das Verhältnis 1:3, bei Eiern 1:4 und bei Milch 1:5 . Innerhalb der Fleischproduktion gibt es verschiedene Energieintensitäten.

Bio-Geflügelfleisch hat den geringsten Energieverbrauch aller Fleischarten (vgl. Jungbluth 2000, 218).

1 kg Rindfleisch verursacht 10,7 kg CO2-Äquivalente, 1 Kilogramm eines konventionell gemästetes Huhn kommt auf 2,9 kg CO2-Äquivalente (vgl. Taylor 2000, 67). Bei der Fleischproduktion im Rahmen der Intensivtierhaltung sind nicht nur die Energieverluste bei der ‘Veredelung’ problematisch, auch die Art der Tierhaltung setzt überproportional Klimagase frei.

[…] neben den CO2-Emissionen aus der Umwandlung von Primärenergieträgern entstehen weitere spezifisch landwirtschaftliche Emissionen: CH4 aus der intensiven Rinderhaltung sowie N2O-Emissionen bei der Düngemittelherstellung und bei der Düngung selbst. Addiert man all diese Emissionen, die den Primärenergieeinsatz nicht beeinflussen, ergibt sich eine hohe zusätzliche Klimabelastung. […]

Wenn man eine Kuh nach dem In- und Output bewertet, also danach, was als Nahrungsmittel

aufgenommen und dann über die Verdauung abgegeben wird, kommt man rechnerisch zu

folgendem Ergebnis: Eine ‘glückliche Kuh’ auf der grünen Wiese emittiert mehr CH4 als eine Kuh in der Massentierhaltung, der – unter anderem – Soja aus Brasilien gefüttert wird!

Diese Aussage ist zwar alleine betrachtet korrekt, aber es ist notwendig, mehrere Aspekte zu berücksichtigen, wie z.B. die Auswirkungen der Sojamonokulturen in Brasilien und

anderswo, die ebenfalls Treibhausgase produzieren.

Im Rahmen des Klimaschutzes müssen unsere Nutztiere als Lebewesen gesehen werden und nicht als Durchlaufmaschinen von Klimagasen. Das sind grundlegende Fragen, die im Zusammenhang von

Klimaschutz und Ernährung unbedingt geklärt werden müssen.

[…]Eine Analyse der globalen Umweltsituation muss die ökonomischen Gesichtspunkte des Ernährungssystems einbeziehen. Insbesondere die

Handelsverflechtungen und Verteilungsprozesse zwischen Industrie- und Entwicklungsländern sind dabei von Bedeutung.

Besonders der internationale Handel mit Futtermitteln veranschaulicht die Fehlentwicklung unseres Ernährungssystems in seiner globalen Dimension. ‘Kraftfutter’ ist die Basis der Intensivtierhaltung und wird nach den Rezepten des ‘freien Marktes’ zusammengestellt. Doch die Kräfte des ‘freien Marktes’ haben es geschafft, dass die ‘Kaufkraft’ der Futtertröge unserer Nutztiere größer ist als jene vieler Menschen in der Dritten Welt. Anstatt Nahrungsmittel für die Eigenversorgung anzubauen, werden daher Exportkulturen forciert.

Aufgrund des hohen Fleischkonsums werden unsere Nutztiere, die früher für Menschen Unverwertbare fraßen (wie z.b. Heu) mit

zusätzlichem Kraftfutter gemästet. Dadurch sind unsere Nutztiere Nahrungskonkurrenten geworden: Weltweit gehen 36% der Getreideernte und 70% der Sojaernte in die Mägen von Tieren. Selbst ein Drittel der Milchprodukte dient bereits der Mast.

[…]

Der Verzicht auf ‘Kraftfutter’, das nach den Rezepten des ‘freien Marktes’ zusammengestellt wurde, und die Hinwendung zur biologischen Landwirtschaft schützt daher nicht nur den Regenwald und das Weltklima, sondern erhält auch die bäuerlichen Strukturen – weltweit!

Daher sollte das Ziel sein: nicht importiertes Soja statt Tiermehl, sondern Biolandbau statt Massentierhaltung.“ (Ende des Auszugs)

FAZIT

Der „Markt“ (jene Akteure, deren Interessen ihn beherrschen) bringt uns letztlich alle um, wenn wir weiterhin lebenswichtige Entscheidungen über politische Rahmenbedingungen für die Landwirtschaft, die Preisgestaltung und die sich konzentrierenden Handelsstrukturen jenen erbärmlichen Gestalten (Politikern, die nur den Status Quo erhalten wollen, damit sie anschließend durch die „Drehtür“ – als Dank für erwiesene Treue –  in die Industrie wechseln können) überlassen, die unfähig sind, den unverzichtbaren Paradigmenwechsel auch nur zu erkennen, geschweige denn, ihn umzusetzen… (das gilt auch für die gesamte Wirtschaftspolitik und die Energiepolitik)

Wie viele Bauern müssen noch demonstrieren, ihre Milch wegschütten oder aufgeben, damit sich endlich etwas ändert? Wie viele „Fleischskandale“ muss es noch geben? Wie lange wird die verheerende Landwirtschaftspolitik der EU noch als gottgegeben akzeptiert (von der WTO ganz zu schweigen)?

Anstatt sich über die angebliche Naivität der Biokunden lustig zu machen, sollten unsere Journalisten endlich einmal den Mut haben, dieses Wirtschaftssystem und seine ideologischen Grundlagen zu hinterfragen.

Aber wie man auch am Beispiel der „Bankenkrise“ gesehen hat, Systemkritik ist unerwünscht und wird brav unterlassen. Man beklagt einzelne Probleme und Auswüchse, aber die  „Marktherrschaft“ an sich, wird nicht in Frage gestellt…. Wie denn auch, es treten ja immer dieselben Klone auf („Experten aus Wirtschaftsforschungsinstituten und  einschlägigen „Think-Tanks“, die das neoliberale Credo schon mit der Muttermilch aufgesogen haben…)

„Am Ende ist die Gesellschaft nur mein ein Anhängsel des Marktes … alles wird zu einer Ware degradiert, schließlich das Leben selbst…[siehe z.B.  „Biotechnologie“  und Organhandel)

Karl Polanyi, The Great Transformation

Ohne Ehrfurcht vor dem Leben hat die Menschheit keine Zukunft“

Albert Schweizer

Mehr Infos:  (größerer Kontext)

World Trade – What is wrong with it?

Food Sovereignity – wer bestimmt die Regeln der Landwirtschaft?

Panorama: Bio oder Bullshit?

322437_f260Dies ist eine Replik (ausführliche Argumentation) zur Sendung „Geschäft mit Gutem Gewissen“ der PANORAMA-Redaktion des NDR.

Auf welche Prämissen stützt sich die Kritik, was wird unterstellt?

1) Bio-Kunden sind naiv und ziemlich doof,

weil sie keine Ahnung haben, wie diese Lebensmittel wirklich produziert werden und stattdessen einem verklärten Idealbild („heile Welt“) anhängen, das mit der brutalen (wirtschaftlichen) Realität nichts zu tun hat. Weiters wird unterstellt, dass man mit dieser Wahl „sein Gewissen beruhigen will“ und „egoistisch handelt“, weil man Nahrungsmittel zur Stärkung der eigenen Gesundheit einkaufen möchte.

Allein diese Wortwahl zeigt, wie voreingenommen man ist und wie er von Anfang dazu tendiert, „Bio“ also eine gewisse ethische Grundhaltung, die  Natur- und Umweltschutz mit Landwirtschaft und bewusstem Konsumverhalten verbinden will,  lächerlich zu machen bzw. zu diskreditieren.

Als „Beweis“ für diese Unterstellungen dienen 3 „Soundbites“ von Kunden, die im Bio-Supermarkt einkaufen. Ob diese Meinungen repräsentativ für alle Biokunden sind, oder ob sie gezielt von der Panorama-Redaktion selektiert wurden, bleibt dabei offen.

2) Die Biobranche ist verlogen, intransparent und nicht vertrauenswürdig,

weil sie dubiose Praktiken – wie z.B. das Spritzen von Kupferlösungen oder die Tatsache, dass es Großbetriebe bei der Tiermast gibt – zu verbergen sucht bzw. damit ihre Grundsätze verrät, die den Schutz des Bodens und der Artenvielfalt zum Ziel haben.

Tatsächlich sind die Bio-Bauern von einst eingetreten für eine bessere Landwirtschaft, für eine bessere Welt. Doch Bio-Lebensmittel sind angesichts der riesigen Nachfrage heute Massenware. Und so können die Bio-Bauern von heute das Heile-Welt-Versprechen oft nicht mehr einlösen.“

Dieses „Heile-Welt-Versprechen“ hat nie existiert. Was „Bio“ wirklich sein will, ist eine Art der Landwirtschaft, die nicht gegen die Natur arbeitet und deren einziges Ziel nicht die ständige Steigerung der Produktivität (und damit Reduzierung der „Stückkosten“ und Anwendung industrieller Produktionsmethoden bedeutet), sondern die Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit und der Artenvielfalt ist und in der Tierzucht die Einhaltung bestimmter Prinzipien wie artgerechte Haltung und Fütterung mit biologisch angebauten Rohstoffen.

Was wird in der Sendung konkret angeprangert?

1) Die Panorama Redaktion „deckt auf“: Biolandwirtschaft „behandelt“ ihre Erzeugnisse“ Man spritzt mit „natürlichen Giften“ (wie Kupferpräparaten)– ein Skandal!

Zunächst unterstellt Frau Reschke (siehe Prämisse unter Punkt 1), dass Biokunden tatsächlich glauben, Bioprodukte seien gänzlich unbehandelt. (Weil ein einziger Kunde gesagt hatte, er bevorzuge Lebensmittel die „pur“ und „unverfälscht“ seien). Wir hören einige Kunden, die erklären, warum sie im Biomarkt einkaufen, z.B. eine Mutter:

Wir wollen uns gesund ernähren.  Ich finde, dass man an Obst oft auch merkt, dass es gespritzt ist und dass würde ich meiner Tochter nicht zumuten wollen.“

Reschke: „Bio ist also unbehandelt, rein – pur, das jedenfalls denken die meisten Kunden. Aber wieso sehen dann Bioäpfel genauso schön glatt aus, wie konventionelle? Macht der Wurm etwa einen Bogen um den Bioapfel?

Wir erinnern uns: als die Biolandwirtschaft ganz am Anfang war,  waren die Produkte EBEN NICHT MAKELLOS, die Äpfel klein, oft schrumpelig oder fleckig – auch darüber machten sich die Medien lustig: diese doofen Biofreaks, zahlen mehr Geld für diese mangelhafte Ware! Im Lauf der Zeit lernten die Biobauern dazu, es gab neue Züchtungen, neue Erkenntnisse für den vorbeugenden Pflanzenschutz, etc. sodass heute sehr schöne Ware angeboten wird, was aber nicht automatisch bedeutet dass sie „gespritzt“ wurde bzw. werden muss. Mehr dazu später – jetzt zurück zu PANORAMA:

Kamera auf  Tafel: Kompetenzzentrum Obstbau – Bodensee, darunter Schuhmacherhof Ravensburg – Bavendorf

Reschke: Hier kann man sehen, wie es einem Apfel geht, wenn er wirklich pur und unbehandelt wachsen darf.“ – „Wie sieht denn nun so ein Baum aus, wenn man den nicht spritzt?“

Reschke geht mit Herrn Christian Scheer (vorgestellt als Pflanzenschutzexperte) durch die Obstplantagen und lässt sich einen Apfelbaum zeigen, dessen Früchte völlig verschorft sind (Schorf ist eine Pilzkrankheit). Wir erfahren, dass Obst „so aussieht, wenn man keine Behandlung  (= „Spritzen“) durchführt und das (wäre) dann„… natürlich, – so sieht es aus, wenn man nichts macht.“

Der Zuschauer muss also den Eindruck gewinnen, ohne „Spritzen“ würde kein gesunder Apfel existieren bzw. die Früchte, die es gäbe, wären unverkäuflich. Jeder, der selbst einen Obstgarten hat oder Bauern kennt, die noch Obstbäume (vor altem alte Sorten) haben, wird wissen, dass es sehr wohl möglich ist, auch ohne „Spritzen“, schöne (nicht immer makellose) und gesunde Äpfel zu erhalten. Sie sind vielleicht kleiner als die handelsüblichen, aber sehr saftig und haben feste Zellwände (sie sind richtig „knackig“).

Die Gefahr von Pilzkrankheiten nur auf die „Behandlung“ mit Spritzmitteln (also bei Bio natürliche Fungizide), zu reduzieren, ist eine unzulässige Vereinfachung des Problems und äußerst irreführend. Dass die Sortenauswahl, die Standortwahl (Klima & Niederschläge, Waldnähe, etc.), die Bodenbearbeitung, die Vermeidung von dichten Monokulturen, etc. eine ebenso wichtige Rolle bei der Prävention von Pilzkrankheiten spielen, wird völlig vernachlässigt.

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Auch das „Kompetenzzentrum Obstbau“) weiß natürlich, dass die Darstellung des Schorfproblems viel zu einseitig und plakativ ist. So findet sich auf der Homepage dieser „Stiftung“ ein Dokument, das sich mit der „Eignung schorfresistenter Sorten für die Mostapfelproduktion“ befasst, darin heißt es u.a.: „In den letzten Jahren kamen eine Reihe krankheitsresistenter Apfelsorten auf den Markt“ ( gedacht für „Tafeläpfel“, also jene Äpfel, die wir unverarbeitet kaufen und um die es im Beitrag ging).

Ein zentrales Thema bei der Vermeidung (bzw. Förderung) von Pilzkrankheiten und anderen Problemen, ist also u.a. (siehe oben) die Sortenwahl und vor allem die Artenvielfalt. Durch die Industrialisierung der Landwirtschaft wurde (auch bei der Züchtung) immer mehr Augenmerk auf die Steigerung der Erträge gelegt, was – gefördert durch Monokulturen – oft auf Kosten der Widerstandskraft gegen Krankheiten und Schädlinge ging. Dies konnte der Agro-Chemie nur recht sein, denn dadurch boomte der Absatz von Pestiziden. Das es bei dieser Art der „Landwirtschaft“ (gegen die Natur) nur eine Frage der Zeit ist, bis sich Resistenzen einstellen, ist auch bekannt. Dann muss das nächste Gift her ….

Panorama interessiert dieser Kontext nicht so erfahren wir auf die Frage Frau Reschkes, was denn nun gegen diesen Schorf helfe: „Im Ökolandbau wird Kupfer verwendet. Kupfer ist ein relativ breit wirkendes Fungizid mit einer guten Wirkung gegen den Schorf….“

Reschke: Wer also einen knackigen, hübschen Apfel kauft, muss wissen: der ist gespritzt – auch bei Bio. Das gilt auch für anderes Bio-Obst, Weintrauben, Pflaumen.“

Panorama liefert also hier eine Schlussfolgerung, die auf einer unwahren  Prämisse beruht. Auch hier ist erkennbar, dass offenbar vorgefasste Meinungen bestätigt werden sollen, um die Glaubwürdigkeit von „Bio“ zu unterminieren, wobei bewusst suggeriert wird, dass zwischen „Spritzen“ mit synthetischen Pestiziden bzw. mit natürlichen, seit Jahrzehnten verwendeten Mitteln (wie Kupferpräparaten) kein Unterschied besteht – weder in der Wirkung auf Boden und Ökosysteme noch in der Auswirkung auf die Gesundheit.

Reschke: …“ aber Spritzmittel, das verkauft sich halt nicht gut, denn es ist genau die Angst vor Pestiziden auf konventionellem Obst und Gemüse, die Menschen reihenweise in die Biomärkte getrieben hat.“

Schnitt – Zurück zu den Kundeninterviews im Biomarkt:

Reschke: Haben Sie Angst vor Pestiziden?“

„Auf jeden Fall, ja.“ (Kontext fehlt) Kunde um die 30  (der mit „pur, unverfälscht) –

Man weiß nicht, was die Wirkungen sind. (älterer Mann)“

Ich habe keine Lust, außer Getreide auch noch Pestizide zu mir zu nehmen, wo ein Totenkopf auf der Dose war“. (junge Frau)

Reschke: „Die Bilder von früher stecken noch in den Köpfen, als Bauern noch spritzten nach dem Motto „viel hilft viel“ aber sind gespritzte Lebensmittel auch heute noch wirklich ein Problem für die Gesundheit? Das Bundesinstitut für Risikobewertung testet Giftstoffe und forscht seit Jahrzehnten wie sich das Risiko der Pflanzenschutzmittel verändert hat.

Reschke: Ist denn diese Angst vor Pestiziden in Deutschland begründet?

Ursula Banasiak„Ich würde sagen, unsere Lebensmittel sind sicher. Es ist eine gewisse Pestizid-Hysterie, die Verbraucher haben Angst davor, vor diesen Rückständen, aber ich denke, die Risiken, die sich daraus ergeben, haben wir im Griff.“

Wie hat sich den nun „das Risiko für PSM verändert? Worin besteht es überhaupt? Welche Studien gibt es darüber? Es gibt keine Antworten, weil es keine kritischen Fragen gibt.

Was heißt denn dass „die Lebensmittel sind sicher“? Dass es keine akute Vergiftungsgefahr gibt, ist klar (dazu sind die Rückstände von Pestiziden zu gering – außer bei denen, die sie (leichtfertig oder unwissend) anwenden) – aber was ist mit Langzeitfolgen, mit synergetischen Effekten? So hat z.B. die EU eine Online-Datenbank eingerichtet, in der tausende Wirkstoffe, die in Pestiziden enthalten sind, auf ökotoxikologische bzw. biochemische (physiologische) Wirkungen abgefragt werden können (interessanterweise in mehreren Sprachen aber nicht in Deutsch!!!) Aber was ist mit der Wechselwirkung mehrerer Substanzen, mit chronischen Effekten?

Hat sich die Panorama-Redaktion mit diesen Themen auseinandergesetzt? Hat man Toxikologen und Umweltmediziner über die langfristige Wirkung dieser Substanzen befragt? Hat man Ökologen hinzugezogen, die über die unerwünschte Akkumulation gefährlicher Stoffe aus diesen „Spritzmitteln“ in der Umwelt  eine fachliche Auskunft geben können? Offenbar nicht. Stattdessen wieder eine „foregone conclusion“ bzw. unkritische Wiedergabe der Einschätzung eines der „größten Gemüsebauern Deutschlands“, Herrn Behr (ist der repräsentativ für die vielen kleineren Biobauern oder die Bioverbände in Deutschland?) und eines Statements des Umweltbundesamtes, nach dessen Ansicht Kupfer eigentlich verboten gehört“.

Frau Reschke erklärt uns weiter, dass der gesamte Bio-Hopfen- bzw. Bioweinbau ohne Kupfer nicht möglich wäre (das stimmt zwar grundsätzlich, aber auch hier ist ein größerer Kontext notwendig, um die Zusammenhänge und Risiken zu verstehen – mehr dazu später)

PANORAMA – VIDEO: TRANSCRIPT

Behr: „Bio wird genauso, wird auch gespritzt, sonst könnten sie mit den Schädlingen gar nicht klar kommen, ohne Spritzen geht das auch nicht.

Reschke: „Ohne Spritzen würde dieser Salat z.B. vom falschen Mehltau befallen, ein Pilz, der ein ganzes Feld vernichten kann. Alle chemischen Fungizide verbietet Bio, also geht nur Kupfer. Das gilt nach Bioverständnis als natürliches Gift.

Herr Behr: „Kupfer ist ein Naturprodukt, aber wir wissen alle, dass es nicht ständig in die Natur gehört. Kupfer ist schon ein problematisches Teil…

Reschke: „ Kupfer wird… auch im konventionellen Landbau eingesetzt?“

Behr: „Nein, das nehmen wir nicht mehr. Es ist zwar erlaubt, die Wirkung ist derartig schlecht, das wäre dann wirklich Umweltverschmutzung.“

Tobias Frische (UBA):

Kupfer ist ein giftiges Schwermetall. Es geht vor allem in den Boden und dort schädigt es das Bodenleben – Bodenorganismen und langfristig auch die Bodenfruchtbarkeit. In diesem Punkt widerspricht der Ökolandbau – oder handelt gegen seine eigenen Prinzipien, die er sich auf die Fahne geschrieben hat, dass er den Boden nachhaltig behandeln möchte, schützen möchte und – für seine langfristige Fruchtbarkeit sorgen.

Was sagen denn nun andere Quellen über die Verwendung des Kupfers?

Wie gefährlich ist diese Praktik denn wirklich und nehmen die Bioverbände und Biobauern diese Risiken wirklich auf die leichte Schulter bzw. versuchen sie zu verbergen?

Kupferhaltige Mittel werden seit mehr als 100 Jahren als Pflanzenschutzmittel eingesetzt. eine So galt z.B. eine Mischung aus Kalk, Kupfersulfat und Wasser, die so genannte „Bordeauxbrühe“ war bis vor wenigen Jahrzehnten das wirksamste Mittel gegen Pilzkrankheiten wie den Falschen Mehltau an Weinrebe und Hopfen oder die Kraut- und Knollenfäule an der Kartoffel. Durch die „modernen“ Errungenschaften der Agro-Chemie wurde Kupfer natürlich immer mehr verdrängt und durch neue Fungizide ersetzt. Aber auch hier kommt es bei Dauereinsatz zu Resistenzen, deshalb können auch konventionelle Betriebe auf  kupferhaltige Pflanzenschutzmittel nicht verzichten.

Die Aussage von Herrn Behr  „Nein, das nehmen wir nicht mehr“ ist also irreführend, denn sie kann nicht stellvertretend für den konventionellen Anbau generell gelten (noch dazu ohne abzuklären welche Kulturen genau gemeint sind), werden aber von Panorama zur Untermauerung ihrer einseitigen Darstellung der Kupferproblematik benutzt.

Als essentielles Spurenelement ist Kupfer in seinen Verbindungen bzw. als Ion an zahlreichen vitalen biologischen Prozessen bei Pflanzen, Tieren und Menschen beteiligt. Die toxische Wirkung von Kupfer beruht auf Proteinbindung und verursacht Funktionsstörungen, z. B. Enzymhemmungen.

Kupfer ist – im Gegensatz zu synthetischen Pestiziden – ein natürliches Element, das an sich nicht schädlich ist. Es kommt natürlich – wie fast immer – auf die Dosis an und ob es zu unerwünschten Ansammlungen in Ökosystemen,  z.B. in Böden oder Gewässern kommt.

Die Bioverbände sind sich der Kupfer-Problematik durchaus bewusst und man versucht seit Jahren die Mengen bzw. die Anwendungshäufigkeit zu reduzieren.. Zur Risikobewertung muss man die ausgebrachten Mengen und ihre Wirkung aber relativieren: Wer hat wirklich den größten Beitrag zur Belastung der Böden bzw. der Gewässer mit Kupfer geleistet?

So wurden  noch in den 1960 Jahren im konventionellen Hopfenanbau in Deutschland bis zu 60 kg Kupfer pro Hektar und Jahr ausgebracht, von den 1970er bis Ende der 1990ere Jahre zwischen 40 und 15 kg / ha jährlich, während  heute die Gesamtmenge im Öko-Hopfenbau bereits auf 4 kg pro Hektar und Jahr (bei Obst 3 kg) begrenzt ist.

Das ist eine Reduzierung von ca. 1.200 Tonnen (Kupferprodukte) für 9.000 ha auf heute 160 Tonnen für ca. 18.000 ha Anbaufläche.

Das Umweltbundesamt sieht u.a. durch die Kupferausbringung eine hohe Gefährdung für Regenwürmer, verkürzt stellt sich die Sache so dar: wo häufig Kupfer gespritzt wird (z.B. in Hopfenkulturen), nimmt die Regenwurmpopulation dramatisch ab.

Dazu gibt es aber eine Untersuchung aus Bayern (aus der Hallertau, einem Zentrum des Hopfenanbaus), die zeigt, dass diese simple Darstellung so nicht richtig ist, weil es natürlich noch andere Faktoren gibt, die die Zahl der Regenwürmer beeinflusst:

So wurden z.B. in einem Testgebiet nur 3 Regenwürmer pro m² gezählt, was natürlich sehr mickrig ist. Im selben Boden wurde aber durch Gründüngung und Bodenabdeckung  eine Steigerung auf 144 Regenwürmer festgestellt, das entspricht einer Steigerung um das 48-fache! Diese Zahlen stammen aus den 1980er Jahren, wo noch wesentlich mehr Kupfer ausgebracht wurde, als heute, ist also die Panikmache wirklich gerechtfertigt?

Das Umweltbundesamt kommt in seiner aktuellen Einschätzung zu dem Ergebnis, dass die weitere Anwendung von Kupferpräparaten nicht vertretbare Auswirkungen auf den Naturhaushalt insbesondere auf Vögel, Kleinsäuger, Regenwürmer und aquatische Organismen haben kann, hat aber selbst in einer Studie festgestellt, dass die Kupferspritzung (vor allem in der Biolandwirtschaft) einen sehr geringen Anteil an der gesamten Kupferbelastung hat.

Verglichen mit anderen Emissionsquellen sind die Mengen aus dem Biolandbau geradezu lächerlich klein:

Unter der Rubrik „Schwermetalleinträge über Wirtschaftsdünger“  (Seite 27 der Publikation) erfahren wir, dass alleine aus Gülle und Mist von Tiermastbetrieben (Rinder, Schweine, Geflügel) 2.300 Tonnen Kupfer enthalten!

An zweiter Stelle kommt der Abrieb von Bremsbelägen durch Kfz mit 797 Tonnen, dann folgt der Klärschlamm mit rund 450 Tonnen, dann kommt der konventionelle Landbau mit etwa 300 Tonnen Kupfer (durch Spritzung), dann Mineraldünger mit etwas mehr als 60 Tonnen und erst dann die Biolandwirtschaft mit geschätzten 20 Tonnen!

Hier sieht man bereits, welche Verzerrung die Darstellung in Panorama bewirkt, wenn der entsprechende Kontext fehlt.

Weiters muss man sich fragen: Was passiert denn in den anderen EU-Ländern? Steht das Umweltbundesamt hier alleine da mit seiner Bewertung des Risikos?

Die efsa, die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit kommt zum Schluss, dass es noch Forschungsbedarf für die langfristigen Auswirkungen auf Regenwürmer, Bodenorganismen, Bienen und Wasserorganismen gibt, räumt aber ein, dass Kupfer in bestimmten Konzentrationen für Wasserlebewesen sehr giftig ist.

Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Verbraucherschutz schreibt dazu auf seiner Homepage:

„Hier gibt es eine Entscheidung mit Auswirkungen auf Zulassungen in Deutschland: Bezüglich Kupfer hat die Europäische Kommission einen Vorschlag vorgelegt, der vorsieht, Kupfer für sieben Jahre in den Anhang I der Richtlinie 91/414/EWG aufzunehmen, unter anderem mit der Maßgabe, dass die Mitgliedstaaten bei der Zulassung kupferhaltiger Pflanzenschutzmittel die Aufwandmenge und die Anzahl der Anwendungen auf das notwendige Minimum beschränken. Dieser Vorschlag fand in der Sitzung des zuständigen Ausschusses am 22./23. Januar 2009 die Zustimmung der Mitgliedstaaten. Explizit genannt sind in dem Aufnahmevorschlag fünf Kupferverbindungen (Kupferhydroxid, Kupferoxychlorid, Kupferoxid, Bordeaux-Gemisch und Kupfersulfat); die Europäische Kommission versteht die Entscheidung aber so, dass sie auch andere Verbindungen beinhaltet, sofern deren Äquivalenz nachgewiesen ist. In Deutschland sind aktuell zwei Pflanzenschutzmittel mit Kupferhydroxid, eines mit Kupferoxychlorid und zwei mit Kupferoktanoat zugelassen.“

In der Publikation „Zukunftsfähige Pflanzenschutzstrategien für den Ökologischen Landbau“ schreibt Peter Röhrig vom   Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft u.a.:

„Für zahlreiche Hopfen-, Wein- und Obstbauern in Deutschland, die über viele Jahre ihre Öko-Betriebe aufgebaut haben, gibt es derzeit keine Alternative zu Kupfer und der Einsatz von Kupfer als Pflanzenschutzmittel bleibt unverzichtbar. Ohne die Möglichkeit es anwenden zu können, stünden ihre Betriebe vor dem Aus. Auch umstellungswilligen Betrieben im Bereich der Dauerkulturen kann vor dem Hintergrund der momentanen Unsicherheiten bei der Kupferverfügbarkeit nur schwerlich zur Umstellung geraten werden. Die Ausweitung des Ökolandbaus ist damit deutlich gebremst.

… Für unsere Betriebe ist es nicht verständlich, weshalb in anderen EU-Ländern Kupfer weiter in breitem Umfang angewendet werden kann und in Deutschland erhebliche Einschränkungen gelten. Ein faktisches Anwendungsverbot in Deutschland führt zu einer Verlagerung der Öko-Produktion in andere Länder. Deutsche Betriebe müssen aufgeben, die notwendigen Kupferpräparate werden anderswo angewendet. Es käme also nicht zu einer wirklichen Reduktion… Ein fortschreitendes Verbot der Kupferanwendung wird dazu führen, dass die Öko-Produktion bestimmter Kulturen nicht oder kaum noch stattfinden wird. Damit werden der angewandten Forschung die Grundlagen entzogen, alternative Präparate zu entwickeln. Der Ökolandbau wird so in die Sackgasse geführt.“

Hier wird ein wichtiger wirtschaftpolitischer Aspekt angeführt, der PANORAMA auch interessieren sollte: Wer hat ein Interesse daran, dass Biolandbau nicht weiter wächst und wenn doch, dann nur in großbetrieblichen Strukturen, die industrielle Produktionsmethoden anwenden um Kosten zu senken?

Aus Sicht jener Industrien, die mit der Beherrschung des Saatgut-Marktes, der Konzentration in der Agro-Chemie, dem Verkauf immer größerer Maschinen, (auch Banken, die Kredite dafür hergeben) etc. Unsummen verdienen und damit immer größere Abhängigkeiten der Erzeuger schaffen, ist der weitgehend entscheidungssouveräne Biolandwirt ein unerwünschtes Objekt, an ihm lässt sich kaum etwas verdienen und er ist in der Lage, selbständig zu denken und gegen den Strom zu schwimmen. Man muss hier unterscheiden zwischen den wirklichen „Bio-Bauern“, die noch mit ihrem Land und ihren Tieren verbunden sind und ethische Grundsätze haben und den reinen „Mästern“ oder  Gemüse- / Getreidebaronen, die nur deshalb „Bio“ anbauen, weil sie in diesem wachsenden Marktsegment mehr Anteile gewinnen wollen. Mittlerweile gibt es ja schon Betriebe, die Aktiengesellschaften sind…..

In einem Punkt muss man der Panoramaredaktion völlig Recht geben: die Haltung von tausenden Hühnern, Enten oder Schweinen ist mit der Bioethik völlig unvereinbar und eine unerwünschte Entwicklung, die gestoppt werden muss (mehr dazu im nächsten Beitrag), aber durch welche (globalen und europäischen) politischen Strukturen die Konzentration immer größerer Betriebe gefördert wird, das hinterfragt die Redaktion nicht.

Mehr dazu im nächsten Beitrag.

Buchempfehlungen und weitere Infos:

We Want Real Food von Graham Harvey

Earth Democracy / Geraubte Ernte von Vandana Shiva

Stuffed & Starved  von Raj Patel

FAO: Benefits of Organic Farming

UNCTAD: Benefits of Organic Farming

Soil Association: Biodiversity and Organic Farming

Organic Farming could feed Africa

http://www.tporganics.eu/upload/TPOrganics_OrganicKnowledgefortheFuture.pdf

http://www.ifoam.org/about_ifoam/principles/index.html

http://www.small-farm-permaculture-and-sustainable-living.com/advantages_and_disadvantages_organic_farming.html