Panorama: Bio oder Bullshit?

322437_f260Dies ist eine Replik (ausführliche Argumentation) zur Sendung „Geschäft mit Gutem Gewissen“ der PANORAMA-Redaktion des NDR.

Auf welche Prämissen stützt sich die Kritik, was wird unterstellt?

1) Bio-Kunden sind naiv und ziemlich doof,

weil sie keine Ahnung haben, wie diese Lebensmittel wirklich produziert werden und stattdessen einem verklärten Idealbild („heile Welt“) anhängen, das mit der brutalen (wirtschaftlichen) Realität nichts zu tun hat. Weiters wird unterstellt, dass man mit dieser Wahl „sein Gewissen beruhigen will“ und „egoistisch handelt“, weil man Nahrungsmittel zur Stärkung der eigenen Gesundheit einkaufen möchte.

Allein diese Wortwahl zeigt, wie voreingenommen man ist und wie er von Anfang dazu tendiert, „Bio“ also eine gewisse ethische Grundhaltung, die  Natur- und Umweltschutz mit Landwirtschaft und bewusstem Konsumverhalten verbinden will,  lächerlich zu machen bzw. zu diskreditieren.

Als „Beweis“ für diese Unterstellungen dienen 3 „Soundbites“ von Kunden, die im Bio-Supermarkt einkaufen. Ob diese Meinungen repräsentativ für alle Biokunden sind, oder ob sie gezielt von der Panorama-Redaktion selektiert wurden, bleibt dabei offen.

2) Die Biobranche ist verlogen, intransparent und nicht vertrauenswürdig,

weil sie dubiose Praktiken – wie z.B. das Spritzen von Kupferlösungen oder die Tatsache, dass es Großbetriebe bei der Tiermast gibt – zu verbergen sucht bzw. damit ihre Grundsätze verrät, die den Schutz des Bodens und der Artenvielfalt zum Ziel haben.

Tatsächlich sind die Bio-Bauern von einst eingetreten für eine bessere Landwirtschaft, für eine bessere Welt. Doch Bio-Lebensmittel sind angesichts der riesigen Nachfrage heute Massenware. Und so können die Bio-Bauern von heute das Heile-Welt-Versprechen oft nicht mehr einlösen.“

Dieses „Heile-Welt-Versprechen“ hat nie existiert. Was „Bio“ wirklich sein will, ist eine Art der Landwirtschaft, die nicht gegen die Natur arbeitet und deren einziges Ziel nicht die ständige Steigerung der Produktivität (und damit Reduzierung der „Stückkosten“ und Anwendung industrieller Produktionsmethoden bedeutet), sondern die Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit und der Artenvielfalt ist und in der Tierzucht die Einhaltung bestimmter Prinzipien wie artgerechte Haltung und Fütterung mit biologisch angebauten Rohstoffen.

Was wird in der Sendung konkret angeprangert?

1) Die Panorama Redaktion „deckt auf“: Biolandwirtschaft „behandelt“ ihre Erzeugnisse“ Man spritzt mit „natürlichen Giften“ (wie Kupferpräparaten)– ein Skandal!

Zunächst unterstellt Frau Reschke (siehe Prämisse unter Punkt 1), dass Biokunden tatsächlich glauben, Bioprodukte seien gänzlich unbehandelt. (Weil ein einziger Kunde gesagt hatte, er bevorzuge Lebensmittel die „pur“ und „unverfälscht“ seien). Wir hören einige Kunden, die erklären, warum sie im Biomarkt einkaufen, z.B. eine Mutter:

Wir wollen uns gesund ernähren.  Ich finde, dass man an Obst oft auch merkt, dass es gespritzt ist und dass würde ich meiner Tochter nicht zumuten wollen.“

Reschke: „Bio ist also unbehandelt, rein – pur, das jedenfalls denken die meisten Kunden. Aber wieso sehen dann Bioäpfel genauso schön glatt aus, wie konventionelle? Macht der Wurm etwa einen Bogen um den Bioapfel?

Wir erinnern uns: als die Biolandwirtschaft ganz am Anfang war,  waren die Produkte EBEN NICHT MAKELLOS, die Äpfel klein, oft schrumpelig oder fleckig – auch darüber machten sich die Medien lustig: diese doofen Biofreaks, zahlen mehr Geld für diese mangelhafte Ware! Im Lauf der Zeit lernten die Biobauern dazu, es gab neue Züchtungen, neue Erkenntnisse für den vorbeugenden Pflanzenschutz, etc. sodass heute sehr schöne Ware angeboten wird, was aber nicht automatisch bedeutet dass sie „gespritzt“ wurde bzw. werden muss. Mehr dazu später – jetzt zurück zu PANORAMA:

Kamera auf  Tafel: Kompetenzzentrum Obstbau – Bodensee, darunter Schuhmacherhof Ravensburg – Bavendorf

Reschke: Hier kann man sehen, wie es einem Apfel geht, wenn er wirklich pur und unbehandelt wachsen darf.“ – „Wie sieht denn nun so ein Baum aus, wenn man den nicht spritzt?“

Reschke geht mit Herrn Christian Scheer (vorgestellt als Pflanzenschutzexperte) durch die Obstplantagen und lässt sich einen Apfelbaum zeigen, dessen Früchte völlig verschorft sind (Schorf ist eine Pilzkrankheit). Wir erfahren, dass Obst „so aussieht, wenn man keine Behandlung  (= „Spritzen“) durchführt und das (wäre) dann„… natürlich, – so sieht es aus, wenn man nichts macht.“

Der Zuschauer muss also den Eindruck gewinnen, ohne „Spritzen“ würde kein gesunder Apfel existieren bzw. die Früchte, die es gäbe, wären unverkäuflich. Jeder, der selbst einen Obstgarten hat oder Bauern kennt, die noch Obstbäume (vor altem alte Sorten) haben, wird wissen, dass es sehr wohl möglich ist, auch ohne „Spritzen“, schöne (nicht immer makellose) und gesunde Äpfel zu erhalten. Sie sind vielleicht kleiner als die handelsüblichen, aber sehr saftig und haben feste Zellwände (sie sind richtig „knackig“).

Die Gefahr von Pilzkrankheiten nur auf die „Behandlung“ mit Spritzmitteln (also bei Bio natürliche Fungizide), zu reduzieren, ist eine unzulässige Vereinfachung des Problems und äußerst irreführend. Dass die Sortenauswahl, die Standortwahl (Klima & Niederschläge, Waldnähe, etc.), die Bodenbearbeitung, die Vermeidung von dichten Monokulturen, etc. eine ebenso wichtige Rolle bei der Prävention von Pilzkrankheiten spielen, wird völlig vernachlässigt.

FeinkostSpehr_BioApfel_kl

Auch das „Kompetenzzentrum Obstbau“) weiß natürlich, dass die Darstellung des Schorfproblems viel zu einseitig und plakativ ist. So findet sich auf der Homepage dieser „Stiftung“ ein Dokument, das sich mit der „Eignung schorfresistenter Sorten für die Mostapfelproduktion“ befasst, darin heißt es u.a.: „In den letzten Jahren kamen eine Reihe krankheitsresistenter Apfelsorten auf den Markt“ ( gedacht für „Tafeläpfel“, also jene Äpfel, die wir unverarbeitet kaufen und um die es im Beitrag ging).

Ein zentrales Thema bei der Vermeidung (bzw. Förderung) von Pilzkrankheiten und anderen Problemen, ist also u.a. (siehe oben) die Sortenwahl und vor allem die Artenvielfalt. Durch die Industrialisierung der Landwirtschaft wurde (auch bei der Züchtung) immer mehr Augenmerk auf die Steigerung der Erträge gelegt, was – gefördert durch Monokulturen – oft auf Kosten der Widerstandskraft gegen Krankheiten und Schädlinge ging. Dies konnte der Agro-Chemie nur recht sein, denn dadurch boomte der Absatz von Pestiziden. Das es bei dieser Art der „Landwirtschaft“ (gegen die Natur) nur eine Frage der Zeit ist, bis sich Resistenzen einstellen, ist auch bekannt. Dann muss das nächste Gift her ….

Panorama interessiert dieser Kontext nicht so erfahren wir auf die Frage Frau Reschkes, was denn nun gegen diesen Schorf helfe: „Im Ökolandbau wird Kupfer verwendet. Kupfer ist ein relativ breit wirkendes Fungizid mit einer guten Wirkung gegen den Schorf….“

Reschke: Wer also einen knackigen, hübschen Apfel kauft, muss wissen: der ist gespritzt – auch bei Bio. Das gilt auch für anderes Bio-Obst, Weintrauben, Pflaumen.“

Panorama liefert also hier eine Schlussfolgerung, die auf einer unwahren  Prämisse beruht. Auch hier ist erkennbar, dass offenbar vorgefasste Meinungen bestätigt werden sollen, um die Glaubwürdigkeit von „Bio“ zu unterminieren, wobei bewusst suggeriert wird, dass zwischen „Spritzen“ mit synthetischen Pestiziden bzw. mit natürlichen, seit Jahrzehnten verwendeten Mitteln (wie Kupferpräparaten) kein Unterschied besteht – weder in der Wirkung auf Boden und Ökosysteme noch in der Auswirkung auf die Gesundheit.

Reschke: …“ aber Spritzmittel, das verkauft sich halt nicht gut, denn es ist genau die Angst vor Pestiziden auf konventionellem Obst und Gemüse, die Menschen reihenweise in die Biomärkte getrieben hat.“

Schnitt – Zurück zu den Kundeninterviews im Biomarkt:

Reschke: Haben Sie Angst vor Pestiziden?“

„Auf jeden Fall, ja.“ (Kontext fehlt) Kunde um die 30  (der mit „pur, unverfälscht) –

Man weiß nicht, was die Wirkungen sind. (älterer Mann)“

Ich habe keine Lust, außer Getreide auch noch Pestizide zu mir zu nehmen, wo ein Totenkopf auf der Dose war“. (junge Frau)

Reschke: „Die Bilder von früher stecken noch in den Köpfen, als Bauern noch spritzten nach dem Motto „viel hilft viel“ aber sind gespritzte Lebensmittel auch heute noch wirklich ein Problem für die Gesundheit? Das Bundesinstitut für Risikobewertung testet Giftstoffe und forscht seit Jahrzehnten wie sich das Risiko der Pflanzenschutzmittel verändert hat.

Reschke: Ist denn diese Angst vor Pestiziden in Deutschland begründet?

Ursula Banasiak„Ich würde sagen, unsere Lebensmittel sind sicher. Es ist eine gewisse Pestizid-Hysterie, die Verbraucher haben Angst davor, vor diesen Rückständen, aber ich denke, die Risiken, die sich daraus ergeben, haben wir im Griff.“

Wie hat sich den nun „das Risiko für PSM verändert? Worin besteht es überhaupt? Welche Studien gibt es darüber? Es gibt keine Antworten, weil es keine kritischen Fragen gibt.

Was heißt denn dass „die Lebensmittel sind sicher“? Dass es keine akute Vergiftungsgefahr gibt, ist klar (dazu sind die Rückstände von Pestiziden zu gering – außer bei denen, die sie (leichtfertig oder unwissend) anwenden) – aber was ist mit Langzeitfolgen, mit synergetischen Effekten? So hat z.B. die EU eine Online-Datenbank eingerichtet, in der tausende Wirkstoffe, die in Pestiziden enthalten sind, auf ökotoxikologische bzw. biochemische (physiologische) Wirkungen abgefragt werden können (interessanterweise in mehreren Sprachen aber nicht in Deutsch!!!) Aber was ist mit der Wechselwirkung mehrerer Substanzen, mit chronischen Effekten?

Hat sich die Panorama-Redaktion mit diesen Themen auseinandergesetzt? Hat man Toxikologen und Umweltmediziner über die langfristige Wirkung dieser Substanzen befragt? Hat man Ökologen hinzugezogen, die über die unerwünschte Akkumulation gefährlicher Stoffe aus diesen „Spritzmitteln“ in der Umwelt  eine fachliche Auskunft geben können? Offenbar nicht. Stattdessen wieder eine „foregone conclusion“ bzw. unkritische Wiedergabe der Einschätzung eines der „größten Gemüsebauern Deutschlands“, Herrn Behr (ist der repräsentativ für die vielen kleineren Biobauern oder die Bioverbände in Deutschland?) und eines Statements des Umweltbundesamtes, nach dessen Ansicht Kupfer eigentlich verboten gehört“.

Frau Reschke erklärt uns weiter, dass der gesamte Bio-Hopfen- bzw. Bioweinbau ohne Kupfer nicht möglich wäre (das stimmt zwar grundsätzlich, aber auch hier ist ein größerer Kontext notwendig, um die Zusammenhänge und Risiken zu verstehen – mehr dazu später)

PANORAMA – VIDEO: TRANSCRIPT

Behr: „Bio wird genauso, wird auch gespritzt, sonst könnten sie mit den Schädlingen gar nicht klar kommen, ohne Spritzen geht das auch nicht.

Reschke: „Ohne Spritzen würde dieser Salat z.B. vom falschen Mehltau befallen, ein Pilz, der ein ganzes Feld vernichten kann. Alle chemischen Fungizide verbietet Bio, also geht nur Kupfer. Das gilt nach Bioverständnis als natürliches Gift.

Herr Behr: „Kupfer ist ein Naturprodukt, aber wir wissen alle, dass es nicht ständig in die Natur gehört. Kupfer ist schon ein problematisches Teil…

Reschke: „ Kupfer wird… auch im konventionellen Landbau eingesetzt?“

Behr: „Nein, das nehmen wir nicht mehr. Es ist zwar erlaubt, die Wirkung ist derartig schlecht, das wäre dann wirklich Umweltverschmutzung.“

Tobias Frische (UBA):

Kupfer ist ein giftiges Schwermetall. Es geht vor allem in den Boden und dort schädigt es das Bodenleben – Bodenorganismen und langfristig auch die Bodenfruchtbarkeit. In diesem Punkt widerspricht der Ökolandbau – oder handelt gegen seine eigenen Prinzipien, die er sich auf die Fahne geschrieben hat, dass er den Boden nachhaltig behandeln möchte, schützen möchte und – für seine langfristige Fruchtbarkeit sorgen.

Was sagen denn nun andere Quellen über die Verwendung des Kupfers?

Wie gefährlich ist diese Praktik denn wirklich und nehmen die Bioverbände und Biobauern diese Risiken wirklich auf die leichte Schulter bzw. versuchen sie zu verbergen?

Kupferhaltige Mittel werden seit mehr als 100 Jahren als Pflanzenschutzmittel eingesetzt. eine So galt z.B. eine Mischung aus Kalk, Kupfersulfat und Wasser, die so genannte „Bordeauxbrühe“ war bis vor wenigen Jahrzehnten das wirksamste Mittel gegen Pilzkrankheiten wie den Falschen Mehltau an Weinrebe und Hopfen oder die Kraut- und Knollenfäule an der Kartoffel. Durch die „modernen“ Errungenschaften der Agro-Chemie wurde Kupfer natürlich immer mehr verdrängt und durch neue Fungizide ersetzt. Aber auch hier kommt es bei Dauereinsatz zu Resistenzen, deshalb können auch konventionelle Betriebe auf  kupferhaltige Pflanzenschutzmittel nicht verzichten.

Die Aussage von Herrn Behr  „Nein, das nehmen wir nicht mehr“ ist also irreführend, denn sie kann nicht stellvertretend für den konventionellen Anbau generell gelten (noch dazu ohne abzuklären welche Kulturen genau gemeint sind), werden aber von Panorama zur Untermauerung ihrer einseitigen Darstellung der Kupferproblematik benutzt.

Als essentielles Spurenelement ist Kupfer in seinen Verbindungen bzw. als Ion an zahlreichen vitalen biologischen Prozessen bei Pflanzen, Tieren und Menschen beteiligt. Die toxische Wirkung von Kupfer beruht auf Proteinbindung und verursacht Funktionsstörungen, z. B. Enzymhemmungen.

Kupfer ist – im Gegensatz zu synthetischen Pestiziden – ein natürliches Element, das an sich nicht schädlich ist. Es kommt natürlich – wie fast immer – auf die Dosis an und ob es zu unerwünschten Ansammlungen in Ökosystemen,  z.B. in Böden oder Gewässern kommt.

Die Bioverbände sind sich der Kupfer-Problematik durchaus bewusst und man versucht seit Jahren die Mengen bzw. die Anwendungshäufigkeit zu reduzieren.. Zur Risikobewertung muss man die ausgebrachten Mengen und ihre Wirkung aber relativieren: Wer hat wirklich den größten Beitrag zur Belastung der Böden bzw. der Gewässer mit Kupfer geleistet?

So wurden  noch in den 1960 Jahren im konventionellen Hopfenanbau in Deutschland bis zu 60 kg Kupfer pro Hektar und Jahr ausgebracht, von den 1970er bis Ende der 1990ere Jahre zwischen 40 und 15 kg / ha jährlich, während  heute die Gesamtmenge im Öko-Hopfenbau bereits auf 4 kg pro Hektar und Jahr (bei Obst 3 kg) begrenzt ist.

Das ist eine Reduzierung von ca. 1.200 Tonnen (Kupferprodukte) für 9.000 ha auf heute 160 Tonnen für ca. 18.000 ha Anbaufläche.

Das Umweltbundesamt sieht u.a. durch die Kupferausbringung eine hohe Gefährdung für Regenwürmer, verkürzt stellt sich die Sache so dar: wo häufig Kupfer gespritzt wird (z.B. in Hopfenkulturen), nimmt die Regenwurmpopulation dramatisch ab.

Dazu gibt es aber eine Untersuchung aus Bayern (aus der Hallertau, einem Zentrum des Hopfenanbaus), die zeigt, dass diese simple Darstellung so nicht richtig ist, weil es natürlich noch andere Faktoren gibt, die die Zahl der Regenwürmer beeinflusst:

So wurden z.B. in einem Testgebiet nur 3 Regenwürmer pro m² gezählt, was natürlich sehr mickrig ist. Im selben Boden wurde aber durch Gründüngung und Bodenabdeckung  eine Steigerung auf 144 Regenwürmer festgestellt, das entspricht einer Steigerung um das 48-fache! Diese Zahlen stammen aus den 1980er Jahren, wo noch wesentlich mehr Kupfer ausgebracht wurde, als heute, ist also die Panikmache wirklich gerechtfertigt?

Das Umweltbundesamt kommt in seiner aktuellen Einschätzung zu dem Ergebnis, dass die weitere Anwendung von Kupferpräparaten nicht vertretbare Auswirkungen auf den Naturhaushalt insbesondere auf Vögel, Kleinsäuger, Regenwürmer und aquatische Organismen haben kann, hat aber selbst in einer Studie festgestellt, dass die Kupferspritzung (vor allem in der Biolandwirtschaft) einen sehr geringen Anteil an der gesamten Kupferbelastung hat.

Verglichen mit anderen Emissionsquellen sind die Mengen aus dem Biolandbau geradezu lächerlich klein:

Unter der Rubrik „Schwermetalleinträge über Wirtschaftsdünger“  (Seite 27 der Publikation) erfahren wir, dass alleine aus Gülle und Mist von Tiermastbetrieben (Rinder, Schweine, Geflügel) 2.300 Tonnen Kupfer enthalten!

An zweiter Stelle kommt der Abrieb von Bremsbelägen durch Kfz mit 797 Tonnen, dann folgt der Klärschlamm mit rund 450 Tonnen, dann kommt der konventionelle Landbau mit etwa 300 Tonnen Kupfer (durch Spritzung), dann Mineraldünger mit etwas mehr als 60 Tonnen und erst dann die Biolandwirtschaft mit geschätzten 20 Tonnen!

Hier sieht man bereits, welche Verzerrung die Darstellung in Panorama bewirkt, wenn der entsprechende Kontext fehlt.

Weiters muss man sich fragen: Was passiert denn in den anderen EU-Ländern? Steht das Umweltbundesamt hier alleine da mit seiner Bewertung des Risikos?

Die efsa, die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit kommt zum Schluss, dass es noch Forschungsbedarf für die langfristigen Auswirkungen auf Regenwürmer, Bodenorganismen, Bienen und Wasserorganismen gibt, räumt aber ein, dass Kupfer in bestimmten Konzentrationen für Wasserlebewesen sehr giftig ist.

Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Verbraucherschutz schreibt dazu auf seiner Homepage:

„Hier gibt es eine Entscheidung mit Auswirkungen auf Zulassungen in Deutschland: Bezüglich Kupfer hat die Europäische Kommission einen Vorschlag vorgelegt, der vorsieht, Kupfer für sieben Jahre in den Anhang I der Richtlinie 91/414/EWG aufzunehmen, unter anderem mit der Maßgabe, dass die Mitgliedstaaten bei der Zulassung kupferhaltiger Pflanzenschutzmittel die Aufwandmenge und die Anzahl der Anwendungen auf das notwendige Minimum beschränken. Dieser Vorschlag fand in der Sitzung des zuständigen Ausschusses am 22./23. Januar 2009 die Zustimmung der Mitgliedstaaten. Explizit genannt sind in dem Aufnahmevorschlag fünf Kupferverbindungen (Kupferhydroxid, Kupferoxychlorid, Kupferoxid, Bordeaux-Gemisch und Kupfersulfat); die Europäische Kommission versteht die Entscheidung aber so, dass sie auch andere Verbindungen beinhaltet, sofern deren Äquivalenz nachgewiesen ist. In Deutschland sind aktuell zwei Pflanzenschutzmittel mit Kupferhydroxid, eines mit Kupferoxychlorid und zwei mit Kupferoktanoat zugelassen.“

In der Publikation „Zukunftsfähige Pflanzenschutzstrategien für den Ökologischen Landbau“ schreibt Peter Röhrig vom   Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft u.a.:

„Für zahlreiche Hopfen-, Wein- und Obstbauern in Deutschland, die über viele Jahre ihre Öko-Betriebe aufgebaut haben, gibt es derzeit keine Alternative zu Kupfer und der Einsatz von Kupfer als Pflanzenschutzmittel bleibt unverzichtbar. Ohne die Möglichkeit es anwenden zu können, stünden ihre Betriebe vor dem Aus. Auch umstellungswilligen Betrieben im Bereich der Dauerkulturen kann vor dem Hintergrund der momentanen Unsicherheiten bei der Kupferverfügbarkeit nur schwerlich zur Umstellung geraten werden. Die Ausweitung des Ökolandbaus ist damit deutlich gebremst.

… Für unsere Betriebe ist es nicht verständlich, weshalb in anderen EU-Ländern Kupfer weiter in breitem Umfang angewendet werden kann und in Deutschland erhebliche Einschränkungen gelten. Ein faktisches Anwendungsverbot in Deutschland führt zu einer Verlagerung der Öko-Produktion in andere Länder. Deutsche Betriebe müssen aufgeben, die notwendigen Kupferpräparate werden anderswo angewendet. Es käme also nicht zu einer wirklichen Reduktion… Ein fortschreitendes Verbot der Kupferanwendung wird dazu führen, dass die Öko-Produktion bestimmter Kulturen nicht oder kaum noch stattfinden wird. Damit werden der angewandten Forschung die Grundlagen entzogen, alternative Präparate zu entwickeln. Der Ökolandbau wird so in die Sackgasse geführt.“

Hier wird ein wichtiger wirtschaftpolitischer Aspekt angeführt, der PANORAMA auch interessieren sollte: Wer hat ein Interesse daran, dass Biolandbau nicht weiter wächst und wenn doch, dann nur in großbetrieblichen Strukturen, die industrielle Produktionsmethoden anwenden um Kosten zu senken?

Aus Sicht jener Industrien, die mit der Beherrschung des Saatgut-Marktes, der Konzentration in der Agro-Chemie, dem Verkauf immer größerer Maschinen, (auch Banken, die Kredite dafür hergeben) etc. Unsummen verdienen und damit immer größere Abhängigkeiten der Erzeuger schaffen, ist der weitgehend entscheidungssouveräne Biolandwirt ein unerwünschtes Objekt, an ihm lässt sich kaum etwas verdienen und er ist in der Lage, selbständig zu denken und gegen den Strom zu schwimmen. Man muss hier unterscheiden zwischen den wirklichen „Bio-Bauern“, die noch mit ihrem Land und ihren Tieren verbunden sind und ethische Grundsätze haben und den reinen „Mästern“ oder  Gemüse- / Getreidebaronen, die nur deshalb „Bio“ anbauen, weil sie in diesem wachsenden Marktsegment mehr Anteile gewinnen wollen. Mittlerweile gibt es ja schon Betriebe, die Aktiengesellschaften sind…..

In einem Punkt muss man der Panoramaredaktion völlig Recht geben: die Haltung von tausenden Hühnern, Enten oder Schweinen ist mit der Bioethik völlig unvereinbar und eine unerwünschte Entwicklung, die gestoppt werden muss (mehr dazu im nächsten Beitrag), aber durch welche (globalen und europäischen) politischen Strukturen die Konzentration immer größerer Betriebe gefördert wird, das hinterfragt die Redaktion nicht.

Mehr dazu im nächsten Beitrag.

Buchempfehlungen und weitere Infos:

We Want Real Food von Graham Harvey

Earth Democracy / Geraubte Ernte von Vandana Shiva

Stuffed & Starved  von Raj Patel

FAO: Benefits of Organic Farming

UNCTAD: Benefits of Organic Farming

Soil Association: Biodiversity and Organic Farming

Organic Farming could feed Africa

http://www.tporganics.eu/upload/TPOrganics_OrganicKnowledgefortheFuture.pdf

http://www.ifoam.org/about_ifoam/principles/index.html

http://www.small-farm-permaculture-and-sustainable-living.com/advantages_and_disadvantages_organic_farming.html

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2 Kommentare zu „Panorama: Bio oder Bullshit?

  1. das ist eine Milchmädchenrechnung mit dem Kupfer.
    Wenn 5 % der Betriebe 20 Tonnen Kupfer verbrauchen, dann verbrauchen sie etwa genauso viel wie die restlichen 95 % Betriebe mit Ihren 360 Tonnen.
    Es ist nicht wahr, dass es keine Alternative zu Kupferpräperaten gibt.
    Die gibt es sehr wohl, sie ist den Pflanzenschutzberatern bekannt, doch mit Ihr kann man kein Geld verdienen.

    Wenn man dem biologischen Landbau zugesteht ein bischen den Boden zu vergiften , dann können wir auch konventionelles Gemüse aus integriertem Anbau verzehren, hier wird angeblich auch versucht, so wenig wie möglich einzusetzen.

    Nein, Bioanbau heißt auf Pestizide und auf Schwermetalle zu verzichten, insbesondere wenn es praktikable Alternativen gibt.

    Ich produziere ohne Schwermetall und erreiche durch gezielten Düngereinsatz und pflanzenpathologisches Knoffhoff das gleiche Ziel:
    Schorffreie und einwandfreie Äpfel und sonst. Obst und Gemüse ohne nennenswertte Ausfälle.

    Dem Laien mag der Panoramabericht einseitig und wie von der Chemieindustrie gesponsort vorkommen.
    Dem ist nicht so.
    Frau Reschke schildert unverblümt den derzeitigen Zustand der Biolandwirtschaft und zeigt Verhaltensauffälligkeiten der Biolobby im Bezug auf Transparenz und Offenheit.

  2. Ich habe die Panorama-Sendung erst jetzt gesehen und war ebenso unzufrieden (habe das auf meinem Blog auch ausgeführt erklärt). Vieleicht aus anderen Gründen. Jedenfalls ist so eine Senung nicht geeignet richtig zu informieren.

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