DRECK FRESSEN – Hintergründe zum „Dioxin-Skandal“

Die "effiziente" Form der Geflügelhaltung

Brave New Year 2011

1- Woher kommen „Dioxine“?

Dioxine sind unerwünschte „Verunreinigungen“, die  bei der Synthese (künstlichen Herstellung) chlororganischer Produkte entstehen. Sie bilden eine Gruppe halogenierter aromatischer Kohlenwasserstoffe,  die ähnliche chemische Strukturen aufweisen.

Dioxine entstehen aber auch bei Verbrennungsvorgängen, so zB in Müllverbrennungsanlagen. Durch optimierte Verbrennungstemperaturen und spezielle Abgasbehandlung ist inzwischen eine gewisse Emissionsminderung erreicht worden (allerdings  nimmt die Müllmenge dank „Wirtschaftswachstum“ ständig zu). Daneben werden Dioxine in Kraftwerken sowie in Diesel- und Benzinmotoren gebildet. Auch industrielle Prozesse tragen erheblich zur Dioxinbelastung bei: zB in der Metallindustrie (Aluminium-schmelze und Sinteranlagen bei der Eisenerz-/Stahlerzeugung)

Polychlorierte Biphenyle (PCB) oder „Die Geister, die ich rief ….“

sind  chemische Verbindungen, die gezielt für verschiedene industrielle Anwendungen hergestellt wurden. Z.B als Transformatorenöl, Dielektrikum in Kondensatoren, Hydraulikflüssigkeit im Bergbau und als Wärmeüberträger. Sie wurden auch als kostengünstige Schmier-, Imprägnier- und Flammschutzmittel, Weichmacher (Kunststoffindustrie) sowie als Zusatzmittel in Druckfarben, Papier und Klebstoffen vermarktet und in großen Mengen eingesetzt.

PCB sind geruchlose, geschmack- und farblose bis blass-gelbe, ölige Flüssigkeiten oder Feststoffe, manche kommen als flüchtige Dämpfe vor. Da sie nur sehr schwer abgebaut werden können, werden sie als  „persistente“ (dauerhafte) Umweltgifte bezeichnet.

Wie immer, interessierte man sich nur dafür, ob diese neu geschaffenen Stoffe die erwünschten Eigenschaften für die industrielle Anwendung hatten und natürlich billig in der Herstellung waren. Als man nicht mehr ignorieren konnte, wie umwelt- und gesundheitsgefährdend diese Verbindungen sind, wurde schrittweise ein Verbot durchgesetzt. Doch obwohl die Erzeugung von PCB seit mehr als 20 Jahren verboten ist,  stellen sie noch immer ein gewaltiges Problem als „Altlast dar. Die „Schöpfer“ dieser Substanzen haben uns (ähnlich wie bei Asbest und anderen Errungenschaften des glorifizierten „technischen Fortschritts“ ein scheinbar ewiges Gifterbe hinterlassen. Doch im Gegensatz zu den finanziellen Belastungen (Haushaltsdefizite & Schuldenberge) unseres irrsinnigen Wirtschaftssystems spricht hier kaum ein Politiker von der Unverantwortlichkeit, dieses schreckliche Erbe unseren Kindern aufzubürden  (von der unkritischen Euphorie über die angewandte Nano- und Gentechnik ganz zu schweigen).

2 -WIE  GIFTIG  SIND  PCB?

PCBs werden je nach ihren biochemischen und toxikologischen Eigenschaften in verschiedene Gruppen eingeteilt. So unterscheidet man dioxinähnliche PCB (DL-PCB), und dioxin-unähnliche NDL-PCBs, die toxikologisch als weniger gefährlich betrachtet werden. Je nach Anzahl der Chloratome und ihrer Position, sind 209 verschiedene Verbindungen möglich. Die Giftigkeit der einzelnen Varianten (Kongenere) ist sehr unterschiedlich. 130 dieser Verbindungen kommen in produzierten Gemischen der Industrie  vor.

Obwohl die Dioxine in der Regel als komplex zusammengesetzte Gemische vorliegen, haben sich die meisten Studien bisher auf das (als Giftstoff) besonders relevante 2,3,7,8-Tetrachlordibenzo-p-dioxin („Seveso-Gift“) beschränkt. Im Tierversuch sind bei allen  Tierarten  Auszehrungssymptome,   eine Schrumpfung  der  Thymusdrüse sowie Magen-Darm-Blutungen festgestellt worden. Daneben hat man auch Leberschäden und Enzyminduktion beobachtet. (Enzyme haben eine Schlüsselfunktion bei allen biochemischen Prozessen im Körper, sie wirken als Auslöser (Induktor)  bzw. Beschleuniger (Katalysator).

Wie aber kann man die Giftigkeit der verschiedenen Kongenere  vergleichen bzw. ihre Gesamtwirkung bewerten?

Die akute Toxizität eines bestimmten Stoffes wird meistens mit dem so genannten „LD-50-Test“ bestimmt: dabei wird jene Dosis (pro kg Körpergewicht) ermittelt, bei der die Hälfte der Versuchstiere stirbt. Selbst bei einer einzigen Dioxinvariante ist es schwer, die akut-giftige Dosis pro Gewichtseinheit zu ermitteln: Der LD50- Wert von 2,3,7,8-TCDD schwankt  beispielsweise bei oraler Gabe zwischen 1 μg/kg Körpergewicht beim Meerschweinchen und dem tausendfachen Wert bei anderen Nagetieren. Die akute Giftigkeit ist also je nach Tierart sehr unterschiedlich. Wie soll man angesichts dieser enormen Schwankungen solche Testergebnisse auf den Menschen übertragen? (Tiere und Menschen sind eben mehr als „biochemische Maschinen“).

Wir wissen jedenfalls, dass die Werte in unseren Nahrungsmitteln bei weitem nicht so hoch sind, dass eine akute Gesundheitsgefahr bestünde (also unmittelbar eintretende Effekte wie Übelkeit, Erbrechen, und die später auftretende typische Chlorakne, etc.) Das Riesenproblem ist natürlich die chronische Giftigkeit: Wie wirken sich winzige Mengen aus, die über einen langen Zeitraum im Körperfett akkumulieren?

Das deutsche Institut für Risikobewertung schreibt dazu u.a. in einer Stellungnahme (Seite 3):

„Als chronische Wirkungen von Dioxinen und PCB wurden bei Tierversuchen Störungen der Reproduktionsfunktionen [beim Menschen zB verminderte Spermienproduktion bei Männern], des Immunsystems, des Nervensystems und des Hormonhaushalts beschrieben. Als empfindlichste Zielorgane wurden dabei die Leber und die Schilddrüse identifiziert. Verschiedene Dioxine gelten als Tumorpromotoren.“

PCB und Dioxine haben also eine verheerende, weil systemische Stör-Wirkung in dem hoch komplexen biologischen Netzwerk unserer Milliarden Zellen und das heimtückische daran ist, dass man die negativen Folgen erst nach Jahren bemerkt.

Welche furchtbaren Folgen Dioxine auch für folgende Generationen haben können, zeigt dieses Foto (hier als Resultat des großflächigen Einsatzes des Entlaubungsmittels Agent Orange im Vietnam-Krieg, das übrigens die Firma MONSANTO hergestellt hatte, die uns heute mit transgenen Pflanzen traktiert…) Noch heute kommen in Vietnam und Kambodscha Kinder mit schweren Missbildungen auf die Welt, doch darüber spricht man nicht …. (Die USA sind die einzige Industrienation, die das Abkommen von Stockholm zur weltweiten Reduzierung der Belastung mit dauerhaften Umweltgiften nicht unterzeichnet haben – mehr dazu im nächsten Beitrag)

 

 

 

 

 

 

Dioxine und PCB sind lipophil, d.h. sie werden im Fettgewebe gespeichert und dort natürlich im Laufe der Zeit angereichert. Die „Giftfracht“ ist demnach auch in jenen Lebensmitteln am höchsten, die einen hohen Fettgehalt haben und je weiter oben in der Nahrungskette sich das Tier befindet. Der Mensch wird  somit zum „Endlager“ seiner eigenen Giftproduktion, die im Falle der Dioxine als unerwünschtes Nebenprodukt („Verunreinigung“), aber im Falle der PCB absichtlich (ohne Berücksichtigung der systemischen Auswirkungen) erfolgte.

Und wie soll dann noch die Gesamtheit der unerwünschten und schädlichen Effekte dieses changierenden „Giftcocktails“ in unserem Körper evaluiert werden, von synergetischen Effekten mit anderen Schadstoffen und Langzeitfolgen ganz zu schweigen? Diese Bewertung kann aufgrund der enormen Komplexität biologischer Systeme und des Fehlens von Langzeit-Studien über chronische Belastungen (die niemand finanzieren will) nicht von der Wissenschaft erbracht werden, sondern ist natürlich letztlich eine politische Entscheidung (ebenso wie die „Strahlenschutz-Werte“ mehr mit Willkür und Wirtschaftsmacht zu tun haben, als mit Vorsorge).

 

Schweine im Unglück

3 -DIE  EU  UND  DAS  DIOXIN-PROBLEM

So hat man festgelegt, dass nur eine kleine Gruppe ausgewählter Kongenere wirklich „Anlass zur Sorge“ geben, da sie als „besonders“ giftig und hartnäckig angesehen werden: 17 „echte“ Dioxine und 12 (dioxinähnliche) DL-PCB, die ein ähnliches toxikologisches Profil haben wie das „giftigste“ aller Dioxine: 2,3,7,8-TCDD. Damit überhaupt eine Risikoabschätzung bzw. Regulierung erfolgen kann, mussten „Toxizitätsäquivalenzfaktoren“ (TEFs) konstruiert werden, deren Anwendung in der „Empfehlung“ 1881/2006 der EU-Kommission definiert wird: d.h. um die Ergebnisse der Giftigkeitsanalysen vergleichen und einschätzen zu können, wird als Referenzfaktor das hoch giftige „Seveso-Dioxin“ (2,3,7,8-TCDD) hergenommen, es wird also die Giftigkeit jeder Variante mit dem „Seveso-Gift“ verglichen und entsprechend eingestuft.

2002 erstellte die EU-Kommission (EUC) erstmals einen Aktionsplan, um die Dioxinbelastung in Lebens- und Futtermitteln zu reduzieren.  Der Zeitpunkt war kein Zufall: 1999 hatte der belgische Dioxinskandal Öffentlichkeit und Politik erstmals aufgerüttelt:

„Bis zum 15. August 1999 wurden 4 464 t Hühnchen, 9 996 t Schweine und 4 000 t Fleisch, Fleischprodukte und Lebensmittel vernichtet. Insgesamt sind bis zum 6. Oktober 1999 60 000 t Tiere getötet und aus der Nahrungsmittelkette entfernt worden. Alle Tiere und Lebensmittel wurden als Risikomaterial bei Temperaturen von über 1 400 °C verbrannt. Der direkte Schaden für die belgische Wirtschaft wird auf rd. 1 Milliarde Euro geschätzt.“

Diese Passage ist aus zwei Gründen ein erschreckendes Beispiel  für den als „normal“ akzeptierten Wahnsinn der industrialisierten Landwirtschaft:

Erstens, weil Tiere nicht mehr als Lebewesen, sondern nur mehr als Produktionsmaschinen bzw. „Produkte“  wahrgenommen werden (sie werden als „vernichtete Tonnen“ (!) angegeben) und zweitens, weil man sich nur für den wirtschaftlichen Schaden interessiert, aber die ökologischen Kosten der Massentierhaltung bzw. der „Markt- und Profitlogik“ völlig ignoriert:

Lebensmittel sind eben keine bloßen „Industrie-Waren“, deshalb muss ihre Produktion ganz besonderen Schutzvorschriften und Vorsorgeprinzipien unterliegen und darf nicht den amoralischen und nicht rechenschaftspflichtigen „Märkten“ überlassen werden.

(Vor Gründung der WTO bzw. Existenz des AoA waren landwirtschaftliche Produkte, also LEBENSMITTEL auch von gängigen Handels- u. Exportregeln ausgenommen, heute heißen sie (Grundnahrungsmittel wie Weizen, Mais, Reis, etc. ) nur mehr „Agrarrohstoffe“ und die Preise werden zunehmend Gegenstand der organisierten Spekulation …)

2004 empfahl die EUC den Mitgliedsstaaten schließlich auch ein Dioxin-Monitoring (Dioxine, DL-PCB und NDL-PCB) von Lebens- und Futtermitteln durch stichprobenartige Untersuchungen (2004/704/EC). Entsprechende Daten wurden seitdem an die Kommission weitergeleitet und diese waren dann die Basis für die spätere Bewertung der europäischen Lebensmittelbehörde EFSA.

2006 gab es den nächsten Dioxin-Skandal in der EU, wobei offenbar das gleiche belgische Futtermittel-Unternehmen, das auch 1999 in die kriminellen Vorfälle verwickelt war, wieder sein Unwesen trieb (man hatte nur den Firmennamen geändert …):

Wegen Dioxin 400 Betriebe in Belgien und den Niederlanden gesperrt

2008 ging es dann in Irland weiter:

Bis zu 25 Länder mit verseuchtem Fleisch beliefert

Und jetzt der aktuelle Skandal: Im Rahmen des letztendlich in der EU etablierten Schnellwarnsystems wurde heuer bereits im Frühjahr bekannt, dass es zu erheblichen Grenzwertüberschreitungen gekommen war: (BfR-Stellungnahme vom Mai 2010)

„Aus Deutschland und den Niederlanden wurden erhöhte Dioxingehalte in Eiern gemeldet. Der in der Verordnung (EG) Nr. 1881/2006 festgelegte Höchstgehalt für Dioxine von 3 Pikogramm WHO-PCDD/F-TEQ pro Gramm Fett und für Dioxine und dioxinähnliche PCB von 6 Pikogramm WHO-PCDD/F-PCB-TEQ pro Gramm Fett wurde in einigen der amtlich untersuchten Proben überschritten. Somit ist diese Ware aus lebensmittelrechtlicher Sicht nicht verkehrsfähig.“

Wieso wurden diese (immer wieder vorkommenden) Überschreitungen erst im Dezember publik gemacht?

Es ist offensichtlich, dass hier die wirtschaftlichen Interessen der Fleischlobby (vor allem in Ländern wie Niedersachsen) höher wiegen, als das Recht der Bevölkerung, aufgeklärt zu werden. Erst wenn es nicht mehr vertuscht werden kann, wird wieder einmal „ein Skandal“ bekannt.

Es gibt zwar seit 2006 in der EU Höchstgrenzen für (eine Kombination aus) PCDD/F (Dioxine) und DL-PCB (dioxin-ähnliche PCB)  in Lebens- und Futtermitteln – als tolerierbare wöchentliche Aufnahme (TWI)  hat das SCF der EU einen Wert von 14 Pikogramm pro kg Körpergewicht  festgelegt -aber keine Limits für NDL-PCBs, obwohl diese anteilsmäßig überwiegen – sie wurden lt EFSA Bewertung in mehr als 80% der getesteten Lebensmittel nachgewiesen. Die komplexe, biologische Gesamtwirkung der PCB (und anderer Gifte, die wir aufnehmen) kann also nur erahnt werden. Selbst die EFSA beklagt in ihrem Schlussstatement, wie unzureichend die zur Verfügung gestellten Daten sind.

Natürlich ist es schwer möglich (und sehr teuer) genau festzustellen, welche Dioxinlast (inkl.PCB) die Menschen bereits mit sich herumtragen und wie viel tierische Fette sie täglich aufnehmen. Doch die Daten, die wir jetzt schon (über den täglichen Konsum) haben, zeigen klar, dass die gewählten „Höchstgrenzen“ nicht mehr lange zu halten sind, wenn weiterhin soviel Fleisch bzw. tierische Produkte aus der Massentierhaltung konsumiert werden. (Noch schlimmer ist es mit Fischen, die als „Sammelbehälter“ für alle möglichen Gifte dienen, die im Meer gelandet sind – aber die haben wir ja ohnehin bald ausgerottet.

Bezeichnend und erschreckend ist, dass man in diesem Zusammenhang von einer „background-presence“ (Hintergrundbelastung) spricht, das Vorhandensein von Dioxinen und PCB in der Nahrung (und somit in der Natur) also mittlerweile als normal und unvermeidbar angesehen wird.

Dieser „Hintergrundbelastung“ (Emissionen in der Luft bzw.  Partikel  im Freien, die sich auf Pflanzen absetzen) kann natürlich auch die Bio-Landwirtschaft nicht entgehen, aber die Futtermittel der Biobauern werden streng kontrolliert und müssen ebenfalls aus Biolandwirtschaft stammen. Da die Bauern höhere Preise erzielen, müssen die Tiere auch nicht möglichst billig und schnell gemästet werden. Kleinere Betriebsgrößen erlauben es auch, dass das Futter im Idealfall vom eigenen Hof stammt. (Dass in Deutschland Hühnerhalter mit tausenden Tieren noch als „Biohöfe“ durchgehen, muss sich aber auch ändern).

Mehr dazu im zweiten Teil: DER GANZ NORMALE WAHNSIN

(Massentierhaltung als Teil einer idiotischen Wirtschaftspolitik … warum wir ständig Schadstoffe und Gifte mit der Nahrung aufnehmen …was passiert eigentlich mit dem wachsenden Berg von  „Sondermüll“ den unsere Wirtschaft produziert?)

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Ein Kommentar zu „DRECK FRESSEN – Hintergründe zum „Dioxin-Skandal“

  1. Viele Konsumenten fressen in der Tat Dreck. Anstatt auf qualitativ hochwertige Ware zu achten, wird nur auf den Preis gestiert. Kein Wunder also, dass es Lebensmittelskandale, Tierseuchen und andere schlimme Sachen gibt!!!

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