SHIT HAPPENS (oder „Die Killergurken“)

E.Coli Bakterien

 das ist die Schlagzeile, die man als Zusammenfassung der Pressemeldungen über die gefährlichen „EHEC-Bakterien“ in seinem Gedächtnis abspeichern könnte. Angst und Unsicherheit führen zu gewaltigen Umsatzeinbrüchen bei den betroffenen Nahrungsmitteln (Gurken, Salat, etc.) – so titelt der Stern etwa:

Bauern shreddern ihr Gemüse

Die Medien berichten, dass der EHEC Erreger auf spanischen Gurken nachgewiesen wurde (auf 3 von 4 Gurken – woher kam die vierte?), doch das sagt nichts über die tatsächliche Quelle der Verseuchung aus.

Während also die „Gemüsepanik“ um sich greift, wird die eigentliche Ursache des Problems so gut wie gar nicht erwähnt. Das ist ja auch kein Zufall, denn die „moderne Landwirtschaft“ steht nicht gerne am Pranger und die Politiker, die sie vorantreiben, schon gar nicht. Schauen wir uns also die Sache in einem größeren Kontext an, um herauszufinden, wo die Wurzel des Übels wirklich liegt:

1 -Was sind E.Coli (bzw. EHEC) Bakterien und woher kommen sie?

E. Coli (Escherichia coli) sind eine große Gruppe von Bakterien, die im Darm von Säugetieren und Menschen vorkommen. Sie sind im Allgemeinen nicht gefährlich, sondern ein nützlicher Bestandteil der natürlichen Darmflora, deren „Gesundheit“ vor allem von unserer Ernährung, aber auch von anderen Lebensgewohnheiten beeinflusst wird (seelischer Stress, Bewegung, Rauchen, andere Umweltgifte, etc.) Entscheidend ist, dass die Darmflora „im Gleichgewicht“ ist, also nicht ein Mikrobenstamm quasi die „Überhand“ gewinnt, während andere dezimiert bzw. unbeabsichtigte genetische Mutationen ausgelöst werden (was z.B. durch leichtfertige und häufige Einnahme von Antibiotika passieren kann – mehr dazu später).

Es gibt neben den harmlosen Varianten auch gefährliche Stämme von E. Coli,  die man als pathogen, also krankmachend bezeichnet. Meistens werden sie in Verbindung gebracht mit Durchfallerkrankungen, aber es gibt auch Arten, die Infektionen der Harnröhre oder der Atemwege (bis zur Lungenentzündung) auslösen können.

Shiga Toxin Molekül

Sehr gefährlich sind die so genannten STEC- Infektionen:  Das „ST“ steht für Shiga- (ähnliches) Toxin, ein sehr gefährlicher Giftstoff, der eigentlich von einer anderen Bakterienart stammt: Shigella dysenteriae. Vermutlich wurde die Fähigkeit, diesen Giftstoff zu produzieren, durch horizontalen Gentransfer zwischen den beiden Bakterienarten vermittelt. (Was das ist, wird im nächsten Teil erklärt).

Manchmal werden sie auch VTEC oder  – wie jetzt in Deutschland – EHEC genannt, das steht für enterohaemorrhagische E.Coli: das bedeutet, es schädigt die Darmschleimhaut, und löst gefährliche Blutungen aus; Enteritis = Darmentzündung)

Die  gefährlichste Unterart (in den USA und später auch weltweit), auch Serotyp genannt,  ist O157: H7. Aandere Serotypen, die  Krankheiten auslösen sind z.B. 026, 0111 und 0104, das in Deutschland bei vier Patienten nachgewiesen wurde.

Darm eines infizierten Hundes

2 – Wie kommt ein „Darmbakterium“ auf Gemüse?

Das ist wohl eine zentrale Frage in diesem  Puzzlespiel und die Aussagen dazu sind eindeutig: die Hauptquelle für Infektionen mit pathogenen E.Coli Stämmen ist das Rind im Kontext der industriellen Landwirtschaft, deshalb heißt diese Krankheit auch in den USA  scherzhaft  „Hamburger Disease“.

In den USA trat 1982 erstmals eine Infektion mit „STEC“ Bakterien auf. Die „Prävalenz“, also die Häufigkeit der Erkrankungen nahm seither ständig zu: Heute werden pro Jahr 110.000 Fälle in den USA registriert, Tendenz (weltweit) steigend, 30 Länder haben seither Infektionen gemeldet.  In Großbritannien sind es 40.000 jährlich. Die Inkubationszeit dauert nur wenige Tage und es ist nur eine sehr geringe Menge an Bakterienmaterial erforderlich (10 sollen schon genügen). Die größte direkte Infektionsquelle ist der Rindermist, also die Ausscheidungen der Tiere, aber auch unpasteurisierte Milchprodukte, rohes Fleisch, kontaminiertes Wasser (getrunken, zur Bewässerung von Feldern oder zum Schwimmen genutzt) und schlechte Hygiene (WC Besuch ohne Hände waschen!). Die Bakterien sind aber auch leicht durch „Schmierinfektion“, also von Mensch zu Mensch übertragbar. Schweine und Vögel können die Verbreitung fördern, ohne selbst betroffen zu sein.

Man könnte denken, Rinder (und andere Wiederkäuer) seien ein „natürliches“ Reservoir für diese Krankheitserreger …Ist das wirklich so simple?

3- Wieso nimmt die Ausbreitung von EHEC  zu (und ihre Gefährlichkeit für Menschen)?

Das CDC erwähnt auf seiner Homepage [unter der Rubrik Incidence] en passant, dass EHEC Infektionen in den Entwicklungsländern eher selten sind – was können wir daraus schließen? Einen Zusammenhang zwischen Massentierhaltung, industrieller Landwirtschaft und dem vermehrten Auftreten neuer Infektionskrankheiten als Folge der „modernen Methoden“ in der Tierhaltung? Präventiver Einsatz von Antibiotika in der Tiermast? Grauenvolle Zustände, in denen Tiere wie Produktionsmaschinen behandelt werden, die nie die Sonne sehen, sich frei bewegen können oder ihre sozialen Bedürfnisse ausleben dürfen?

Hier tun sich Abgründe auf, die wir gerne verdrängen – besonders die Einkäufer von „Billigfleisch“, aber auch Politiker ,Wirtschafts-Gurus und Journalisten tun so, als ob dieser Wahnsinn nicht nur normal, sondern ein Zeichen des Fortschritts in der Landwirtschaft wären, eine Steigerung von „Effizienz“ und “Produktivität“.  Demgegenüber steht der gern belächelte Öko-Romantiker, der Kühe auf grünen Wiesen sehen möchte und Schweine, die sich im Dreck wälzen dürfen und dafür auch noch gerne mehr bezahlt.

Und dann kommen die „Experten“, die uns weismachen, es gäbe keinen Beweis dafür, dass „Bio“ und „Öko“ gesünder wäre als  „konventionell“ und außerdem könne sich ja nicht jeder die höheren Preise leisten, die moderne Landwirtschaft sei einfach kosteneffektiver, oder?

Spätestens jetzt ist es notwendig, einmal der Wahrheit die Ehre zu geben, um den Irrsinn der industriellen Agrarproduktion endlich bloßzustellen:

Es gibt eine klare Korrelation zwischen der „Besatzdichte“ (Konzentration der Tiere auf engem Raum) und dem HU-Syndrom bei Kindern (Studie in Frankreich, Zeitraum: 1996-2001). Die „intensive Tierhaltung“ begünstigt also die Vermehrung und die Verbreitung dieser gefährlichen Mikroben,  besonders in den „CAFOS“, das sind riesige Mastbetriebe, mit mehr als tausend Tieren (manchmal sogar 10.000 …). Die Unmengen an Gülle und Mist sind nicht nur ekelhaft, sondern auch schwer zu „entsorgen“, deshalb werden sie oft illegal ausgetragen und kontaminieren so Boden und Wasserquellen. 2006 kam es in den USA zu schweren Erkrankungen, weil das Bewässerungssystem für Spinatfelder in Kalifornien mit dem EHEC „Abwasser“ eines angrenzenden Mastbetriebes verseucht war.  In Kanada wurde die Wasserquelle einer ganzen Stadt durch Überlaufen einer riesigen  „Gülle-Lagune“ mit gefährlichen Keimen infiziert ….

4 – Warum ist es  ziemlich bekloppt, „Kraftfutter“  an Wiederkäuer zu verfüttern?

Bereits im Jahr 2000 wurden Studien  veröffentlicht, die einen klaren Zusammenhang zwischen der dominanten Getreidefütterung und der dramatischen Vermehrung von pathogenen e.coli Bakterien im Dickdarm der Rinder aufzeigten. Konsequenzen? Keine. Einige Jahre später machte man erneut eine erstaunliche wissenschaftliche Beobachtung:

Als man das Futter für Rinder von Getreidepellets (90% Mais und Soja) auf Grünfutter umstellte, verringerte sich nach nur fünf Tagen die Zahl der E.Coli Bakterien im Dickdarm um das 1000-fache. Dazu wurde noch festgestellt, dass die Fähigkeit dieser Stämme, einen “Säureangriff“ zu überleben, durch das Grünfutter entscheidend abnahm bzw. die Population der säureresistenten Stämme um das 100.000-fache kleiner wurde. (Außerdem enthält Grünfutter Tannine und andere Polyphenole, die hemmend auf das Bakterienwachstum wirken, und das Immunsystem der Tiere auf natürliche Weise stärken.)

Wieso ist das wichtig?  Weil unser Immunsystem ja einen wichtigen Helfer hat: die Magensäure, die vielen unerwünschten Eindringlingen den Garaus macht, also auch Bakterien ins Jenseits befördert. Warum können dann die EHEC Stämme den Magen passieren? Weil sie quasi durch einen permanenten Säureangriff so  (genetisch) trainiert wurden, dass ihnen die Magensäure nichts mehr anhaben kann. Was hat das mit Getreidefutter  zu tun?

Das Verdauungssystem von Wiederkäuern ist für faserreiches GRÜNFUTTER ausgelegt und nicht für Getreide  wie Mais oder Soja (das noch dazu tausende km transportiert wird und 10-mal soviel Menschen wie Tiere ernähren könnte, wenn die pflanzlichen Kalorien direkt aufgenommen würden). Nach Aufnahme großer Mengen leicht verdaulicher (fermentierbarer) Kohlenhydrate, werden bei deren Abbau große Mengen organischer Säuren gebildet (im Pansen)  und in der Folge verändert sich das bakterielle bzw. mikrobielle Gleichgewicht. Die Stärke kann im Pansen nicht vollständig abgebaut werden und so wird sie im Dickdarm vergoren, wobei Zucker entsteht, der wiederum ein hervorragender Nährboden für die gefährlichen E.coli Stämme ist.

Der Fachmann spricht von SARA: subakuter ruminaler Azidose, die durch einen hohen Kohlenhydratanteil im Tierfutter erzeugt wird. Die Folge ist die explosionsartige Vermehrung von EC Keimen mit „Virulenzgenen“, die die Entstehung von Entzündungen (Immunreaktion) begünstigen, u.a. auch  des Euters, also der Mastitis bei Milchkühen. Dann kommen noch mehr Antibiotika, die die Widerstandskraft der Bakterien noch mehr herausfordern  (Hypermutationen erzeugen Resistenz), der Teufelskreis geht weiter – bloß nicht das Denkgebäude einstürzen lassen, das den ganzen Irrsinn hervorgebracht hat.

Uns fragt ja keiner ...

So macht man also aus symbiotischen Organismen in Rindern durch „moderne Fütterungsstrategien“ und „effiziente Haltung“  ein immer größeres Reservoir für mutierende und zunehmend resistente Infektionserreger, die Menschen und Tiere gefährden,  aber in der ökonomischen und intellektuellen Bilanz der „modernen Landwirtschaft“ nicht auftauchen (dazu gehören natürlich auch: BSE, Geflügelpest („Vogelgrippe“ und SARS), etc.

Die Bakterienlast (Krankheitserreger) könnte also erheblich reduziert werden, wenn die Tiere artgerecht gehalten werden: auf der Weide, mit Licht und Bewegung, hauptsächlich Grünfutter statt Getreide (das noch dazu große ökologische Probleme verursacht, weil transgener Mais  bzw. Soja durch unlautere Methoden immer mehr verbreitet wird). Gesündere Tiere, weniger Kosten für die Bauern, gesündere Lebensmittel, weniger Umweltbelastung, weniger klimaschädliche Emissionen, etc.. Doch was passiert?

Die mächtige, von wenigen Konzernen beherrschte Futtermittelindustrie bzw. die  „geistigen Eigentümer“ der patentierten Getreidesorten wehren sich mit allen Mitteln gegen eine Änderung des etablierten Systems. Schließlich verdient man sich dumm und dämlich damit.

Und außerdem ist eine Vernunft basierte Lösung nicht erwünscht. Es muss der „Markt“ das letzte Wort haben, soll heißen: ein selbst geschaffenes, systematisches Problem wird nicht an der Wurzel gelöst, sondern als neue „Marktchance“ gesehen: die Tiere werden also weiterhin konsequent durch falsche Ernährung und stressvolle Haltung chronisch übersäuert, wodurch viele Krankheiten entstehen. Doch anstatt diese zu verhindern, will man damit auch noch verdienen.

So werden z.B. Patente für Medikamente angemeldet, die die Azidose bekämpfen sollen: z.B. Amylasehemmer, an denen dann wiederum die großen Pharmakonzerne verdienen.

Ein Satz aus der Patenanmeldung zeigt, wie diese Leute denken:

„Es wird geschätzt, dass Pansen-Azidose und dazu in Beziehung stehende Probleme die Tierindustrie aufgrund verlorener Leistung mehr als 1 Milliarde Dollar pro Jahr kosten.“

Beachten Sie das Wort „Tierindustrie“ und die Sorge um „verlorene Leistung“ (man könnte also noch mehr Profit aus den Hochleistungsrindern herausholen …)

Damit kommen wir zu einem sehr wichtigen Aspekt dieses Problemkreises: Antibiotika &  Biotechnologie, der im nächsten Beitrag behandelt wird:

5 – Was hat die Gentechnik mit den (EC) Infektionen zu tun?

Für mehr Hintergrundinformation und Kontext zu den Auswirkungen der „modernen“ Landwirtschaft bitte auch meine früheren Beiträge (tag: „Landwirtschaft“) ansehen …

 

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2 Kommentare zu „SHIT HAPPENS (oder „Die Killergurken“)

  1. Es ist eine endlose Spirale!
    In dem Moment wo Habsucht, Profitgier und kranker Erzeugerneid die Seelen der Menschen verunreinigen, gibt es: Krankheiten, Fehlzüchtungen, Epedemien und Arbeitslosigkeit!
    Kapitalgier, hemmungsloses Profitdenken konzernalen Ursprungs zerstören die gesünder und persönlicher arbeitenden Kleinbetriebe.

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