Papst, Hunger, Kaffee und Wirtschaftslügen

Gedanken zu Medienberichten über den  Welternährungsgipfel in Rom: Warum nimmt der Hunger zu?  Who cares? Wer verarscht hier wen?

In seiner Rede zum Amtsantritt am 20. Jänner 1949 sprach der amerikanische Präsident Harry Truman  zum ersten Mal von der wichtigen Aufgabe, die unterentwickelten Gebiete der Welt am wissenschaftlichen und industriellen Fortschritt teilhaben zu lassen, um durch die Ausweitung des Welthandels Armut und Hunger zu beenden und den Frieden  zu sichern.

Diese Rede kann wohl als Startschuss für das gelten, was heute als „Entwicklungshilfe“ bekannt ist, doch diese entpuppte sich bald als Trojanisches Pferd für Marktmacht und ökonomische Diktatur …

Bis 1960 wurde mehr als ein Drittel des globalen Weizenhandels über US „Food Aid“ (subventionierte Preise) abgewickelt. Ende der 1960er Jahre gingen  80% der US-Exporte in die „Dritte Welt“. So wurden Eingriffe in die globale Nahrungsmittelversorgung ein nicht unerheblicher Part amerikanischer Außenpolitik. Doch auch die EU ist mittlerweile auf diesem Pfad erfolgreich unterwegs und terrorisiert mit ihrem Export- und CAP-Wahnsinn die kleinen Bauern dieser Welt ….

Die „Grüne Revolution“ mit ihren gewaltigen Ertragssteigerungen bedeutete mehr verfügbare Lebensmittel, führte jedoch keinesfalls zu „Ernährungssicherheit“, weil die Selbstbestimmung der Länder über ihre Agrar-, Export- und Wirtschaftspolitik immer weiter unterminiert wurde.

Free Trade“ funktioniert eben nur mit Nötigung und Zwang, das ist die Ironie … (siehe Karl Polanyi: The Great Transformation)

Stattdessen wurden neue Abhängigkeiten geschaffen: die multinationalen Konzerne der Agrochemie verdienten mit ihren synthetischen Düngern und Pestiziden nicht nur Milliarden, sie gewannen gleichzeitig eine wachsende Zahl von „Agro-Junkies“, die ohne ihre „Infusionen“ in die Äcker nicht mehr auskamen und ständig mehr davon verwenden mussten, weil die Bodenfruchtbarkeit langfristig durch den Einsatz dieser Chemikalien sowie die intensive Bewirtschaftung (Monokulturen, Herbizide, etc.) abnimmt. Doch das alles wird im Irrenhaus der Ökonomie unter „Effizienz- bzw. Produktivitätssteigerung“ geführt, denn die sozialen und ökologischen Kosten werden einfach „externalisiert“

Dass die überwältigende Mehrheit der Hungernden und Unterernährten selbst Bauern sind bzw. in der Landwirtschaft arbeiten, scheint auch nicht weiter aufzufallen ….  (siehe Vandana Shiva u.a.)

Ein sehr effektives Mittel zur Kontrolle der Nahrungsmittelproduktion auf internationaler Ebene sind  natürlich die Kredite, deren Vergabe an strenge Auflagen (SAP) geknüpft wurde, die dem internationalen Bankenkartell (bekannt als IWF und Weltbank) und den transnationalen Konzernen (vertreten durch WTO) möglichst ungehinderten Zugang zu den Ressourcen  und Märkten der „unterentwickelten“ Länder garantieren sollten und ein Herr von Schuldsklaven ….

Unter dem Deckmantel der „Entwicklungshilfe“,  angeblichem Kampf gegen Armut, etc. wurde die Handels- und Agrarpolitik also zu einem Machtinstrument für die finanziellen und wirtschaftlichen Eliten dabei wurde massiv in das Selbstbestimmungsrecht der schwächeren Staaten eingegriffen: „Food Sovereignity“ ist das Recht von Gemeinden, Regionen und Ländern, ihre eigene Landwirtschafts- und letztlich auch Wirtschaftspolitik festzulegen, deren Prioritäten von den Bedürfnissen der eigenen Bevölkerung geleitet werden und nicht von ökonomischer Ideologie und den Machtinteressen der transnationalen Konzerne, die das gegenwärtige System zu ihren Gunsten konzipiert haben.

Diese „Souveränität“ schließt auch Ernährungssicherheit (im Bezug auf Produktion, Verteilung, Qualität, umweltverträgliche Anbaumethoden, die langfristig die Bodenfruchtbarkeit und unverzichtbare Ökosysteme erhalten) ein.

Doch weder das Bevölkerungswachstum noch die angeblich zu geringe Produktivität der Landwirtschaft sind das eigentliche Problem, sondern das Festhalten an einer irrsinnigen Ideologie: Wachstum & Wettbewerb (sprich: Marktbeherrschung, Re-Feudalisierung der Welt und Oligopole, die Preise diktieren und die Armut verschärfen) Natürlich ist auch der westliche Konsumwahn (sprich: „Wachstum“), die Verfütterung von 60% des Getreides an tierische Produktionsmaschinen (als Lebewesen werden sie ja nicht mehr behandelt) in industriellen Gulags (CAFOs), die Perversion der forcierten Erzeugung von „Biotreibstoff“ für prestigeträchtigen Schwachsinn wie SUVs, (der wieder mit Erdöleinsatz und  massiver Umweltzerstörung hergestellt wird…), die steuerliche Bevorzugung des Flugverkehrs, die Subvention von Kohle und Atom und vieles mehr Ausdruck des Irrenhauses, in dem wir leben und das uns als rationale Wirtschaftspolitik verkauft wird ….)

Undemokratische Organisationen wie die WTO, die Weltbank und der IWF – aber auch die EU – haben Strukturen gefördert, die unvereinbar sind mit dem Selbstbestimmungsrecht der Völker, den Menschenrechten und den ökologischen Imperativen, die die Säulen unsere Lebensgrundlagen bilden. Sie haben die Armut und damit den Hunger (bzw. Mangelernährung) vergrößert und quasi zementiert, und gleichzeitig die astronomischen Gewinne der dominanten Marktakteure ermöglicht.

Dies soll an einem konkreten Beispiel dargestellt werden, einem Produkt, das wir wohl alle gerne konsumieren:

Kaffee

Was kostet ein Kilo guter Kaffee für den Konsumenten im Einzelhandel?  Etwa 10 Euro, also etwa 15 US-Dollar. Raten Sie mal, wie viel davon bekommt wohl der Kaffeebauer? Wieviel davon der Kaffeeexporteur? Ein Drittel, ein Viertel? Weit gefehlt.

Schauen wir uns die Verhältnisse am Beispiel der Kaffeepreise in Uganda an. Nach den Monatsberichten der  „Uganda Coffee Development Authority“ brachte der Export von einem Kilo Rohkaffee im Schnitt

Juli 2008:       2,15 Dollar / kg

September      2,10 Dollar / kg

Dezember       1,63 Dollar / kg

Mai 2009        1,53 Dollar / kg

In Euro ausgedrückt hat sich der Exportpreis also in 10 Monaten von EUR 1,43 auf EUR 1,02 reduziert (wobei natürlich auch der Wechselkurs eine Rolle spielt). Er ist also um 29% gefallen. Auch wenn man weiter zurückgeht und die Entwicklung über Jahre anschaut, die Tendenz ist immer die gleiche: die Preise fallen und fallen und das ist natürlich kein Zufall, denn das ganze System des „Welthandels“ ist so angelegt, dass die Erzeugerpreise fallen müssen, dass gewaltige Überschüsse entstehen, die den großen Händlern und Verarbeitern ständig fallende Einkaufskosten bescheren, während der Preis für den Konsumenten nicht gesenkt wird oder sogar steigt, sodass es ein Kinderspiel ist, in diesem System ständig steigende Gewinne zu machen (siehe Nestlè & Co.)

Die verzweifelten Bauern versuchen natürlich die Verluste durch Steigerung der Produktion wettzumachen, werden also mehr oder weniger dazu gewzungen, was aber letztlich den Preisverfall wieder beschleunigt. In diesem System kann der Produzent NUR verlieren. Die Zahlen aus Uganda zeigen auch diese systemische Ausbeutung auf:

Im Jänner 2009 wurde nur  8%  weniger Rohkaffee exportiert als im Jänner des Vorjahres, aber der Wertverlust war 23%. Im May 2009 nahm die Exportmenge gegenüber dem Vergleichsmonat um 4,7% ab, aber der finanzielle Verlust war bereits 31,3%. Zwischen Oktober 2008 und Jänner 2009 wurde das Exportvolumen um 7% gegenüber dem Vorjahr gesteigert, aber die Einnahmen stiegen nur um 0,66%.

Dieser eingebaute Abwärtstrend hat natürlich fatale Folgen für diese Länder, deren Exporte zu einem Löwenanteil aus der Landwirtschaft bestritten werden. Denn obwohl sie den „Rat“ der „Freihandelstheologen“ befolgten (IWF, Weltbank, WTO, EU) und vermehrt „Cash Crops“ exportierten, kommen sie aus der Schuldenfalle nicht heraus. Warum? Obwohl die Exporte ständig ausgeweitet werden, sinken die Einnahmen, aber gleichzeitig steigen die Produktionskosten (schon alleine durch die steigenden Energiepreise).

Das können nur Großbetriebe überleben, aber der weitaus größte Anteil in den „Entwicklungsländern“ sind natürlich Kleinbauern, die diesen unfairen Preiskampf nicht lange durchstehen. Ende der 1990er Jahre fiel der Welt-Kaffeepreis in vielen Fällen unter die Produktionskosten. Aber aus Sicht der neoliberalen Prediger ist auch das kein Problem: Entweder die Bauern bringen sich massenweise um (wie in Indien – das freut die Malthusianer ….), oder sie wandern in die Slums der Großstädte, wo sie bereit sind, unter sklavenähnlichen Bedingungen  in Sweatshops und anderen menschenverachtenden Systemen zu arbeiten. So garantiert der „Welthandel“ immer eine Reservearmee von verzweifelten Menschen, die bereit sind, unter unmenschlichen Bedingungen für das Wohl der Konzerne zu arbeiten.

Aber wie viel bekommt denn nun der Kaffeebauer selbst für seine Bohnen? In Uganda sind es derzeit etwa 35 Eurocent pro Kilo (zwischen 1000 und 1200 ugandische Schillinge) – wir erinnern uns, der Exporteur bekommt etwa 1 Euro und wir zahlen dafür etwa 10 Euro. Der Preis ist also um mehr als das 28-fache gegenüber dem Erzeuger gestiegen. Handel und Verarbeitung ist das große Geschäft, aber der Produzent, der das größte Risiko hat und seine Familie von diesem ständig und heftig schwankenen Einkommen ernähren muss, bekommt nur die sprichwörtlichen „Peanuts“, also so gut wie nichts.

Stellen Sie sich mal ihr, ihr Einkommen würde trotz harter Arbeit kontinuierlich sinken, unter das Existenzminimum und sie könnten nichts dagegen machen….

Was passiert, wenn die Bauern in Uganda aufgeben müssen? Kein Problem, die Weltbank und andere „Entwicklungshelfer“ sorgen schon für Ersatz. So wurde z.B. in Vietnam eine super-billige (minderwertige) Kaffeeproduktion gefördert, die die Preise noch weiter in den Keller trieb und nebenbei noch große Urwaldgebiete zerstörte (was natürlich den Klimawandel forcierte) – mehr dazu weiter unten.

Deutschland feierte kürzlich den 20. Jahrestag des Falls der Berliner Mauer, aber für die Menschheit insgesamt war das – aus heutiger Sicht – kein Grund zum Feiern. Warum nicht?

Schon wenige Monate nach dem Mauerfall, zog sich die USA vom so genannten ICA, ein internationales Handelsabkommen für Kakao und Kaffee, das Ende der 1960er Jahre unter Führung der UNabgeschlossen worden war, zurück und in der Folge  kündigten auch andere Länder ihre Teilnahme auf, so dass die Kontrolle der Produktionsmengen und damit einigermaßen stabile Erzeugerpreise nicht mehr funktionierte. Die Folge waren dramatische Preisverluste für die Bauern, hunderttausende wurden in den Ruin getrieben, viele brachten sich um, oder mussten ihr Land auf der Suche nach Arbeit, verlassen.

Die historische Fakultät der Universität in Santa Cruz (Kalifornien) hat eine kleine Geschichte des Kaffeeanbaues auf ihrer Website veröffentlicht. Darin heißt es u.a.:

„Der Rückzug der USA aus dem ICA war symptomatisch für die globalen wirtschaftlichen Veränderungen in der Zeit nach Ende des kalten Krieges, die gravierende Auswirkungen auf den Kaffeehandel hatten. Ohne die Bedrohung des Kommunismus sahen von den USA geführte Organisationen wie der IWF und die Weltbank keinen Grund mehr, marktradikale, neoliberale Wirtschaftspolitik auf kleiner Flamme schmoren zu lassen. Das Streben nach Profiten musste jetzt nicht mehr wegen der Bedürfnisse nach sozialer Gerechtigkeit  gezügelt werden, denn das „Ende der Geschichte“ war gekommen. Jetzt konnte man endlich voll zuschlagen ….

Voller Sieg des Kapitalismus, keine Gefahr mehr durch den gescheiterten Soviet-Sozialismus (der natürlich mit Marx’schen Ideen einer neuen Gesellschaft relativ wenig zu tun hatte …)

IWF und Weltbank haben großzügig Kredite an „Entwicklungsländer“ vergeben, um damit Infrastrukturprojekt zu finanzieren (dieses Geld floss zum größten Teil wieder an die Geberländer zurück, weil deren Konzerne die Projekte durchführten), die meistens überdimensioniert waren und kaum der eigenen Bevölkerung nutzten. Als Bedingung mussten „Strukturanpassungs-programme“ (SAP) durchgeführt werden, die den Abbau von Sozialprogrammen und Preisstützungen für Nahrungsmittel; Deregulierung und Privatisierung verlangten.  Exportwaren mussten direkt auf dem Weltmarkt verkauft werden, mit einem Minimum an Steuern und Zöllen.

Die verheerenden Effekte der neoliberalen Politik sind am Beispiel Vietnams zu sehen:

Anfang der 1990er Jahre erhielten die Bauern hohe Kredite um den Kaffeeanbau dramatisch auszuweiten. Dabei wurde nicht nur Regenwald und die dazugehörige Fauna weitgehend zerstört, sondern auch viele indigene Gruppen vom Land ihrer Väter vertrieben, die mit und vom Regenwald gelebt hatten, und den unschätzbaren Wert dieses Ökosystems nicht so gering achteten, wie die vermeintlichen Vertreter des „Fortschritts“.

Im August 2000, attackierten mehr als 150 Mitglieder der Edeh in der Provinz  Dak Lak (zentrales Hochland) eine Kaffeefarm, zerstörten Häuser und brannten zwei Hektar mit Kaffeesträuchern nieder. Obwohl die Regierung hart durchgriff und sogar das Militär einsetzte, eskalierte der Widerstand und tausende gingen auf die Straße, ja blockierten sogar ganze Straßen, um gegen diese menschenverachtende Form der „Entwicklung“ zu protestieren. Nach zwei Wochen mussten sie sich geschlagen geben … (Ähnliche Szenen spielen sich natürlich an vielen Orten der Welt ab, wo der „Fortschritt“ und die „Entwicklung“ auf Kosten der Menschen durchgesetzt werden, aber in den Medien erfährt man davon so gut wie nichts…)

Und die vietnamesischen Kaffeebauern? Haben die wenigstens etwas gewonnen? Schön wär’s.

Um diese Kredite zurückzahlen zu können, mussten sie den Kaffee so schnell wie möglich auf den Weltmarkt bringen. Diese Kaffeeflut bewirkte einen dramatischen Preisverfall mit verheerenden Folgen für hunderttausende Bauern weltweit. Während die Proponenten dieses Systems behaupten, dieser Irrsinn hätte tausende Arbeitsplätze in Vietnam geschaffen, ist die traurige Wahrheit, dass die Kaffeebauern in Vietnam aus der Schuldenfalle nicht mehr herauskommen. Schwankungen der Währung und der Zinsen hängen wie ein Damoklesschwert über ihnen und die Banker dieser Welt strahlen: denn der IWF ist in Wahrheit ein Bankenkartell unter Führung des US-Finanzministeriums… Dass diese Herren „systemrelevant“ sind, egal welche horrenden Schäden sie auf der Welt anrichten, wurde ja erst kürzlich wieder gezeigt … Too Big to Fail (Firmen), too Small to Survive (Menschen) …die Tragik der modernen „Wirtschaft“

Man darf ja auch nicht vergessen, dass die „Plantage“ ja Ausdruck und Ergebnis der kolonialen Ausbeutung war und ohne die brutale Sklaverei, die großen Gewinne mit Zuckerrohr, Kaffee, Kakao, Baumwolle nicht möglich gewesen wären. Diese Denkschule der „Plantagenwirtschaft“ gibt es noch heute, sie ist nur etwas subtiler und heißt heute „Globalisierung“ und auch sie braucht Arbeitssklaven ….nur die Ketten wurden abgeschafft uns durch unsichtbare „Zwänge“ ersetzt ….

Zwischen 2000 und 2004 sanken die Kaffeepreise wegen der bewusst geförderten Überproduktion auf ein absolutes Rekordtief (die Bauern bekamen weniger als 1960!), wodurch 25 Millionen Menschen, die vom Kaffeeanbau leben, in eine extreme Notlage gerieten und ihre Familien ins Elend gestürzt wurden. Die Weltkaffeeproduktion im Jahr 2002 betrug etwa 116 Millionen Säcke (à 60 kg), während nur fünf Millionen dieser Säcke konsumiert wurden.  Die von der Weltbank geförderte Ausweitung der  Kaffeeproduktion in Vietnam um das 14-fache war also ein Anschlag auf die Überlebensfähigkeit der Kleinbauern zugunsten der stark steigenden Gewinne der fünf großen Kaffeeverarbeiter und des konzentrierten Einzelhandels.

Der Kaffeeabsatz stagniert im Großen und Ganzen, die reichen Länder trinken ohnehin schon mehr als vielleicht aus gesundheitlicher Sicht gut für sie ist. Trotzdem wird die Produktion weiter ausgeweitet, das muss zu weiteren Preisverfällen führen, damit die Gewinnspannen trotz stagnierender Umsätze weiter steigen …. Es ist nie genug … Die Investoren wollen doch steigende Renditen sehen, wo die in einer begrenzten Welt herkommen, interessiert nicht ….

Nach dem Hinscheiden des ICA, ist der Anteil der Erzeugerländer am Profit des Kaffeegeschäftes  von 40% auf ca. 12% gesunken. Das große Geschäft ist die Veredelung, die zur Gänze in den westlichen Industrieländern stattfindet. Nur die „Fair Trade“ Produkte sind ein Ansatz, den Produzenten ein Einkommen zu gewährleisten, von dem sie auch leben können.

Das globale Kaffeegeschäft dreht sich inzwischen um mehr als 140 Milliarden Dollar (zweitgrößter Handelswert an den Terminbörsen), nach Erdöl das lukrativste Geschäft mit Rohstoffen, die durch die Verarbeitung gigantische Gewinne bescheren ….

Die Kaffeebauern der Welt werden gegeneinander ausgespielt (wen kann man noch mehr auspressen, wo gibt es noch brutalere Produktionsbedingungen, noch weniger Ansprüche auf Menschenrechte, etc.) und die großen Food-Multis (eine Handvoll beherrscht den Markt) kassieren gigantische Gewinne. Das ist das gern ignorierte wahre Wesen von „Wettbewerb“ und „Wachstum“, von dem neoliberale Politiker ständig schwärmen ….  „Wachstum“, das über Leichen geht …

Papst Benedikt hat in seiner Rede zum Welternährungsgipfel etwas sehr wichtiges gesagt:

Es ist nötig, sich [folgende Dingen] entgegenzustellen:

  • jene Formen der „Hilfe“, die schweren Schaden in der Landwirtschaft anrichten,
  • jene Sicht der Nahrungsproduktion, die nur auf Konsum ausgerichtet ist und den größeren Kontext [soziale und ökologische Folgen] völlig außer Acht lässt und besonders
  • der Gier, die das hässliche Gesicht der Spekulation sogar in der Vermarktung von Getreide auftauchen lässt, als ob Lebensmittel wie jede andere Ware zu behandeln seien …

Damit hat er einen zentralen Punkt getroffen, der in der endlosen Debatte über den Hunger in der Welt, so gut wie nie erwähnt wird. Denn natürlich sind Lebensmittel etwas besonderes, weil sie unverzichtbar sind. Man kann als „Konsument“ Macht ausüben, wenn man bewusst eine Ware nicht kauft, aber auf Essen kann niemand verzichten.

Dass Lebensmittel wie Socken oder Nägel behandelt werden, verdanken wir der WTO und dem „Agreement on Agriculture“. Dass nur mehr der Papst echte Kritik an den systemischen (und moralischen) Ursachen von Hunger und Armut übt, während unsere Journalisten nur mehr die „Talking Points“ wiederholen, die irgendwelche (von den Konzernen gesteuerten) Think-Tanks bzw. deren Gesandte („Experten“) ihnen vorsetzen, ist ein Trauerspiel der besonderen Art.

Sie reden über Bevölkerungsexplosion, Biosprit, fehlenden Investitionen und Korruption, aber die systemischen Ursachen von Armut und Hunger – die verheerende Wirtschafts- und Handelspolitik des  neoliberalen Marktkultes, die gewollte Konzentration von Profit und Macht in den Wirtschafts- und Finanzeliten, die auf Handlanger-Dienste reduzierte Rolle der Politik, die bewusst in Kauf genommene hohe Arbeitslosigkeit, die „beschränkte Haftung“ der Wirtschaftsführer für nie dagewesene ökologische Zerstörung, Plünderung öffentlicher Haushalte  und soziale Verelendung, all das ist kein Thema für sie.

Die Verzweiflung und Stigmatisierung von Hartz IV-Beziehern,  die bedrohte Existenz (auch unserer) Bauern, mehr als 150.000 Selbstmorde alleine in Indien – no Big Deal.. Aber wenn sich ein Fußballer umbringt, ist nationale Trauer  und große Betroffenheit angesagt …

Der Journalist als Autist, als Medienschaf, das mit den anderen im Chor blökt …. (Agenturmeldungen wiederkäuen und möglichst Denken vermeiden ….) und wir hungern nach Wahrheit ….

P.S. Es gibt noch wenige Ausnahmejournalisten, die uns wirklich helfen, die Welt besser zu verstehen und die Hintergründe zu erkennen, z.B. HIER., sollten wir solche raren Dokumente der Pressefreiheit nicht durch Abos der Printversion unterstützten?  …. Diese Zeitung hat finanzielle Probleme (kein Wunder, denn sie ist völlig unabhängig und keine Massenware ….) und dennoch kann man das Online-Archiv gratis benutzen, weil eben nicht das Profitmotiv im Vordergrund steht ….

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3 Kommentare zu „Papst, Hunger, Kaffee und Wirtschaftslügen

  1. Ich finde den Blog sehr interessant, besonders die Aussagen zu Uganda (ich war selbst dort wg. Kaffee) und die Darstellung der Einführung der Kaffeewirtschaft in Vietnam.
    Ich betreibe selbst einen Blog, der Kaffee in Zusammenhang mit Fairtrade und Gobalisierungskritik stellt. Adresse habe ich angegeben. Ich habe auf dem Blog keinen Hinweis gefunden, wer ihn betreibt, Name, usw. Können wir mal Kontakt aufnehmen?

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