DER GANZ NORMALE WAHNSINN

In den Medien wird immer noch sehr irreführend berichtet, denn es dominiert der Eindruck, nur die vom aktuellen „Skandal“ betroffenen Tiere bzw. Eier und andere tierische Produkte seien  „dioxinverseucht“, also gesundheitsschädlich, alle anderen tierischen Produkte aus der Massentierhaltung aber harmlos (frei von Dioxinen / PCB (und anderen Schadstoffen, die hier aber nicht weiter erörtert werden).

Das ist eben nicht der Fall: die Alarmglocken haben diesmal nur geläutet, weil die Grenzwerte für „Dioxine“ erheblich überschritten wurden und auch das wird nur durch „Stichproben“ überprüft. (siehe dazu meinen vorhergehenden Beitrag)

Meistens werden die Behörden nur dann aktiv, wenn die Tiere Krankheitssymptome zeigen (die Untersuchungen zum Nachweis für Dioxin sind sehr teuer). Die ganze Medienmeute kümmert sich außerdem nur um die Gesundheit der Menschen, aber die Tiere werden ja durch Dioxine (und DL-PCB) auch chronisch vergiftet (Ihr „Glück“ besteht nur darin, dass sie früher sterben als wir und sich deshalb nicht so viel Schadstoffe ansammeln können, wie bei uns;) Alles was wir ihnen antun, kommt als „Bumerang“ früher oder später zu uns zurück. Tier- u Umweltschutz heißt also immer auch Menschenschutz.

Der eigentliche Dauer-Skandal besteht darin, dass wir ständig mit unserer Nahrung (und natürlich auch in der Atemluft) immer mehr gesundheitsschädliche Substanzen aufnehmen, die unsere fortschrittsgläubige Industriegesellschaft in riesigen Mengen freisetzt.  Das Dioxin-Problem ist ja nur eines von vielen (zB Schwermetallbelastungen, Pestizidrückstände, gesundheitsgefährdende Wirkungen von Kunststoffen (die allgegenwärtig sind, zB als Verpackungsmittel für Lebensmittel, aber auch in unseren Wohnräumen) schädliche Abgase aus Industrie, Hausbrand und Verkehr. Alleine die chemische Industrie produziert seit Jahren ein riesiges, unübersichtliches Arsenal an potentiell-schädlichen Substanzen (das die EU über die  REACH Verordnung in den Griff bekommen wollte, was aber kläglich gescheitert ist), deren kumulative bzw. Langzeit- Wirkung niemand untersucht hat, bevor sie massenhaft produziert wurden;

Es ist kein Zufall, dass Allergien, Auto-Immunkrankheiten (zB Multiple Sklerose), Krebs (vor allem bei Kindern!) und neurobiologische Störungen (Alzheimer, Parkinson,etc.) im Vormarsch sind und die oberste Priorität kann nicht sein, nach einem therapeutischen „Wundermittel“ zu forschen (durch Gentechnik, etc), sondern alles zu tun, um die Entstehung solcher Krankheiten zu verhindern.

Das Problem ist, dass sich die Medien und auch die Politik meistens nur dann mit diesen Themen befassen, wenn es einen „Skandal“ oder zumindest ein Aufsehen erregendes Ereignis gegeben hat (So etwa die Aluschlacken-Katastrophe in Ungarn – tolle „Katastrophenbilder“- oder der „BSE-Skandal“ – taumelnde Kühe schockieren –  garantieren die Aufmerksamkeit der Leser bzw. „Konsumenten“ von Nachrichten. Aber selbst dann wird der größere Kontext ignoriert.

Man fordert dann stets „mehr und strengere Kontrollen“, strengere Haftung, etc. was aber im Zeitalter des neoliberalen Kapitalismus, der sich die „Freiheit“ des Marktes auf die Fahnen geschrieben hat, und die staatlichen Lenkungs- u. Kontrollfunktionen immer mehr aushöhlt, auf ziemlich verlorenem Posten steht: So sind in Zeiten des angeordneten „Sparens“ (für die Bankenoligarchie) auch Lebensmittel-Kontrollbehörden mit Personal chronisch unterversorgt.

Dazu kommt noch die ideologische Indoktrination der Politik: man verlässt sich auf „Selbstkontrollen“  und „Eigenverantwortung“ der Industrie, was natürlich – im Kapitalismus – ein schlechter Witz ist. Doch „Privat“ ist immer besser als staatlich  und der letztlich angestrebte „Nachtwächterstaat“ soll sich darauf konzentrieren, das Privateigentum und die wirtschaftlichen Machtverhältnisse abzusichern und aufkeimende Unruhe in der Bevölkerung wegen der wachsenden sozialen Ungerechtigkeit und der fortschreitenden Entmündigung des Bürgers (zB selbst zu bestimmen, wie unsere Lebensmittel angebaut / produziert werden, nach welchen Spielregeln die Wirtschaft funktionieren soll, etc.) zu kriminalisieren oder wenn nötig, auch niederzuknüppeln (siehe Griechenland, Irland, England, Portugal, etc.) Das heißt dann, „für innere Sicherheit sorgen“. Subventionieren darf der Staat auserwählte Branchen natürlich schon, alles andere regelt schon der „Markt“ alleine.  Als der „Gammelfleisch-Skandal“ in Bayern Aufsehen erregte, wurde nicht einmal der Name des verantwortlichen Unternehmens veröffentlicht, um dessen „Image“ nicht zu gefährden. Hier geht es eben nicht „nur“ um schädliche Lebensmittel, sondern auch um die Aushöhlung der Demokratie durch wirtschaftliche Machtstrukturen, die der Politik vorgeben, wo es langgeht.

Die vorgefertigten, monotonen Debatten in Talkshows über den „Dioxin-Skandal“ sind also nicht geeignet, die Wurzel des Problems anzuprangern– das natürlich ein systemisches ist und nicht die Folge „krimineller Energie“  einzelner Personen. Erich Fromm hat dazu ja schon vor vielen Jahren seine Thesen vom „gesellschaftlichen Charakter“ (der den individuellen Charakter verändert) formuliert. Dieser „social character“ nimmt durch den Kapitalismus immer negativere Züge an und in letzter Konsequenz muss die Menschlichkeit selbst (moralisch, ethisch und solidarisch zu handeln) als Ballast und Hindernis für Profitmaximierung und Erhaltung der Machtstrukturen über Bord geworfen werden.

Herabwürdigende Ausdrücke wie „Gutmenschentum“ zeigen ja bereits, wohin die  Reise geht ….

Wir können also lange über „mehr Kontrollen“ diskutieren, aber das geht am eigentlichen Problem völlig vorbei:

Solange das oberste Prinzip der Wirtschaft die Profitmaximierung ist, (die Politik sich von „Wirtschaftsexperten“ und „Think-Tanks“ das Denken abnehmen lässt) und gleichzeitig die Machtkonzen-trationen zunehmen, werden die negativen Folgen für die Gesell-schaft immer schlimmer: Zerstörung unserer Lebensgrundlagen, Tierquälerei im großen Stil, völlige Entfremdung von der Natur, Wirtschaftsidiotie und Konsumidiotie für  ein „Wachstum“, das uns  in letzter Konsequenz alle umbringen wird.

Schon in den 1970er Jahren haben uns visionäre Denker wie E.F. Schumacher, Herbert Gruhl oder Frederic Vester gezeigt, dass das Mantra von „Wachstum & Wettbewerb“ bei näherer Betrachtung ein Haufen Bullshit ist, weil systemische Effekte, ökologische Folgeschäden, soziale „Kollateralschäden“ und die unvermeidbare, wirtschaftliche Polarisierung (intra- und international) einfach ausgeblendet werden.

Was uns droht, wenn der kapitalistische „Markt“ zum obersten Prinzip unserer Gesellschaft erhoben, bzw. diese selbst zur „market society“ transformiert wird, hat uns Karl Polanyi schon vor 60 Jahren klargemacht: alle menschlichen und sozialen Beziehungen werden schließlich der Marklogik untergeordnet (Patienten, Schüler, Studenten, pflegebedürftige Menschen werden zu „Kunden, die nur gegen Bezahlung eine „Leistung“ erhalten, die sich natürlich „rechnen“ muss …) …

Die Beziehung zwischen Mensch und Natur ist völlig gestört, weil auch sie nur mehr als auszubeutendes Reservoir von Rohstoffen bzw. als Dumpingground für Abfälle betrachtet wird. Alle Lebewesen werden zu „Waren“, denen ein „Marktwert“, sprich Preis zugeordnet wird. Tiere werden zu gefühllosen Produktionsmaschinen degradiert. Die können doch auch Dreck und Abfall fressen …

Die von einer Minderheit angemahnte Erhaltung von Ökosystemen und Artenvielfalt (wenn schon nicht aus ethischen Gründen, sondern wenigstens um das eigene Überleben zu sichern) wird durch effektive PR-Strategien der Industrie wie „greenwash“, „corporate responsibility“ Slogans und „astroturfing“ unterminiert und ad absurdum geführt (am Beispiel des Informationskrieges zum Thema  „Klimawandel“  gut zu erkennen)

Entscheidend für das soziale Prestige und den Wert der Menschen ist nur mehr ihre ökonomische Verwertbarkeit. (Langzeit-Arbeitslose sind demnach nichts wert, sie sind ökonomischer Ballast).Der „Nutzen“ einer Tätigkeit wird nur mehr daran gemessen, wie viel Profit generiert wird – so werden Bauern, die ihren Boden und ihre Tiere noch mit Respekt behandeln, belächelt und als „überholt“ und sentimental betrachtet, während die Großbetriebe, die riesige Profite machen, aber gewaltige ökologische Schäden anrichten, als „erfolgreich“ „effizient“ und „zukunftsfähig“ hingestellt werden.

Diese Schäden werden „externalisiert“, d.h. auf die Gesellschaft übergewälzt (in Form von Krankheit, Umweltzerstörung,  etc.), während die Profite natürlich privatisiert werden (und man auch danach trachtet, möglichst keine Steuern zu zahlen). Würde man diese Folgekosten den Verursachern aufbürden (sie also in die betriebswirtschaftliche Rechnung aufnehmen), dann würde  Kostenwahrheit entstehen und plötzlich wären die Bioprodukte billiger als die aus der „konventionellen“ Landwirtschaft. Dann wäre es vorbei mit dem Preisbetrug …

Ein weiteres Grundproblem (das sich aus dem vorgenannten ergibt)  wird auch gar nicht thematisiert:

Wir können es uns nicht mehr leisten, dass nur „die Wirtschaft“ (bzw. die Investoren und Kapitalbesitzer) entscheiden, was (wie und mit welchem Ziel) produziert wird:

Sprüche wie „der Markt“ wisse am besten, wie die Kapitalallokation zu erfolgen habe, und man müsse diese (anonymen) Kräfte nur walten lassen, sind natürlich völliger Unsinn und zeigen, wie indoktriniert „Entscheidungsträger“ und „Multiplikatoren“ (so werden ja Journalisten heute genannt) mittlerweile sind. Wirtschaft funktioniert doch nicht in einem (konstruierten mathematischen) Vakuum! Unternehmen sind Teil eines sozialen Gefüges und natürlich auch Teil eines übergeordneten Produktionskreislaufes  – der Natur, mit ihren für uns unverzichtbaren Ökosystemen (deren Leistungen wir „gratis“ bekommen und deshalb ihren Wert nicht erkennen).

Hühnerfabrik 2011

Der Preisdruck des Weltmarktes und die Industrialisierung der Landwirtschaft führen natürlich dazu, dass die Produktionskosten (bei gleichzeitiger Expansion) ständig gesenkt werden müssen. Die Konzentration der Futtermittelhersteller und Großhändler verstärkt das massive Ungleichgewicht in der Verhandlungsmacht der „Markt-Teilnehmer“. Bei Nutztierhaltung und Mast heißt das natürlich, dass in letzter Konsequenz der billigste Dreck gerade gut genug ist, denn auch am anderen Ende will man noch kräftig trotz „Billigpreisen“ verdienen.

SPIN-ALARM:

Jedes Mal wenn es wieder einen Lebensmittel –„Skandal“ gibt, schreibt der brave Journalist, der Konsument sei schuld, weil er doch „so billig“ einkaufen wolle – egal, mit welchen Folgen. Doch diese Binsenweisheit ist nur auf den ersten Blick wahr, denn völlig ausgeblendet werden dabei folgende, entscheidende Faktoren für die Preispolitik:

Der „MARKT“ wird (durch die „Globalisierung“) zunehmend ein HAIFISCHBECKEN: Es gibt eine gewaltige Konsolidierung bei den großen „Food-Multis“ (globale Einkäufer, Verarbeiter Großhandel), daraus resultiert eine konzentrierte Marktmacht weniger Konzerne, gegen die die Millionen Erzeuger (vor allem „echte“ Bauern) keine Chance haben. Diese globalen Konzerne haben natürlich ein starkes Interesse daran, dass die Erzeugerpreise so niedrig wie möglich gehalten werden, damit ihre Profite so hoch wie möglich sind. Ähnliche – extrem ungleiche – Machtverhältnisse finden wir im Einzelhandel, wo eine Handvoll Unternehmen sich den „Markt“ aufteilt. Sie machen ebenfalls immer mehr Druck auf die Lieferanten (zB von Eiern, Gemüse, Fleisch, etc.) um mit den Ladenpreisen wieder den größte Profit zu machen und der “Wettbewerb“  wird hier praktisch ausschließlich über den „Billig-Preis“ geführt.

Es ist also nicht so, dass die Menschen vom dem Gedanken beherrscht werden, immer das billigste Lebensmittel zu kaufen und ihnen alles andere egal ist, sondern dass mit mehr oder weniger subtilen PR-Methoden , den Leuten eingehämmert wird, das billigste zu kaufen, sei ein Zeichen für Intelligenz („Geiz ist geil“; „Bio“-Schmäh“, „ich bin doch nicht blöd“, etc.). Verschärft wird der Drang zum „billigen Essen“ natürlich durch sinkende Real-Löhne, prekäre Arbeitsverhältnisse, höhere Arbeitslosigkeit, etc.  hier muss also auch der größere Kontext der neoliberalen Umverteilung der Einkommen und Vermögen von unten nach oben gesehen werden.

Und als letztes Mosaiksteinchen kommt natürlich noch die gewollte Verblödung der Leute durch die Medien hinzu (die selbst zum Instrument der wirtschaftlichen Machtelite werden). So wird eben jede tiefer gehende Debatte zum Wahnsinn unseres Wirtschaftssystems, wie ich sie skizziert habe, tunlichst vermieden. Und wenn jemand den Mut hat, dieses Thema anzuschneiden, wie Sarah Wiener, wechselt der Journalist das Thema, oder – wenn es „Die Linke“ ist, wird sofort „Kommunismus-Alarm“ ausgerufen und der Dissident dämonisiert …

Mehr Info siehe meine Artikel zum Thema „Landwirtschaft“

Dieser  beeindruckende Film zeigt (kommentarlos) wie der Wahnsinn bei uns Methode hat …(als NORMAL akzeptiert wird) Welche absurden Verhältnisse die „Marktwirtschaft“  hervorruft, zeigt dieser eine Satz aus dem Film:

„Der Preis für eine  Tonne Streusplit ist höher als für eine Tonne Weizen.“

Wir sehen also, dass jeder Zusammenhang zwischen Preis und Wert verloren gegangen ist …


Dazu kommt noch, dass die Millionen Tonnen unerwünschter Nebenprodukte und Abfälle aus der industriellen Produktion teuer „entsorgt“ werden müssten (das Wort ist Orwell pur). Diese Kosten möchte man natürlich auch auf andere überwälzen oder zumindest reduzieren. (Mehr dazu im nächsten Beitrag)

So nimmt es nicht Wunder, dass Altöle und ausrangierte Industriefette nach dieser Logik des „Cost-Cutting“ letztlich im Tierfutter und somit auch in unseren Körpern landen.

Der chilenische Ökonom Manfred Max-Neef (mit deutschen Wurzeln) hat das Dilemma unserer idiotischen Wirtschaftspolitik (die immer mehr einer Religion ähnelt als einer Wissenschaft)   kürzlich in einem Interview auf den Punkt gebracht:

„We are simply dramatically stupid“

Fortsetzung folgt…

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Ein Kommentar zu „DER GANZ NORMALE WAHNSINN

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