Porton Down: Crime & Chemistry

Union Jack toxicDie ganze Skripal-Saga beruht darauf, dass britische Experten aus Porton Down (DSTL) „bestätigt“ haben, ein Nervengift namens „Novichok“ sei in Salisbury zum Einsatz gekommen. Doch was steckt wirklich dahinter? Sind die Wissenschaftler dort unabhängig von der britischen Regierung? (Nein) und kann man ausschließen, dass sie mit dem britischen Geheimdienst gemeinsame Sache machen würden, wenn es darum geht, Russland etwas „anzuhängen“? (Nein).

Hier sind einige Hintergrund-Informationen über Porton Down, die dabei helfen sollen, diese Einrichtung moralisch zu bewerten:

DIE GESCHICHTE (Kurzfassung)

Das militärische Forschungszentrum in Porton Down wurde 1916 (also während des ersten Weltkriegs) eröffnet. Damals hieß es noch „War Department Experimental Station“ und war eine Reaktion auf den Einsatz chemischer Kampfstoffe durch das Deutsche Reich. Von 1929 bis 1940 hieß es „Chemical Warfare Experimental Station“ (CWES), nach dem Krieg wurde aus der „chemischen Kriegsführung“ die „chemische Verteidigung“ (Chemical Defence Establishment-CDE). Seit den 1940er Jahren gab es  auch  streng geheime Forschungsprogramme zur  Entwicklung u. Herstellung biologischer Waffen (z.B. bakterielle Toxine),  die im Namen aber erst in den 1990er Jahren auftauchten (CBDE).

Auf Wikipedia kann man zu den B-Waffen (entwickelt während des 2. Weltkriegs in PD) folgendes lesen:

„1940 wurden die Forschungsarbeiten auf biologische Kampfstoffe ausgeweitet. 1942 führten Wissenschaftler aus Porton Down auf Gruinard Island Versuche mit Milzbrand-Sporen durch. [Die Insel wurde jahrzehntelang kontaminiert]. Im gleichen Jahr wurden in Porton Down in einer eigens entwickelten Anlage 5 Millionen Portionen Viehfutter abgepackt, die mit Milzbrand verseucht waren und die im Rahmen der Operation Vegetarian“ über Deutschland abgeworfen werden sollten. Auch wenn es nie zu einem tatsächlichen Einsatz kam, handelte es sich hierbei um die erste Massenproduktion biologischer Waffen in der Geschichte.

Churchill hatte also kein Problem damit, hochgiftige Anthrax-Sporen über Deutschland auszubreiten. Deutsche Chemiefirmen waren in  den 1930 bzw. 1940er Jahren führend in der Entwicklung von Organophosphaten, doch Hitler hat den Einsatz der neuen Nervengifte (z.B. Sarin und Soman) nie befürwortet.

Seit 2004 wurde für Porton Down der – viel harmloser wirkende – Name Defence Science and Technology Laboratory (DSTL) gewählt.

Während diese Forschungsbereiche dem Verteidigungsministerium unterstellt sind, wurden einige davon seit 1980 abgespalten und dem britischen Gesundheitsministerium zugeordnet: Das Zentrum für angewandte Mikrobiologie und Forschung (CAMR), die Health Protecton Agency (seit 2004) und Public Health England (seit 2013).

Hier sollen also offenbar die Grenzen zwischen militärischer Forschung und „Gesundheitspolitik“ verwischt werden, damit das Märchen, die BC-Waffen-Forschung sei doch nur „defensiv“  und zum Wohle der Gesellschaft etwas glaubhafter erscheint.

Marmoset monkey DSTL victims

Hunderte Marmoset-Affen werden in PD mit tödlichen Viren und Bakterien infiziert

Von den grausamen Tierversuchen mal ganz abgesehen, wird in bzw. von solchen „Forschungseinrichtungen“ natürlich auch der Mensch als „Versuchskaninchen“ missbraucht. Porton Down hat diesbezüglich eine sehr „dunkle“ Vergangenheit.

Dazu gehören auch die Infizierung alter, dementer Menschen (1967) mit extrem gefährlichen Viren (Kyanasur/KFM), die eine schwere Gehirnhautentzündung hervorrufen. Offiziell hieß es, diese Leute hätten Leukämie, und wären ohnehin gestorben, doch welchen Sinn hätte dann die Infektion mit einem Virus aus Indien?

Die Verwandten bzw. Nachkommen der „Versuchskaninchen“ von Porton Down klagen an, wurden aber lange Zeit ignoriert.

Durch die Skripal-Saga  rückte das Thema unheimliche Nervengifte in den Mittelpunkt, doch die Rolle von Porton Down wurde nie näher untersucht.

Das Schicksal des jungen RAF-Soldaten Ronald Maddison soll hier verdeutlichen, wie skrupellos und heimtückisch diese „Forschung“ ist:

Die ersten Tests mit Sarin in Porton Down  begannen im Oktober 1951 und gingen auch nach ersten „Zwischenfällen“ (wie Koma) weiter. Obwohl dazu geraten wurde, die Dosis erheblich zu reduzieren (auf 10-15mg), erhielten die Soldaten weiterhin eine enorme Menge des Nervengiftes Sarin:  200 mg.

Ronald Maddison 1Am 6. Mai 1953 kamen sechs weitere Männer an die Reihe, einer von ihnen war Ronald Maddison.  Sie gingen in eine spezielle Kammer und trugen neben Gasmasken zwei Lagen Stoff (der Soldaten-Uniform) über der Innenseite ihres Unterarmes. Darauf wurden 200 mg flüssiges Sarin getropft. Jeder sollte danach noch 30 Minuten in der Kammer bleiben. Nach 20 Minuten  ging es Maddison sehr schlecht und er wurde herausgeholt. Der kontaminierte Stoff  und die Gasmaske wurden entfernt. Dann wurde die Rettung alarmiert, die ihn ins Krankenhaus brachte. Maddison sagte noch, er könne nichts mehr hören, dann wurde er bewusstlos. Injektionen mit Atropin wirkten nicht. Er bekam zunehmend Atemmnot, erhielt Sauerstoff und Adrenalin (direkt ins Herz), doch alles half nichts. Um 13:30 wurde er für tot erklärt (er erstickte).

In England sieht das Gesetz vor, dass bei einer unklaren Todesursache ein „Coroner“ eine öffentliche Untersuchung durchführen muss. Doch aus Gründen der „nationalen Sicherheit“ wurde diese Untersuchung geheim gehalten (da läuten schon sämtliche Alarmglocken). Nur Vertreter des Verteidigungsministeriums und der Vater von Maddison durften  teilnehmen, ihm wurde aber verboten, darüber zu sprechen.

Das Ergebnis: „death by misadventure“, was so viel wie ein Unglück oder (tödlicher) Unfall bedeutet. Doch Gerüchte und Beschwerden  über Experimente mit Menschen gingen jahrelang weiter, bis schließlich 1999 (!) eine polizeiliche Untersuchung eingeleitet wurde:  Operation „Antler“.(Auch diese Unterlagen werden geheim gehalten)

Gordon Bell (61), ebenfalls Soldat der RAF aus Schottland, hatte diese massive Operation der Wiltshire Police ausgelöst und das Ergebnis war schockierend:

Die gesammelten Aussagen von 700 ehemaligen Soldaten bestätigten die Vorwürfe von Bell, dass sie bewusst hinters Licht geführt wurden (auf den Rekrutierungs-Plakaten stand, es handle sich um das Testen einer Therapie gegen Erkältung, also Schnupfen & Husten) und keine Ahnung hatten, wie gefährlich diese Experimente in den 1950-60er Jahren waren. Tausende wurden gefährlichen Chemikalien ausgesetzt und die Polizei in Wiltshire bestätigte, dass die Wissenschaftler in PD damit  eine kriminelle Handlung begangen hatten.

Deren Ergebnisse führten dazu, dass der Tod  von Ronald Maddison  2002 neuerlich analysiert werden musste.  2004 befand der Coroner, dass er vom britischen Staat „unrechtmäßig getötet“ wurde. Nach 64 Tagen Verhandlung urteilten die Geschworenen, die Todesursache sei die „experimentelle Anwendung eines Nervengiftes“ gewesen.

Secret Science SchmidtEiner der historischen Experten in diesem Prozess war  Dr. Ulf Schmidt, Professor an der Universität Kent, der dazu auch ein Forschungsprojekt leitete und später seine Erfahrungen in einem Buch verarbeitete.

Der Autor analysiert darin die ethische, politische und rechtliche Dimension des BC-Waffen-Programms der britischen Regierung während des „Kalten Krieges“ und er untersucht auch, inwieweit diese Forschung die Nürnberger Medizin-Ethik Normen (als Folge der Menschenversuche der Nazis entstanden) verletzt oder ignoriert hat.

Er stellt dazu u.a. fest:

Die Nervengift-Experimente in Porton Down waren in mehrfacher Hinsicht einzigartig: Sie waren mit Abstand die umfangreichsten, die je gemacht worden waren (mehr als 1.500* Test-Objekte, alleine für Sarin 400 Männer). Auch was den Umfang des Risikos betraf, setzte PD neue Maßstäbe [an Skrupellosigkeit]: Immer mehr der Testpersonen wurden immer höheren Dosen von Sarin ausgesetzt, obwohl man wusste, dass es extrem giftig es war und schon in winzigen Mengen potentiell tödlich. Die Forscher waren sich also des enormen Risikos für die menschlichen „Versuchskaninchen“ bewusst.“

*[understatement: es waren insgesamt ca. 20.000 Soldaten]

WISSEN  IST  MACHT

Das Prinzip des „informed consent“, also die notwendige Zustimmung eines aufgeklärten Patienten (als Testperson für eine neuartige Therapiemethode) war bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in England  als  moralische Norm etabliert.

In den 1930er Jahren wurde dieser Grundsatz im Kontext der Chemiewaffen-Forschung  neuerlich bekräftigt: Nur wenn die Testperson über alle Risiken aufgeklärt wurde und alle nötigen Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden,  sei die Gefahr einer drohenden Schadenersatzklage gegen den medizinischen Forschungsbeirat (MRC) vernachlässigbar, schrieb der Rechtsberater der Regierung.

Nach dem 2. Weltkrieg wurden 23 deutsche Ärzte wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Nürnberg angeklagt, weil sie medizinische Experimente an Gefangenen durchgeführt hatten, ohne deren Einverständnis bzw. weil sie Menschen, die als „unwertes Leben“ klassifiziert waren, euthanasiert (also umgebracht) hatten.

In diesem Urteil ist auch ein medizinischer Ethik-Codex enthalten, in dem die Rechte der Patienten und die Pflichten der Ärzte (bzw. Forscher) aufgeführt werden. Nach den Nürnberger Regeln wurde das Prinzip des „informed consent“ noch schärfer ausgelegt, wenn es um Menschenversuche ging: (p.369)

Das Recht eines Menschen auf Selbstbestimmung und der Schutz vor  körperlichem oder psychischem Schaden wiegt höher als irgendwelche propagierten, kollektiven Nutzen („nationale Sicherheit“, medizinischer „Fortschritt“,  etc.).

Dieses Prinzip wurde später in nationalen und internationalen Konventionen  übernommen (Charta der Zivilen und Politischen Rechte, Art. 7 und beeinflusste die vier Genfer Konventionen (1949).

„NATIONALE SICHERHEIT“ GEGEN  MENSCHENRECHTE &  MEDIZIN-ETHIK

Schmidt zeigt dann im  folgenden, wie die Versuche in Porton Down den Ethikcode systematisch verletzt haben, während man  dem Parlament sagte, es sei alles in Ordnung:

Es seien alle nur möglichen Maßnahmen ergriffen worden, nicht nur um Schäden zu vermeiden, sondern auch um etwaiges Unbehagen zu minimieren“. Es werden nur Freiwillige für diese Tests (zunächst mit Senfgas)  herangezogen Ein Monat später sagte der Kriegsminister im Parlament, dass seit Jänner 1929 520 Soldaten an solchen Experimenten teilgenommen hätten, wobei „relevante Schutzmaßnahmen“ getroffen worden seien.

Die Entdeckung der neuen, hochpotenten Nervengifte in Deutschland nach dem Krieg veranlasste das britische Militär dazu, es mit den „Sicherheitsvorkehrungen“ für die Versuchsobjekte nicht so genau zu nehmen. Man muss natürlich auch sagen, dass wirklich aufgeklärte Soldaten niemals in diese Versuche eingewilligt hätten. Wer meldet sich „freiwillig“ um Giftgas an sich testen zu lassen?  Es ist also logisch, dass man sie über die Gefährlichkeit der Tests im Dunklen gelassen hat, aber trotzdem moralisch nicht akzeptabel.

Einige britische Wissenschaftler äußerten demgemäß starke moralische Bedenken, was die Rekrutierung junger  (oft minderjähriger) Soldaten für  Menschenversuche betraf. So schrieb ein Pathologie-Professor der Universität London 1952:

Jetzt da der Wehrdienst verpflichtend ist, müssen sie  der Versuchung widerstehen, diese jungen Männer als nützliches Reservoir für klinische Experimente zu betrachten, besonders da im Rahmen der militärischen Disziplin ein Soldat durch Sanktionen oder Privilegien dazu gebracht werden kann,  ein „Freiwilliger“ zu sein.

Nach dem Tod von Maddison wurden die Informationen, die die „Freiwilligen“ in Porton Down erhielten, genauer unter die Lupe genommen (von Rechtsexperten der Regierung). Es stellte sich heraus, das die tatsächlichen Risiken völlig verharmlost wurden, denn die Soldaten konnten dazu folgendes lesen:

Tests are carefully planned to avoid the slightest chance of danger

Bei Versuchen mit hochgefährlichen Nervengiften wurde also behauptet, diese seien „sorgfältig geplant, um auch nur das geringste Risiko (einer Gesundheitsgefährdung) zu vermeiden

Dieser Text wurde nach dem Tod von Maddison (der 20 Jahre alt war) zwar geändert auf „vorhersehbares Risiko“, doch die Soldaten wurden weiterhin darüber im Dunkeln gelassen, WAS an ihnen getestet wurde und WIE gefährlich das war.

Schmidt entdeckte während seiner Recherchen ein Dokument, aus dem hervorging, dass die ursprünglichen Genehmigungen bzw. Abläufe für die Rekrutierung  von Soldaten für Senfgas-Experimente (nach 1916) einfach für die viel gefährlicheren Sarin-Experimente (nach 1950) übernommen wurden. Der Rechtsberater der Regierung kam also zu dem Schluß, dass die „Krone“ (bzw. der zuständige Minister Duncan Sandys) durchaus für den Tod von Maddison verantwortlich sei (weshalb diese Dokumente auch 50 Jahre unter Verschluss blieben).

LÜGEN  STATT  AUFKLÄRUNG

Doch laut Schmidt wurden sowohl der Premierminister als auch das Parlament bezüglich der (eben nicht) offengelegten Risiken der Menschenversuche in Porton Down angelogen:

In jedem Fall wurde die Art des Versuchs und das zu erwartende Ergebnis dem Freiwilligen vorher erklärt, sodass er seine Teilnahme daran zurückziehen konnte“.

Der Autor zitiert ein Dokument vom 8. Mai 1953, in dem das wahre Ziel dieser Experimente genannt wird:

„…um jene Dosis herauszufinden (für Sarin, Soman und Cyclo-Sarin), die bei Auftragen auf die bloße oder bedeckte Haut  die Person völlig hilflos macht oder deren Tod verursacht.“  

Zu behaupten, die Soldaten wären „informiert“ gewesen und hätten demgemäß ihren  „informed consent“ für solche Versuche erteilt, ist also eine infame Lüge.

DIE BÖSEN DEUTSCHEN & DIE GUTEN ENGLÄNDER?

Telford Taylor Nuremberg doctor trial

Schon 1946 hatte Telford Taylor (der leitende Ankläger im Nürnberger Ärzteprozess) in seinem Eingangsstatement gesagt:

Egal welchen forensischen Experten wir zitieren oder welches Buch über Medizinethik wir studieren, es ist eine grundsätzliche und unausweichliche Verpflichtung jedes Arztes – in jedem bekannten Rechtssystem – keine gefährlichen Experimente vorzunehmen, ohne die Zustimmung der Person.“

Schöne Worte, doch Schmidt betont, dass  zahlreiche Untersuchungen gezeigt hätten, wie oft dieser Grundsatz von den Alliierten (Wissenschaftlern  aus dem anglo-amerikanischen Raum im Auftrag ihrer Regierung) verletzt wurde. Natürlich redete man sich dabei auf den „Kalten Krieg“ aus:

(Mein Kommentar): Ein (von den USA) suggerierter Zustand permanenter Bedrohung durch die „Rote Gefahr“ (UDSSR) machte diese schweren Rechtsverletzungen „notwendig“ und zulässig. Auch Ärzte gaben zu, dass sie niemals die Zustimmung ihrer Patienten/Test-Objekte eingeholt hatten:

Schmidt Porton Down & infconsent

(Schmidt spricht hier von einer „paternalistischen“ Arzt-Patient Beziehung und bezieht sich auf die 1950, 60er Jahre, doch ist es heute wirklich anders? Wieviele Ärzte klären ihre Patienten wirklich vorher auf, bevor ihnen eine Therapie „verpasst“ wird? Die Leute werden immer noch in vielen Fällen bevormundet, weil das für die Ärzte viel bequemer ist)

Als der Richter 2004 das Urteil der ursprünglichen, amtlichen (Coroner)- Untersuchung aufhob und den Tod von Maddison damit als  staatliches Verbrechen klassifizierte, betonte er, dass die Besorgnis über die wahren Umstände seines Todes und das Fehlen von „informed consent“ auch heute noch relevant sind.

Im Februar 2006 einigten sich die Familie von Maddison und das britische Verteidigungsministerium auf den weniger gravierenden Tatbestand der „groben Fahrlässigkeit“ (eigentlich fahrlässige Tötung). Auf dieser Basis wurden dann 360 weiteren „Veteranen“ von PD zwei Jahre später insgesamt 3 Millionen GBP an Entschädigung gezahlt. Die Angehörigen von Maddison erhielten 100.000 Pfund.

Die „Entschuldigung“ der britischen Regierung hörte sich so an: „..es gab Aspekte der Versuche, die möglicherweise unzulänglich waren und wodurch das Leben oder die Gesundheit der Teilnehmer möglicherweise gefährdet waren.“

Gleichzeitig kündigte das MoD (Verteidigungsministerium) aber an, man werde das Urteil (was die fehlende Zustimmung der Versuchspersonen betraf)  anfechten. Die Polizei in Wiltshire hatte fleißig Material und Zeugenaussagen gesammelt, um die noch lebenden, damals verantwortlichen Wissenschaftler von Porton Down anzuklagen. Doch diese Leute haben (als Teil des militärischen Macht-Apparates) natürlich „friends in high places„, die das verhinderten:

Der CPS verkündete daher 2006, dass es „nicht genügend Beweise für eine Anklage der Verantwortlichen von Porton Down“ gebe und damit war die Sache vom Tisch.

Einsicht in das massive Unrecht gibt es also bis heute nicht. Geheime und unheimliche Tests mit biologischen Waffen gehen weiter, vor allem im Auftrag des amerikanischen Militärs bzw. des Pentagon. (Wer zum Thema B-Waffen bzw. – woher kommt AIDS? – recherchiert, findet schockierende Informationen...)

Dass es hier darum geht, „nationale Sicherheit“ gegen individuelle Rechte abzuwägen und damit ein moralisches Dilemma entsteht, sehe ich nicht so. Der „äußere Feind“ der immer wieder zur Rechtfertigung der Verletzung grundlegener, ethischer Normen dient, ist in vielen Fällen ein Phantom bzw. eine selbst gezüchtete Bedrohung (der „Kalte Krieg“ war ein Vorwand zur Rechtfertigung der eigenen, weltweiten Aggression (der USA), und der „islamistische Terror“ ist ebenfalls ein  synthetisches Konstrukt, das man als perfides, geopolitisches und militärisches Werkzeug benutzt (siehe Irak und Syrien).

Was schrieb die britische Presse über Porton Down?

 

In der Zeitung THE GUARDIAN erschien 2004  dazu ein Artikel mit dem Titel:

Die Vergangenheit, die Porton Down nicht verstecken kann.

Darin heißt es u.a.:

Die strikte Geheimhaltung, die diese Einrichtung jahrzehntelang umgab, hat alle möglichen Gerüchte und Mythen über die dort stattfindenden Versuche befördert. Ein Regierungsbeamter bemerkte dazu einmal, dass Porton „das Image eines unheimlichen und ruchlosen Betriebes“ habe.

Der Guardian stellt fest, dass die Menschenversuche von PD haben viel Kritik hervorgerufen hätten, so gäbe es (eben) den Vorwurf, dass die „Freiwilligen“ hereingelegt worden seien, um an den Tests teilzunehmen und dass die Versuche langfristig die Gesundheit der Probanden geschädigt haben. Dann werden die Wiederaufrollung der Untersuchung zur Todesursache von Maddison erwähnt und die Fragen gestellt (aber nicht beantwortet):

Was haben die Forscher dort wirklich gemacht? Haben sie irgendetwas erreicht, dass wissenschaftlichen Wert hat?

Man liest, die Recherchen der Zeitung hätten ein „neues, umfassendes Bild“ der Nervengift-Experimente hervorgebracht, doch davon ist im Artikel nicht viel zu merken.

Man erklärt den biologischen Mechanismus, der die Organophosphate so gefährlich für das Nervensystem macht: Die Blockierung des  Enzyms Acetylcholinesterase, (was zu einem permanten Erregungszustand der Muskulatur führt, da  der Neurotransmitter Acetylcholin nach seiner Ausschüttung binnen Sekunden nicht wieder durch dieses Enzym eliminiert werden kann). Die Muskeln können sich nicht  entspannen werden dadurch paralysiert, was besonders für Atmung und Kreislauf fatal ist: Der Mensch (oder das Tier) erstickt.

Die Ankündigung des Guardian, in diesem Artikel könne man neue Erkenntnisse über den wahren Charakter der Forschung in PD gewinnen, wird leider nicht erfüllt und die  (verordnete?) Naivität der Journaille zu diesem Thema wird deutlich, wenn es heißt:

Today, Porton is devoted totally to devising defensive measures against gas attacks.“

(Heute widmet sich (die Forschung in) Porton ausschließlich defensiven Maßnahmen gegen Gasangriffe). Wer kann das glauben?

Im ersten Weltkrieg starben weniger als 1% der Opfer an Giftgas und ca. 7% der Verwundeten gehen auf chemische Waffen zurück. Es ging also mehr um den psychologischen Terror, den diese unheimlichen Gase bei den Soldaten auslösten.

insect-drone poison HalperNervengifte, die unkontrolliert (vom Wind verweht) aus Bomben ausströmen, machen heute keinen militärischen Sinn mehr, doch für die Geheimdienste sind sie nach wie vor sehr interessant. Vor allem deshalb, weil man heute unglaubliche Methoden der Verabreichung zur Verfügung hat, die einen Anschlag erheblich erleichtern (Mikro-Kapseln, biologische Nano-Roboter als Transport-Vehikel,  Mini-Drohnen, die aussehen wie Stechmücken (!), aber einen winzigen Giftbehälter haben, etc. – Wer braucht da noch ein Parfumfläschchen?? Das ist nur Theater...)

2 THE INDEPENDENT: Die Bevölkerung als Versuchskaninchen

Hier wird (im Gegensatz zum Guardian) wirklich etwas aufgedeckt: Nämlich dass auch die ahnungslose, britische Bevölkerung von Porton Down (PD) als Versuchskaninchen für chemische & biologische Kriegsführung benutzt wurde:

„In more than 750 secret operations, hundreds of thousands of ordinary Britons were subjected to ‘mock’ biological and chemical warfare attacks launched from aircraft, ships and road vehicles.“

INDEP BritGov Biowarfare 2015Bisher hatte niemand geahnt, welches Ausmaß diese Experimente angenommen hatten, doch durch die Forschungsarbeit von Dr. Ulf Schmidt sei z.B. herausgekommen, dass „britische RAF-Flugzeuge tausende Kilogramm einer potentiell-giftigen Chemikalie auf die Zivilbevölkerung losgelassen“ hatten. Aber auch aus Schiffen und Lastkraftwagen seien zwischen 1953 und 1964 gefährliche, chemische Verbindungen freigesetzt worden.

Auch die zehntausenden Pendler, die täglich das U-Bahn-Netz in London frequentieren, wurden als „Versuchskaninchen“ nicht verschont. So fand dort im Mai 1964 ein geheimer „Feldversuch“ mit (potentiell) bakteriologischen Waffen statt.

Bei der geheimen Operation wurden große Mengen des Bakteriums Bacillus globigii (spielt eine Rolle bei Lebensmittelvergiftung, Augenkrankheiten, aber heute auch als „Krankenhauskeim“) freigesetzt,

um festzustellen, ob die Weiterverbreitung eines Aerosols über große Strecken durch die Züge ermöglicht wurde oder durch das Lüftungssystem in den U-Bahn-Schächten.

Besonders widerlich war ein Test, der 1952 in Schottland durchgefüht wurde. Dabei wurden lebende Pestbakterien über der Westküste verbreitet, nur wenige Kilometer von der Isle of Lewis, wo mehrere tausend Menschen lebten. Die Wissenschaftler behaupteten, die Gefahr sei vernachlässigbar gewesen, da der Wind “normalerweise“ in Richtung Meer blase. Hätte der Wind gedreht, wären tausende Menschen dem Risiko einer Pest-Epidemie ausgesetzt gewesen, so Dr. Schmidt. (Ein Fischerboot war während der Freisetzung vor Ort, was aus der Besatzung wurde, ist unbekannt….)

Das British Empire gab es zwar (formal) nach 1945 nicht mehr, doch die imperiale (und rassistische) Mentalität der englischen, politischen Elite wurde deswegen nicht abgelegt. Demgemäß genehmigte Premierminister Churchill den „genialen“ Plan, in Zukunft die Übersee-Gebiete unter britischer Kontrolle für derartige Menschen-Versuche heranzuziehen.

  • Die Bahamas wurden als ideal für diese biologischen Versuche  „ohne irgendwelche Einschränkungen“  eingestuft. Auf einer – angeblich unbewohnten – Insel wurden dann 1954  gefährliche Pferdeviren freigesetzt, die eine Gehirnhautentzündung  mit hohem Fieber, ständiger Müdigkeit und Kopfschmerzen auslösen, die tödlich verlaufen kann– bei Menschen.
  • Auch in Nigeria fand man ein passendes Terrain für Chemiewaffen-Versuche. 15 Monate lang testete man im Süden des Landes die „G-Serie“ der Nervengase (also auch Sarin), in einer tropischen Umgebung. (Sollten die nicht-weißen Untertanen in diesen Gebeiten auf die Idee kommen, gegen den Kapitalismus zu rebellieren, könnte man ja eventuell auf diese „Forschung“ zurückgreifen…)

Welche gesundheitlichen Folgen diese Experimente für die Einheimischen oder die Natur dort hatten, ist nicht bekannt. Dr. Schmidt resumiert: „Die Unterlagen der Regierung sind auffällig „stumm“, was diese wichtige Frage betrifft:

The government records I’ve been looking at are conspicuously silent on all this,”

(Diese Unterlagen wurden natürlich vernichtet).

Die Behörden hatten gute Gründe dafür, warum diese (skrupellosen) Versuche in Großbritannien verboten waren, weshalb die Unterlagen zu diesen Giftgas-Tests in Afrika als besonders „heikel“ eingestuft wurden, bemerkt Dr. Schmidt.

Zuletzt geht der Artikel auch noch kurz auf die  Versuche mit den Wehrdienern in Porton Down ein, die wir ja schon  erwähnt haben und stellt fest, dass nach den Recherchen von Dr. Schmidt mehr als 14.000 britische Soldaten dazu missbraucht wurden (für fast 30.000 geheime Experimente mit chemischen Kampfstoffen zwischen 1945 und 1989)

„Survivors are likely to suffer  long-term neurological damage and psychiatric disorders.“

Zu den Gesundheitsschäden dieser Neuro-Gifte (wie Sarin) wird also festgestellt: Überlebende leiden an Nervenschäden und psychiatrischen Störungen… (was ja bei den Skripals nicht der Fall ist, also sind sie eben NICHT einem solchen Nervengift ausgesetzt worden…)

The Porton Down facility is seen, in WiltshireDass Porton Down aber in der Lage ist, diese Gifte herzustellen (und somit auch die OPCW hinters Licht zu führen), steht außer Zweifel. Dass es dort Wissenschaftler gibt, die wenig moralische Skrupel haben, (eine Voraussetzng für „militärische Forschung“) liegt auch auf der Hand. Somit ist jede Behauptung, der angebliche Nachweis von „Giftgas“-Spuren, (die mit einem russischen Fantasie-Namen versehen werden) zeige „alternativlos“ dass Russland dafür verantwortlich sei, als billiges Täuschungsmanöver abzulehnen.

Die geheimen Versuche im Rahmen „militärischer Forschung“ gingen und gehen weiter und zwar mit  einer teuflischen Mischung aus „Biotechnologie“ und  grenzenlosem Machtstreben. 

Die gerechtfertigte Empörung von Telford Taylor (1946 in Nürnberg) über die widerwärtigen Versuche der deutschen NS-Ärzte kann heute also ebenfalls auf die anglo-amerikanische B-Waffen-Forschung angewendet werden. Auch sie sind „barbarisch und kriminell“, aber keiner spricht darüber…stattdessen wird mit dem Finger auf Syrien gezeigt.

Forschung, die geheim ist, kann und darf in einer Demokratie nicht toleriert werden und ist auch mit wissenschaftlicher Ethik unvereinbar. (Wir haben also keine Demokratie…)

Porton Down gets millionsDas politische „Novichok“-Märchen hat den (militarisierten) Forschern in Porton Down jedenfalls Millionen an Steuergeldern eingebracht und wurde natürlich von britischen Politikern auch zur Ablenkung von internen Problemen benutzt:

Wenn es noch Zweifel gab, dass Russland eine Bedrohung unserer Bürger darstellt, brauchen wir nur .. auf die ruchlose Attacke in Salisbury schauen…heute kann ich ankündigen, dass wir die Chemiewaffen-Abwehr in DSTL durch die Investition von 48 Millionen stärken werden .. deren Experten hatten die Aufgabe das Nervengift zu analysieren, mit dem die Skripals vergiftet wurden .. und spielten eine entscheidende Rolle um eine Verbindung dieses Anschlags zu Russland herzustellen ..“

(darauf kannst du wetten …)

 

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s