Ivory Coast (2): La Guerre Moderne

corpAfrica

„We believe no more in Bonaparte’s fighting mereley for the liberties of the seas, than in Great Britain’s fighting for the liberties of mankind.

The object is the same: to draw to themselves the power, the wealth and the resources of other nations.“

Thomas Jefferson

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„Gbagbo hat bei der Präsidentschaftswahl eine Niederlage einstecken müssen, doch er will die Macht dennoch nicht seinem Kontrahenten Alassane Ouattara überlassen, dessen Wahlsieg international anerkannt wird“.

Quelle: Spiegel Online (wiederkäuend die Meldungen von Reuters/dpa/AFP)

„Nach einer verlorenen Wahl hatte Ex-Präsident Laurent Gbagbo sich standhaft geweigert, zurückzutreten – und seinem gewählten Nachfolger Alassane Ouattara den Präsidentenstuhl zu überlassen. Gestern Nachmittag nun wurde Gbagbo in seiner Residenz gefangen genommen. Doch für Ouattara geht nun die Arbeit erst los.“

Quelle: Tagesschau

Man findet hunderte solcher Medienberichte, alle mit der gleichen Behauptung, dass ein aggressiver Wahlverlierer seinen Platz nicht räumen wollte und deshalb schließlich mit militärischer Gewalt „aus seinem Bunker“ geholt werden musste. Die „Staatengemeinschaft“ unterstützt natürlich den „demokratisch gewählten“ Präsidenten Ouattara, usw. Doch diese Darstellung ist falsch und irreführend.

„Respect for truth and for the right of the public to truth is the first duty of the journalist“.

IFJ: Declaration of Principles

Dieser Papageienjournalismus ist nicht nur wegen massiver Verletzung der journalistischen Ethik eine Schande, sondern fungiert auch als Instrument für brutale Machtpolitik  und massive Rechtsverletzungen, die ohne Folgen bleiben, weil diese Medien ihrer Rolle als Fließband für Lügen und Desinformation gehorsam nachkommen (und sich darauf auch noch etwas einbilden).

1gbagboFakt ist, dass Präsident Gbagbo die Wahlen 2010 nicht verloren hat (was wirklich passiert ist, erkläre ich im nächsten Artikel) und daraus ergibt sich logischerweise, dass ausländische Kräfte dafür gesorgt haben, dass der andere Kandidat, Allassane Ouattara an die Macht kommt. Dass die Öffentlichkeit ein „Recht auf Wahrheit“ hat, spielt ja bei unseren „churnalists“ keine Rolle mehr und weil sie alle die gleichen Lügen verbreiten, fällt das ja auch gar nicht weiter auf.

Während Gbagbo in den Medien zunehmend dämonisiert wurde (damit sein Show-Trial vor dem Internationalen Strafgerichtshof gerechtfertigt erscheint), ergibt sich – nach gründlichen Recherchen – ein völlig anderes Bild, das ich hier wiedergeben möchte:

Zunächst zitiere ich dafür aus einem Bericht der UN, der über die Situation zwischen 2001 bis zum Jahr 2004 Auskunft gibt und Gbagbo in einem ganz anderen Licht erscheinen lässt:  Ein Mann, der nach einem Putschversuch (bei dem sein Innenminister und zahlreiche Angehörige von Polizei und Militär getötet wurden) bereit ist, sich mit den „Rebellen“ an einen Tisch zu setzen und eine Politik der Versöhnung voranzutreiben, ihnen sogar Ministerämter zugesteht, soll ein machtbesessener Autokrat sein?  Das ist völlig unglaubwürdig. Was sagt die UN Mission:

 “Trotz eines versuchten Staatsstreichs im Jänner 2001, der ausländischen Kräften angelastet wurde (aus Burkina Faso) werden Gemeinderatswahlen im März abgehalten. Zum ersten Mal seit 1993 werden alle Parteien zu den Wahlen zugelassen. […]

Präsident Gbagbo verfolgte eine Politik der nationalen Versöhnung und der Dezentralisierung durch die Organisation von Regionalwahlen. Im Oktober findet deshalb ein Forum statt, um die Streitfragen, die das ivorianische Volk polarisiert haben, einer Lösung zuzuführen: Fragen der Nationalität, des Landbesitzes;  die angezweifelte Legitimation der Regierung und der Zustand der Sicherheitskräfte.

Das Forum gipfelt in einem Treffen zwischen Präsident Gbagbo, Mr. Bédié, General Gueï and Allassane Ouattara am 22. Und 23. Jänner 2002, das die Empfehlungen des Forums berücksichtigen und zu einer Versöhnung führen soll. In einer Schlusserklärung einigen sich die vier Politiker, undemokratischen Methoden entgegenzutreten, die Sicherheitskräfte zu reformieren, eine nationale Wahlkommission zu etablieren und eine nationale Institution zu schaffen, die für Fragen des Landbesitzes zuständig ist.”

Präsident Gbagbo stimmt der Bildung einer Regierung der nationalen Einheit zu und nach weiteren Gesprächen wird diese am 5. August 2002 verlautbart. Alle maßgeblichen Oppositionsparteien sind in dem neuen Kabinett vertreten […] Der lange Streit über die Nationalität von Ouattara wird beendet: ein Gericht zertifiziert seine Staatsangehörigkeit am 26.Juli 2002. “

Es gab also – dank  der echten, demokratischen Gesinnung Gbagbos – durchaus Grund für Optimismus – wenn man davon ausging, dass alle Beteiligten es mit ihrem commitment für Frieden und Stabilität Ernst meinten. Doch im Herbst 2002 zerplatzte die Hoffnung für eines bessere Zukunft:

Am 19. September 2002 wurden fast gleichzeitig mehrere militärische Einrichtungen von bewaffneten Einheiten angegriffen [während der Präsident in Italien war]: in der Hauptstadt Abidjan, in der zweitgrößten Stadt Bouaké und in Korhogo, einer Stadt im Norden.

Ivory_Coast_March_2011_offensive_mapEnde September hatten die bestens organisierten “Rebellen” die Kontrolle über die Nordhälfte des Landes und operierten als “bewaffneter Arm” einer Partei, die sich Patriotische Bewegung von Côte d’Ivoire (MPCI) nannte. Nach zähem Ringen wurde im Oktober 2002 ein Waffenstillstand erreicht, der mithilfe französischer Truppen überwacht werden sollte (Operation Licorne). Bei den politischen Verhandlungen wurden von Gbagbo zahlreiche Zugeständnisse gemacht, doch eine haltbare Vereinbarung wurde von den “Rebellen”  systematisch torpediert. Schließlich wurde 2003 ein Durchbruch (jedenfalls auf dem  Papier) erreicht:

Das Linas-Marcoussis Abkommen (LMA)

Vom 15. Bis 23. Jänner 2003 fanden Gespräche zwischen allen politischen Kräften des Landes statt (inzwischen auf 10 “Parteien” – ein Drittel davon bewaffnet und rabiat – angewachsen.) Das Ergebnis des Runden Tisches war die Unterzeichnung des Linas-Marcoussis Abkommens am 23. Jänner 2003 mit dem Ziel der nationalen Versöhnung durch eine gemeinsame Regierung: dazu soll der Präsident einen Teil seiner Befugnisse an einen Premierminister abgeben, der in Abstimmung mit den Oppositionsparteien ernannt wird und dessen Mandat bis zur nächsten Wahl im Jahr 2005 dauern soll.

Hauptaufgaben der neuen Regierung für eine nationalen Versöhnung:

  • Fahrplan für nationale Wahlen (Sicherstellung transparenter Abläufe)
  • Neustrukturierung des Militärs  und der Sicherheitskräfte
  • Entwaffnung aller militanten Gruppen

Im Anhang der Vereinbarung wurde auch ein Programm zur Lösung jener Probleme vorgestellt, die man als die Wurzeln der Gewaltausbrüche identifiziert hatte:  Die Frage der Staatsbürgerschaft, der zivile Status von Ausländern, klare Regeln für aktives und passives Wahlrecht, die Schaffung einer Menschenrechtskommission, in der Repräsentanten aller Parteien tätig sind, die Frage des Landbesitzes und der Pacht, usw.

Zur Überwachung der Implementation dieser Reformen sollte ein eigenes Kommitee gebildet werden, in dem Mitglieder aus folgenden Institutionen vertreten sind: UN, AU, ECOWAS, EU, IMF, Weltbank, G8, OIF sowie je ein Vertreter des französischen bzw. jener Militärs, die Truppen nach IC entsandt haben. [damit wurde das Land de facto unter politisches Kuratel  des Westens gestellt]

DiarraAm 26. Jänner 2003 fanden in Paris Gespräche zwischen den Staatschefs der betroffenen afrikanischen Staaten statt, in denen das LMA bekräftigt wurde. Während dieses Treffens ernannte Präsident Gbagbo den ehemaligen Premierminister Seydou DIARRA wieder für diesen Ministerposten, womit er zum Chef der neu zu bildenden Regierung wurde.

Am Rande der Beratungsgespräche wurde eine Übereinkunft darüber erzielt, wie die einzelnen Ministerien unter den Parteien aufgeteilt werden, wobei die Schlüsselbereiche Verteidigung und Innenministerium an die Rebellengruppen gehen sollten.”

Die Vereinbarung legte fest, dass die neue ivorianische Regierung den “Rat” von ECOWAS, Frankreich und den UN suchen muss, wenn es um die Garantie der Reformen des Militärs und der Sicherheitskräfte geht. Internationale “Partner” sollen bei der Reintegration aller bewaffneten Elemente  behiflich sein. […]” Auch die Entsendung “ziviler und militärischer Beobachter”, die die Überwachung der Implementierung unterstützen würden, wurde “empfohlen”.

Doch der neue Premierminister konnte nach der Konferenz nicht nach Hause fahren, weil es dort zu massiven Protesten gekommen war, nach dem durchgesickert war, dass das Verteidigungs- und Innenministerium von nun an von den ehemaligen “Rebellen” übernommen werden soll (die man zutreffender als Terroristen bezeichnen könnte). Die Wut der Demonstranten richtete sich in erster Linie gegen französische Einrichtungen, weil offensichtlich war, wer hier die machtpolitischen Fäden zieht.

Anti-AfricomDazu kam noch, dass die Offizierselite der nationalen Armee und der Sicherheitsdienste in einem Schreiben an Präsident Gbagbo ebenso ihre explizite Ablehnung dieser Vorgangsweise zum Ausdruck brachte wie die Führer zweier Oppositionsparteien; ganz zu Schweigen vom amtierenden Innenminister, der das Abkommen für  “null und nichtig” erklärte. Präsident Gbagbo war offenbar auch durch die ambivalente Sprache der “Vereinbarung” verwirrt, denn er sprach nach seiner Rückkehr aus Paris von “Vorschlägen”.

In seiner Rede an die Nation am 7. Februar 2003, bestätigte er Diarra als neuen Premierminister und forderte ihn auf, ein neues Kabinett vorzuschlagen. Gleichzeitig bekräftigte er aber, seine verfassungsmäßigen Rechte ausüben zu wollen und dass er jene Verfügungen des LMA, die mit der Verfassung des Landes nicht im Einklang standen, nicht implementieren werde. Insbesondere jene, die die Berufung des Premierminister als unwiderruflich festlegte und die “vorgeschlagene” Entwaffnung der nationalen Streitkräfte. Der Präsident lehnte nun auch öffentlich jenen Punkt ab, die die Verantwortung für die innere und äußere Sicherheit an die gewalttätigen Rebellen verlangte (also Verteidigungsressort und Innenministerium).”

Hier muss man einmal tief Luft holen und folgendes anmerken: Diese “Übereinkunft” ist eine ungeuerliche Provokation und erinnert mich an das “Abkommen” vom Rambouillet, das man Milosevic vorlegte, wohlwissend, dass er diese Bedingungen unmöglich azeptieren konnte, ohne sein Gesicht zu verlieren, und einen Aufstand in der Bevölkerung auszulösen. 

Die Akzeptanz dieser Bedingungen wäre effektiv ein Verrat an der eigenen Verfassung und der Bevölkerung, die Nichtakzeptanz wird aber von den “Vermittlern” sofort als Beweis dafür ausgelegt, dass man an Frieden und Stabilität gar nicht interessiert sei, sondern nur die eigene Macht zementieren wolle und “Vereinbarungen” nicht einhalte.

Man stelle sich das einmal bei uns vor:

Fighters from the Republican Forces rebels walk at the village of Pekanhouebly on the border of Ivory Coast and LiberiaEine von außen gesteuerte, bewaffnete Mörderbande, die seit Monaten die Hälfte des Landes besetzt hält, die Bevölkerung terrorisiert,  Zivilisten, Polizisten und einen amtierenden Minister getötet hat, soll nicht nur in die neue “Einheitsregierung” aufgenommen werden, sondern deren Anführer sollen für die innere und äußere Sicherheit des Landes zuständig seindas ist eine “Forderung”, die erfüllt werden muss, damit es zu einer “Versöhnung” kommt? Wie irre ist das? Welcher europäische Präsident bzw. Staatschef wurde so etwas akzeptieren? Mit “Terroristen” verhandelt man bei uns nicht, man bringt sie mit Drohnen oder Bomben um, aber …”some terrorists are more equal than others” …

Obwohl Gbagbo alles unternahm, um eine dauerhafte Spaltung des Landes zu verhindern (die leitenden Offiziere willigten schließlich in die Einbeziehung der Rebellen in die neue Regierung ein, wenn die zwei Schlüsselressorts davon ausgenommen seien) wurde er sofort von der RDR Partei (Ouattara) beschuldigt, das Abkommen nicht zu einzuhalten.

Versuche von ECOWAS, die Gespräche wieder aufzunehmen, gipfelten in einem Treffen am 10. Februar 2003 in der Hauptstadt Yamoussoukro, bei dem die Präsidenten von  Ivory Coast, Ghana, Nigeria, der ECOWAS selbst sowie der Vizepräsident von Südafrika anwesend waren. Diarra wurde dort offiziell als Premierminister vorgestellt. Man wollte dort alternative Vorschläge für ein Kabinett erarbeiten, doch die Vertreter der “Rebellengruppen” (immer noch bewaffnet) weigerten sich, daran teilzunehmen. Die Begründung lautete: man habe kein Interesse daran, die die Abmachungen von Paris neu zu diskutieren.

Auch anschließende Bemühungen von Premierminister Diarra, der ausgiebige Beratungsgespräche mit allen Parteien des Landes und regionalen Politikern führte, wurden von Ouattaras Rebellen unterminiert, weil sie darauf beharrten, das Verteidigungs- und das Innenressort zu bekommen. Präsident Gbagbo bestand darauf, dass er das letzte Wort bei der Zusammensetzung der Regierung hat (was ja auch unseren Verfassungen entspricht). Bei einem Treffen mit den Rebellenführern in Bouaké am 3. März 2003 kam es wieder zu keiner Einigung sodass Premierminister Diarra mit seinem Rücktritt drohte, wenn weiterhin alle Versuche seinerseits, eine Regierung zu bilden, boykottiert würden.

So ging das Spiel monatelang weiter, mehr “Friedensgespräche”, aber keine Entwaffnung der Rebellen und die Franzosen schauen zu, wie Zivilisten massakriert werden. Das Leben der verarmten Einheimischen ist ihnen ziemlich egal, kein Wunder, denn viele der “Soldaten” sind Mitglieder der Fremdenlegion, der Marines und anderer “Spezialeinheiten”, die für besonders brutale Einsätze ausgebildet wurden. Außerdem darf man davon ausgehen, dass auch eine gehörige Portion Rassismus im Spiel ist.

Ein weiteres, trauriges und schockierendes Beispiel soll verdeutlichen, wie absurd die Rolle Frankreichs als “moralische Kraft”, als peacekeeper ist: Die BBC meldete 2012 folgendes:

„Vier  französische Soldaten, die Teil des 4.000 Mann starken, militärischen Kontingents zur „Friedenssicherung“ in der Elfenbeinküste waren, haben zugegeben,  dass sie an der Ermordung eines mutmaßlichen  Bandenführers beteiligt waren, aber nur Befehlen gefolgt seien.

1 Mahe Murder AFDie Staatsanwaltschaft hat bei einem Pariser Gericht Strafantrag gegen Colonel Eric Burgaud und drei Mitangeklagte* wegen Mordes gestellt (das Opfer Firmin Mahe wurde mit einem Plastiksack erstickt). Der zuständige Truppenkommandeur, General Henri Poncet wurde entlassen. Er steht nicht unter Anklage und leugnet, Colonel Burgaud den Befehl für den Mord gegeben zu haben.

* (Guy Raugel (48), Johannes Schnier, (35) sowie der Fahrer des Wagens)

firmin-Mahe

Warum wurde das Gesicht des Babys gepixelt? Damiti nicht zuviel Mitleid aufkommt?

Mahe wurde von den Franzosen beschuldigt, ein Vergewaltiger und Mörder zu sein, deshalb wurde er im Mai 2005 in der Nähe der Stadt Bangolo  festgenommen. Während des Transports in einem Militärfahrzeug wurde er dann am 13. Mai 2005 erstickt. Seine Familie betonte immer seine Unschuld  hat und für die Strafverfolgung der ehemaligen „peace-keeper“ gekämpft.“

Die leitende Staatsanwältin Annie Grenier spricht,  laut BBC  von „kaltblütigem Mord“ in einem Land, dessen Zivilbevölkerung diese Soldaten ja gerade beschützen sollten. Seltsam ist aber, dass auf dieser Basis dann nur Haftstrafen von 2-4 Jahren (lt.BBC) beantragt werden.

Wie ging das Verfahren aus? Das wissen natürlich die Presseagenturen zuerst:

henri poncetLaut Reuters wurde Henri Poncet  lediglich “suspendiert” (nicht  entlassen, wie die BBC behauptet?)  Dann der Standardsatz, der tausendfach wiederholt wurde, damit er in die Hirne der Leser eingebrannt wird: “That civil war ended last year when the same French force helped arrest former President Laurent Gbagbo, who had refused to step down after the election of Alassane Ouattara as president.”

Welche Strafen wurden denn nun  für “kaltblütigen Mord” an einem ivorianischen Staatsbürger verhängt, der sich  in einer  „Pufferzone“ (in der die französichen Truppen laut UNSC-Mandat  für Sicherheit sorgen sollten) aufhielt?

  • Burgaud: fünf Jahre auf Bewährung (Befehl für den Mord)
  • Raugel: vier Jahre auf Bewährung (er hat den Mord gestanden)
  • Schnier: ein Jahr auf Bewährung (Beihilfe zu Mord)
  • Der Fahrer wurde freigesprochen, der Truppenkommandant (also der Oberste in der Befehlskette) wurde erst gar nicht angeklagt …
1 Guy Raugel

Guy Raugel

Was soll man dazu sagen?  Ein Mann wird im Rahmen der „Friedenssicherung“ eiskalt ermordet und dafür geht niemand ins Gefängnis? Wenn Firmin Mahe wirklich Verbrechen begangen haben sollte, hätte man ihn anklagen und vor Gericht stellen müssen. Die Medien hinterfragen kein Detail dieser seltsamen Geschichte:

Wer war der Ermordete? Was genau hat sich rund um Bangolo abgespielt? Wo stand der Mann politisch? Warum kommt seine Familie nicht zu Wort oder Personen, die die Situation vor Ort kennen? Alle Informationen kommen aus der gleichen Quelle: die französische Armee bzw. die französische Regierung.  Dass in diesen „Sicherheitszonen“ auch Massaker stattfanden, habe ich ja schon im letzten Beitrag erwähnt, also sind die „Friedenssicherer“ bestenfalls inkompetent, schlimmstenfalls gar nicht daran interessiert, für Sicherheit zu sorgen. Dass dieser Einsatz weder „humanitär“ noch moralisch motiviert ist, lässt sich nur mehr schwer verbergen.

Der letzte Satz des BBC Artikels (s.o.) lautet: „Französische Truppen spielen derzeit eine Schlüsselrolle beim Training der neuen ivorianischen Armee“. Was genau sollen Offiziere, die solche Kriegsverbrechen anordnen, den afrikanischen Armeen eigentlich beibringen?

DEN „FALSCHEN“ ERMORDET

Etwas Licht ins Dunkel bringt der Anwalt der Familie Mahé, der in einem Interview im französischen Fernsehen u.a. folgendes sagte:

„Mahe war ein ganz normaler ivorianischer Bürger, von Beruf Installateur in Abidjan.  Nachdem der Bürgerkrieg 2002 begonnen hatte, ging er zurück in sein Heimatdorf Dah, im Westen des Landes. Dieses Dorf befindet sich in der „zone de confiance“ (Sicherheitszone), die den besetzten Norden vom Süden trennt, wo die Regierungstreuen sind. Majé wurde in die lokale Schutztruppe  (eine Art Bürgerwehr) aufgenommen, die die Franzosen  in den Dörfern eingerichtet haben, um sich gegen die Übergriffe der Rebellen zu wehren. Sein Bruder war für diese Gruppe verantwortlich. Seit 2003 sind die Rebellen in das Dorf gekommen um zu plündern und zu töten.“

 „Er wollte zum Markt, um Fische zu kaufen. Ein lokaler Spitzel hat den französischen Soldaten gesagt, er sei ein Bandit, der die Menschen terrorisiert und ausnimmt. Sie haben daraufhin mit ihrem gepanzerten Fahrzeug umgedreht und Mahi aufgefordert, mitzukommen. Als er sich weigerte und weglaufen wollte, haben sie auf ihn geschossen. Er wurde an den Beinen verletzt, konnte sich aber im Wald verstecken. Schließlich hat ihn eine Patrouille gefunden und mitgenommen. Angeblich sollte er ins Krankenhaus nach Bangolo gebracht werden. Aber während des Transportes haben sie ihn umgebracht (erstickt). Aber davor wurde er auch noch gefoltert. Ich habe Photos, die das beweisen.“

„Als die Franzosen ankamen, waren sie auf der Seite der Regierung. Doch jetzt sind sie auf Seite der Rebellen. Firmin Mahé hatte mit seiner Bürgerwehr ein hartes Leben wegen den Rebellen. Einer von ihnen war der Spitzel für die AF, hat Firmin denunziert . Es handelt sich daher um vorsätzlichen Mord.“

Force-Licorne-Cote-d-Ivoire0Die französischen Soldaten haben behauptet, das Dorfoberhaupt hätten sich geweigert, die Leiche zu übernehmen, deshalb haben sie ihn selbst beerdigt. Auch die Behauptung, dass nach seinem Tod die Überfälle aufgehört hätten, sei unwahr, sagt der Rechtsanwalt. Mahè hinterlässt eine Ehefrau und einen achtjährigen Sohn.

Es gibt einen anderen Mann, der den gleichen Nachnamen hat und wirklich ein Verbrecher ist. Es könnte sich also wirklich um eine Verwechslung gehandelt haben. Sehr tragisch, doch das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass die französischen Soldaten das Gesetz in die eigene Hand genommen haben und sich als Polizei, Ankläger, Richter und Exekutor aufgespielt haben – wenn die offizielle Version stimmt. Jedenfalls haben sie keinerlei Respekt vor den Rechten der Ivorianer und dazu gehört wohl auch das Recht auf Leben.

Schaut man sich an, was afrikanische Blogger zu der „affaire Mahé“ sagen, kann man nur sagen, dass sie mit ihrer beißenden Kritik Recht haben, denn  die Verteidigung der  Mörder vor Gericht  (ihre eigenen Argumente) lassen einem  noch einmal die Haare zu Berge stehen:

Auf die Frage der Richterin, warum er den indirekten Befehl für den Mord (Kommandant: „es wäre gut, wenn der Gefangene tot ankommen würde …„) nicht verweigert hat, argumentierte der Hauptangeklagte sinngemäß:

„Ja, das hätte ich tun können, aber der Mann war so ein Monster , ich habe eigentlich der Welt einen Gefallen getan, als ich ihn erstickt habe.“

Einen Mord als gute Tat zu präsentieren, die Welt von einem „Übel“ befreit zu haben, das ist Rechtsauffassung der Nazis, wonach die grausamsten Verbrechen als notwendige Taten tapferer Männer präsentiert werden, die eine „höhere“ Moral haben, als ihre Opfer. Und diese Offiziere sollen die ivorianische Armee ausbilden?

Hier noch einmal O-Ton aus Westafrika:

„Tous les Ivoiriens et amis de la Côte d’Ivoire qui subissent les violences rebelles depuis le coup d’Etat du 19 septembre 2002 savent pertinemment que même si le phénomène des coupeurs de route en tant que criminels de droit commun existe, la plupart des crimes de masse commis dans les zones CNO (Centre, Nord Ouest du pays) ou à proximité le sont par les rebelles de OUATTARA soutenus par la FRANCE …

Alle Ivorianer und die Freunde der Côte d’Ivoire, die die Gewalt der Rebellen seit dem Coup am 19.September 2001 ertragen mussten, wissen ganz genau, dass es zwar das Phänomen der Überfälle […] schon gab, aber für einen Großteil der massenhaften Verbrechen, die in den Zonen CNO bzw. in deren Nähe begangen wurden, die Rebellen Ouattaras, die von FRANKREICH unterstützt werden, verantwortlich sind …“

 Fortsetzung folgt: Was bei den Wahlen 2010 wirkklich passiert ist …

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