„Anti-Semiten“ 2013: The Show Must Go On

1 Maulkorb ASNachdem man Günter Grass wegen seiner Israel-Kritik mit einer Barrage aus ad hominem Attacken gründlich desavouiert hat, kam jetzt Jakob Augstein  dran. Warum? Weil er die Haltung von Grass (die viele teilen) verteidigt hat. Hier die Passagen, die nach meiner Ansicht bei den Apologeten Israels die größte Empörung ausgelöst haben dürften (Hervorhebungen von mir):

Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden. Dieser Satz hat einen Aufschrei ausgelöst. Weil er richtig ist. Und weil ein Deutscher ihn sagt, ein Schriftsteller, ein Nobelpreisträger, weil Günter Grass ihn sagt. Darin liegt ein Einschnitt. Dafür muss man Grass danken. Er hat es auf sich genommen, diesen Satz für uns alle auszusprechen. Ein überfälliges Gespräch hat begonnen.

 „[…] Mit der ganzen Rückendeckung aus den USA, wo ein Präsident sich vor den Wahlen immer noch die Unterstützung der jüdischen Lobbygruppen sichern muss, und aus Deutschland, wo Geschichtsbewältigung inzwischen eine militärische Komponente hat, führt die Regierung Netanjahu die ganze Welt am Gängelband eines anschwellenden Kriegsgesangs: „Netanjahus Israel hat die globale Agenda auf eine Weise bestimmt wie kein kleiner Staat je zuvor“, schreibt die israelische Zeitung Haaretz. […] Niemand behauptet, dass Iran eine Atombombe besitzt. Niemand weiß, ob Iran an einer solchen Bombe arbeitet. Im Gegenteil: Die Amerikaner gehen davon aus, Teheran habe sein Atomwaffenprogramm im Jahr 2003 eingestellt. Das interessiert die Israelis nicht. […]“

„[…] Es ist an der Zeit, wie Grass schreibt, darauf zu bestehen, „dass eine unbehinderte und permanente Kontrolle des israelischen atomaren Potentials und der iranischen Atomanlagen durch eine internationale Instanz von den Regierungen beider Länder zugelassen wird“.

An diesem Kommentar gibt es nichts, wofür sich Augstein bei irgendjemand entschuldigen müsste und jeder halbwegs informierte Leser begreift, dass der organisierte Outrage (ausgelöst durch das Simon Wiesenthal Center in Los Angeles, das Augstein unter die „Top 10“ der schlimmsten Anti-Semiten weltweit eingereiht hat, auf  Platz  9) ein  rein taktisches Manöver ist, um die letzten Enklaven freien Denkens (in Bezug auf Israel und den Nahost-Konflikt) in der deutschen Journaille zu diffamieren. Was wäre besser dazu geeignet, als das Stigma-Wort des Jahrhunderts, die semantische Clusterbombe der zionistischen Denkpolizei: „Anti-Semit“?

Schopenhauer wusste schon, dass die Einordnung des Gegners in eine verhasste Kategorie ein rhetorischer Kunstgriff, also ein sehr effektives Instrument ist, um die Debatte in eine andere Richtung zu lenken und sich gegen Kritik zu immunisieren.

Im Internet finden sich in der Folge  zahlreiche Einträge mit der Überschrift „Ist Augstein ein Anti-Semit?“ Anscheinend traut sich niemand in der deutschen Öffentlichkeit  klipp und klar die Vorwürfe des SWC als absurd  und unhaltbar zu beschreiben (einzige Ausnahme, die ich gefunden habe, ist die FAZ bzw. ein Kommentar in der Zeit).

„The poisioning of public discourse on human rights by apologists for Israel is not confined to the United States. The most appalling and shameful example is Gemany”.

                                                    Dr. Norman Finkelstein, Beyond Chutzpah

Die „Vergiftung des öffentlichen Diskurses“  durch  die Apologeten der israelischen Politik, sieht Finkelstein also (außerhalb der USA) wo als besonders eklatant und beschämend?  In Deutschland.

Das kann uns nicht wundern, denn die „political correctness“ gegenüber Israel in den deutschen Medien hat mittlerweile ein unerträgliches Ausmaß angenommen. Wenn die Zustimmung (zur Position Israels bzw. der USA – oft auch nur durch Schweigen) zur Pflicht wird, ist es mit der Meinungsfreiheit vorbei und die bittere Ironie dabei ist, dass die wahrgenommene Uniformität des Denkens anti-semitische Stereotypen („die Juden kontrollieren die Medien“) befördern kann.

1 Finkelstein beyond chutzpahFinkelstein schreibt in der Einleitung zur Taschenbuch Ausgabe, das Buch versuche ein Paradoxon zu erklären: Wieso gibt es so große Kontroversen  über den „Nahostkonflikt“  in der öffentlichen Debatte, wenn die historischen Fakten, die dokumentierte Menschenrechtssituation in den besetzten Gebieten und die rechtlich-diplomatische Lage so eindeutig sind?

Die Antwort, die er anbietet lautet: Die Dominanz der Kontroverse [in der medialen Darstellung des Konfllikts] sei ein Trick, um von den Fakten abzulenken und Verwirrung zu erzeugen. Zu den konstruierten Kontroversen der Israel-Apologeten zählt er in erster Linie drei Bereiche: Mystifikation des Konflikts („alles so kompliziert, dass man ein Experte sein muss, um die Lage beurteilen zu können“), ein „neuer Anti-Semitismus“  und die Verbreitung gefälschter „wissenschaftlicher“ Studien zur Entlastung Israels, also ein Form des akademischen Betruges, wie das Buch „The Case for Israel“ von Alan Dershowitz (Finkelstein entlarvt den Betrug im zweiten Teil des o.a. Buches)

Ich teile diese Ansicht Finkelsteins und möchte  versuchen, anhand der Attacken gegen Augstein die Instrumentalisierung des Wortes „Anti-Semit“ näher zu untersuchen.

Was bedeutet Anti-Semitismus?

Ich würde das so definieren: Die pauschale, kollektive Verurteilung von Personen jüdischen Glaubens, das Unterstellen negativer Charaktereigenschaften wie  Hinterlist, Gier, etc. die von den Nazis als „typisch für die jüdische Rasse“ (die es nicht gibt) dargestellt wurden und dazu führten, dass „die Juden“ schließlich als Sündenbock für eskalierende Probleme (nicht nur unter Hitler) herhalten mussten. Gesellschaftliche Diskriminierung, Enteignung,  systematische Demütigung, Aberkennung der Menschlichkeit, Freiheitsberaubung, Deportation ins KZ und schließlich Massenmord waren die grauenhaften Folgen während des Dritten Reiches.

Die Tatsache, dass das Wort an sich nicht geeignet ist, eine judenfeindliche Einstellung zu beschreiben, weil „Semiten“ nicht nur Juden, sondern auch Araber sind, lassen wir hier außer Acht. Die Bedeutung des Begriffes wurde durch den Gebrauch in der Sprache verändert und so akzeptiert.

Der klassische Anti-Semitismus ist dadurch gekennzeichnet, dass er eine Art Phobie darstellt:  also eine Form der  irrationalen Angst vor einer „Bedrohung“, die auf eine verzerrte Wahrnehmung, Vorurteile  bzw. Indoktrination zurückzuführen ist. Juden (in anderen Fällen sind es andere Minderheiten wie Schwarze, Ausländer, Homosexuelle, etc. seit „9/11“ auch Muslime) werden nicht mehr als konkrete Personen wahrgenommen, als menschliche Individuen mit unterschiedlichen Schwächen und Stärken, sondern als Kollektiv dämonisiert und unter Generalverdacht gestellt.

Woher kommt der Anti-Semitismus?

Diese Frage – in ihrer historischen Dimension – können wohl auch nur Historiker umfassend beantworten.

antisemitic 1Nach meiner Kenntnis gibt es eine religiöse Komponente (man beschuldigte „die Juden“ für den Tod von Jesus verantwortlich zu sein bzw. sah man die religiösen Gebräuche des Judaismus als unheimlich an, woraus dann auch Gräuelpropaganda entstand), eine wirtschaftliche (die Karikatur des hinterlistigen Geldverleihers, der Wucherzinsen verlangt), die durch das jahrhundertelange, christliche Zinsverbot befördert wurde und aus der dann „die jüdischen Financiers“ wurden, die mit ihren Manipulationen Deutschland in die „Zinsknechtschaft“ brachten.

In der Weimarer Republik und in der NS-Zeit spielte natürlich auch die politische Komponente eine große Rolle: die „Judeo-Bolschewiken“ wurden als Treiber der kommunistischen Revolution zum Feindbild der Reaktion und Hitlers, und die ersten, die von der Gestapo abgeholt wurden, waren ja Menschen, die sich für die neue Ordnung der Gesellschaft (in Richtung Sozialdemokratie) engagiert haben.

antisemitic 2Das Paradoxon, dass man es auf diese Weise fertigbrachte,  „das  Judenthum“ sowohl für die Auswüchse des „rechten“ Kapitalismus als auch für den „linken“ Kommunismus (und seine Bedrohung der alten Macht- und Klassenbeziehungen)  verantwortlich zu machen, hat es Hitler wohl noch leichter gemacht, dem Volk einen Sündenbock zu präsentieren.

Die Wandlung des Anti-Semitismus im 19.Jahrhunderts und besonders im Dritten Reich,  bestand allem Anschein nach darin, dass nicht mehr die religiöse Komponente (also der Judaismus als Glaube)  im Vordergrund stand, sondern eine neue Angriffsfläche konstruiert wurde: die „Rasse“. Auf diesem Nährboden konnte man natürlich noch besser eine pauschale „Bedrohung“ suggerieren: die eigene „höherwertige arische Rasse“ sei von der „minderwertigen, jüdischen Rasse“ bedroht, die ihre Tentakel in alle Bereiche der Gesellschaft auswirft und einerseits eine „Herrschaft“ von oben (Finanz, Wirtschaft, etc.) ausübt, andererseits als „Parasiten“ (von „unten“) dem „Volkskörper“ Schaden zufügt. Dass es auf diese Weise letztlich gelang, durch Einordnung in diese verhasste Kategorie,  den Betroffenen  die  Menschlichkeit an sich – und somit ihre Menschenrechte – abzusprechen, ist eines der finstersten Kapitel der deutschen Geschichte und der westlichen Zivilisation.

(Nach „9/11“ wurden die Schleusen für diese Denkart wieder geöffnet, diesmal ist es nicht das Etikett „Jude“, sondern das Etikett „Terrorist“, oder „Islamist“ das zur Unmenschlichkeit und Entrechtung ermächtigen soll. Carl Schmitt lässt grüßen?)

„Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet.“

Ich beschränke mich hier darauf, zu untersuchen, warum das Etikett „Anti-Semit“ immer öfter als politische Waffe eingesetzt wird.

Dass es in der rechtsradikalen Szene Europas Anti-Semiten gibt, wird niemand bestreiten. Dass man diesen ideologischen Sumpf austrocken muss, auch nicht.

Doch warum wird ein linker Intellektueller wie Augstein als Anti-Semit beschimpft? Was bezweckt man damit?

Wie Finkelstein richtig feststellt, ist das ganze Theater ein Ablenkungsmanöver, eine Taktik, um die öffentliche Debatte zu steuern:

Nicht der sachliche und wahre Inhalt der Kritik bleibt im Fokus der Medien, sondern die Integrität der Person, die sie ausgesprochen hat. Ob Grass oder Augstein, ob Chomsky oder Finkelstein, immer ist die Reaktion der THINKPOL die gleiche:  sie bringen keine Fakten, die die Argumente der Israel-Kritiker widerlegen, sondern krallen sich daran fest, dass deren Motive verabscheuungswürdig sind:

framingNicht das schändliche Verhalten Israels gegenüber den Palästinensern, die jahrzehntelange Missachtung der UNSC-Resolutionen also des Völkerrechts und anderer fundamentaler Rechtsnormen, die Arroganz und Selbstgerechtigkeit der israelischen politischen Führung, die brutale Besatzung und schleichende Annexion der Westbank und Ost-Jerusalems, die bittere, historische Wahrheit über den Terror in der britischen Mandatszeit und unmittelbar nach der israelischen Staatsgründung (arabisch: „Nakba“), die israelische Historiker aufgedeckt haben, das „Crying & Shooting , etc. das alles hat nichts mit der Kritik zu tun, die hier vorgebracht wird.

Wer also darauf pocht, dass das Verhalten der zionistischen Führung Israels der Grund für verbale Angriffe gegen den Staat Israel ist, hat schon wieder verloren, denn auch das wird als Symptom für eine anti-semitische Haltung präsentiert und zwar wieder mit dem gleichen Trick: Man geht nicht auf die einzelnen Punkte ein (dann würde man die Debatte verlieren, weil sie auf dokumentierten Fakten beruhen) sondern reduziert die Argumentation des Gegners auf unzulässige Weise so: Das Verhalten der israelischen Regierung und ihrer jüdischen Unterstützer als Ursache der berechtigten Kritik hinzustellen, bedeute in der Kurzfassung:

„Die Juden sind doch selber schuld“. Und schon haben wir wieder einen „Beweis“ für Anti-Semitismus.

Sie kritisieren Israel, weil sie „latente“ Anti-Semiten sind, die Kritik ist also „irrational“ (eine Art Persönlichkeitsstörung) und deshalb abzulehnen. Doch Vorsicht, die Behauptung, Israel wolle seine Kritiker knebeln und übe deshalb (durch verschiedene Methoden) Druck auf Redaktionen und Personen aus, wird natürlich wieder (wie bei Grass) als Beweis für anti-semitische Gesinnung gewertet.

1 haaretz AS studyObwohl es seriöse Umfragen gibt, die belegen, dass genau dieses bevormundende und rechthaberische Verhalten der „Freunde Israels“ – und Israels eigenes Verhalten – den größten Beitrag zur Förderung anti-semitischer Tendenzen leistet, schlägt die israelische Lobby weiter um sich und bedient sich dabei Menschen wie Herrn Broder, den man nur als peinlich bezeichnen kann und sich wünscht, sie kämen einmal in den Genuss der Verbalinjurien, die sie selbst verüben.

Doch das traut sich in Deutschland niemand: Herrn Broder mal ins Gesicht sagen, dass er ein arrogantes Arschloch ist. (Sorry, aber diese Entgleisung musste mal sein). Nicht nur, weil er seine Gegner beschimpft und diffamiert, sondern weil er den Menschen in Israel und Juden auf der ganzen Welt damit schadet.

So argumentierte auch Herr Buhrow gegenüber Grass, Israel verbiete doch niemand, seine Politik zu kritisieren. Das stimmt, doch man immunisiert sich gegen die Kritik, indem man die Motive des Kritikers in den Dreck zieht, ihn in die verhasste Kategorie des „Anti-Semiten“ einreiht. Diese Form der „character-assassination“ ist besonders effektiv, wenn sie von Institutionen unterstützt wird, die als moralische Autoritäten gelten,  wie das Simon Wiesenthal Center, die ADL (Anti-Defamation League) usw.  Dass diese Organisationen auch als politische Waffen eingesetzt werden und selbst massiv diffamieren, um Israel vor Kritik zu schützen, traut sich auch kein deutscher Journalist laut auszusprechen.

Jeder anständige Mensch sieht ein, dass die Diskriminierung, die pauschale Verurteilung einer Minderheit durch bloße Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe in der Gesellschaft, ungerecht, unmenschlich und deshalb unakzeptabel ist. Das gilt nicht nur für Juden, aber wegen der ungeheuren Verbrechen des Dritten Reiches stehen sie quasi unter besonderem Schutz.

Israeli-ImpunityDoch wie es scheint, sollen wir das andere Extrem akzeptieren: Ist Israel (der „Judenstaat“, in dem auch Araber leben) sakrosankt? Ist als Wiedergutmachung für das große Unrecht gegenüber den Juden quasi  ihre Heiligsprechung notwendig? Müssen wir es uns gefallen lassen, dass man uns unterstellt, Kritik an Israel sei in Wahrheit immer versteckte  Kritik an „den Juden“? (Impliziert – wenn Israel kein jüdischer Staat wäre, gäbe es auch keine Kritik)

Dazu Finkelstein:

“If Israeli policies evoke hostility toward Jews, it means that Israel and its Jewish supporters themselves might be causing Anti-Semitism.. … because  Israel and its Jewish supporters are in the wrong. Holocaust industry dogma a priori rejects this hypothesis: animus towards Jews can never spring from wrongs committed by Jews.”

„Wenn israelische Politik Feindseligkeiten gegenüber Juden auslöst, bedeutet das, dass Israel und seine jüdischen Unterstützer selbst Verursacher von Antisemitismus sein könnenweil Israel und seine jüdischen Befürworter im Unrecht sind.

Das Dogma der Holocaust-Industrie lehnt diese Hypothese a priori ab: Feindseligkeit gegenüber Juden kann niemals von Unrecht herrühren, dass Juden begangen haben.“

Wie Dr. Joel Kovel in seinem Buch „Overcoming Zionism“ ausführt, wird im Judaismus (und vor allem in der Vereinnahmung durch den Zionismus) den Gläubigen eingeredet, sie seien ein von Gott „auserwähltes Volk“, hätten einen besonders hohen moralischen Standard, der sie dazu ermächtigt, mit gewisser Verachtung auf  Nicht-Juden („Goyim“) herunterzuschauen und in letzter Konsequenz dazu führt, dass man sich eben Rechte zubilligt, die anderen nicht zustehen bzw. für das eigene Handeln (das im Fall der Kolonialisierung Palästinas ein schlechtes Gewissen auslöst, eben wegen des hohen  moralischen Anspruchs des Judentums) andere moralische Maßstäbe anlegt, als für das der „Anderen“.

Ist es akzeptabel, dass für den Staat Israel Rechtsnormen und moralische Normen, die für andere Staaten gelten, grundsätzlich keine Anwendung finden können, wegen des Holocaust Traumas? Natürlich wäre es falsch zu behaupten, dass sich alle anderen Staaten immer an diese Normen halten (das wäre der Gipfel der Heuchelei), aber nur Israel und die USA spielen sich auch noch als moralische Instanz auf, während sie das Völkerrecht und die Menschenrechte (von „Nicht-Amerikanern bzw. „Nicht-Juden“) mit Füßen treten.

   cartoon HC_blackmailDer Holocaust ist nach dieser Sichtweise so einzigartig, dass das daraus resultierende Leiden mit keiner anderen Tragödie (bei der Massenmord begangen wurde) verglichen werden kann. Daraus abgeleitet wird eine Sonderstellung Israels, des „Heiligen Landes“, für das andere Regeln gelten müssen, da es sich hier um ein „Opfervolk“ handle, das nur sein erhöhtes Sicherheitsbedürfnis befriedigen wolle und müsse.

Aus dieser Perspektive sind die Ausführungen von Herrn Augstein ein Affront, weil sie die verlogene Selbstdarstellung der israelischen Regierung (und des Zionismus als emanzipatorisches, moralisches  Unternehmen) gewaltig ins Wanken bringt.  Das „Opfervolk“ als gefährliche und unheimliche Atommacht zu präsentieren, für die die gleichen Spielregeln gelten müssen, wie für den Iran – also Kontrollen durch die IAEA, von der Unterfertigung des NPT (Iran hat unterzeichnet und nichts verbrochen, wird aber trotzdem sanktioniert) ganz zu schweigen – das geht nun aber wirklich nicht.

Deshalb wird sofort die nächste taktische Karte gespielt: die „Deutschen“ projizieren demnach ihre eigene „Schuld“ auf Israel, man spricht von „Schuldverschiebung“ und „Selbstentlastung“;  John Mc Murtry würde sagen: reverse projection indeed, denn welche „Schuld“ hätten Herr Augstein oder alle Deutschen unter 90 auf sich geladen?  Der Krieg und die NS-Herrschaft sind seit fast 70 Jahren vorbei, doch der Landdiebstahl in Palästina, die systematischen Menschenrechtsverletzungen gehen (1948 bzw. seit 1967) munter weiter.

apartheidVon einem veritablen „Apartheid System“ sprechen nicht nur die Menschenrechtsexperten von  BtSelem, sondern auch bekannte „Anti-Semiten“ wie Erzbischof Desmond Tutu oder Ex-Präsident Jimmy  Carter, sowie etliche Kommentatoren in der israelischen Zeitung Haaretz.

(Sie ahnen es ja schon: auch die Benutzung des Wortes „Apartheid“ im Zusammenhang mit Israel ist natürlich auch ein „Beweis“ für Anti-Semitismus ….wir sind bereits bei George Orwell angekommen, denn Israel und seine Apologeten dürfen zwar alle Jahre einen neuen „Hitler“ ausrufen, politisch aktive Muslime unter General-Terror-Verdacht stellen, aber die Gegner müssen sich für beinahe jede moralische Klassifizierung oder Analogie entschuldigen … some are more equal than others …)

Was die israelische Regierung und ihre Vasallen so erbost, ist die bloße Vorstellung, man könne Israel und Iran – in diesem Kontext – moralisch auf eine Stufe stellen. So schreibt etwa DIE ZEIT ONLINE:

„Sogar Israels Nuklearrüstung soll plötzlich über Kritik erhaben sein. In aller Welt kritisieren Atomwaffengegner Atomwaffen. Wer aber Bedenken gegen israelische Atomwaffen vorträgt, die einzigen in der Region, der muss Antisemit sein!“

Israel-Iran Nuclear-arsenalWenn pro-israelische Stimmen argumentieren, die Atomwaffen seien doch nur eine Art Lebensversicherung, dienten nur der Abschreckung, dann klingt das durchaus rational. Doch warum dann die Geheimnistuerei? Warum gibt Israel nicht einmal zu, dass es Atomwaffen hat, wenn es nur eine defensive Maßnahme ist? (Dass diese Haltung ein atomares Wettrüsten provoziert in einer unruhigen Region und deshalb eine Gefahr für den Weltfrieden ist, wie Grass  und Augstein richtig erkannt haben, kann das auch unter „Israels Sicherheitsbedürfnis“ abgehakt werden?)

Warum darf Iran nicht das gleiche Argument benutzen? (Siehe dazu frühere Beiträge zu „Iran“) Weil Israel zu den „Guten“ und Iran zu den „Bösen“ gehört? Weil Juden moralisch höherwertig sind als Araber bzw. Schiiten? Weil Ahmadinejad ein „irrer Antisemit“ ist? How stupid can you get?

Wie man es dreht und wendet, alle Argumente Israels beginnen und enden mit derselben Prämisse bzw. (impliziten) Conclusio:

  • Wir sind einzigartig. Als Volk und als Staat.
  • Unsere Motive sind moralisch höherwertiger als die unserer arabischen Nachbarn und unserer Kritiker.
  • Durch den Holocaust haben wir immerwährende rechtliche Immunität und moralische Absolution verdient.

Wir haben uns diesen Dispens selbst gewährt, aber das sagen wir natürlich nicht, solange die Deutschen, die EU schön brav den Mund halten und wegschauen, wenn Menschenrechtsorganisationen, die UN, engagierte Gruppen innerhalb Israels (BtSelem, Peace Now, ICAHD) und internationale Beobachter und NGOs unsere Verbrechen  dokumentieren und anprangern. (Die USA ist ja moralisch mit uns „auf einer Linie“ und auch eine „auserwählte Nation“).

Die Europäer, allen voran die Deutschen, haben wegen ihrer „Vergangenheit“ (Kollektivschuld) nicht nur kein Recht, uns zu kritisieren, sondern sind auch  verpflichtet, uns bedingungslos zu unterstützen (was Merkel ja auch tut). Selbst kritische Berichte (über Kriegsverbrechen in Gaza) von überzeugten Zionisten (wie dem Juristen Richard Goldstone) werden durch unsere PR-Maschinerie effektiv „neutralisiert“ (der Autor muss sich auch noch dafür entschuldigen …)

Bottom Line: Jede Kritik an Israel ist Ausdruck von Antisemitismus, Voreingenommenheit oder unfairen Fokus auf Israel …

georgeorwell383559_mJedes Mal wenn Israel ein PR-Debakel droht, wird eine neue Kampagne über „zunehmenden Antisemitismus“ orchestriert (zu diesem Ergebnis kommt Finkelstein).

Dass fast 7o Jahre nach dem Holocaust die  mediale „Maulkorb-Front“ in Deutschland zu bröckeln anfängt, kann dem Hasbara-Team  gar nicht recht sein. Wehret den Anfängen (der Befreiung aus dem pro-israelischen Denkgefängnis) bekommt hier eine neue Bedeutung …

Durch die Verbalattacken mit dem ultimativen Stigma-Wort geraten die Kritiker in die Defensive (ebenso alle, die ihnen zu Hilfe kommen), was aber noch viel wichtiger ist: Israels „Unterstützer“ steuern so die Debatte:

  • Statt über die einzelnen Kritikpunkte zu reden und sich an konkrete Fakten zu halten (hier nur als Stichwörter: brutale Besatzung – Menschenrechtsverletzungen – Brüskierung der UN und Unterminierung des Völkerrechts – Humanitäre Katastrophe in Gaza – Kriegsverbrechen – Geschichtsfälschung  und Leugnung zionistischer Gräueltaten – usw.) ….
  • Statt über das 40jährige Martyrium der Palästinenser zu reden, die spätestens seit 1967 das neue „Opfervolk“ sind  -wenn man diesen Ausdruck ins Spiel bringen will.  (Siehe dazu auch den exzellenten Kommentar von Tony Judt  zum „58.Geburtstag Israels“ in Haaretz vom 5. Mai 2006: „The country that would not grow up“) …

werden die Rollen vertauscht: durch den Fokus auf Antisemitismus soll die abgenutzte Opferrolle Israels  wieder neuen Glanz erhalten. Nicht die Palästinenser sollen bedauert werden, sondern „die Juden“ (verkörpert durch Israel), die ewig Verfolgten – wobei in diesem Fall die Pauschalierung erwünscht ist, weil das emotional an die „Schuld“ aus der NS-Zeit anknüpft.

MDZ Augstein am PrangerSo beschäftigen sich Dutzende Redaktionen mit der Frage „Ist Augstein ein Anti-Semit“? anstatt damit: Wie lange lassen wir uns noch von Israel an der Nase herumführen? Wie lange können wir es noch verantworten, durch Stillschweigen über Verbrechen des israelischen Staates als Mittäter angesehen zu werden? (Wenn die Argumente für die Nazi-Herrschaft gültig sind: Wegschauen und Schweigen bedeutet Mitverantwortung für  staatliche Verbrechen. Deutsche Journalisten sitzen zwar nicht in Tel Aviv, doch wenn „Deutschland“ etwas aus dem Nazi-Terror gelernt hat, dann dass man den Entrechteten zu Hilfe kommen muss, und sich nicht mit den Tätern „arrangiert“, egal ob diese Juden, Christen, Muslime, Buddhisten oder sonst was sind). Dass die Entrechteten selbst gewalttätig werden (jedenfalls ein Teil davon) ist kein Grund, sie zu dämonisieren. Aus Sicht der deutschen Besatzer in Frankreich war auch die resistance eine „Terrororganisation“.

Dass die Folgsamkeit der deutschen Medien gegenüber Israel manchmal sogar komische Aspekte hat (obwohl das Thema bitter ernst ist), zeigt die ARD bzw. die Tagesschau Redaktion: (hier einige Auszüge)

1)       „Bei Augstein handele es sich um einen wichtigen Spieler im deutschen Journalismus, der niemandem Rechenschaft ablegen müsse, erklärt Rabbi Cooper – und vielleicht sei das ja das Problem. Augstein müsse seine Texte niemandem vorlegen, bevor sie gedruckt werden. […]“

Wenn das keine Aufforderung zur Zensur ist, was dann? Bitte liebe Journalisten, legt eure Texte über Israel immer zuerst Rabbi Cooper oder Herrn Broder zur Prüfung vor, dann seid ihr auf der sicheren Seite.

2) „Das Simon Wiesenthal Zentrum in Los Angeles kämpft weltweit gegen Rassismus, Antisemitismus, Terrorismus und Völkermord und setzt sich für die Förderung von Toleranz ein.

Doublethink in action. Eine Organisation die sich für die „Förderung von Toleranz“ einsetzt, gibt eine „Watchlist“ heraus, in der Menschen an den anti-semitischen Pranger gestellt werden. Das SWC richtet also als moralische Instanz über die finsteren Absichten und Motive dieser Leute und brandmarkt sie entsprechend als „Feinde Israels“. Dass selbst im Fall der Muslim-Brotherhood oder Ahmadinejads das Verhalten der israelischen Regierung seit der Staatsgründung bis heute (wie oben bereits erwähnt) eine wesentliche Rolle für anti-semitische Polemik und Feindseligkeit gegenüber Israel spielte, darf natürlich auch nicht gesagt werden.

Welches Grauen muss die Juden  im Iran täglich erschüttern, wenn der angebliche Judenhasser  Ahmadinejad das Kommando hat?

1 Iran Jews Haaretz

Man höre und staune:  die jüdische Community im Iran wird nicht verfolgt und ist bis heute nicht ausgewandert trotz finanzieller „Incentives“ Israels. Sie haben bereits eine nationale Identität …

Dass Israels Verhalten das Leben der Juden (die sich ja mit Israel „identifizieren“ sollen) in anderen Ländern erschwert, liegt auf der Hand …)

3) „Während in Deutschland die Nennung von Jakob Augstein als Antisemit zum Teil als überzogen gesehen wird und hohe Wogen schlägt, bleibt Rabbi Cooper hart: „Wenn jemand in dieser Position ein Bild zeichnet, wonach zehn Prozent der jüdischen Bevölkerung in Israel, die ja auch eine religiöse Bevölkerung ist, von den Deutschen genauso gesehen werden sollten wie islamische Extremisten und Terroristen, dann ist das nicht nur komplett unrichtig und falsch, sondern dann überschreitet er die Grenze, was Dämonisierung angeht.“

Dass die rabiaten „Siedler“ (die sich auf „göttlichen Auftrag“ berufen, um ihren Anspruch auf die Westbank geltend zu machen) brutale Übergriffe auf die Palästinenser begehen, ist von BtSelem, der UN und anderen Menschenrechtsorganisationen ausreichend dokumentiert (siehe dazu auch frühere Beiträge zu „Israel“) worden. Dass diese jüdischen Extremisten also die Palästinenser täglich terrorisieren, wobei die IDF tatenlos zuschaut bzw. den „Siedlern“ zu Hilfe kommt, nicht den Palästinensern, für deren Wohlergehen sie als Besatzungsmacht verantwortlich sind, steht außer Zweifel.

Doch die ARD lässt diesen Kontext – wie immer – einfach verschwinden. Zensur durch Verschweigen des Kontexts ist sehr effektiv.

1 MEM settler violenceHerr Augstein hat völlig recht, wenn er darauf hinweist, dass diese Leute fanatisch und gefährlich sind, wie islamische oder andere (religiöse) Extremisten. Doch auch in diesem Fall (wie oben beim Atomprogramm) hat er ein Tabu gebrochen, weil das offizielle Bild Israels – armes, kleines, bedrohtes Land, in dem zivilisierte, rationale Israelis, die nur „in Frieden leben wollen“ einer Horde primitiver,religiös-fanatischer Araber gegenüber steht in Frage stellt.Diese „Siedler“ gehören bestenfalls in psychiatrische Behandlung und schlimmstenfalls ins Gefängnis.

Dass der Terror der „Siedler“ gegenüber den  Palästinensern und dessen Duldung und Ermutigung durch die israelische Regierung auch gerade dazu führt, dass mehr „islamische Terroristen“ rekrutiert werden können, versteht der Rabbi natürlich nicht. Wie Finkelstein sagt: Dass  jüdisches  Unrecht Feindseligkeit und Hass provoziert und nicht automatisch dem irrationalen Anti-Semitismus zugeschrieben werden kann, das darf man einfach nicht aussprechen. Das gibt es nicht.

only peaceStatt über Recht und Unrecht redet man lieber von „Sicherheitsbedürfnis“ und „Selbstverteidigung“, auf dieser Ebene hat man ja schon seit Jahren die Deutungshoheit (re-framing der Debatte). Das „Sicherheitsbedürfnis“ der Menschen in Gaza oder das „Existenzrecht“ der Palästinenser in der Westbank oder Ost-Jerusalem sind  kein Thema und im Übrigen ist die Argumentation „die sind doch selber schuld“, (weil sie Raketen nach Israel schießen) in diesem Fall zur Legitimation von Feindseligkeit und Gewalt sehr wohl zulässig … Wir sehen also, auf welcher Seite Doppelmoral und Dämonisierung zu den bevorzugten Methoden gehören …

4) „Rabbi Cooper zitiert dazu den israelischen Politiker und Menschenrechtsaktivisten Natan Sharansky: Antisemit ist jemand, der die Grenze der drei Ds überschreitet: Doppelter Standard, Dämonisierung, und Delegitimierung.

Die Grenze zwischen legitimer Kritik und Diffamierung sei entscheidend: Wenn jemand sage, sorge dich nicht um eine iranische Atombombe, das ist keine Bedrohung, aber schau dir den jüdischen Staat an, da sind die Typen, die gefährlich sind – dann sei das zwar kein neuer Gedanke. Günter Grass habe das gleiche, nur eleganter, in seinen Gedichten gesagt, so Cooper. Aber so etwas als Deckmäntelchen zu nutzen, um die israelische Außenpolitik zu kritisieren, sei einfach Unsinn.“

Anscheinend leidet Rabbi Cooper an Legasthenie, denn Herr Augstein hat nie gesagt „die iranische Atombombe sei keine Bedrohung“. Das geht gar nicht, denn es gibt ja gar keine Bombe (wie die NS-Agenturen in den USA seit Jahren übereinstimmend feststellten, auf die sich Augstein ja auch beruft). Er hat, ebenso wie Grass, darauf hingewiesen, dass das militärische Atomprogramm Israels  ebenso von der IAEA kontrolliert werden müsse, wie das (bisher nicht militärische) Atomprogramm des Iran. (Hier kommt natürlich wieder die moralische „Sonderstellung“ Israels ins Spiel, die ich oben skizziert habe und die es nicht zulässt, dass für Israel die gleichen Spielregeln gelten, wie für andere Länder, schon gar nicht den „bösen“ Iran …“

Wie bereits oben (unter 3) erwähnt, sind die israelischen „Siedler“ (jene, die religiöse Extremisten sind) tatsächlich „gefährliche Typen“, die Palästinenser  terrorisieren um sie zu vertreiben. Daran gibt es nichts  zu rütteln. Nur sagen darf man das nicht, weil dann das schöne Bild Israels als “Opfervolk“ kompromittiert wird. (Auch die physisch nicht gewalttätigen „Siedler“ üben natürlich durch ihre bloße Anwesenheit auf gestohlenem Land indirekt Gewalt aus, und sie verbrauchen große Mengen Wasser, während die Palästinenser mit sehr wenig Wasser zu überhöhten Preisen auskommen müssen)

Dass Israel ein aggressiver, militanter Staat ist und kein unschuldiges Opfer wird jedem klar, der die Bücher von Ilan Pappe, Tom Segev, Avi Shlaim, Noam Chomsky, Norman Finkelstein, usw. (alles natürlich anti-semitische Juden, was sonst) gelesen hat. Israel war niemals von einer militärischen Übermacht der „bösen“ Nachbarstaaten bedroht, im Gegenteil Israel hat die  kurzen Kriege selbst provoziert.

Dementsprechend gibt es genug Gründe, die  aggressive Außenpolitik Israels zu kritisieren. Der Zusammenhang zur Innenpolitik besteht darin, dass ein Staat, der selbst religiösen Extremismus für politische Zwecke instrumentalisiert und mit staatlich abgesegnetem Terror, die Palästinenser aus den letzten 20% ihres von der UN zugesprochenen Territoriums zu vertreiben sucht,  kein Recht mehr hat, sich als moralische Autorität gegenüber „fanatischen Islamisten“ aufzuspielen, die Israel – „völlig grundlos“ – hassen und „vernichten wollen“ (was so nicht richtig ist).

Außerdem: Ahmadinejad gewinnt an Popularität – ebenso wie die Moslembrüder – jedes Mal, wenn Israels Menschenrechtsverletzungen wieder Schlagzeilen machen und das Leid der bzw. Unrecht gegenüber den Palästinensern ans Licht kommt, weil er sich mit ihnen solidarisiert, auch wenn sie keine Schiiten sind.

Und last not least, die erwähnten Kriterien wonach man Anti-Semiten erkennt:

Doppelmoral (engl: double standard wurde schlecht übersetzt), Dämonisierung und Delegitimierung, die drei „Ds“ also: Augsteins Kritik erfüllt keine der drei Kriterien (die Wahrheit über gewalttätige israelische Siedler zu schreiben, oder die Drohungen Israels (als Atommacht) gegenüber Iran als Bedrohung des Weltfriedens zu kritisieren, ist keine Dämonisierung höchstens eine Kränkung des idealisierten Selbstbildes der Zionisten ).

Die „Delegitimierung“  soll heißen, man leugnet das „Existenzrecht“ Israels – auch das hat Herr Augstein ja in keiner Weise getan. Doch auch das ständige Wiederholen des Wortes „Existenzrecht“ ist ein rhetorischer Trick, denn Israel hat bis heute keine festen Staatsgrenzen (weil man ja immer noch Land annektieren will) – das Existenzrecht welchen  Staates soll man denn nun anerkennen? Legitim ist nur der von 1948. Und wann erkennt Israel das Existenzrecht des palästinensischen Staates an (dessen Territorium es laufend stiehlt, oder durch den Siedlungs- und Straßenbau (inklusive Straßensperren)  zu „Schweizer Käse“ zerstückelt hat?

westbank

Sich heimlich Atomwaffen zuzulegen und einen Israeli (Vanunu) zu kidnappen und 20 Jahre in Einzelhaft zu halten, weil er das Atomprogramm (seine bloße Existenz) öffentlich gemacht hat; nicht einmal das israelische Parlament weiß über die Atomanlagen Bescheid (siehe dazu BBC Doku) gehört das auch zum „Existenzrecht“?

  • Menschen durch staatliche Auftragsmorde zu beseitigen, auch im Ausland und mithilfe Identitäts-Diebstahls (echte Pässe stehlen, wie für den Mord an einem Hamas-Führer in Dubai);
  • die Menschenrechte für die Palästinenser aussetzen;
  • das Völkerrecht nicht respektieren;
  • die Gaza-Hilfsflotte in internationalen Gewässern bei Nacht und Nebel mit einem Spezialkommando überfallen  und 9 türkische Aktivisten umbringen; andere Schiffe wurden gerammt, gekapert, usw.
  • ALBTRAUM GAZA: 1,6 Millionen Menschen, die  unter Besatzung leben mit einem Embargo belegen und nach Belieben bombardieren (einmalig in der Geschichte der Neuzeit), wobei überwiegend Zivilisten und viele Kinder getötet und verstümmelt werden (ebenfalls ausreichend dokumentiert); die Liste geht noch weiter …

All das und mehr ist OK, kein Problem, wenn man sich einredet, es dient der „Sicherheit“ Israels und ist deshalb „notwendig“.  Salopp und vulgär formuliert: wenn man sich wie ein Mega-Arschloch benimmt, braucht man sich nicht wundern, dass man sich viele Feinde macht …

capital-of-israeldoch dank des „unbreakable bond“ zwischen der USA und Israel kann man nach dem Motto oderint dum metuant handeln .. das Problem ist nur, wenn man sich gleichzeitig als „Opfervolk“ präsentiert, das ständig bedroht ist (weil die arabischen Nachbarn nach dieser Lesart Arschlöcher sind) … diesen Spagat zwischen Jekyll and Hide steht man auf Dauer nicht durch, wie Tony Judt in einem formidablen Artikel in Haaretz (zum 58. Geburtstag des israelischen Staates) auch feststellte.

Zur Ehrenrettung  des deutschen Zentralrats der Juden muss hervorgehoben werden, dass sich Herr Korn von den Attacken des SWC gegen Herrn Augstein distanziert hat.

Es gibt nur eine Lösung für den Konflikt: die Besatzung muss aufhören, Israel muss eingestehen, dass der zionistische Traum von Eretz Israel zu einem Albtraum geworden ist.  Auf Unrecht kann man kein Recht aufbauen und erlittenes Unrecht (der Vorfahren) ist kein Freibrief, anderen Unrecht anzutun, weil sie den eigenen Plänen im Weg stehen.

Die tiefere Wurzel des Problems ist der Zionismus, über den man dringend eine öffentliche Debatte führen sollte. „Juden“ und „Zionisten“ als Synonym zu gebrauchen, ist irreführend und ebenfalls eine Art des „framings“  (Ahmadinejad benutzt nie den Ausdruck „Juden“, sondern immer Zionisten, was eine völlig andere Bedeutung  im politischen Kontext hat).

Ohne Wahrheit gibt es keine Gerechtigkeit und ohne Gerechtigkeit keinen Frieden …

INFO: (Der im letzten Blog angekündigte Beitrag über die Deutsche Bank wird auf einen späteren Zeitpunkt verschoben)

Ein Kommentar zu „„Anti-Semiten“ 2013: The Show Must Go On

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