Der Journalist als Autist (2): Saudi Arabien

Im zweiten Teil der „churnalism“ Serie  geht es  im Kontext von  „public awareness“ darum, wie die Medien unsere Aufmerksamkeit steuern:  Worüber wird gesprochen und geschrieben, welche Bilder werden gezeigt, wer bestimmt die Themen?  Die Journalisten lassen sich mit „newsfeeds“ aus den Presseagenturen füttern, als ob diese ein Garant für Wahrheit und Objektivität wären, doch dieses System führt zur „Massenproduktion von Ignoranz“, wie Nick Davies richtig feststellt.

Worüber wir uns Gedanken machen, was uns persönlich betroffen macht (weil es gegen unser Wertesystem  verstößt), welche politischen Themen uns wichtig sind, was uns wütend macht, all das und mehr kann durch die Medien stark beeinflusst werden. Dieses „agenda setting“ wird besonders in den „Nachrichten“ deutlich, wo über bestimmte Themen und Länder immer wieder aus einem bestimmten Blickwinkel gesprochen wird, über andere nur sehr selten oder gar nicht. Andere Formate greifen dann die Themen der „Nachrichten“ auf und verstärken sie damit.

Seit vielen Monaten sind zwei Länder fast ständig in den Medien in einem negativen Kontext präsent: Iran und Syrien. (Vorher waren es Irak und Libyen). Beide Länder werden uns in einem medialen Dauerfeuer als  Inkarnation des Bösen vorgeführt, obwohl bei genauerem Hinsehen, die Bedrohung des Friedens im Nahen Osten und der (Demokratie in der) Welt aus ganz anderen Ländern kommt.

Die USA und Israel (welches in perfider Weise  immer nur als „Opfer“ der Aggression anderer dargestellt wird) fallen einem dazu spontan ein, doch es gibt noch andere staatliche Akteure, die zur Liga der big assholes zählen, aber nie längere Zeit im Kreuzfeuer der Kritik stehen (von Sanktionen ganz zu schweigen). Einen davon möchte ich heute zum Gegenstand einer näheren Untersuchung machen:

 

SAUDI ARABIEN

Was fällt uns zu diesem Land ein? Die meisten Menschen würden wahrscheinlich mit „Öl“ antworten, einige vielleicht noch mit “Unterdrückung der Frauen“, aber dann wird es bereits dünn, denn wir wissen sehr wenig über diesen Wüstenstaat. Ich will und kann hier keinen Geschichtsunterricht geben und verweise natürlich auf die Fachliteratur, die es über Saudi Arabien und die Geschichte des Nahen Ostens gibt.

Was findet man in den zwei großen „öffentlich-rechtlichen“ TV-Sendern, ARD und ZDF, wenn man „Saudi Arabien“ als Suchbegriff eingibt?

Sehr wenig (und das ist kein Zufall). Bei der ARD gibt es noch letzte Enklaven des wahrhaftigen, investigativen Journalismus, wie MONITOR oder FAKT. Monitor hat das brisante Thema deutscher Rüstungsexporte nach Saudi Arabien behandelt (es geht um die Lieferung hunderter Leopard Panzer an das repressivste arabische Regime) und Fakt beleuchtete die Tatsache, dass deutsche Bundespolizisten – „bezahlt von einem Rüstungskonzern (EADS)“ bei den Saudis „Sicherheitskräfte in Techniken ausbilden, die zur Unterdrückung der Opposition“ nützlich (sprich: geplant)  sind. Unter den „Auszubildenden“ seien Geheimdienstoffiziere ebenso wie Mitglieder der brutalen „Religionspolizei“, gegen die es keinerlei rechtliche Handhabe gibt.

Beide Redaktionen heben sich äußerst positiv von vielen anderen ab, doch man muss mit Bedauern feststellen, dass diese Beiträge in der Regel etwa 5 Minuten lang sind und daher keine Zeit für politischen Kontext und Hintergrund bleibt  – auch das ist kein Zufall: die Sendezeit dieser wichtigen Magazine wurde in den letzten Jahren gekürzt und immer weiter nach hinten geschoben, anstatt sie in die „prime time“ zu setzen, wo sie hingehören (wenn man den staatlichen „Bildungs- und Informationsauftrag“ ernst nimmt).

„Wenn wir, […] davor zurückschrecken, selbst in einen Konflikt einzugreifen, dann reicht es in der Regel nicht, an andere Länder und Organisationen Worte der Ermutigung zu richten. Wir müssen die Staaten, die bereit sind, sich zu engagieren, auch dazu befähigen. Ich sage ausdrücklich: Das schließt auch den Export von Waffen mit ein – dies selbstverständlich nur nach klaren und weithin anerkannten Prinzipien.

Wir sollten aber versuchen, einen Schritt weiterzugehen: Wenn wir uns im Atlantischen Bündnis einig sind, dass die NATO nicht alle Konflikte lösen kann und dass den aufstrebenden Schwellenländern und Regionalorganisationen mehr Verantwortung zukommt, dann sollten wir im Bündnis bei den Rüstungsexporten auch schrittweise zu einer gemeinsamen Politik kommen. Eine solche gemeinsame Politik muss und wird immer restriktiv sein. Sie muss und wird immer und in jedem Fall mit einer Außenpolitik in Einklang zu bringen sein, die auf die Achtung der Menschenrechte ausgerichtet ist. Denn sonst wird eine wertegeleitete Politik unmöglich

Angela Merkel, 9.September 2011, Berlin

Dass Merkel – wie ihre “transatlantischen“ psychopathischen  Busenfreunde eine zynische PR-Show abzieht, wenn sie von „Achtung der Menschenrechte“ im Kontext von Waffenlieferungen spricht, wird klar, wenn man sich die Zustände in Saudi Arabien etwas näher ansieht. Hier nur einige Kostproben:

  • Öffentliche Veranstaltungen, die nicht religiös legitimiert sind –  sind verboten (keine Kinos, Konzerte, Events, Orte, wo sich beide Geschlechter treffen, etc.).
  • Frauen und Männer, die nicht verheiratet sind, müssen streng voneinander getrennt bleiben, jeder gemeinsame Auftritt in der Öffentlichkeit wird von der Religionspolizei („Behörde zur Förderung der Tugend und Verhinderung der Sünde“) mit Schlägen geahndet.
  • Jede Form „westlicher Dekadenz“ ist verboten, dazu gehört z.B. auch die westlichen Rituale des Valentinstags zu übernehmen. Es klingt absurd, ist aber wahr: Im Monat Februar wurde den Händlern verboten, bestimmte  Geschenkartikel zu verkaufen. Ihre Läden werden von der Religionspolizei nach folgenden Dingen durchsucht: rote Rosen, rote Kleider, herzförmige Artikel, Süßigkeiten, Grußkarten, etc. Wer seiner Frau an diesem Tag Blumen schenkt, oder Konfekt muss damit rechnen, durch Verprügeln (oder Schlimmeres) bestraft zu werden. Begründung: Feiern eines „heidnischen Festtages“
  • Frauen werden völlig von den Männern dominiert (das hat nichts mit dem Islam zu tun, sondern ist Ausdruck einer kranken, atavistischen  Männergesellschaft): sie dürfen nicht ohne Begleitung eines männlichen Angehörigen das Haus verlassen, dürfen nicht Auto fahren, müssen schwarz vermummt durchs Leben gehen und dürfen sich in der Öffentlichkeit nicht frei bewegen (es gibt z.B.in den Einkaufszentren eigene Zonen für Frauen und Männer …).
  • Eine junge Frau, die von sieben Männern vergewaltigt worden war, wurde nach „Anhörung“ zu 90 Peitschenhieben verurteilt, weil sie sich alleine mit einem Mann in einem Auto befand, bevor sie entführt wurde.  Das gilt quasi als Einladung zu sexuellen Übergriffen und muss demnach bestraft werden. (Frauen werden zu Objekten degradiert: das hat eher mit de Sade als mit Religion zu tun). Als die Frau das nicht akzeptieren wollte und an die Öffentlichkeit ging, wurde die Strafe auf 200 Hiebe und sechs Monate Gefängnis erhöht.

Im Jänner 2010 erzählte die Journalistin Nadin Al-Badir im ägyptischen Fernsehen eine Horrorstory nach der anderen über die finsteren Machenschaften der Religionspolizei:

So seien bei einem Brand im Schulgebäude 15 Schülerinnen ums Leben gekommen, weil die Feuerwehr daran gehindert wurde, den Brand zu löschen. Der Grund für diese „Strafe“ war, dass die Mädchen nicht den vorgeschriebenen hijab trugen (die schwarze Kopfbedeckung, bei der nur die Augen zu sehen sind). Nach ihren Angaben sind die meisten dieser „Polizisten“ ehemalige Sträflinge, die entweder selbst Drogen genommen oder damit gedealt hatten – als Moralpolizei?

Die saudische „Moralpolizei“ in Dienstuniform

Alleine in Mekka wurden in einem Jahr  mehr als 100.000 Verhaftungen  durch  die  Religionspolizei vorgenommen, ebenso in Riyadh.

Der wahabitische Islam ist eine extreme Form des Missbrauchs von Religion in einer Männergesellschaft und umso schlimmer, weil diese extreme Form der Unterdrückung natürlich der Islamphobie große Dienste erweist und rassistische und kulturelle Vorurteile bedient.

Dass Menschen unter dem Deckmantel religiöser Gebote erniedrigt, bevormundet und gequält werden, ist uns ja nicht fremd: die Geschichte der katholischen Kirche hat in dieser Hinsicht einiges (z.B. Hexenverbrennung, Inquisition) zu bieten. Ein System, das mit Schuldgefühlen und unmenschlichen Strafen Menschen gefügig macht, ist schon furchtbar genug, doch wenn die Moral derjenigen, die die Bestrafung anordnen selbst am tiefsten Punkt angelangt ist, wird es unerträglich.

Die saudische Herrscherkaste gehört zu den korruptesten Regierungen der Welt.

Ihr eigener Lebensstil (vor allem wenn sie sich im Ausland aufhalten) verhöhnt die strengen Gebote, die sie ihrer Bevölkerung auferlegt: Sex, Alkohol, Drogen, wilde Partys, Spielcasinos, kriminelle Geschäfte, das volle Programm.

Realsatire … in new dimensions

Die Skandale um den Rüstungsdeal mit BAE (Kampfjets u. anderes Kriegsmaterial im Gesamtwert von 43 Milliarden Pfund wurde an die Saudis verkauft, nachdem mehr als 1 Milliarde an Schmiergeldern über eine US-Bank an das saudische Verteidigungsministerium bzw. Prinz Bandar geflossen war) sind uns ja noch in Erinnerung.

Als das britische “SFO (serious fraud office – Behörde zur Verfolgung Schweren Betrugs) 2006 eine Untersuchung begann, griff  Tony Blair ein und würgte das Verfahren ab.  Seine Begründung: die saudische Königsfamilie hätte damit gedroht, wichtige Informationen über geplante Terroranschläge in London zurückzuhalten, wenn diese investigation nicht beendet werde. Der „edle“ Blair musste also  handeln, um das Leben von Engländern zu schützen. Diesen Bullshit hatte man jedenfalls verbreitet.

Doch eine britische Kampagne gegen Korruption fand sich damit nicht ab und stellte einen Antrag auf Wiederaufnahme des Verfahrens, da sich die britische Regierung allem Anschein nach erpressen ließ. Inzwischen gibt es neue Vorwürfe der Korruption, diesmal unter Premierminister Cameron. Die Waffendeals gehen natürlich weiter.

Merkel, Blair, Cameron – sie alle kümmert es einen Dreck, ob die Menschenrechte eingehalten werden in Ländern, die als unsere „Verbündeten“ gelten – also der unheimlichen Verflechtung aus wirtschaftlicher und politischer Macht dienlich sind, die man uns als „Demokratie“ verkauft. Alle Rüstungsgeschäfte laufen über korrupte Kanäle, das ist doch nichts Neues.

Was mich anwidert ist,

  • dass die „Journaille“ (vor allem der „Nachrichten“) die dämlichen Sprüche der Kanzlerin und anderer Heuchler über „Menschenrechte“ bei Waffendeals (und auch anderen Exporten) so präsentiert, als wären sie ernst gemeint
  • dass ihre „Argumente“ nicht eindeutig bloßgestellt werden
  • dass (seit der Zerstörung Jugoslawiens) die Missachtung staatlicher Souveränität kein Thema ist – ein Tabubruch ohne Folgen
  • dass Deutschland wieder Krieg als notwendige „Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“ ansieht

Das „humanitäre“ Bombardieren anderer Länder, das Töten von tausenden Zivilisten, die Zerstörung ziviler Infrastruktur, der von außen gesteuerte „regime change“ – all das hat Merkel akzeptiert und mitgetragen. Sie ist damit ein echter Vasall der USA und der neoliberalen „Befreiungsfront“.

Dafür hat sie wohl einen Orden („Presidential Medal of Freedom“) von Obama bekommen. {nebenbei bemerkt: Grauenvolles Englisch der Kanzlerin…}

Doch welche Rolle spielen die Saudis in diesem Spiel um Waffengewalt, Macht, Einfluss und Kontrolle der Massen?

Natürlich ist es richtig, dass sich die Medien mit der Repression in Saudi Arabien befassen (also mit der saudischen Innenpolitik). Aber wer kümmert sich um die Außenpolitik der Saudis? Ihre Rolle in der Eskalation religiös-verbrämter Gewalt in vielen anderen Ländern?

Tony Blair hatte behauptet, die Einstellung des Untersuchungs-verfahrens gegen BAE sei notwendig gewesen – aus Gründen der „nationalen Sicherheit“: um die guten Beziehungen zu Saudi Arabien nicht zu gefährden, die er als „entscheidend für den Kampf gegen Terrorismus und den Frieden im Nahen Osten“ bezeichnete. Ähnliche Sprüche gibt Merkel von sich, wenn es um die Legitimation der Waffenexporte geht.

Nothing could be further from the truth.

Kein anderes Land hat mehr zur Verbreitung des religiösen Extremismus beigetragen als Saudi Arabien. Kein anders Land hat die Religiosität in einem solchen Ausmaß missbraucht, um demokratische Selbstbestimmung zu verhindern.

Doch darüber wird in unseren Medien nie gesprochen (einzige Ausnahmen: Scholl-Latour  bzw. Michael Lüders, die aber immer als exotische „Außenseiter“ in einer Talkshow-Runde präsentiert werden)

Wie es dazu kam, versuche ich im Folgenden zu skizzieren:

Im Mai 1962 wurde in Mekka eine neue Organisation geschaffen, die sich länderübergreifend  um die Anliegen und Probleme der Muslime kümmern sollte, die WML (world muslim league). Die zentrale Botschaft der Schlusserklärung einer Konferenz  lautete:

„Jene, die den Islam verleugnen und ihn unter dem Deckmantel des Nationalismus verunstalten sind in Wahrheit die bittersten Feinde der Araber, deren Ehre untrennbar mit der Ehre des Islam verbunden ist.“

Die WML Konferenz war aber nicht vom saudischen Kronprinz Faysal organisiert worden, um „die Ehre des Islam“ zu retten, sondern um den wachsenden Nationalismus und Sozialismus in den Ländern der „Dritten Welt“ einzudämmen, insbesondere natürlich „vor der eigenen Haustür“, also im Nahen Osten.

Das „Arab Awakening“, das in der Zwischenkriegszeit (1918-1939) erstmals in Erscheinung trat, und sich als sekulare Form des Nationalismus herauskristallisierte, war für die Herrscherdynastie in Saudi Arabien very bad news indeed.

Die Bedrohung der alten Ordnung lag in  gemeinsamen, universellen Werten: dem Recht auf politische Freiheit und nationale Selbstbestimmung. Diese Form einer  nationalen arabischen  Identität, die (seit Nasser) stark sozialistisch geprägt war und soziale Gerechtigkeit, demokratische Mitbestimmung, und die Abschaffung der alten Hierarchien forderte, bedeutete eine ernsthafte Bedrohung für die Tyrannei der saudischen Herrscherfamilie.

Die Religion musste ja im Laufe der Geschichte schon oft dazu herhalten, den Menschen absoluten Gehorsam gegenüber Institutionen der Macht einzuhämmern, eine Methode die einst die katholische Kirche perfektionierte, die aber inzwischen vom saudischen Modell weit übertroffen wurde.

Die saudischen Herrscher wollten eine Bevölkerung, die sich nicht gegen die extrem ungerechten Machtverhältnisse wehrt, sondern die herrschende „Ordnung“ akzeptiert. Der Koran wird als Werkzeug benutzt, um den Gläubigen einzuhämmern, dass Auflehnung gegen den Herrscher eine „Verschwörung gegen Gott“ gleichkomme und der wirkliche „Feind“ woanders zu orten sei.

Prügelstrafe der „Religionspolizei“

Die strikte Befolgung absurder Regeln (die oft nur in das „heilige Buch“ hinein interpretiert wurden)  und die Verteidigung des  „einzig wahren“ Islam  sind demnach der einzige Weg  ins  „Paradies“. Der Gefahr mangelnder Akzeptanz bei den Untertanen begegnet man effektiv durch eine „Religionspolizei“, die als Exekutivorgan für eine Regierungsinstanz mit dem schaurig-schönen Titel „Komitee für die Verbreitung der Tugend und die Verhinderung der Sünde“ fungiert.

Dass sich ausgerechnet sie Saudis heute als Gallionsfigur der Arabischen Liga im Kampf für „Demokratie in Syrien“ präsentieren, ist angesichts der historischen Fakten wirklich zum Totlachen. Doch auch die größte Absurdität wird von unseren Fließbandjournalisten mühelos so lange wiederholt, bis sie als „Normalität“ wahrgenommen wird.

1969 wurde die WML (eine Nichtregierungsorganisation) durch ein Pendant auf Regierungsebene ergänzt, die OIC (Organisation der Islamischen Konferenz). Diese gründete islamische Kulturzentren und eine internationale Presseagentur und hielt regelmäßig  Konferenzen ab, um der Kampagne gegen Kommunismus und Nationalismus mehr Nachdruck zu verleihen.

Im eigenen Land wurde natürlich hart durchgegriffen: Nasser und  seine „Freien Offiziere“ waren auch in Saudi Arabien populär, was sich in Streiks und Anschlagsversuchen gegen die Herrscher äußerte. Prinz Faysal war ein echter Fundamentalist: er besetzte das Justizministerium mit Klerikern und sorgte dafür, dass jeder Keim einer Zivilgesellschaft sofort erstickt wurde.

Stattdessen wurde großzügig in Koranschulen und andere religiöse Institutionen investiert, die alle den strikten Gehorsam gegenüber Autoritäten predigten, und die Verteidigung der Menschenrechte durch die „Verteidigung des Islam gegen Ungläubige“ ersetzte.

Doch Repression alleine war nicht ausreichend, um den starken ideologischen Appeal der neuen Gesellschaftsordnung auszumerzen.  Die vorhandene Frustration musste in die richtigen Bahnen gelenkt werden: statt Bekämpfung der alten Ordnung und Machtstrukturen sollten archaische Instinkte und „alte Werte“ wiederbelebt werden: religiöser Puritanismus, Tribalismus bzw. Ethnozentrismus.

Die Gleichheit, die der Sozialismus versprach,  ersetzten die Saudis durch himmlische Gerechtigkeit, solange die Bevölkerung die bestehende Hierarchie nicht in Frage stellte.  Gegen den gesellschaftlichen Aufbruch der Dritten Welt brachten die herrschenden Klassen althergebrachte  kulturelle  Konzepte in Stellung, um das Volk zu disziplinieren: eine Art Gegenreformation in der arabischen Welt (nicht nur dort, aber wir beschränken uns darauf).

Diese reaktionären sozialen Kräfte schürten atavistische Ideen (wie etwa Stammes- und Religionszugehörigkeit als Zeichen für Höher- bzw. Minderwertigkeit) um die große Gefahr – Solidarität zwischen gleichberechtigten Menschen, die für die gleichen Ziele kämpfen – zu eliminieren.

Die erfolgreichen Putsche in Ägypten, Irak und Libyen legten nahe, dass es eines Tages auch in Saudi Arabien zu einem Umsturz kommen könnte. Die Saudis bereiteten den Boden für einen „Kulturkampf“ der besonderen Art, als Gegenentwurf für den aufkeimenden Nationalismus in der Dritten Welt.

„ARAB OIL FOR ARAB PEOPLE“  (Nasser 1956 zu Arbeitern eines Ölfeldes in Saudi Arabien)

In den 1930er Jahren wurden die großen Ölvorkommen in Saudi Arabien entdeckt und Ibn Saud zögerte nicht, amerikanisch-britischen Ölkonzernen sofort  Konzessionen zu erteilen. Der Deal: Wir verkaufen unser Öl nur in US-Dollar (die  in Form von Waffenkäufen in den USA und in Geschäften mit der Wall Street  wieder „recycelt“ werden) und die neue Supermacht sorgt dafür, dass niemand es wagt, unser  anti-demokratisches, retrogrades Regime anzutasten oder unser Land anzugreifen.

Das alte Motto Caligulas hat hier wohl Pate gestanden: oderint dum metuant (Sollen sie uns nur hassen, solange sie uns fürchten – That’s fine with us …. nicht nur für die Saudis, sondern auch für die „Außenpolitik“ der USA, wie das Demissionsschreiben eines US-Diplomaten zeigt: (Letter of resignation: John Brady Kiesling to Colin Powell) – als Folge der “Bush-Doktrin”)

Im Jänner des Jahres 1958 gründeten Ägypten, Syrien und Yemen die Vereinigte Arabische Republik und im Juli stürzten die freien Offiziere die Hashemiten-Monarchie im Irak (eine  Kreatur des Britischen Empire).  Die Saudis hassten Nasser nun so sehr, dass sie 1959 versuchten ihn in Damaskus umzubringen, was aber misslang.

Der Kommunismus war in Saudi Arabien kein großes Thema, doch 1962 kam es zu einer nationalen Revolution im Yemen, das danach zum Exportland für revolutionäre Ideen in die Region mutierte. So unterstützte man die kommunistische „Befreiungsfront für Oman und den Arabischen Golf“. Die Saudis finanzierten die bestehende Machtelite im Yemen und die reaktionäre Regierung des Oman und gingen mit großer Brutalität gegen alle linken Demokratiebewegungen vor (wodurch sie den Machteliten der USA sehr ans Herz wuchsen …).

Das „Nasser-Virus“ kam immer näher und drang schließlich in den Königspalast in Riyad ein. Unter der Führung von Prinz Talal bin Abdulaziz, der die Tochter des Premierministers im Libanon geheiratet hatte, wurde  ein Umsturz versucht, der jedoch scheiterte, weil die „Freien Prinzen“ keinen Rückhalt in der Bevölkerung hatten. Ihr Versuch, eine Verfassung, ein oberstes Gericht und eine Nationalversammlung durchzusetzen  misslang ebenso,  wie das Bestreben, nicht-religiöse soziale Einrichtungen zu schaffen und die Arbeitslosigkeit durch öffentliche Investitionen zu senken.

Faysal hatte den Erhalt der alten Ordnung durchgesetzt, nicht zuletzt mit Unterstützung seines „Partners“ Aramco (die Ölgesellschaft), hinter der die amerikanische Regierung stand.

Die WML wurde von Washington freudig begrüßt, als willkommenes Instrument zur Bekämpfung der „radikalen Idee“, dass die arabische Bevölkerung selbst über die Verwendung der Öleinkünfte bestimmen darf.

1965 sagte Thomas Barger, ehemaliger ARAMCO-Chef in einem Ausschuss des State-Departments:

„Es war angemessen, dass unsere Regierung darauf abzielte, die Verwendung des Erdöls als politische Waffe durch radikale Araber zu verhindern.

Der beste Weg das zu erreichen, war die Verhinderung der arabischen Einheit.“

1957 erblickte die Eisenhower-Doktrin das Licht der Welt: der Tenor war – what else – die generelle Eindämmung des Kommunismus (als ob es sich um eine Seuche handelte), doch speziell für den Nahen Osten bestand der Plan darin, die korrupten Monarchien der Kolonialmächte wie Jordanien, Irak aber auch den Shah in Persien/ Iran) an der Macht  zu halten.

Saudi-Arabien war von Anfang an ein wichtiger „Partner“ der USA bei der Verhinderung demokratischer Selbstbestimmung im Nahen Osten.

Ein wichtiger Teil der „Counterrevolution“ war die Förderung des religiösen Fanatismus und Fundamentalismus und damals wie heute, war die CIA bei diesen „Aktivitäten“ mit von der Partie.

Der Grundstein für ein „extensives Programm“ zur Förderung „religiöser Zellen“ wurde damals gelegt, „geerntet“ wurde dann später: Leute wie Osama bin Laden und sein „Beratungs- und Reformationskomitee“ und – der ganze Stolz der US und saudischen Geheimdienste –  „Al Qaeda“:

Das phantomhafte „Terrornetzwerk“ von dem unsere „churnalists“ und Medienschafe immer plappern, ist in Wahrheit eher das ideologische Netzwerk der WML und anderer Organisationen, das die Saudis seit mehr als 50 Jahren betreiben und aus dem – mit tatkräftiger Unterstützung der CIA – „bei Bedarf“ dann echte (bewaffnete) Terroristen geformt werden.

Diese können dann in „Krisengebiete“ exportiert werden, wo sie als eine Art islamistische SS  für den „humanitären“ Imperialismus  (wie jetzt in Syrien, vorher in Libyen, im Irak, im Sudan, in Jugoslawien, in Afghanistan …) grauenhafte Verbrechen begehen –natürlich immer nur für den „guten“ Zweck: den Sturz eines nationalen Regimes, dass nicht nach der Pfeife Washingtons tanzen will und eine soziale Infrastruktur hat (keine „Marktherrschaft“).

Die Tentakel des Netzwerkes sollten das Bewusstsein der Muslime so dominieren, dass jede andere Ideologie (der Veränderung) – außer dem Islam– als tabu, weil „anti-arabisch“ betrachtet wird. Und damit kommen wir zu jener Vereinigung von Heuchlern, die sich die „Muslim-Bruderschaft“ nennt und ein Geschöpf dieses Systems ist.

Die aktuelle ägyptische „Solidaritätsbekundung“ (Mursi gehört auch zur den „Brüdern“)  im belagerten Elendsghetto Gaza, der aber keine Taten folgen, zeigt dass die „Brüder“ auch nur Instrumente der USraelischen Hegemonie sind ….

Die WML wurde so zum Motor für den Export der saudischen Religionsdoktrin:

Nationalismus und Kommunismus wurden zu „Feinden des Islam“.

Statt einer nationalen Gemeinschaft der Gleichberechtigten (die der Sozialismus anstrebte)  wurde eine transnationale Glaubensgemeinschaft als oberstes Ziel vorangetrieben. Die „islamische Nation“ sei wichtiger als konkrete Nationen, statt Selbstbestimmung zu fordern sollte man sich der „göttlichen Ordnung“ fügen.

Fortsetzung folgt …

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