Der Journalist als Autist (1): Jugoslawien

„Für mich ist das Radio deswegen so toll, weil es ein durch und durch dialogisches Medium ist. Im Mindestfall bin ich im Dialog mit den Hörerinnen und Hörern. Meistens bin ich im Dialog mit Gesprächspartnern, Interviewpartnern, mit Menschen, die ich befrage. Vielleicht ist auch nicht nur ein Befragen, sondern ein miteinander sprechen, und ich muss mich zurücknehmen. Ich bin nicht der, der etwas weiß, wissen tun die anderen. Ich brauche mich nicht in den Vordergrund spielen, das heißt, das ist für mich ein ständiger Lernprozess. An dem ich hoffentlich das Publikum teilhaben lassen kann.“

Rainer Rosenberg

-avoiding journalism, indeed

Der „9.11“ war ein denkwürdiger Tag für den Journalismus und besonders für den ORF (Österreichischer Rundfunk). Während der Sendung „Von Tag zu Tag“ lieferte der Moderator Rainer Rosenberg den Zuhörern einen unfreiwilligen Beweis für die unglaubliche Naivität (um nicht zu sagen: Ignoranz) vieler Journalisten, die sich selbst zur „intellektuellen Elite“ des Landes zählen, während sie von den wirklich Mächtigen nur als „Multiplikatoren“ für PR-Stories und als strategic information tools benutzt werden. Pathetic.

Der ORF (ich beziehe mich hier in erster Linie auf den Radiosender Ö1) hat durchaus hochkarätigen Journalismus zu bieten, aber leider ist das nur ein sehr kleiner Teil des „Informationsangebotes“, das man uns täglich serviert. So gehört etwa die Feature-Redaktion zum Besten, was man im deutschsprachigen Raum auf diesem Gebiet bekommen kann und auch die Leute vom „Radio-Kolleg“ haben immer wieder ihre Klasse bewiesen, wenn es um Background und Kontext zu wichtigen Themen geht (leider ist die Sendezeit viel zu kurz für profunde Analysen).

Doch diese relativ kleine Gruppe von „Qualitätsjournalisten“ steht im Schatten jener „Churnalists“, die ständig in den Medien präsent sind und im Wesentlichen nur als Wiederkäuer selektierter Themen und deren Darstellung fungieren: die „Nachrichten“-Redaktionen oder „der Aktuelle Dienst“, wie er beim ORF heißt (Was ist Churnalism?: siehe dazu den letzten Beitrag in diesem Blog).

Aber kommen wir zurück auf die Sendung „Von Tag zu Tag.“ Das Thema der Sendung war  „Mare Nostrum“, so bezeichnete das römische Imperium „unser“ (sein) Mittelmeer und dieser Begriff wurde nicht zufällig gewählt: heute ist es das neoliberale, finanzkapitalistische „Imperium“ (dessen Herrschaft sich in der ersten Phase auf die „alternativlose“ Denkweise der politischen Eliten –und auch vieler Journalisten – bezieht, mit welcher dann später „Reformen“ und „notwendiges Eingreifen“ legitimiert wird, also wirtschaftliche bzw. militärische Gewalt im Tarnkleid der Budgetsanierung bzw. der „humanitären Intervention“), das die Mittelmeerländer in die Zange genommen hat. Das Imperium tritt natürlich unter anderem Namen auf: es heißt EU, NATO, USA, IMF, „Troika“, OECD, etc. die Namen werden passend zur jeweiligen Situation ausgewählt, der Hintergrund ist immer der Gleiche:

Jedes Land, das sich der Verwertung durch transnationales Privatkapital (in Form von Konzernen, Banken, aber auch mit staatlicher Unterstützung) widersetzt, muss mit Gewalt zur Räson gebracht werden. Jede sozialistische Infrastruktur muss zerstört, jede Idee von Gleichheit im Sinne sozialer Gerechtigkeit, von nationaler Selbstbestimmung (souveräne Kontrolle der Wirtschaftspolitik) und Solidarität muss ausgemerzt werden. Ein sehr effektives Werkzeug dafür ist die Herbeiführung einer „Schuldenkrise“, die zur wirtschaftspolitischen Entmündigung führt und deren brutale „Reformen“ so viel soziales Elend erzeugen, dass damit ein Katalysator für einen – gewünschten – Bürgerkrieg erzeugt wird (falls eine Zerschlagung des Staates angestrebt wird, wie z.B. in Jugoslawien, wobei ethnisch-religiöse Unterschiede und historische Kränkungen auch als spaltendes foreign policy tool eingesetzt wurden;natürlich auch in Libyen und Syrien)

Mir ist nur ein Geisteswissenschaftler bekannt, der diese Strategie wirklich verstanden und analysiert hat wie kein Zweiter: John McMurtry – den hier wohl kaum jemand  kennt, denn Leute mit diesem „Durchblick“ werden natürlich in den Medien zur persona non grata erklärt und gemieden, wie die Pest. „So einer“ wird nie in eine Talkshow eingeladen, da könnten die Leute ja wirklich anfangen KRITISCH ZU DENKEN, das ganze System in Frage zu stellen. Wo kämen wir denn da hin?

Die Liste der bisher erfolgreichen „Eingriffe“ – also Zerstörung der alten Ordnung bzw. des Staates als Regulator der Wirtschaft und der  umverteilenden Gesellschaftsordnung:

Jugoslawien, Irak, Libyen, Sudan;

(Syrien, Yemen, Iran, Somalia, Mali, u. andere afrikanische Staaten sind noch im Rahmen der Destabilisierung „in Arbeit“.)

In der o.a. Sendung kam die Zerstörung Jugoslawiens zur Sprache: ein Gast sprach immer wieder von seiner „gewaltsamen Zerlegung durch europäische Staaten“ (gemeint waren Deutschland, Frankreich, England) und letztlich auch die USA.

Diese Länder hätten „Hindernisse aus dem Weg geräumt“, damit ihre Machteliten ungehindert die Transformation der betroffenen Staaten in Richtung Marktherrschaft durchführen konnten, wobei es natürlich auch darum ging, neue Einflusssphären der eigenen Macht in Europa zu schaffen (was Washington als „deutschen Alleingang“ bei Kroatien und Slowenien gar nicht goutierte und mit der „bosnischen Karte“ das pathologische „Spiel“ um außenpolitische Macht wendete).

In der Folge kommt es zu einem (latent aggressiven) Wortwechsel zwischen dem Moderator  und dem Gast AF, der schließlich durch den Anruf eines Hörers seinen Höhepunkt erreicht. Hier die wichtigsten Passagen (Transkript ist von mir):

AF: „Sie haben tatsächlich einiges erreicht: sie haben Jugoslawien zerlegt, … kriegerisch aufgelöst“.

Der Moderator (Rainer Rosenberg) räuspert sich unruhig  und  fällt ihm ins Wort:

Entschuldigung, darf ich sie da unterbrechen? Wenn Sie jetzt sagen, England, Frankreich, die USA haben Jugoslawien zerlegt, da müsste man doch auch fragen, wieweit sich die verschiedenen Gruppen in Jugoslawien selbst zerlegt haben, als Staat. Das war ja nicht so, dass da jemand einmaschiert ist oder die Waffen geliefert hat, damit sich dieser wunderbare [!] Balkankrieg entwickelt hat, sondern dass war eine über Jahrzehnte gehende Entwicklung einer Katastrophe, die … schon sehr stark auf konstruierten oder nicht konstruierten, ethnischen Gegensätzen beruht hat. Und natürlich auch politisch und wirtschaftlich. Alles das. Und die haben das zerlegt. Wie können Sie das so einfach argumentieren?“

AF: „So schnell zerlegt sich ein funktionierender Staat nicht von selber …. “.

(RR unterbricht schon wieder): „Das war vielleicht ein funktionierender Staat, aber es war ein Staat, der … unter diktatorischen Verhältnissen funktioniert hat.“

AF: „Diktatorisch war die Definition der europäischen Staaten, die gesagt haben, sie unterstützen den neuen Nationalismus, der in Jugoslawien entstanden ist. Die Sezession, die Kroatien vollzogen hat, erst mal als ersten Schritt, als es noch eine jugoslawische Armee gab. Und völkerrechtlich sogar, von dieser Geschichte her, ist ein Staat, der in der UN noch Sitz und Stimme hatte, zerlegt worden von den europäischen Staaten ..hat Genscher Zeichen gesetzt in Europa und die Folge war: mit Gewalt wird das  zerlegt, was tatsächlich den europäischen Staaten in die Quere gekommen ist.

(RR protestiert (schockiert) gegen den Ausdruck „mit Gewalt zerlegt“Antwort:

AF: „Ohne Gewalt hätte sich diese neuen Staaten nicht durchsetzen können … „

(Der Moderator fällt wieder mitten ins Wort): „Entschuldigung, aber die Gewalt hat ja nicht Deutschland via Genscher ausgeübt, sondern da gab’s Krieg zwischen Serben und Kroaten, da gab’s die Situation in Sarajewo, wo ein multiethnisches Gemeinwesen zerstört wurde … Das war ja nicht Deutschland.“

{Schon mal was von einem proxy war gehört, Herr Rosenberg?}

AF: Entschieden wurde der Krieg über die NATO … (wieder unterbrochen durch den fühlbar aufgebrachten Moderator):

„Die Belagerung wurde beendet durch die NATO.“

AF: Geführt wurde der Krieg von sezessionistischen Armeen gegen die jugoslawische Volksarmee. Entschieden wurde er durch die NATO. Das sage ich schon …

(Moderator gibt das Wort an den zweiten Gast Walter Famler (WF) , der aber nichts Wichtiges beizusteuern hat, weist darauf hin, dass uns hier „eine Epoche über 150 Jahre beschäftigt“, er stimmt aber zu, dass die „Zerlegung“ Jugoslawiens gewaltsam stattgefunden habe.

Dann kommt das Gespräch auf Kroatien und AF stellt fest, dass sich das Land nun „mit einer viel kleineren Rolle“ begnügen müsse, als man ihm durch den EU-Beitritt in Aussicht gestellt habe. Die einheimische Bevölkerung sei nur von Nutzen, wenn sie für den privaten Investor in irgendeiner Form „rentabel“ sein könnte. Wer dazu nicht in der Lage ist, ist überflüssig ….

Dann kommt der erste Anrufer dran, der Moderator begrüßt ihn mit den Worten: Welche Position haben Sie in dieser Frage?

H1: „… Ich habe mich gewundert über IHRE Position, Herr Moderator (Einwurf: „Ich heiße Rosenberg“). Sie haben sich sehr erstaunt gezeigt, dass jemand sagen kann, der Westen hätte Jugoslawien aufgesplittert.“

(Moderator fällt auch dem Hörer ins Wort): „Pardon, pardon … Ich habe gesagt, gewalttätig aufgesplittert…“

(Hörer will sein Argument  zu Ende bringen): „Ich habe vor mir liegen einen Aufsatz von Michel Chossudovsky, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Ottawa. Der Titel lautet: Die Aufsplittung des ehemaligen Jugoslawiens  und Rekolonialisierung Bosniens.

Er beginnt mit dem westlichen Wissensstand, der – wie Sie ja auch gemeint haben – die ethnischen Konflikte in den Vordergrund spielt und westliche Interessen auslässt. Ich hatte keine Zeit mehr, mir das Dokument noch mal durchzulesen, doch ich erinnere mich, dass darin eine schriftliche Weisung  Reagans erwähnt wird, in der die Destabilisierung  Jugoslawiens zum Ziel erklärt wird. Man weiß ja, dass das mit Hilfe des Westens (über die erzwungenen Strukturanpassungsprogramme des IMF bzw. der Weltbank [im Rahmen der „Schuldenfalle“] gelungen ist.

Mich wundert das schon immer wieder, wie sehr wir – und auch der ORF – (ich habe das sogar bei der Libyenkrise beim Publikumsrat als Beschwerde eingebracht) wie sehr der ORF schon, als immerhin Staatsfunk eines neutralen Landes (Moderator unterbricht und belehrt Hörer über Unterschied zwischen Staatsfunk und öffentlich-rechtlichem Medium) – immer wieder die Propagandawalze des Westens mitspielt.

Eigentlich ist das eine Schande.“

(Dem kann man sich zu 100% anschließen!)

Einige Sekunden ist Funkstille. Der Moderator ist offenbar sprachlos. Er stammelt dann:

 „Äh … Danke, Herr (X). Wir können jetzt über verschiedene .. äh …den Rundfunk wurde ich vorschlagen, lassen wir jetzt weg … äh …“(nochmaliger Vortrag über Definition von Staatsfunk, etc. – change the subject? Nice try … um sich innerlich wieder zu beruhigen). Der Hörer meinte natürlich „staatlich“ als Gegensatz zu privaten Medien (corporate media), die ja offensichtlich der Volksverblödung dienen. Rosenberg weiter:

„Wenn man sagt, ok, es gibt das Papier X, das nachweist, ein USA Präsident (sic) habe destabilisieren wollen, …geschossen, pardon, haben die Menschen dort … und sie haben dort auch noch nach ethnischen Kriterien geschossen. Das muss man ganz einfach zur Kenntnis nehmen, oder nicht?

WF: „Es ist immer die Frage, wie man Krieg argumentiert“ (Der Jugoslawien Krieg sei sehr komplex etc.)

(Es rufen noch zwei weitere Hörer an. Den ganzen seltsamen „Dialog“ kann man hier (noch bis 16.11) nachhören (Klicken Sie auf „Sieben Tage Ö1 – rechts oben im roten Balken und scrollen dann  (Datum 9.11)  runter zu „Von Tag zu Tag um 14:05 Uhr > anklicken)

Die von PR-Strategen geformte „Ansicht“ des Moderators spiegelt exakt das wieder, was Michel Chossudovsky in dem o.a. Aufsatz so auf den Punkt gebracht hat:

„Die neoliberale „Therapie“ der Wirtschaft hat bei der Zerstörung Jugoslawiens eine wesentliche Rolle gespielt, doch die Medien haben diese Rolle ignoriert oder heruntergespielt.

Stattdessen  singen sie mit in jenem Chor, der die Segnungen des „Freien Marktes“ als Basis für den Wiederaufbau einer vom Krieg zerstörten Wirtschaft bejubelt. Die sozialen und politischen Auswirkungen  der  wirtschaftlichen Strukturreformen in Jugoslawien wurden sorgfältig aus unserem kollektiven Verständnis gelöscht.

Meinungsmacher präsentieren uns stattdessen dogmatisch kulturelle, ethnische und religiöse Trennlinien als Ursache von Krieg und Zerstörung. Doch in der Realität sind sie die Konsequenz eines viel tieferen Prozesses der wirtschaftlichen  und politischen Rissbildung.

Diese falsche Bewusstheit maskiert nicht nur die Wahrheit, sie verhindert auch das Erkennen präziser historischer Ereignisse und verzerrt letztendlich die wahren Ursachen sozialer Konflikte.Auf das ehemalige Jugoslawien angewendet, heißt das: die Verschleierung der historischen Grundlagen für die slawische Einheit, Solidarität und Identität in einer multiethnischen Gesellschaft.“

Auf dem Spiel steht das Leben von Millionen Menschen.

Makroökonomische Reformen kombiniert mit militärischer Eroberung und UN „Friedenssicherung“ haben  Existenzen  zerstört und einen Witz aus dem „Recht auf Arbeit“ gemacht. Die Grundbedürfnisse wie Nahrung und Unterkunft sind für viele unerfüllbar. Kultur und nationale Identität wurden erniedrigt. Im Namen des globalen Kapitals wurden Grenzen neu gezogen, Gesetze neu geschrieben, Industrien zerstört, Finanz- und Banksysteme zerlegt, Sozialprogramme eliminiert. Keine Alternative zum Globalkapital – sei es jugoslawischer „Marktsozialismus“ oder „Nationalkapitalismus“ darf existieren.“

Michel Chossudovsky, 1996

Auszug aus dem Artikel ECONOMIC WAR CRIMES: Dismantling Former Yugoslavia, Recolonizing Bosnia-Herzegovina;  Update veröffentlicht in CRG im Februar 2002 (deutsche Übersetzung von mir)

Was will / kann uns diese peinliche Performance des Journalisten Rosenberg sagen?

Der erste Eindruck ist verheerend: ein Journalist, der (wie der Hörer richtig feststellt), völlig perplex ist, weil die ihm (auch von seinem eigenen Arbeitgeber) eingehämmerte, „offizielle“ Version der Vorfälle in Jugoslawien (Libyen, Syrien, etc.) plötzlich in Frage gestellt und durch eine andere – aus seiner Sicht „bedrohliche“ Version ersetzt wird. Warum bedrohlich? Weil (wenn sie wahr ist und das ist sie), sein moralisch-ideologisches Weltbild zertrümmert würde:

  • sein Glaube an die eigene „öffentlich-rechtliche“ Institution (als Vermittler „faktenbasierter“, geprüfter Information)
  • sein Glaube an die „Überlegenheit“ von Ö1 (als Kultur und Informationssender für die geistige Elite)
  • sein Glaube an die „guten Absichten“ der EU und der NATO
  • seine (eingebläute) „Überzeugung“, hier handelte es sich um einen „ethnischen Konflikt“, auf den die NATO nur „reagiert“ habe, um „ethnische Säuberungen“ zu stoppen (was natürlich Teil der Propagandalügen war, die man verbreitete, um die wahren Ursachen und Ziele des Krieges zu verschleiern, wie zahlreiche Analysen zeigen)
  • seine Unfähigkeit, zu erkennen, dass seine „Position“ von anderen vorgegeben wurde

Diese Abwehrhaltung gegenüber Informationen, die unser Weltbild bzw. unsere Auffassung zu wichtigen Themen erschüttern, ist durchaus normal. Die menschliche Wahrnehmung ist (unter anderem deshalb) leider leicht zu manipulieren: Wir alle neigen dazu, jene „feindlichen“ Informationen abzulehnen, die unsere etablierte Haltung zu einer wichtigen Sache in Frage stellen (wodurch wir uns nicht selten als „Idioten“ fühlen würden, die sich hinters Licht führen ließen). Wir filtern daher eingehende Botschaften und bevorzugen jene, die unser Weltbild – aber auch unser idealisiertes Selbstbild – bestätigen und eine psychische „Kränkung“ vermeiden.

Jeder der nur die Grundprinzipien von Propaganda und PR versteht, weiß, dass für jede „Zielgruppe“ maßgeschneiderte Produkte angefertigt werden. Die sogenannten „Intellektuellen“ (wozu sich natürlich Journalisten zählen)  – die oft auch als „Verteiler“ und „Multiplikatoren“ dienen, werden deshalb mit besonderer Aufmerksamkeit der PR-Firmen im Sinne von „Wahrnehmungsmanagement“ (perception management) bedacht.

Die Eitelkeit der Journalisten, ihr Selbstbild als weltoffene, liberale, sehr intelligente und smarte Wesen, die als „Meinungsbilder“ fungieren und die sich – nicht selten – „selber gern reden hören“ (geschwollene Rhetorik, aber wenig Inhalt, der auf selbständiges Denken hindeutet) wird natürlich von den Kommunikationsstrategen für ihre eigenen  Zwecke benutzt. Journalisten werden so selbst zu Verstärkern des framings und anderer Manipulationstechniken, glauben aber immer noch, sie seien „neutrale“ Beobachter oder unbeeinflusste Kommentatoren.

Im Falle des Herrn Rosenberg entsteht der Eindruck, hier handelte es sich um eine unglaubliche Naivität, die aber nicht erkannt wird. Ebenso wenig wie folgende Punkte:

  • dass gerade ein „öffentlich-rechtlicher“ Rundfunk als Verteiler von PR bzw. strategischer Kommunikation im Visier der Machteliten steht (die nicht demokratisch legitimiert sind), weil er als glaubwürdig wahrgenommen wird (ein Großteil der Bevölkerung glaubt, dass die „Nachrichten“ nur seriöse Fakten enthalten, dass diese Redaktionen eine Art Wahrheitsministerium sind …. (im Orwell‘schen Sinn sind sie es ja auch)
  • dass seine Kollegen vom „aktuellen Dienst“ auch nur Teile des Fließbandjournalismus-Systems sind
  • dass die regelmäßigen „Kommentare“ aus den diversen „Think-Tanks“ und „Stiftungen“ zu brisanten Themen der Außen- oder Wirtschaftspolitik auch Teil des Filters sind, die Noam Chomsky schon vor Jahren in seinem medienkritischen Buch „Manufacturing Consent“ beschrieben hat
  • dass er selbst Ziel und gleichzeitig Werkzeug des PR-Systems ist, dass die Medien beherrscht
  • dass man nichts aus den PR-Lügen über den Irak-Krieg gelernt hat (> Libyen, Syrien –  Menschen sterben, weil die „Journaille“ ihre Berufsethik mit Füßen tritt und nur mehr als „Verteiler“ einer Schwarz-Weiß Malerei fungiert, die unerträglich geworden ist (Assad der BÖSE, die „Opposition“ die GUTEN; der „Bürgerkrieg“ – der von den Saudis, dem GCC und den USA (mit Support der Türkei und Israels) angezettelt wurde)
  • dass die öffentlich-rechtliche „Berichterstattung“ über die wahren Ziele der Außenpolitik (vor allem Israel und gegenüber Iran) oder die „Finanzkrise“ auf Kindergartenniveau (kein geopolitischer Kontext, kein historischer Background) stattfindet, über die man sich totlachen könnte (doch angesichts der Folgen bleibt einem das Lachen im Halse stecken)
  • dass sprachliche Ausdrücke und Codewörter kritiklos übernommen werden, die komplexe Sachverhalte auf dümmliches Niveau reduzieren (damit sich der Journalist leichter tut) – hier nur einige Beispiele:
  • Sparpaket“: ERPRESSERISCHE, REAKTIONÄRE ZERSTÖRUNG (der letzten Reste) SOZIALDEMOKRATISCHER STRUKTUREN, MASSIVE UMVERTEILUNG ZUGUNSTEN DER BANKEN UND KAPITALBESITZER AUF KOSTEN DER SCHWÄCHSTEN; der Staat ist aber nicht wie ein privater Haushalt, die massive Lohnsenkung, Pensionskürzungen und hohe Arbeitslosigkeit führen in die Depression (debt-deflation), durch „Sparen“ kann das DEFIZIT NUR GRÖSSER WERDEN (Keynes wusste das schon)
  • Friedensprozess“: DAS ZIONISTISCHE ISRAEL HAT NACHWEISLICH JEDES ABKOMMEN GEBROCHEN, SEIT SEINER GRÜNDUNG HISTORISCHE FAKTEN (VERBRECHEN) GELEUGNET UND WIRD NIEMALS EINEN PALÄSTINENSERSTAAT DULDEN; die KOLONIALISIERUNG DER WESTBANK – SAMT OST_JERUSALEM geht weiter); >> siehe dazu alle Beiträge zu „Israel“
  • militärische Intervention“ (einen KRIEG anzetteln – das ultimative Verbrechen seit den Nürnberger Prozessen); dass immer öfter verdeckte Kriege geführt werden (durch Subversion, Einschleusung von Terroristen, Söldnern und „special forces“ (wie in Libyen und Syrien) – davon wissen die „Churnalists“ nichts …

Rainer Rosenberg: Practice what  you  preach??? (O-Ton am Ende des Beitrags)

Seine eigene “reflexartige, stereotypenartige“ Reaktion auf die (ihm neue) bittere Realität der vom Westen geplanten, brutalen Zerstörung Jugoslawiens zeigt, dass er selbst nicht zur „wohlinformierten Öffentlichkeit“ gehört, die erst Demokratie ermöglicht“.

Da er sich als ziemlich ahnungslos präsentiert hat, kann er wohl kaum auch die „gesellschaftliche Rolle des Journalisten“ erfüllen, von der er so gerne spricht und auch zur „Gebührenlegitimation des ORF“ kann diese Performance nichts beitragen, im Gegenteil.

Dass er seine Arbeit so gerne macht, weil „ … das Dialoghafte des Mediums, durch das [er] ich im besten Fall bei allen Beteiligten Erkenntnisprozesse hervorrufen kann, das Aufdecken von Widersprüchen“ ihm so viel bedeutet, kann angesichts dieses Auftritts auch nur Sarkasmus hervorrufen: Die „Erkenntnis“, die Herr Rosenberg bei den intelligenten Hörern hervorgerufen hat, besteht darin, dass er selbst keine realitätsbezogenen Erkenntnisse über den Krieg im Balkan (Ursachen, Hintergründe und Ziele) vorzuweisen hat, sondern die Propaganda, die der ORF (unwissentlich?) verbreitet, selbst geschluckt hat.

Seine unmittelbare Reaktion auf die scharfe (aber berechtigte) Kritik des Hörers (ein öffentlich-rechtliches Medium als Teil eine „Propagandawalze“ sei eigentlich eine Schande“), ist jedoch der größte journalistische faux-pas, den er in einer Live-Sendung begangen hat: Er ist nicht auf die Kritik eingegangen, sondern hat sie abgewürgt und schwadronierte stattdessen über den Unterschied zwischen Staatsfunk und „öffentlich-rechtlichem Medium“, was wohl nur dazu dienen sollte, dass er sich innerlich wieder beruhigen konnte (damit niemand merkte, wie sehr er – wegen der veritablen „Schande“- die Fassung verloren hatte).

Vielleicht hätte Herr Rosenberg bei der Gestaltung von „Jugendsendungen“ bleiben sollen, dabei genügt wahrscheinlich jener begrenzte, geistige Horizont, über den der „Moderator“ allem Anschein nach verfügt. Never question the official wisdom – ist das die Einstellungsvoraussetzung für einen Journalisten beim ORF (detto für ARD und ZDF)? Oder gibt deinen Verstand an der Garderobe ab, bevor du ins „Journalstudio“ gehst?

Vielleicht denkt Herr Rosenberg ja, gerade er sei doch für das Thema „Was geschah in den Balkankriegen?“ qualifiziert, weil er 1999 für seine Sendung „Nachbar in Not“ den „Mitteleuropa-Preis“ erhielt. Dazu wurde seinerzeit folgender Pressetext veröffentlicht (Auszug):

„Die international besetzte Jury des Mitteleuropapreises hatte im vergangenen November beschlossen, den vom Institut für den Donauraum und Mitteleuropa verliehenen und vom Bundesministerium für Wissenschaft und Verkehr getragenen Mitteleuropa-Preis für das Jahr 1999 an Rainer Rosenberg zu verleihen.

Der Preis wird zur Anerkennung besonderer Verdienste um die Region Mitteleuropa auf politischem, wissenschaftlichem, kulturellem oder humanitärem Gebiet vergeben.

Das anlässlich des Krieges im Kosovo unter der Leitung von Rosenberg innerhalb weniger Tage eingerichtete Radio Nachbar in Not hat gezeigt, dass Radio bei humanitären Katastrophen sehr schnell einen wirkungsvollen Beitrag für humanitäre Anliegen leisten kann und dass professioneller Journalismus eine Kommunikationszelle sein kann, die das Zusammenleben und das Gespräch zwischen Menschen verschiedenster Herkunft fördert und so einen wesentlichen Beitrag zum friedlichen Miteinander der Völker in Mitteleuropa leistet„, begründete die Jury die Preisverleihung.

Das Radio-Programm wurde in den Sprachen deutsch, englisch, serbokroatisch und albanisch zu einer verlässlichen Informationsquelle und zu einem Ort der Begegnung und des Gesprächs zwischen Angehörigen verschiedener Volksgruppen, hieß es.“

Die Sendung an sich war sicher eine gute Sache und das Engagement von Herrn Rosenberg muss man anerkennen.

Doch hat er sich jemals gefragt, ob diese Preisverleihung  nicht auch Teil eines civil society Programmes war, mit dem die im Hintergrund agierenden Befürworter bzw. langfristigen Profiteure des Krieges ihre wahren Absichten verschleiert haben? Dass es unglaublich zynisch ist, Preise für „ein friedliches Miteinander“ zu verleihen, während Menschen durch NATO-Bomben und verdeckte Geheimdienstoperationen  furchtbares Leid erdulden müssen, ihre Heimat und ihr Leben verlieren?

Der Preis wird überreicht von einem österreichischen Bundeministerium, aber wer sind die Sponsoren?

Glaubt Herr Rosenberg, dass österreichische Banken, die Energie- u. Metallindustrie, die österreichische Industriellenvereinigung, SIEMENS; etc. auch nur einen Cent für „ein friedliches Miteinander Europas“ ausgeben würden?

Ist es nicht viel wahrscheinlicher, dass diese Herrschaften an der Öffnung und vollständigen „Penetrierung dieser neuen Märkte“ interessiert sind? [Die österreichischen Banken haben sich im „Osteuropa-Geschäft“ so stark mit dubiosen Krediten „engagiert“, dass ihnen der Staat ab 2008 „zu Hilfe“ kommen musste] Dass jedes Stück Land, jeder Rohstoff, jede Möglichkeit, privates Kapital (auf Kosten des sozialen Gemeinwohles) in den neuen Staaten zu vermehren, das zentrale Thema ist, nicht „humanitäre Anliegen“ oder Völkerverständigung?

Begreift der Mann nicht, dass es Aufgabe der Journalisten wäre, solches Leid zu verhindern, indem man die wahren Absichten der europäischen  Außenpolitik entlarvt und die faux democracy der EU anprangert?  Doch unser Journaille spielt nicht nur schön brav mit („singt im neoliberalen Chor“, wie Michel Chossudovsky es formulierte) sondern attackiert auch jene, die viel riskieren, um der Wahrheit ans Licht zu verhelfen – wie Julian Assange.

FAZIT: Der Journalismus erfüllt schon lange seine wichtigste Funktion nicht mehr: die Kontrolle der Macht bzw. der Mächtigen. Wer nur mehr Agenturmeldungen wiederkäut und immer die gleichen „Experten“ zu 5-10 minütigen „Interviews“ einlädt, kann nichts zur Wahrheitsfindung beitragen.

Die Methoden der Manipulation der Öffentlichkeit (inklusive der Journalisten selbst) sind in den letzten Jahren immer hinterhältiger und effektiver geworden. Alles muss hinterfragt und geprüft werden, fast nichts ist so, wie es scheint (viele „angesehene“ Institutionen sind front groups, trojanische Pferde für die Durchsetzung einer Agenda, die mit Demokratie und Gerechtigkeit gar nichts zu tun haben will, wo jedes Mittel erlaubt ist.

Journalisten wie Herr Rosenberg (der hier nur als Fallbeispiel für viele andere Kollegen dient) zeigen durch ihre Naivität, dass sie für die „neuen Herrscher der Welt“ (Jean Ziegler) keinerlei Bedrohung darstellen, im Gegenteil, man kann sie als „tools“ zur Manipulation der Wahrnehmung gut gebrauchen.

Die Verletzung der journalistischen Ethik an sich ist ja schon schlimm genug, doch die Folgen dieses Papageien- oder Stenographenjournalismus sind verheerend:

Ganze Gesellschaften werden zerstört, hunderttausende Menschen verlieren ihre Existenz und letztlich ihr Leben durch das Zusammenspiel von wirtschaftlicher und militärischer Gewalt, das unter dem Deckmantel der „humanitären Intervention“ und der notwendigen „Reformen“ seit dem Irak-Krieg salonfähig gemacht wurde.

Das Grauen, das diese Menschen erleben und vor allem, das massive Unrecht durch die Verletzung völkerrechtlicher Standards, wird aber von unseren „Churnalists“ nicht angeprangert. Sie haben sich brav in das System integriert und „bringen“ nur, was ihnen das Fließband serviert …

Es wird Zeit, dass wir dagegen protestieren: Boykott der Gebührenzahler von ORF, ARD und ZDF?  (Tageszeitungen aus diesem System zu kaufen, sollte der denkende Bürger schon lange gestoppt haben …..)

Video: Michael Parenti über den Krieg gegen Jugoslawien (englisch)

Anhang: Originalton von Herrn Rosenberg (die Hervorhebungen sind von mir und sind im Kontext der Sendung „Von Tag zu Tag“ vom 9.11. zu sehen – die Grundsätze -so sie denn ehrlich sind- wurden offensichtlich nicht befolgt ….)

 „Jedes Semester versuche ich neuen Studierenden das Wesen des Mediums Radio näherzubringen. Die Geschichte, den Zwiespalt zwischen Unterhaltung und Information, den Sündenfall der Propaganda. Und immer wieder geht es um das Ziel „Öffentlichkeit herzustellen“. Das mag gut und schön sein, die Frage bleibt aber: wofür?

… soll für gesellschaftliche Vorgänge Öffentlichkeit geschaffen werden, die erst Demokratie ermöglicht, weil nur eine wohlinformierte Öffentlichkeit wirklich politische Entscheidungen treffen kann, uninformierte Menschen hingegen eher nur reflexartig, stereotypenabhängig Entscheidungen treffen können. Deshalb sind Medien, die in öffentlichem Interesse arbeiten, und Demokratie untrennbar miteinander verbunden.

[…] Wir nähern uns der Frage des „Wertes für die Öffentlichkeit“, und das macht Kriterien klar, nach denen Medien zu beurteilen sind. Als Journalist, der vor allem für Sendungen im Programm Ö1 zuständig ist, habe ich es in diesem Punkt leicht. Hier muss nicht viel argumentiert werden, warum Ö1 Wert für die Öffentlichkeit hat, die jahrelange Aufwärtsentwicklung bestätigt dieses Kultur- und Informationsprogramm zusätzlich, immer wieder dient es zur „Gebührenlegitimation“ des ORF. So aber wird die Legitimation absolut unvollständig gesehen, nämlich von der Produktseite und nicht von der Seite der Hörerschaft: […]

Dieser Beitrag entstand für den Public Value Bericht 2007/2008.

Herr Rosenberg, Sie arbeiten mittlerweile seit über 30 Jahren beim Österreichischen Rundfunk. Sind Sie gerne Journalist?

Ja, sehr gerne!

Warum?

Das hat mit der Wirkungsweise des Radios zu tun. Ich mag vor allem das Dialoghafte des Mediums, durch das ich im besten Fall bei allen Beteiligten Erkenntnisprozesse hervorrufen kann. Das heißt: Meine Neugierde, die natürlich schon geordnet zu sein hat, führt dazu, dass Leute etwas neu überdenken und dadurch zu neuen Erkenntnissen kommen, um diese wiederum zu kommunizieren. Das ist das, was ich besonders interessant finde.[…] Als Journalist erfüllt man eine gesellschaftliche Rolle. Aber ich denke: Es ist so eine Mischung von persönlicher Neugier, von Erkenntnisprozess, vom Aufdecken von Widersprüchen, vom Erwägen der Folgen für andere Menschen und so weiter.

[…] Was sind für Sie denn die spezifischen Qualitäten, die Journalismus bieten kann, die Blogosphäre aber nicht?

Zum einen die grundsätzliche Verpflichtung, gewonnene Informationen gegenzuchecken und zu versuchen, auch die andere Seite zu hören. Außerdem halte ich auch die gute alte Trennung von Nachricht und Kommentar für ganz wesentlich. Und die Quellentransparenz: Was für Quellen stecken hinter einer Information? [… ]

(Ende des Interview-Auszuges)

P.S. Empfehlungen für Herrn Rosenberg, seinen Horizont über die wahren geopolitischen Absichten der EU, der NATO und vor allem der USA durch alternative Lektüre zu erweitern: z.B. durch folgende Bücher

http://www.counterpunch.org/1998/06/15/the-twilight-of-the-european-project/

Deutsche Artikel zum Thema:

Die Lügenmaschine der NATO-Medien

Die NATO-Privatisierung des Kosovo

 

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