Economania: Self-Delusion not Science

Wenn man verstehen will, warum wir von einer Finanzkrise in die andere schlittern, warum das Bankensystem die Wirtschaft zerstört (und die Wirtschaft die Biosphäre) und der Euro in dieser Form nicht funktionieren kann, muss man sich die „Säulen“ (Prämissen) anschauen, auf denen das ganze Denkgebäude unserer „Wirtschaftsexperten“ ruht. Dabei stellt man fest, dass die Wirtschaftstheorie, die unsere Universitäten und politischen Entscheidungen  dominiert, unhaltbar ist, weil  dafür notwendige Annahmen mit der realen Welt unvereinbar sind.

Es ist, als ob man Regeln für einen Planeten aufstellt, auf dem keine Menschen leben sondern wirtschaftstreibende Roboter, deren Handeln mit mathematischen Formeln erklärt und vorausgesagt werden kann.

Paul Krugman, renommierter Wirtschaftsprofessor in Princeton und seit 2008 Nobelpreisträger, schrieb vor einiger Zeit in seinem Blog (in der New York Times):

Ich bin ja ganz dafür, dass man den Bankensektor berücksichtigt, wenn es für die Sache bedeutsam ist. Aber warum spielt das eine so entscheidende Rolle in einer Geschichte über Schulden und die Hebelwirkung von Fremdkapital?“

Diese Sätze sind für einen Normalbürger ziemlich schwer zu verdauen, denn sie klingen einfach absurd. Dass ein Nobelpreisträger für Wirtschaft die Rolle der Banken für das Zustandekommen von „Schuldenkrisen“ (egal ob privat oder öffentlich) nicht automatisch als enorm wichtig ansieht, ist kaum zu verstehen.

Frage: Wie kommt ein hoch angesehener Ökonom (und viele andere seiner Kollegen) zu dieser seltsamen Ansicht?

Antwort: In der herrschenden neoklassischen Wirtschaftslehre (und den Formeln, mit denen wirtschaftliche Beziehungen simuliert werden) spielen weder die Banken noch das Ausmaß der Verschuldung eine Rolle.

Warum?

Weil nach diesem Axiom die Banken nur eine Vermittlerrolle in der Wirtschaft haben: Sie nehmen das Geld der Sparer und verleihen es an die Kreditnehmer. Es handelt sich dabei also bloß um einen „Kaufkraft-Transfer“. Der Sparer gibt das Geld eben nicht selbst aus, sondern legt es auf ein Konto. Diese Einlagen sind dann die Basis für einen Kredit, d.h. eine andere Person gibt dann quasi das Ersparte aus. Die „Gesamtnachfrage“ in einer Volkswirtschaft bleibt demnach gleich, die Banken ändern daran nichts,  warum sich also näher mit ihnen befassen?

Angesichts der tausenden Milliarden, die die europäische und amerikanische Bankerbande seit 2008 an „Werten“  mit ihrer Derivate-Schuldenorgie vernichtet hat, kann dies nur als schlechter Scherz angesehen werden.

Kann es uns jetzt noch überraschen, dass in den gängigen makroökonomischen Modellen (wo es auch um die Analyse der Geld- und Fiskalpolitik geht) die „Schulden“ keine zentrale Rolle spielen, sondern häufig gar nicht vorkommen?

Ich denke, dass alleine dieser Umstand den berühmten Satz von Albert Einstein als Schlüsselsatz für die Analyse der „Finanzkrise“, in den Mittelpunkt rückt:

Man kann ein Problem nicht mit derselben Denkweise lösen, durch die es entstanden ist.

Eben. Wenn wir diese Erkenntnis als Ausgangspunkt für die Untersuchung der „Schuldenkrise“ nehmen, wird klar, dass wir von den Institutionen, die dieses Wirtschafts- und Geldsystem geschaffen haben, nicht erwarten können, seine systemischen Mängel zu erkennen, geschweige denn, das System grundlegend zu ändern. Die Ursachen der Krankheit dürfen gar nicht erkannt werden (dann würde das ganze Denkgebäude ins Wanken geraten und die „Wirtschaftsweisen“ stünden als Scharlatane da, die Politiker als Idioten), also muss man die Symptome behandeln und so tun, als wisse man schon, was zu tun sei.

Die von „Wirtschaftsexperten“ geforderten „Sparprogramme“ in den Euroländern erinnern in dieser Hinsicht an die Quacksalber in früheren Jahrhunderten (die sich „Ärzte“ nennen durften). Sie wussten meistens nicht, welche Krankheit der Patient hatte, verordneten aber meistens einen „Aderlass“.  Dazu meinte Finanzjongleur George Soros kürzlich in Italien:

Die Behörden in Europa verstehen die wahre Natur der Eurokrise nicht. Sie denken es handelt sich um ein Fiskalproblem während es eher ein Bankenproblem ist und eine Frage der Wettbewerbsfähigkeit. Und sie haben die falsche Medizin angewandt: Man kann doch die Schuldenlast nicht durch eine schrumpfende Wirtschaft reduzieren, sondern nur durch Wachstum.“

Kommen wir zurück zu unserer „Wirtschaft“, in der Geld nur „ein „Schleier“  ist und die Rolle der Banken nicht näher untersucht werden muss: Tatsächlich ist es so, dass das Kreditvolumen schon lange nicht mehr durch die Einlagen einer Bank beschränkt wird. In Wahrheit erschaffen die Banken Kredit-Geld „aus dem Nichts“ und durch die Derivate haben sie es geschafft, das globale Kreditvolumen derart aufzublasen, dass man es nur mehr mit einem schwarzen Loch vergleichen kann, das unsere Wirtschaft verschlingt.

Wie ich im letzten Beitrag erwähnt habe, hat die EZB seit Ende 2011 eine Milliarde Euro an die europäischen Banken an „geschenkten“ (1%) Krediten ausgeschüttet. Für den „Euro-Rettungsschirm“ wurden und werden hunderte Milliarden „bereitgestellt“ wie es in den Medien so dämlich heißt.

Woher kommt das Geld? Das sind doch keine Übertragungen von „Spareinlagen“, sondern bloß Ziffern, die in ein elektronisches Konto eingetippt werden. Die Banken müssen bei der EZB dafür „Sicherheiten“ hinterlegen, doch da es dank bandenmäßiger „Securitization“ keine  echten Sicherheiten mehr gibt, verkommt das Ganze zu einer monetären Farce. Auch den Begriff „Wertpapiere“ halte ich angesichts der mafiösen Strukturen und undurchsichtigen Finanzprodukte mittlerweile für grotesk (Orwell lässt grüßen).

Professor Krugman versteht natürlich, dass durch jeden Kredit die Basis-Geldmenge ausgeweitet wird, doch diese „money multiplier“ Funktion sei ja durchaus erwünscht. Er bleibt aber dabei, dass die Banken nur ein „Kanal“ zwischen Kreditgebern und Kreditnehmern seien.

Wenn das so wäre, warum ist seit 2008 dann die Bankenwelt implodiert und muss von den Staaten mit hunderten Billionen „gerettet“ werden? Wer bestimmt und kontrolliert den die Spielregeln, nach denen Kredite vergeben werden? Der „demos“ ganz sicher nicht und die Parlamente haben ja seit der Jahrtausendwende (vor allem durch Brüssel) jegliche Kontrolle über die „Finanzmärkte“  verloren. Sie dürfen nur noch Notverordnungen wie „Rettungsschirme“ abnicken. So hat ja das Bundesverfassungsgericht kürzlich wieder einer Klage der Grünen stattgegeben, wonach die Bundesregierung das Parlament ausreichend zu informieren habe,  bevor man (in Brüssel beschlossene und von der Deutschen Bank mitverfasste) Verträge wie den „Fiskalpakt“ (bzw. den ESM) mit weitreichenden Folgen unterschreibt.

Die Regierung hatte das Parlament bei den Verhandlungen über den permanenten Euro-Rettungsschirm ESM sowie das Euro-Plus-Paket nicht rechtzeitig und ausreichend informiert. Während der gesamten Verhandlungszeit hatten die Abgeordneten nicht einen einzigen Vorentwurf zu Gesicht bekommen, obwohl das Parlament die Hoheit über den Staatshaushalt hat. Die Abgeordneten hätten sich die Papiere von befreundeten Parlamenten besorgen müssen oder ihren Inhalt aus der Presse erfahren, hatte der Grünen- Abgeordnete Volker Beck in der Verhandlung im November 2011 gesagt.“

Quelle: Financial Times Deutschland

Dass der Deutsche Bundestag vorgestern ESM und Fiskalpakt „abgesegnet“ hat (die Debatte bzw. Abstimmung darüber war nicht zufällig auf den letzten Arbeitstag vor den Sommerferien gelegt worden), zeigt wie es  unserer „Demokratie“ wirklich geht (bestellt schon mal den Sarg, damit wir sie würdevoll zu Grabe tragen können). Dass der Verfassungsgerichtshof den Bundespräsidenten bittet, die Unterschrift unter dieses Gesetz so lange zu verweigern, bis Eilanträge zu dessen Verhinderung geprüft werden können, spricht ja bereits für sich.

„Das Bundesverfassungsgericht wird sehr wohl abwägen, wie wichtig es ist, dass wir gerade im Hinblick auf die Beruhigung der Märkte jetzt zu Entscheidungen kommen“, so kommentierte Unionsvorsitzender Volker Kauder im ARD-Morgenmagazin. Ja Leute, wenn es um die Befindlichkeit „der Märkte“ geht, hat die Bewahrung der demokratischen Kontrolle über Haushalte keine Chance.  Die Grundlage für diese Aussage Kauders liegt in dem Glauben, dass nur „Märkte“ die obersten Richter über Sinn und Unsinn einer Wirtschaftspolitik sein sollen, nicht das Volk. Wenn nach Verkündung einer politischen Weichenstellung, die Kurse von Aktien und Anleihen nach oben gehen, dann hat man „richtig“ gehandelt.

Die EU zeigt ihr wahres Gesicht: sie ist ein trojanisches Pferd für neoliberale, marktradikale Politik, die ihre totalitären Züge nicht länger verbergen kann. Wie Naomi Klein in ihrem Bestseller „The Shock-Doktrin“ zeigt, muss eine Krise provoziert (oder ausgenutzt) werden, um „Reformen“ durchzudrücken, die unter normalen Umständen niemals akzeptiert würden. „Es gibt keine Alternative“ (TINA) ist der Schlachtruf dieser Umverteilungspolitik, den erstmals Maggie Thatcher Ende der 1970er Jahre ausgerufen hat – mit verheerenden Folgen.

Doch kommen wir zurück zu unserem „Wirtschaftsmodell“, in dem Banken und Schuldenhöhe nicht relevant sind:

Das Modell „Sparer-Bank-Kreditnehmer“ ist nicht nur zu simpel und unrealistisch, sondern dabei geht auch ein enorm wichtiger Aspekt der Kreditlawine verloren: Was ist mit den Krediten, die sich die Banken untereinander gewähren? Welche Rolle spielen die bei der Entstehung einer „Finanzkrise“?  (EINE SEHR GROSSE!)

Wie kann es möglich sein, dass Regierungen in den Medien geprügelt werden, für „über die Verhältnisse leben“, während die Banken alles getan haben, um diese einmalige Kreditorgie möglich zu machen? (Eben durch die undurchsichtigen Derivate, die auch alle Vorschriften für „Reserven“ ad absurdum führen) Hätte man die Banken nicht „dereguliert“ und vor allem die Kapitalverkehrskontrollen nicht abgeschafft, wäre diese Schuldenlawine gar nicht möglich gewesen.

Dass bei der Darstellung wirtschaftlicher „Expertise“ die Bevölkerung gewaltig hinters Licht geführt wird, zeigt auch derNobelpreis für Wirtschaft“, der eigentlich ein Betrug ist.

Alfred Nobel hat in seinem Testament 1895 bestimmt, dass aus den Zinsen seines Vermögens Preise für die „bedeutendste Entdeckungen auf dem Gebiet der Physik, der Chemie, der Medizin (Physiologie), sowie „für herausragende Literatur in idealistischer Richtung“ vergeben werden sollen. Außerdem an eine Person, die sich für die  „Abschaffung oder Verminderung stehender Heere sowie das Abhalten oder die Förderung von Friedenskongressen“ eingesetzt hat. Letzterer entstand durch seine enge Verbindung mit der engagierten Pazifistin Berta von Suttner und wohl aus schlechtem Gewissen, denn die Familie Nobel wurde reich mit Sprengstoffen.

Der falsche „Nobelpreis“ wurde in Wahrheit 1969 von der Schwedischen Reichsbank geschaffen, die ihn anlässlich ihres 300 jährigen Bestehens „zur Erinnerung an Alfred Nobel“ ins Leben gerufen hatte. Die Auswahl erfolgt durch die Schwedische Akademie der Wissenschaften, die auch die echten Preisträger für Physik, Chemie usw. bestimmt.

Obwohl der Preis also nichts mit der Nobelstiftung zu tun hat, wird er in der gesamten Presse so genannt – ein erfolgreiches Beispiel für „Framing“ und Kontrolle der Wahrnehmung. Ein Urenkel von Alfred Nobel, Peter Nobel protestiert seit Jahren gegen diese Irreführung der Öffentlichkeit, und betont, dass kein Mitglied seiner Familie jemals die Absicht hatte, einen Preis für „Wirtschaft“ zu vergeben. Auch schwedische Politiker wie der ehemalige Finanzminister Kjell-Olof Feldt plädierten für eine Abschaffung des Preises, weil er – so gut wie immer – an neoliberale Ökonomen vergeben wird: (der „Papst“ und sein erster „Kardinal“: Friedrich von Hayek  und Milton Friedman)

Warum aber will man sich hier mit falschen Federn schmücken?

Weil es in der Physik und der Chemie Gesetze gibt, die von Menschen nicht in Frage gestellt werden können und die universelle Geltung haben, unabhängig von Zeit, Ort und politischen Umständen. Es wäre sinnlos über die Schwerkraft zu debattieren, denn es wurde ja schon vor langer Zeit bewiesen, dass sie existiert und man kann berechnen, wie lange z.B. ein Objekt braucht, bis es aus einer bestimmten Höhe zu Boden fällt.

Auch George Soros hat sich zu diesem Thema geäußert:

Seit dem Zusammenbruch von 2008 ist die Erkenntnis […]  weit verbreitet, dass die ökonomische Theorie versagt hat. Es gibt aber keinen Konsens über Ursachen und Ausmaß des Versagens. Ich denke, das Scheitern ist viel schwerwiegender als allgemein angenommen wird.

Die Ökonomie hat versucht, sich nach dem Vorbild der Physik Newtons auszurichten. Sie wollte zeitlose und universelle Gesetze aufstellen, die in der realen Welt gültig sind. Aber die Ökonomie ist eine Sozialwissenschaft und es gibt einen grundlegenden Unterschied zwischen den Natur- und den Sozialwissenschaften: Soziale Phänomene haben denkende [und fühlende] Akteure mit einem eigenen Willen und einer gewissen Voreingenommenheit. Sie sind nicht abgehobene Beobachter sondern Personen, deren Entscheidungen den Verlauf der Ereignisse stark beeinflussen.“

Objekte der Physik verändern ihr Verhalten nicht, wenn über sie gesprochen wird und man kann sie nicht durch Information beeinflussen. Menschen aber schon: als Newton sein Modell der Planetenbewegung vorstellte, hat sich dadurch nichts an den Bahnen der Planeten geändert. Wenn aber ein Ökonom ein makroökonomisches Modell präsentiert (das auf falschen Prämissen beruht) dafür den (falschen) Nobelpreis erhält, und dieses Modell dann auch noch zum beherrschenden Dogma an den Wirtschaftsuniversitäten wird, wird sich die Wirtschafts- und Sozialpolitik gravierend ändern. Und genau das ist ja auch passiert: das neoliberale Dogma gilt heute als einzig richtige Form der Wirtschaftspolitik und alle politischen Parteien (mit Ausnahme der Linken) haben es mehr oder weniger akzeptiert.

FAZIT: Menschen verhalten sich nicht wie „Objekte“ in der Physik, die den Naturgesetzen folgen müssen und deren Verhalten deshalb berechenbar, konstant – unabhängig von historischen Umständen – und vorhersagbar ist. Deshalb kann man auch nicht einen „Konsument“ (der ein einziges Produkt kauft) als Modell für alle Menschen (die alle Produkte kaufen) basteln, dessen Verhalten ganz bestimmten „Gesetzen“ folgt und deshalb in eine allgemeine Formel eingefügt werden kann. Doch genau das wurde in den grundlegenden ökonomischen Theorien getan. Ihre Anwendbarkeit in der realen Welt führt deshalb früher oder später zu Krisen und Katastrophen.

Die Entlarvung der grundlegenden Axiome in der herrschenden Wirtschaftstheorie hat nach meiner Ansicht niemand besser in Angriff genommen, als der australische Wirtschaftsprofessor Steve Keen. Sein Buch „Debunking Economics“ ist ein Muss für alle, die verstehen wollen, was hier schief läuft und warum die Politik keine Lösungen finden kann (wenn sie noch nicht einmal das Problem erkannt hat).

Ein indischer Blogger hat es so auf den satirischen Punkt gebracht: [die absurde neoklassischen Wirtschaftslehre wird  oft  als „Vodoo-Economics“ bezeichnet, daher ist unten die Rede von  „Vodoo-Priestern“)

Because they use fancy maths, they can more easily impress the credulous and the idiotic.”

„The field of Economics has been great at making up bullshit mathematics that impresses the commoners. Indeed, by probability, the past few market crashes like the 1987, 2000, 2007 should have happened once in a few million or even billion years, yet they happen every few years or so. “Can the Voodoo priests fool so many people? Can they?” asks Dr Quack. “If not, what right do they have to rip off people?”

And it doesn’t help that Economists make large amounts of money selling their “expertise” to the world. As far as 2006, Frederic Mishkin, a Professor at Columbia, one of the top MBA schools in the world, wrote a report saying how safe* the Icelandic economy was. He was paid $140.000 for his efforts. A Voodoo priest wouldn’t even earn a tenth of that. [*later changed to How Unsafe … zu sehen im Film INSIDE JOB von Charles Ferguson – sehr zu empfehlen – siehe Trailer unten]

Adam Smith, dessen Buch „The Wealth of Nations (Kurzform)“ heute als zentrales Werk für die „Wirtschaftswissenschaft“ gilt, war aber weder Mathematiker noch „Ökonom“, sondern Moralphilosoph. Wirtschaftliche Beziehungen sind ja eigentlich nur ein Teil der sozialen Beziehungen zwischen Menschen, und schon seit der Antike haben sich Philosophen Gedanken darüber gemacht, wie man die Produktion von Gütern regeln soll, wie man Einkommen verteilen soll, usw.

So hat Aristoteles schon fundamentale Erkenntnisse über verschiedene Wirtschaftssysteme niedergeschrieben: Er unterschied zwischen einer Wirtschaft, die nützliche Dinge herstellt und einem System, das sich nur der Geldvermehrung widmet: ersteres ist die „oikonomia“, letzteres aber die „Chrematistik“.

Ökonomie heißt ja demnach, einen „Haushalt“ (wozu auch der Staat gehört) mit dem Notwendigen zu versorgen, bleibt dann noch etwas übrig, kann man diese Überschüsse  verkaufen. Aristoteles verstand, dass es einen grundlegenden Unterschied zwischen diesen beiden Produktionssystemen gibt: die „oikonomia“ (Bedarfsdeckung)  hat eine natürliche Selbstbeschränkung, die „chrematistik“ (bzw. Produktion für Märkte) natürlich nicht. Ein Unterschied von enormer Tragweite, den die heutigen Ökonomen und Politiker nicht begriffen haben, denn sie beten ja nur mehr das Wachstumsmantra herunter. Ein Sub-System, das ständig wachsen muss, damit es nicht kollabiert, ist auf lange Sicht selbstzerstörerisch wie eine Krebszelle, weil das Trägersystem dadurch zerstört wird.

Jahrhundertelang waren also Fragen zur Wirtschaft ein Teilgebiet der Philosophie, denn es geht ja auch um moralische und ethische Fragen. Doch langsam aber sicher gelang es, die „Wirtschaftswissenschaften“ immer mehr vom sozial-philosophischen Aspekt zu entfernen und in eine scheinbare Domäne der Mathematik (Link zur Graphik unten: siehe Ökonomiekritische Texte auf der Website von Prof. Ortlieb) zu verwandeln.

Das Argument der CDU gegen Mindestlöhne wird hier entlarvt …

Alle wirtschaftlichen Beziehungen sollten nur mehr als mathematische Modelle und Formeln präsentiert werden, die Marktwirtschaft strebe ein natürliches „Gleichgewicht“ (der Preise) an, dem sich die Politik nicht in den Weg stellen dürfe (dass praktisch immer „Ungleichgewicht“ herrscht, wird mit „exogenen Schocks“ erklärt, die nichts mit der Absurdität der Theorien zu tun haben). Dass die großen Krisen „nicht vorhersehbar“ waren und somit nach den eigenen Modellen gar nicht passieren durften, damit lügt man sich in die eigene Tasche, um die Unhaltbarkeit der ökonomischen Grundthesen nicht eingestehen zu müssen. (Die „Arbeit“ wird in diesen Modellen wie jede andere „Ware“ auf dem Markt behandelt ….  doch da hängt ein Menschenleben dran … siehe dazu auch  Karl Polanyi)

Warum also der fake Nobelpreis?

Die Begründer der neoklassischen Ökonomie sind hoch angesehen, weil sie die angeblich Transformation ihres Fachgebietes in eine wissenschaftliche Disziplin ermöglicht haben. Der fake Nobelpreis sollte dies verdeutlichen. Wer mit beeindruckenden Differentialgleichungen operiert, dem kann man nicht mit Moral und sozialer Gerechtigkeit kommen – diese Dimensionen gibt es in der Mathematik nicht.

Doch ihre Theorien wurden entwickelt, indem sie physikalische Gleichungen aus dem 19. Jahrhundert adaptierten, die heute längst überholt sind. Diese Theorien basieren auf unwissenschaftlichen Annahmen, die die Einführung von nachhaltigen wirtschaftlichen Lösungen verhindern.

Diese Wahnsinnigen haben tatsächlich physikalische Variablen durch ökonomische ersetzt: So nahm der „Nutzen“ (gemeint als Maßstab für die Richtigkeit einer Handlung) den Platz der Energie ein; die Summe aus Nutzen und Ausgaben ersetzten potentielle und kinetische Energie. Das ist natürlich völlig absurd, doch das hat diese „Ökonomen“ nicht daran gehindert, daran festzuhalten.

„Mit dem Prinzip des Nutzens (engl. utility) ist jenes Prinzip gemeint, das jede beliebige Handlung gutheißt oder missbilligt entsprechend ihrer Tendenz, das Glück derjenigen Gruppe zu vermehren oder zu vermindern, um deren Interessen es geht […] “ (Jeremy Bentham)

„Die Anfänge utilitaristischen Denkens im neuzeitlichen Europa finden sich bei Thomas Hobbes (Leviathan), dessen grundlegende ethische Aussage darin besteht, dass „richtiges“ Verhalten dasjenige ist, das unser eigenes Wohlergehen fördert. Die Berechtigung des gesellschaftlichen Moralkodex hängt davon ab, ob er das Wohlbefinden derjenigen begünstigt, die ihn befolgen.“ (Wikipedia)

Abgesehen davon, dass man definieren müsste, was mit „Wohlergehen“ (eher als Eigennutz interpretiert) konkret gemeint ist, wird jetzt klar, warum diese Ansichten extrem gefährlich sind: während wir „Gutmenschen“ entsetzt darüber sind, welche enormen Schäden die Bankspekulanten angerichtet haben, ist nach dieser Doktrin nichts falsch gemacht worden: Denn das asoziale, räuberische und betrügerische Verhalten der Finanzindustrie hat ja definitiv „das eigene Wohlergehen gefördert“ (wenn man damit einen erheblichen privaten Vermögenszuwachs meint).

Milton Friedman sagte ja: Der CEO eines Unternehmens habe nur eine Pflicht, nämlich die Gewinne der Aktionäre zu steigern. Die gesellschaftlichen Auswirkungen des shareholder Kapitalismus spielen keine Rolle.

Und Margaret Thatcher bekräftigte, „es gibt keine Gesellschaft,nur Individuen“. Also ist das „Gemeinwohl“ auch kein Thema. Dass eine Gesellschaft, in der jeder nur auf seinen persönlichen Vorteil achtet, vielleicht nicht mehr „menschlich“ ist, und uns krank macht, kümmert diese Leute nicht.

Die Verkleidung ökonomischer Theorien  – auf dieser ethischen Basis – als „streng wissenschaftliche“ Erkenntnisse hat einen großen Vorteil:

Man kann sich gegen Kritik immunisieren, indem man den Menschen einredet, es handle sich hier auch quasi um Naturgesetze, die man befolgen müsse. So hieß es z.B. der Widerstand gegen die Globalisierung sei sinnlos, es sei als ob man gegen Wind und Regen kämpfte. Doch die wirtschaftlichen Regeln, die man uns aufgezwungen hat, sind eben keine Naturgewalten, sie sind von Menschen gemacht.

Die Kürzung von Sozialprogrammen, die Weigerung, Mindestlöhne einzuführen, die Privatisierung öffentlicher Güter, das sind nicht die unweigerlichen Folgen einer „Schwerkraft“, die man akzeptieren muss.

Es sind gezielte Umverteilungs-und Entmachtungsprozesse, die mit einer Demokratie unvereinbar sind. Eine weitere Folge dieser „Verwissenschaftung“  von financial & social engineering ist, dass die massiven Probleme, die daraus entstehen, den Opfern des Systems angelastet werden (an der bescheuerten Theorie darf es ja nicht liegen): der Hartz-IV Bezieher ist deshalb ganz unten gelandet, weil er persönlich versagt hat: zu faul, zu ungebildet, zu wenig „Eigenverantwortung“. 10 Millionen obdachlose Amerikaner wurden nicht Opfer von „predatory lending“ und einer absurden Ideologie der „selbstregulierenden Märkte“, nein sie sind doch irgendwie selbst „schuld“, haben „über die Verhältnisse gelebt“. Na klar.

Wenn das System seine Architekten und Nutznießer begünstigt, wird das als ein Zeichen wissenschaftliche Seriosität gewertet, wenn aber große Probleme entstehen, unter denen Millionen Menschen leiden, dann werden immer moralische Aspekte in den Vordergrund gestellt: aber in erster Linie bei den Opfern, nicht den Tätern. Die handeln doch alle nur „rational“.

Wenn man so tut, also ob „die Wirtschaft“ wie die Physik funktioniert, dann wird auch die Politik immer überflüssiger: so wird z.B. die Einführung eines Mindestlohns als unzulässigen Eingriff in diePreisfindungsfähigkeit des Marktes“ angesehen. Dass es hier auch um Selbstwertgefühl und menschliche Würde geht, um Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, ist mit mathematischen Modellen nicht abzubilden.

Dass ein „Nobelpreisträger“ für Wirtschaft automatisch eine besondere hohe Autorität genießt, die kaum gerechtfertigt ist und fatale Folgen haben kann, zeigt auch dieses Beispiel:

1997 wurde der (Nicht-Nobel) Preis der schwedischen Reichsbank an Robert C. Merton und Myron Scholes verliehen. Myron Scholes war Partner (Miteigentümer) eines Hedgefonds  mit dem schönen Namen „Long Term Capital Management“ (LTCM). Da freute sich der betuchte Anleger und steckte gerne Millionen Dollar in dieses „noble“ Unternehmen. Doch 1998 brach LTCM spektakulär zusammen und musste durch ein (heimliches) Bailout der New Yorker Fed „gerettet“ werden. Die „money manager“ hatten mit „enormer Hebelwirkung“ (für jeden Dollar eigenes Kapital wurden 100 Dollar Kredit aufgenommen) gearbeitet, sodass dieser Fund alleine beinahe das ganze US-Finanzsystem ins Wanken gebracht hätte.

Doch es kommt noch dicker: Myron Scholes ist einer der Schöpfer der berühmten Black-Scholes Formel. Diese wurde von allen Wall Street Firmen und Bankern weltweit verwendet, um die „richtigen“ Preise für Derivate zu ermitteln. Doch die Formel hatte einen eingebauten Fehler, weil die statistischen Daten auf die sie  zurückgriff, eine zu kurze Zeitspanne in der Vergangenheit enthielt, und keine außergewöhnlichen Ereignisse berücksichtigte. Eine „Konstante“ der Formel erwies sich in der Realität als Variable (die Volatilität).

Die Folgen waren verheerend: die Preise (z.B. für Credit Default Swaps) waren viel zu niedrig: bei AIG konnte man für 0,12%  eine „Versicherung“ abschließen,  weil die Wahrscheinlichkeit des Versicherungsfalles (Ausfall von Kreditraten erreicht einen Schwellenwert) als viel zu niedrig angesetzt wurde. Für etwa 1 Million Dollar jährlich konnte man sich also bei AIG auf ein Risiko von 1 Milliarde versichern lassen ….(Laufzeit etwa 5 Jahre, also maximal 5 Millionen Dollar Risiko, aber bei Eintritt des Versicherungsfalles 995 Millionen Dollar Gewinn). …

Der Effekt der Formel war also nicht, Risiko besser zu bewerten, sondern Risiko zu verschleiern. Deshalb waren die Verluste auch unvorstellbar hoch –  sie wurden durch Anwendung dieser Formel (und die daraus resultierende falsche „Sicherheit“) potenziert.

Die „künstlichen“ Wurzeln der neoklassischen Ökonomie sind aber heute vergessen. Heute wird allen Studenten beigebracht, dass alles streng wissenschaftlich sei und die Politiker hören auf die „Experten“, die aus diesen orthodoxen Anstalten kommen. Die mathematischen Formeln und Theorien, die von Mainstream-Ökonomen heute verwendet werden, beruhen aber auf folgenden unwissenschaftlichen und absurden Annahmen:

  • Der Markt ist ein geschlossenes System, mit einem zirkulären Fluss zwischen Produktion und Konsum, in dem es keinen Eingang und keinen Ausgang gibt (!)
  • Natürliche Ressourcen existieren in einer separaten Sphäre, die sich deutlich vom geschlossenen Marktsystem abhebt; der ökonomische Wert dieser Ressourcen kann nur durch die Institutionen des Marktes festgelegt werden (kein intrinsischer Wert der Natur oder der Ökosysteme).
  • Die Schäden (für Gesundheit und Umwelt), die durch den Markt verursacht werden, werden wie Kosten behandelt, die außerhalb des Systems entstehen bzw. diese Kosten dürfen nicht in die Preisfindungsmechanismen des Marktes inkludiert werden (sonst hätten wir z.B. keine Atomkraftwerke!)
  • Die externen Ressourcen sind weitgehend unendlich, und jene die es nicht sind, können durch neue Technologien ersetzt werden
  • Es gibt keine biophysischen Grenzen für das Wachstum eines Marktsystems
  • Alle Märkte sind Tauschsysteme, die sich immer in einem Gleichgewicht befinden (solange keine externen „Schocks“ einwirken) – auch in eine Rezession – und nachdem der „Schock“ wieder abgeflaut ist, kommen sie automatisch wieder durch Preisanpassungen ins „Gleichgewicht“
  • Die Präferenzen der Konsumenten und die bevorzugte Technologie, die von Firmen eingesetzt wird, können durch politische Eingriffe nicht verändert werden.
  • Der „perfekte Wettbewerb“ ist universell gültig, dadurch wird sichergestellt, dass das „Gleichgewicht“ in sozialer Hinsicht optimal ist

Auf welchem Planeten leben diese Leute?

“The ignorance is wilful”.[…]. It is as if we are dealing with the binary judgment of a fundamentalist religion. […]the continuing crisis makes a mockery of the principles which have guided credit policy and risk management since the 1960s.  As it turns out information is not perfect, volatility does not define risk, markets are not efficient, the individual is adaptable. But the dark ages of finance allow no such light. Mainstream economists and finance practitioners check your premises. (Dr. Mike Burry)

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