SPIN oder „The Nuclear Thought Police …“

Der Info-War (man könnte auch gewaltige Verarschung der Öffentlichkeit sagen, aber das klingt weniger gut) aus Japan geht unvermindert weiter und nimmt immer absurdere Dimensionen an:

IGNORANCE IS STRENGTH

Gestern erreichte die semantische, bitterböse Farce bereits  Orwell’schen Level, als Premierminister Kan die Menschen, die innerhalb eines Radius von 20-30 km um den Reaktorkomplex wohnen, zu einer „freiwilligen Evakuierung“ aufforderte und gleichzeitig versicherte, man werde ihnen dabei „assistieren“. (Im Umkreis bis 20 km war das Gebiet ja bereits  seit 15. März evakuiert worden). Schon eine Woche vorher hatte aber der Vorsitzende der NRC (US-amerikanische Atomaufsichtsbehörde) vor einem Kongressausschuss erklärt, die Zone  sei viel zu klein und müsse auf 80 km (50 Meilen) ausgeweitet werden.

Das Wort „Evakuierung“  bedeutet die zwangsweise Räumung eines Gebietes wegen drohender Gefahr für Leib und Leben. Die „freiwillige“ Evakuierung ist also  ein Widerspruch in sich, aber auch ein rhetorischer Trick  zur Manipulation des Publikums, weil dadurch suggeriert wird, es handle sich nur um eine „Vorsichtsmaßnahme“. Die Gefahr der Strahlenbelastung wird dadurch verharmlost, weil die Leute ja „freiwillig“ weggehen.

Der unglaubliche Spin um die „Strahlenwerte“ die immer höher werden, aber trotz allem stets „keine Gefahr für die Gesundheit“ bedeuten, geht auch in die nächste Runde.  Da alle Redaktionen den gleichen „agency-feed“ (also den jeweiligen Text der „Top-News“ der Nachrichten-Agenturen) herunterleiern, kommt man sich vor, wie einem echo-chamber:

ZDF heute (online-magazin) 27.03.2011:

„Nachdem sie eine um zehn Millionen mal erhöhte Strahlenbelastung des Wassers gemessen hatten, verließen Techniker am Sonntag fluchtartig das Gebäude ([Turbinenraum von Reaktor 2]. Stunden später erklärte Kraftwerksbetreiber Tepco, man habe sich vermessen….. Das Wasser im Reaktor sei zwar radioaktiv verseucht, der zuvor gemessene Extremwert von millionenfach erhöhter Strahlung sei aber ein Fehler gewesen, erklärte Tepco am Sonntagabend.“

Das ZDF arbeitet hart daran, doch diese Meldung aus England gewinnt – nach meiner Ansicht – den ersten Preis im Wettbewerb, „wer bringt die dämlichste Meldung“ über Fukushima (die Presse unterstützt den Spin, indem sie ihr Hirn ausschaltet …)

Tokyo Electric Power (Tepco) said initial reports of levels 10m times higher than normal in parts of the No 2 reactor were inaccurate, although it was unable to say by how much.”

Wie schon das ZDF, die ARD und viele andere, berichtet also der Guardian, „dass die ursprünglichen Berichte vom „10-Millionen-fachen Strahlenwert laut TEPCO falsch waren“…,  fügt dann aber noch hinzu:  …“ TEPCO aber nicht in der Lage sei, zu sagen, um welche Größenordnung es sich dabei handle“ ….

Was für ein absoluter Schwachsinn ist das denn? Wie kann sich ein Dosimeter  denn „vermessen“? Und woher weiß man, dass der Wert „falsch“ ist, wenn man den richtigen Messwert noch gar nicht kennt? Der wichtigste Punkt aber ist: der angeblich falsche Messwert (in Becquerel oder Sievert) wurde gar nicht erwähnt ….

Doch heute Abend kam dann die Meldung, dass man sich um den Faktor 1000 „geirrt“ habe:

ARD Tagesschau 20 Uhr:

„…am Abend hieß es dann, die Strahlung sei 100.000 höher als normal“

ZDF heute: …

Mehrere Stunden später lieferte Tepco die Werte nach: Danach ist die Strahlung im Wasser des Reaktors 100.000 Mal höher als normal“

Doch was heißt denn das „höher als normal“?  Der Vergleich wird nicht mit der Hintergrundstrahlung gemacht, der wir alle ausgesetzt sind (also 1-2 mS (milli Sievert) pro Jahr, die normal, weil harmlos ist, sondern mit der eher wenig „normalen“ Radioaktivität des Kühlwassers –wobei wieder der gemessene Wert selbst GAR NICHT ERWÄHNT WIRD. Und von welchem Radio-Isotop reden wir überhaupt? Natürlich Jod-131, was sonst? Alle anderen – langlebigen -Isotope werden gar nicht erwähnt, auch das ist eine effektive Steuerung der Medien. Denn selbst bei hohen Jodwerten kann man sofort damit beruhigen, dass ja aufgrund der sehr kurzen Halbwertszeit von 8 Stunden überhaupt keine Gefahr bestünde …

Doch es gibt noch mehr radioaktive Jod-Istope, z.B.  Jod 129 mit einer Halbwertszeit von 15,7 MILLIONEN Jahren.

Radioaktives Jod verschwindet aber nicht so schnell, wie man uns weismachen will. Durch Niederschläge gelangt es in den Wasserkreislauf und in den Boden, wo es sich mit großer „Begeisterung“ (chemische Affinität) mit organischem Material verbindet, also „organisch fixiert“ oder von Erdmineralien absorbiert wird. Radioaktives Jod ist leicht wasserlöslich – das klingt gut, wenn man ständig hört, es „wird dadurch verdünnt“ – doch auch unser Körper enthält große Mengen Wasser und Wasser hat eine Schlüsselfunktion in vielen Stoffwechselprozessen. Obwohl radioaktives Jod normalerweise als Gas emittiert wird, kann es auch Flüssigkeiten und feste Stoffe kontaminieren. Es kann also in grünem Gemüse ebenso angereichert werden, wie in Fischen und landet es sozusagen „auf der Wiese“ endet es natürlich im Magen der Kuh oder des Schafes  und dann bei uns …

Haben wir das radioaktive Jod  im Körper, ist sein „Zielorgan“ die Schilddrüse, weil diese Jod braucht, um das Hormon Thyroxin zu produzieren. Die biologische Halbwertszeit ist etwa 100 Tage (für den ganzen Körper)

Aus Japan kamen auch erschreckende Meldungen über die Werte von radioaktivem Jod im Meerwasser:

Eine Wasserprobe, die am vergangenen Freitag untersucht wurde, ergab demnach einen Messwert für Jod 131  von:

„50 Becquerel pro cm³ – das 1.250-fache des legalen Grenzwerts (Die Frage, die nie gestellt wird – werden soll) Wieso darf radioaktives Jod überhaupt im Meerwasser sein?) (Quelle: NYT)

Die Zahl 50 ist nicht besonders beeindruckend, und außerdem wird sofort danach wieder – hier auf äußerst absurde Weise -beschwichtigt:

Wenn man einen halben Liter Wasser trinken würde, entspräche das einer Dosis von 1 mS, das sei ungefähr jener Wert, den eine Person pro Jahr aus natürlichen Quellen erhalte.

Kennen Sie irgendjemand der Meerwasser trinkt? Ich nicht. Aber das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass man schon wieder mit der “natürlichen Strahlung” vergleicht, was hier nicht zulässig ist, weil externe Strahlung (von außen, aus der Umgebung) mit interner Strahlung (die Radionuklide sind in meinem Körper, zB durch Trinkwasser oder Nahrung) verglichen wird.

Außerdem: Berechnet man die radioaktive Belastung des Meerwassers PRO LITER, sieht das Ergebnis schon ganz anders aus: Wir kommen auf 50.000 Becquerel, das sind 50.000 Atomkerne die (im Mittel) pro Sekunde zerfallen und durch die Isotope ihre Energie abgeben. Gelangen diese Emittenten in unseren Körper, kann man sich vorstellen, dass dies schwerwiegende Folgen hat …. Doch die Medienschafe blöken weiter brav im Chor:

Tagesschau vom 27.3.2011, 20 Uhr:

“[1850-fache Überschreitung der Grenzwerte in 20 km Entfernung von der Küste]Experten gehen aber nicht davon aus, dass eine größere Gefahr für die Umwelt besteht. Die Strömung würde die strahlenden Partikel schnell verdünnen…

Bei Tschernobyl betrug das radioaktive „Inventar“ des Reaktorkerns ca. 180 t bei Fukushima liegen alleine in den Abklingbecken 1-4  schon 354 Tonnen fuel“, für alle sechs sogar 647 Tonnen, das sind fast 300.000 Brennstäbe (oder 4546 assemblies lt. NYT) ….(dazu kommen noch die Brennstäbe im jeweiligen Reaktorkern (1-3, 5 und 6 – 4 war ausgeräumt wegen Wartungsarbeiten) Insgesamt sind es 1.760 Tonnen Uran … In den Reaktoren 1-3 ist bereits die Kernschmelze im Gange…

1 kg Uran hat eine thermische Energie von 7,2 x 1013 Joule … anders gesagt, 1 kg Uran hat soviel Heizenergie wie ca. 15.000 Tonnen Öl oder 22.000 Tonnen Steinkohle … oder noch mal anders formuliert: 1 kg radioaktives Uran erzeugt  etwa die dreimillionenfache Hitze von 1 kg Kohle, die verbrannt wird … Deshalb ist es einfach lächerlich, zu suggerieren, man könnte mit Feuerwehrschläuchen die enorme Hitze der freiliegenden Brennstäbe unter Kontrolle bringen (besonders, wenn sie schon brennen ….)

Übrigens, um noch einmal auf den „100.000-fach erhöhten Wert“ (in der Wasserpfütze)  zurückzukommen: Das ZDF heute.de magazin schreibt (weiter unten auf der Seite / homepage):

„Die Agentur Jiji berichtete von einer Strahlenbelastung von 1000 Millisievert pro Stunde im Wasser von Block 2. […]“

Vergleichen wir diesen Wert aber mit dem wirklich relevanten, der normalen Hintergrundstrahlung (in beiden Fällen ist die Strahlung extern), sieht die Sache schon wieder ganz anders aus:

2 mS pro Jahr – das Jahr hat 8760 Stunden, wir dividieren also und rechnen in Mikrosievert um:

2000 µS: 8760 = 0,2283 µ /h

1000 mS / h  = 1.000.000 µS / h

1.000.000 : 0,22 = 4.380.201,40

Die Strahlung in den Wasserpfützen des Blocks 2 beträgt also mehr als das VIER-MILLIONEN-FACHE der „normalen“ Hintergrundstrahlung …Die „10-Millionen“ Meldung war also gar nicht so falsch, wie behauptet wurde …

Fortsetzung folgt …(Kommentar zum Spiegel Titel Fukushima und der ongoing Volksverblödung über die „Grenzwerte“ und „Dosen“ …PARADOX: warum Atomreaktoren aus globaler public health Sicht viel gefährlicher sind Atombomben…)

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