Der Papagei macht PR für Israel (2)

Dies ist eine Antwort auf den propagandistischen ARD-Beitrag über die islamische Universität in Gaza, die mehrmals bombardiert wurde, was der Reporter aber verschweigt, stattdessen ist sein Titel:

Schminken streng verboten

von Korrespondent Sebastian Engelbrecht, 30.12.2009 (tagesschau online – im Kontext des Jahrestages von „Operation Cast Lead“) – siehe dazu als Einleitung den letzten Absatz im Beitrag „Der Papagei aus Tel Aviv“ – der wieder nur das „böse“ Image der Hamas befördert, aber den politisch-historischen Kontext ignoriert:

Am 28. Dezember 2008 bombardierte die israelische Luftwaffe sechsmal gezielt die islamische Universität in Gaza. Die Zerstörung ziviler Einrichtungen ist ein Kriegsverbrechen, doch natürlich hatte man eine „Rechtfertigung“ für den Angriff parat: Angeblich wurden die Gebäude der naturwissenschaftlichen Fakultät für den Bau von Waffen verwendet. So schrieb etwa die regierungsfreundliche israelische Zeitung Jerusalem Post:

Am Montag in der Früh bombardierten IAF Flugzeuge die islamische Universität (und Regierungsgebäude) in Gaza Stadt, die beide Machtzentren der Hamas sind.

Ziele des Luftangriffs waren zwei Laboratorien der Universität, die als Forschungszentren für den militärischen Arm der Hamas dienten. Die Entwicklung der Sprengstoffe fand unter der Schirmherrschaft der Universitätsprofessoren statt.

Universitätsgebäude wurden auch für Treffen ranghoher Hamasfunktionäre verwendet.“

Eine beeindruckende Bilderstrecke über das Ausmaß der Zerstörung gibt es HIER.

Reuters bezeichnete die Universität als „starkes, kulturelles Symbol der Hamas“ und folgte damit (unabsichtlich?) dem Kanon der israelischen PR, die die bloße Assoziation einer Person, eines Gebäudes oder einer Sache mit Hamas (als „Symbol des Bösen“) als ausreichende Rechtfertigung für Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen darstellen, für die sich niemand zu verantworten hat, außer die Opfer selbst …

Selbst die links-liberale Ha’aretz spielte bei diesem Spiel mit: „Am Montag morgen löschte  die IAF durch Bombardierung der islamischen Universität, die eng mit der Hamas verbunden ist, sowie durch Angriffe auf Regierungsgebäude, [zwei] Machtsymbole der Hamas aus.“

Der Name „islamische Universität“ ist irreführend, denn die Universität bietet auch sekulare Fakultäten an, doch es soll natürlich suggeriert werden, der ganze Lehrbetrieb sei ein Instrument religiöser und politischer Indoktrination.  Nach Berichten der Einwohner von Gaza-Stadt wurden in erster Linie Gebäude getroffen, die sich auf dem Campus der weiblichen Studenten befanden. Die Universität ist nach Geschlechtern getrennt, die Frauen machen den größten Anteil der etwa 30.000 Studenten aus.

Die Universität (wie auch Hamas als Organisation) wurde von Sheik Yassin gegründet, der, nach jahrelanger Haft und an den Rollstuhl gefesselt,  im März 2004 durch Lenkwaffen aus einem USraelischen Kampfhubschrauber ermordet wurde.

Nach israelischer Auffassung hatte er es, natürlich auch „verdient“, so zu sterben.

Doch die Zerstörung dieser Universitätsgebäude (zu einer Zeit, als gerade Abschlussprüfungen anstanden) war noch nicht genug: das Bildungsministerium wurde ebenso dem Erdboden gleichgemacht, wie zahlreiche Schulen, darunter auch die American International School, die co-edukativ und garantiert „Hamas-frei“ ihren Schülern ein nach westlichen Standards orientiertes Bildungsangebot ermöglicht hatte sowie vier von der UNRWA geführte Schulen.

Als Krönung der Zerstörung dürfte dann die Ermordung des Professors der islamischen Fakultät gegolten haben, der mit einer 1000 kg Bombe in seinem Haus getötet wurde, wobei als „Nebeneffekt“ noch weitere 18 Familienmitglieder ermordet wurden, darunter neun Kinder.  Dr. Nizar Rayyan war einer der “ranghohen” Mitglieder der Hamas, der auch Terroranschläge in Israel für eine akzeptable Form des Widerstands hielt. Ob das moralisch vertretbar ist, ist sehr zweifelhaft, doch ist das eine Rechtfertigung für die Ermordung einer ganzen Familie?

Die bittere Ironie ist hier natürlich, dass Israel dieselbe Rechtfertigungslogik benutzt wie Rayyan: wir haben das Recht euch umzubringen, weil ihr Leute von uns umbringt und sehen das nur als Selbstverteidigung. Beide haben nach streng moralischen Prinzipien unrecht, die Saat der Gewalt wurde aber eindeutig von Israel gesät. Das belegen die historischen Fakten ganz klar, doch man ignoriert sie. (Israel erklärt das Wort „Nakba“ als staatsfeindlich …)

Die Palästinenser legen großen Wert auf die Ausbildung ihrer Kinder, was der israelischen Regierung gar nicht genehm ist, denn dass Wissen eine Form von Macht ist, die schwer bekämpft werden kann, wenn sie in den Köpfen verankert ist, kann für eine Besatzungsmacht nur ein Hindernis sein.  Dazu kommt noch, dass die nationale Identität der Palästinenser, die Verbindung mit ihrem Land, ihrem kulturellen Erbe natürlich auch zerstört werden soll, auch hier sind Schulen nur ein Störfaktor.

Mehr Hintergrundinformation:

In Gaza, the schools are dying too (The Guardian)

Die New York Times stellte damals die berechtigte Frage, die viele Menschen in Gaza beschäftigte: Warum? Warum wurden soviel zivile Einrichtungen zerstört? Schulen, Polizeistationen, Feuerwehr, Moscheen, die Universität, Regierungsgebäude, ja sogar Krankenhäuser und Warenlager der UN …

Während der Welt immer wieder das Märchen erzählt wurde, man wolle nur die Hamas treffen, die als gebrandmarkte „Terrorgruppe“ ein legitimes Ziel darstelle, wurde in Wahrheit natürlich eine ganze Gesellschaft bombardiert:

„…But many Gazans say that the strikes, which left gaping holes and giant piles of rubble in the center of the city, felt more like an attack on them as a society, as the leveling of the institutions was a direct hit against the rule of law and the structure of the state.”

Und auch die Behauptung, die Universität insgesamt sei ein Ort der Gehirnwäsche gewesen, wurde durch keinerlei Beweise untermauert, hingegen sprechen viele Aussagen dagegen und beschreiben die Universität als ein Spiegelbild der Gesellschaft in Gaza, die nicht nur aus Hamas-Mitgliedern oder deren Sympathisanten besteht.

Während der ARD „Reporter“ beklagt, wie sehr die Studenten in Gaza angeblich von der Ideologie der Hamas drangsaliert werden, vergisst er zu erwähnen, dass Israel den palästinensischen Studenten eine freie Wahl der Universität nicht gestattet, ein Eingriff in ein grundlegendes Recht. Sie dürfen weder in der West Bank studieren, noch ins Ausland gehen.

So wurde z.B. sieben Empfängern des prestigeträchtigen Fulbright Stipendiums die Ausreise in die USA verweigert .

Zum Argument, die Bombardierung sei gerechtfertigt, weil man in der Universität Waffen entwickelt hätte, schrieb Neve Gordon, Professor an der Ben Gurion Universität und engagierter Gegner der Besatzung u.a. folgendes:

Die Universitätsleitung weist alle Anschuldigungen als unbegründet von sich. Doch selbst wenn sie nicht ganz falsch wären, wäre das keine Rechtfertigung für die Zerstörung denn es ist allgemein bekannt, dass praktisch alle großen amerikanischen und israelischen Universitäten indie Entwicklung militärischer Systeme verwickelt sind und Forschungsgelder vom Pentagon und von Rüstungsfirmen erhaltenDie Entwicklung, ja sogar die Herstellung von Waffen an Universitäten in aller Welt  stellen mittlerweile große Projekte dar, ein Umstand, der es nicht rechtfertigt, sie zu bombardieren.“

Die Universität als „Machtzentrum“ der Hamas darzustellen, ist ebenfall s keine Rechtfertigung für ihre Zerstörung. Nach dieser Logik könnten auch „radikale Palästinenser“ dazu aufrufen, die Hebräische Universität in die Luft zu jagen, ebenso wie andere akademische Institutionen in Israel, die ebenfalls indirekt für das Besatzungs- und Apartheidregime arbeiten.

Ein israelischer Blogger verglich die Zerstörung von palästinensischen Bildungseinrichtungen sogar mit der Bücherverbrennung der Nazis …

Zur „Unterdrückung“ durch die Hamas ist noch zu sagen, dass erstens nicht alle Freiheitseinschränkungen gegenüber Frauen immer von Hamas ausgehen, denn es gibt wesentlich radikalere Strömungen wie Salafisten  oder die Wahabis in  Saudi Arabien,  wo Frauen nicht einmal alleine auf die Straße gehen dürfen,  geschweige denn wird ihnen gestattet zu studieren. Doch darüber wird geschwiegen. Schließlich sind die Saudis „Verbündete“ der USA.

Das Schminkverbot“ (so es denn wirklich existiert) ist sicherlich das kleinste Problem, dass Frauen in Gaza haben, (Die Studentinnen auf dem Foto sehen nicht sehr verzweifelt aus …) denn es ist nicht Hamas, die ihnen das Leben zur Hölle macht, sondern die wirtschaftliche und politische Strangulierung durch Israel und der tägliche Terror einer militärischen Übermacht, die das Ghetto bombardieren kann, ohne Folgen, ohne Sanktionen, ohne jede Moral.

Ich singe hier kein Loblied auf Hamas und stehe allen religiösen Vereinigungen mit großer Skepsis gegenüber, besonders wenn die Religion als Machtinstrument missbraucht wird. Doch diese Kritik gilt natürlich auch für die christlichen Organisationen (z. B in den USA) und in diesem Kontext ganz besonders für die jüdischen Rabbis die schwere Menschenrechtsverletzungen damit bagatellisieren, dass Nichtjuden ja im Grunde keine Menschen seien und die hohe Moral, die das Judentum fordere, eben nur für den Umgang mit anderen Juden gelte.

Hamas hat mit der Goldstone Kommission zusammengearbeitet, Israel nicht. Wer hat hier mehr zu verbergen? (Siehe dazu auch ein Interview mit der israelischen Journalistin Amira Hass auf der Democracy Now! Website)

Übrigens: diese Website ist pro-israelische PROPAGANDA und ist nicht von der UN autorisiert:  http://www.goldstonereport.org/

Den echten Report gibt es HIER, eine prägnante Analyse – ins Deutsche übersetzt-  (Quelle:  Democracy Now Interview mit Norman Finkelstein) kann hier nachgelesen werden.

Eine Stellungnahme des Israelischen Komitees gegen Haus-Demolierungen (ICAHD) anlässlich der Bombardierung der IUG enthält folgenden wichtigen Hinweis auf die Entstehung der Hamas, die informierten Menschen bekannt ist,  in unseren Medien aber völlig unter den Tisch fällt:

„Die Islamische Universität in Gaza (IUG) wurde 1978 gegründet und ist in den 1980er Jahren stark ausgebaut worden, als Israel der aufkeimenden Hamas Bewegung bereitwillig gestattete, sich im Westjordanland und in Gaza auszubreiten, weil man dadurch den Einfluss der exilierten PLO reduzieren wollte.“

Im Klartext: Hamas wurde gefördert, weil man damit einen Bruderzwist auslösen wollte, der die Widerstandsbewegung spalten und damit schwächen sollte. Divide et impera ist ja ein bewährtes Konzept um Rivalen in die Knie zu zwingen und hat auch hier funktioniert.  Nach 9/11 war es ein leichtes, Hamas noch mehr zu dämonisieren, denn die Islamphobie erreichte den absoluten Höhepunkt.

Dass Studenten schwer zu kontrollieren und Universitäten immer Brutstätten für politische Opposition und aktiven Widerstand sind, ist Israel auch nicht entgangen, deshalb wurden die palästinensischen Unis im Westjordanland immer wieder geschlossen und Studenten verhaftet.

Ein anderer, wichtiger Aspekt, der hier ebenfalls völlig totgeschwiegen wird, sind die Shministim, eine Gruppe von jungen Wehrdienstverweigerern, die in Frieden und auf Augenhöhe mit den Palästinensern und den arabischen Nachbarn leben möchten. Was es heißt, in einem Land wie Israel, das Militär abzulehnen, kann man nur erahnen und die Shministim werden natürlich verunglimpft und in den Dreck gezogen. Umso mehr verdienen sie unsere Achtung. ICAHD schreibt dazu:

“They’re imagining and building a future where Israel isn’t simply an American-sponsored European construct in the Middle East, but one with organic relationships forged with its neighbors. Why, after all, should Damascus, only 230 kilometers from Jerusalem, be „further“ than Paris (3350km away)? And for this they are ostracized, imprisoned and denied the benefits and opportunities, social and economic, which come with serving in the military and serving the Occupation. They are a threat to the militarism and nationalism that help keep the Occupation going.”

Und über die  Studenten in Gaza:

„The students at the I.U.G. are a bigger threat to the Israeli siege of Gaza than the Qassam rockets that have peppered the nearby areas for some time. So it’s no surprise to find that the Air Force destroyed the I.U.G.. In doing so Israel made clear its desire for the status quo, one of perpetual Occupation and, arguably, Hamas rule in Gaza.

It’s especially the responsibility of student movements throughout the world to stand and organize in solidarity with their peers at I.U.G. who are being bombed and killed and with the Shministim high-schoolers who are being imprisoned and ostracized. The power of student and youth movements has been seen time and time again, and they can lead the way in ending the attacks on Gaza, the Occupation and bringing about justice in Israel, Palestine, Greece, all around the Mediterranean and throughout the world. Refusing to cooperate with the unjust systems of today gives us the opportunity for a better tomorrow.”

Ein Interview mit zwei Shministim gibt es HIER: (in English)

Mehr Background zu Gaza:

http://www.iugaza.edu.ps/iugrec/en/

http://uweoccupation.blogspot.com/2009/02/victory.html

http://www.caiaweb.org/node/943

http://www.democracynow.org/features/israels_assault_on_gaza

http://mitworld.mit.edu/video/645

http://www.dkp-darmstadt.de/frieden/gaza-krieg-und-luegen.htm

http://www.wipeoffthemap.com/erased_english.html

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