Der Papagei aus Tel Aviv

Das Management der Wahrnehmung durch „öffentlich-rechtliche“ Rundfunksender geht munter weiter, ganz besonders im Kontext der „Berichterstattung“ aus Israel bzw. den von Israel beherrschten  bzw. besetzten Gebieten in der West Bank und in Gaza.

In meinem vorhergehenden Kommentar habe ich ja bereits auf die pro-israelische Propaganda des ZDF hingewiesen, doch auch die ARD liefert den gleichen Papageienjournalismus. Sehen wir uns doch ein konkretes Beispiel an, das zum Jahresende präsentiert wurde:

Friedensaktivisten protestieren gegen Gaza-Blockade

Am 31.12.2009 berichtete die Tagesschau über Demonstrationen anlässlich der immer noch anhaltenden Blockade Israels gegen die Bewohner des Gazastreifens. Konkret ging es hier um internationale Aktivisten, die geplant hatten, über den ägyptischen Grenzübergang in den Gazastreifen zu gelangen, doch Ägypten (als treuer Vasall der USA) verweigerte den Demonstranten die Ausreise.

Zuerst gab es eine kurze  Anmoderation:

„Seit mehr als zweieinhalb Jahren blockiert Israel den Gazastreifen, um die radikalislamische Hamas zu strafen. Doch besonders leiden die dort lebenden Palästinenser. Um auf ihr Schicksal aufmerksam zu machen, demonstrierten hunderte Aktivisten im und am Gazastreifen gegen die Blockade.“

Dann folgte ein kurzer Filmbeitrag, in dem keiner der Demonstranten zu Wort kam. Nach Bildern von der Demo wurde ein sehr kurzes Statement eines Hamas Sprechers gezeigt, das mit den Worten „die radikal-islamische Hamas begrüßt das Engagement der Aktivisten“ eingeleitet wurde. Ein schönes Beispiel für negatives „Framing“, denn damit wird natürlich suggeriert, diese doofen Demonstranten spielen doch nur der „bösen“ Hamas in die Hände.

Dann ging es, wie üblich,  damit weiter, den bereits etablierten „Frame“ (propagandistisch verzerrter Kontext, der ständig wiederholt wird) zu verstärken. Message:  Hamas ist schuld an allem Übel und Leid, das die Menschen in Gaza befällt, die Verbrechen Israels werden ignoriert oder als notwendige Reaktionen zur „Sicherheit“ der Bevölkerung dargestellt.

Um die internationale Wirtschaftshilfe zu bekommen müsste Hamas dem Terror abschwören, Israel anerkennen und Friedensverhandlungen aufnehmen, so die Forderung Israels und der Staatengemeinschaft. Auch auf der israelischen Seite demonstrieren zeitgleich mehrere hundert Aktivisten für ein Ende der Wirtschaftsblockade.“

Der Beitrag endete mit folgendem Kommentar des Reporters, der sich in der Nähe des Grenzübergangs Erez vor der Kamera präsentierte (das sollte wohl den Eindruck vermitteln, man habe selbst vor Ort  „unabhängige“ Informationen gesammelt).

„Wieder einmal haben Friedensaktivisten versucht, die internationale Aufmerksamkeit auf den Gazastreifen zu richten. An der Wirtschaftsblockade wird sich dennoch so bald nichts ändern, denn die radikal-islamistische Hamas ist nicht bereit, den bewaffneten Kampf gegen Israel zu beenden.“

Herr  Oliver Mayer-Rüth,  der „Korrespondent“ aus Tel Aviv erweist sich, wie die meisten seiner Kollegen, als treuer Diener der israelischen Propaganda, als ein Papagei, der schön brav den einstudierten (Kon)Text wiedergibt, den man ihm eingetrichtert hat.

Kommentar:

Das übliche Framing bzw. die Isolation aus dem politischen und historischen Kontext:

Israels  systematische Missachtung der politischen und zivilen Rechte der Palästinenser, aber vor allem der universellen Menschenrechte, seine zahlreichen und (vor allem von israelischen Historikern) ausgiebig dokumentierten Verbrechen (Völkerrecht, Kriegsrecht, von der Missachtung zahlreicher UNSC Resolutionen seit 1948  bis zur Sippenhaftung  und „gezielten Tötungen“) seit 1948 bzw. seit 1967, die brutale Besatzung im Westjordanland, der illegale Verlauf der Mauer, die palästinensisches Land annektiert (vom ursprünglichen „Palästina“ lt. UN-Teilungsplan sind weniger als 20% übrig geblieben, weil Israel statt Frieden immer mehr Land gestohlen hat), die Liste der Rechtsverletzungen ist endlos.

Doch all diese Formen des Staatsterrors (der so nicht genannt werden darf) haben – im pro-israelischen Tunnelblick des „öffentlich-rechtlichen Rundfunks“ – nichts mit dem anderen „Terror“ zu tun, wie der militante Widerstand gegen dieses brutale Regime genannt wird, um eine irrationale, fanatische Motivation zu suggerieren. Ursache und Wirkung werden verkehrt, die Opfer zu Tätern, die Täter haben sich durch politischen Missbrauch des Holocausts schon lange die ewige Opferrolle gesichert und deutsche Journalisten spielen schön brav mit.

Demzufolge sind natürlich die „Terroristen“ selbst, also vor allem Hamas an allem Elend schuld, während Israel sich doch nur verteidigt (durch Massaker an Zivilisten, die nicht fliehen können). Auf Basis dieser scheinbar deduktiven Logik (die natürlich auf falschen Prämissen beruht, aber durch ständige Wiederholung in den Medien vom durchschnittlichen Zuschauer als „wahr“ akzeptiert werden),  erscheint die Darstellung eines unmenschlichen und grausamen Aktes (anhaltende Grenzblockade nach vorheriger Bombardierung eines ohnehin schon desolaten Ghettos) als „gerechte“ Strafe  plausibel, ja sogar akzeptabel.

Dass Israel 1967 die Blockade (eines Seeweges) als kriegerischen Akt bezeichnete und damit einen militärischen Angriff rechtfertigte, diese Doppelmoral braucht natürlich hier auch nicht erwähnt werden. Nach dieser Rechtsauffassung wären auch die Raketen aus Gaza ein Akt der Verteidigung (wenn auch ein kontraproduktiver, weil sie keine gezielten Angriffe auf die übermächtigen Aggressoren ermöglichen, sondern nur als symbolischer Vergeltungsakt dienen, bei dem noch dazu (selten) Zivilisten getroffen werden), denn die Blockade ist ja eine Form systemischer Gewalt, für die es keine legitime Begründung gibt, auch nicht die Gefangennahme Gilad Shalits.

Die tausenden Gefangenen, die seit Jahren in Israels Gefängnissen schmoren (und nicht selten gefoltert werden), ohne ordentliches Gerichtsverfahren, ohne Beachtung ihrer Rechte, brauchen natürlich auch nicht erwähnt werden.

Was sich wirklich nach der „Rückgabe“ des Gazastreifens 2005 dort ereignete, was die wahren Motive Israels dieser unter gewaltigem Medienecho durchgeführten PR-Veranstaltung waren (wir erinnern uns an die hysterischen jüdischen „Siedler“, die man dort mit Gewalt wegschleppen musste, damit sie im Westjordanland ein viel besseres Grundstück bekamen, das natürlich auch den Palästinensern gehörte), das braucht den ARD-Zuschauer nicht interessieren, den „Korrespondenten“ kümmert es ja auch nicht. Dessen Job ist es ja nur, als Megaphon für die „Informationsdominanz“ der israelischen PR zu dienen, wozu man ihm nur gratulieren kann.

Wie schäbig und „vorgefertigt“ unsere „Nahost-Reporter“ berichten, sieht man auch, wenn man andere, unabhängige Medien als Vergleich heranzieht. Zum Beispiel die wunderbare Nachrichtensendung „Democracy Now!, dessen Gründerin Amy Goodman letztes Jahr als erste Journalistin den „alternativen Nobelpreis“ erhielt.

Doch auch darüber hat man hier meistens geschwiegen, denn dann wäre ja offensichtlich geworden, welchen drittklassigen Journalismus wir hier serviert bekommen und vor allem, warum Amy Goodman den Preis bekam (weil dort eben genau der Hintergrund (Kontext) geliefert wird, der bei uns fehlt; weil dort Leute zu Wort kommen, die sonst in den Medien nicht gehört werden, die neue Perspektiven eröffnen; bei uns hingegen treten immer die gleichen „Experten“ auf, deren „Unabhängigkeit“ niemand hinterfragt…

Hier einige Medienberichte aus dem Internet (100% unabhängig und inklusive Kontext) zum Vergleich:

Democracy Now (1)

Democracy Now (2)

Besonders zu empfehlen: Ein Gespräch mit  der 85-jährigen Jüdin Hedy Epstein, (ihre Eltern starben in Auschwitz), die auch in Kairo demonstrierte und sich seit Jahren für die Rechte der Palästinenser einsetzt


The Real News

( Videos zum Suchbegriff  „Middle East“:

Besonders interessant ist das Video „Israel’s Settlement Freeze“ (die „noch nie dagewesene Geste“ (Hilary Clinton) Netanyahus, einen vorübergehenden Stop des Siedlungsausbaus anzukündigen, erweist sich – wie immer – als Betrug und PR-Scam…)

Dass Hedy Epstein weder in der „Tagesschau“ noch in „ZDF heute“ auftaucht, kann ja nicht wirklich überraschen, zeigt jedoch erneut, dass hier nur Leute vor die Kamera dürfen, die mit der israelischen PR- Perspektive  kompatibel sind.

Fairerweise muss man erwähnen, dass wenigstens der regionale ARD Hörfunk Frau Epstein nicht ignoriert hat: Peter Steffe vom SWR berichtet über ägyptische Polizeimethoden, wie die Demonstranten getrennt wurden, über den Einsatz von Schlagstöcken, etc. Hedy Epstein kommt zwar kurz zu Wort, spricht aber nur über Polizeiaktionen eines „autokratischen Regimes (eine zutreffende Beschreibung Ägyptens, die  sonst jeder Reporter vermeidet besonders wenn Israels Premierminister mit dem autokratischen Herrscher dieses Landes über den Orwellschen „Friedensprozess“ parliert, während der „Iron Wall“, von dem schon Jabotinsky sprach, endlich auch unterirdisch Realität wird…) dass es ihr dritter Versuch sei, nach Gaza zu kommen und dass sie weiter für ein Ende der Blockade eintreten werde.

Die Frage aller Fragen:

WARUM eine 85-jährige Jüdin, deren Eltern in den Gaskammern von Auschwitz ermordet wurden, gegen die Schandtaten des  jüdischen Staates und für die Rechte der Palästinenser demonstriert, hat man natürlich nicht gestellt. (Dazu bräuchten wir  Journalisten wie Amy Goodman, doch solche gibt es hier nicht ….)

Warum sie selbst nie nach Israel ging, ist auch kein Thema: Dann wäre vielleicht herausgekommen, dass viele Juden lieber nach Amerika gehen wollten, aber die Zionisten mit Repressalien dafür gesorgt haben, dass es sich so mancher „anders überlegt“ hat. (Quellen: Ilan Pappe, Norman Finkelstein, Joel Kovel u.a.)

Das hätte ja das ganze, mühsam errichtete Zerrbild vom „Recht auf Selbstverteidigung“ und der „moralischsten Armee der Welt“  in Frage gestellt. Ganz zu schweigen von dem absurden Mythos, dass Juden nur in Israel „normalisiert“ werden können, wie ein jüdischer Blogger aus den USA mir kürzlich mitteilte …

Eine Korrektur des PR-Zerrbildes zugunsten der bitteren Wahrheit muss natürlich vermieden werden. Stattdessen weiterhin den alten Kurs verfolgen: Keine Gelegenheit auslassen, die „böse“ Hamas als Wurzel allen Übels darzustellen, um von den eigenen Verbrechen abzulenken -( den Goldstone Report hat man schnell begraben und auch zum Jahrestag des Massakers in Gaza wurde er nicht exhumiert;

Was sind „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ und  diverse Kriegsverbrechen gegen die wirklich wichtigen „Nachrichten“?

Dazu hat man noch eine besonders perfide Story auf der ARD Homepage platziert: „Schminken streng Verboten“ von Sebastian Engelbrecht, 30.12.2009 (tagesschau online).

Einen ausführlichen Kommentar und Hintergrundinformation dazu gibt es im nächsten Beitrag. Als „Kostprobe“ der journalistischen Wahrheitsliebe nur soviel:

Dieses Bild der islamischen Universität in Gaza hat der „Korrespondent“ für seinen Beitrag gewählt, in dem es- Sie ahnen es ja bereits – um die „Unterdrückung“ der Studentinnen durch die böse Hamas geht ….

Völlig vergessen hat der „Reporter“ jedoch die Tatsache, dass die Universität heute so aussieht, weil sie im „Gazakrieg“ Ende letzten Jahres gezielt sechs mal bombardiert wurde ...

und da wegen der Blockade kein Baumaterial erhältlich ist, sieht die Uni noch immer so aus ...

Doch was ist diese Zerstörung, dieser Angriff auf  eine zivile Bildungseinrichtung gegen ein (angebliches) „Schminkverbot“? Man muss doch als Journalist Prioritäten setzen, oder?


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Ein Kommentar zu „Der Papagei aus Tel Aviv

  1. Spitzenbeitrag, gute Analysen. Die Presseberichterstattung entwickelt sich auch für mich mehr und mehr zum Ärgernis.

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