Das Böse des Banalen: Klimaverschwörung und Medien

Es überrascht nicht, dass sich ein Großteil der Presse wieder einmal als „Multiplikator“ für einen bewusst erzeugten Medienskandal hergibt und  davon spricht, dass „die Schlacht zwischen Befürwortern und Gegnern der Ansicht, dass der Mensch für globale Erwärmung verantwortlich ist, neu entfacht“. Das ganze könnte auch unter der Überschrift „Context is everything kommentiert werden.

Es geht hier um den „Skandal“, dass Hacker in einen Server einer englischen Universität eingedrungen sind und e-mails von Klimaforschern veröffentlicht haben, die dann als „Beweis“ für Manipulationen dienen sollen. Man will uns also weismachen, es handle sich bei der ganzen Klimadebatte um eine bewußt herbeigeführte Hysterie.

Meistens  sind die wenigen Zeilen über die gehackten Mails im Reportageteil äußerst dürftig, es gibt aber auch Ausnahmen, wie etwa die Süddeutsche, die offenbar „geschnallt“ hat, was hier gespielt wird.

Dass die Wissenschaft nicht sakrosankt ist, und es dort beinharte Konkurrenzkämpfe und menschliche Eitelkeiten gibt, die streng seriöse Forschung gefährden, ist ja nicht neu. Durch die zunehmende Ökonomisierung der Wissenschaft, die mit der Kürzung öffentlicher Haushalte und der neoliberalen Ideologie einhergeht, ist natürlich die Gefahr der Korruption noch größer geworden. „Science for Sale war ja nicht umsonst schon der Titel von Symposia, die sich die Frage stellen, wohin geht die Wissenschaft? Wer bestimmt, was und wozu geforscht wird? (z.B. Wer will, braucht Nanotechnologie in Konsumartikeln und wer weiß über die Risiken Bescheid?)

Im Februar 2007 machte das CRU Schlagzeilen, weil man seinen Wissenschaftlern jeweils 10.000 Pfund angeboten hatte, damit sie den kurz vor der Veröffentlichung stehenden, umfassenden Klimabericht der UN diskreditieren, der die Profiteure der fossilen Energienutzung weiter unter Druck brachte. Nach Berichten des britischen Guardian kam dieses Geld vom AEI, das aber nur als „front group für die Ölkonzerne fungierte, eine PR-Praxis, die die großen Tabakkonzerne schon vor Jahren etabliert haben. Das Geld war als „incentive“ für die Veröffentlichung von Artikeln gedacht war, die das IPCC in Verruf bringen, also seine Glaubwürdigkeit und wissenschaftliche Kompetenz unterminieren sollte.

Generating controversy war auch eines der zentralen Strategien der Tabaklobby, der es gelang, mehr als drei Jahrzehnte lang, die öffentliche Meinung zu manipulieren, indem man mit allen Mitteln eine wissenschaftliche Kontroverse schürte, die es in Wahrheit nie gab: nämlich, die Zweifel an der in wissenschaftlichen Studien festgestellte Schädlichkeit des Rauchens für die menschliche Gesundheit und später auch im Kontext des Passivrauchens. Diese erfolgreiche Strategie inkludierte auch das Abhalten wissenschaftlicher Symposien („Junk science“, die den Namen wirklich verdiente, wie etwa in Wien in den 1980er Jahren), deren Ergebnisse schon von Anfang an feststanden, weil die wissenschaftlichen Leiter auf der Lohnliste von Philip Morris u.a. standen, wie gerichtliche Monsterprozesse in den USA später aufdeckten. Gleichzeitig wurden Kampagnen über „sound science betrieben …

Die „Third Party Technik ist dabei immens wichtig, weil die Lobby selber natürlich keinerlei Glaubwürdigkeit hat, deshalb müssen andere gesellschaftliche Gruppen und scheinbar unabhängige Organisationen, (z.B. Think Tanks) aber vor allem Wissenschaftler in den Medien erscheinen, die die Interessen der Lobby transportieren, die aber medial nie in Erscheinung tritt. Unter dem seriös klingenden Namen eines  „Institutes“ oder einer  „Stiftung“ wird hier der Öffentlichkeit vorgegaukelt, es handle sich um Gruppen, die nur am Fortkommen der Gesellschaft interessiert, und deren „Experten“ nur wissenschaftlichen Prinzipien verpflichtet seien, während sie in Wahrheit ideologisch fragwürdige, wirtschaftliche Dogmen gekoppelt an Profitinteressen repräsentieren (bei uns ist hier wohl an erster Stelle die Bertelsmann-Stiftung zu nennen, die eigentlich der wirkliche Autor von „Hartz IV“ und anderen Stigmatisierungen von Armut und Arbeitslosigkeit ist …).

Dr. David Viner, der Leiter des CRU an der Universität von East Anglia, sagte damals:

“Das IPCC Verfahren ist wahrscheinlich die gründlichste und öffentlichste Bewertung, die jemals in einer [wissenschaftlichen] Disziplin unternommen wurde.  Diese Aktion unterminiert das Vertrauen der Öffentlichkeit in die wissenschaftliche Community und die Fähigkeit der Regierungen, soliden wissenschaftlichen Rat anzunehmen.“

Das Ziel dieser PR-Strategie ist einerseits die Polarisierung der Debatte durch die o.a. Methoden, andererseits die Verstärkung von menschlichen Schwächen, die ohnehin schon vorhanden sind. War es nicht Aldous Huxley, der bemerkte:

„Das erstaunlichste am Menschen ist nicht sein Verstand, sondern seine Neigung, Fakten zu ignorieren (oder in Frage zu stellen), deren Akzeptanz eine massive Verhaltensänderung nach sich ziehen müsste. Man müsste sich eingestehen, dass das eigene Verhalten [oder die Wirtschaftspolitik] dumm, kurzsichtig und langfristig destruktiv ist, das ist aber so unangenehm, eine solche Kränkung für das Ego, das man lieber die Fakten torpediert und weiter macht wie bisher .“

Wer profitiert von diesem Verhalten? Dass ausgerechnet jetzt, 2 Wochen vor dem Klimagipfel in Kopenhagen dieser „Skandal“ rund um das CRU ans Licht der Öffentlichkeit kommt, ist ein starkes Indiz dafür, dass hier Akteure am Werk sind, die im Verborgenen bleiben wollen, und dass es nicht um die Bewahrung ethischer Grundsätze in der Wissenschaft geht, sondern um die Verstärkung von Zweifeln (wie bei der Zigarettendebatte), die die drohenden Paradigmenwechsel in der Energie- und Wirtschaftspolitik verhindern (oder zumindest weiter verzögern) sollen.

Dass die großen PR-Firmen in den USA schon seit Jahren mit äußerst perfiden Methoden im Interesse ihrer corporate clients agieren (und die Medien davon wenig mitkriegen) ist schon schlimm genug. Doch man sinkt offenbar moralisch immer tiefer: das letzte ist „astroturfing“ und die mediale Projektion der eigenen Schandtaten (absolut keine moralische Authorität) auf den Gegner (eine Taktik, die z.B. Israel gegenüber der UN zuletzt erfolgreich praktiziert hat) – die wohl auch hier angewandt wurde.

Die Umstände, unter denen diese Korrespondenz gehackt und veröffentlicht wurde, sind wie gesagt, sehr seltsam und es liegt auf der Hand, dass hier ein „Skandal“ erzeugt wurde, der eigentlich keiner ist. Man darf auch nicht vergessen, wie aggressiv und – häufig unter der Gürtellinie – diese Wissenschaftler von der Energielobby attackiert wurden. Wenn die „Karotte“ nicht wirkt (siehe die erwähnte Guardian -Story aus 2007 ), dann muss wohl der PR- „Knüppel“ ran. Dass man in E-mails unter Kollegen einen (vielleicht zu) lockeren Ton anschlägt, dass man Zitate, die aus dem Zusammenhang gerissen wurden, völlig anders darstellen kann, ist auch nicht neu. Ebenso wenig die Tatsache, dass die Veröffentlichung von brisanten wissenschaftlichen Studien in peer-reviewed Journals ein Politikum geworden ist (siehe z.B. die Chapela Studie über die Kontamination von wildem Mais mit  transgener DNA  in Nature, die – einmalig in der Wissenschaftspublizistik –  vom Herausgeber zurückgezogen wurde) – doch darüber schreiben die Medien nichts, außer, wie im vorliegenden Fall, wenn sich die Forschung gegen bestehende Profitinteressen (hier der fossilen Energielobby) richtet.

Darum sollten sich unsere Medien einmal kümmern: Hat Ethik heute in der Wissenschaft noch Platz, wenn sich alles nur mehr ums Geld dreht oder um die Erhaltung des energie- (u. macht-) politischen Status Quo? (siehe Biotech-Research: schnelles Patent, statt solider Grundlagenforschung;  oder die absurde, völlig schwachsinnige Kernfusionsforschung, die in der Presse meistens völlig kritiklos dargestellt wird. Der Journalist als Lohnschreiber, der es sich nicht leisten kann, Dinge als gefährlichen Schwachsinn zu bezeichnen?

Bitte die Graphik anklicken!

Auch wenn sich herausstellt, dass diese E-mails authentisch sind, und einige Wissenschaftler dieses Institutes „faith-based science“ praktiziert haben, ändert das nichts daran, dass wir vor einer ökologischen Katastrophe stehen, die es in diesem Ausmaß nie vorher gab. Dabei geht es natürlich nicht „nur“ um Temperaturveränderungen, Änderung der Niederschlagsverteilung (von Dürren bis Hochwasser), steigende Meeresspiegel, etc. sondern um die andauernde Zerstörung von Ökosystemen, deren Leistungen für unser Überleben unverzichtbar sind. Dass sich die mediale Debatte nur um CO² dreht, zeigt bereits, wie kurzsichtig und unzulässig vereinfacht, das komplexe Thema angegangen wird, denn die Wachstumsideologie ist unhaltbar und bringt uns alle um (siehe Club of Rome Berichte, etc.).

Nur ein Autist, ein nicht lernfähiger Ignorant oder ein bezahlter Lobbyist bzw. „Tintenknecht“ zweifelt heute noch daran, dass die natürlichen Regelkreise, die das Klima beeinflussen und im größeren Kontext auch die Überlebensfähigkeit der Ökosysteme steuern, vom (ziemlich schwachsinnigen) industriellen Produktionskreis der Menschen überfordert werden und in nicht allzu langer Zeit kollabieren werden.

Dazu braucht es keine neuen Statistiken mehr, keine endlosen Debatten über „Hockeystick-„Kurven“ und Methodologie der Klimaforschung, nur offene Augen und Ohren.

Wer 15 Grad im November noch als normal ansieht, wer die Natur genau beobachtet, kapiert auch so, das hier etwas unheimliches im Gange ist, das mit statistisch normalen Schwankungen nicht mehr erklärt werden kann.

Doch die banale Rhetorik der Talking Points in den Medien lässt der Vernunft wenig Chancen: „Klimawandel oder „globale Erwärmungsind verharmlosende Euphemismen, die das Problem völlig irreführend darstellen. Natürlich ist es richtig, dass sich das Klima langfristig immer ändert, dass es immer wärmere und kältere Phasen gab, entscheidend ist jedoch der Zeitraum, in dem diese Änderungen stattfanden. Waren es früher 10.000ende Jahre, sind es heute Jahrzehnte, in diesem Tempo kann sich die Natur nicht an solche Änderungen anpassen. Dass sich ein Leitartikel damit befasst, um wie viel Grad die Durchschnittstemperatur oder um wie viel cm genau der Meeresspiegel steigen wird, zeigt, dass der Blick auf das Wesentliche völlig fehlt. Auch die Aussage, es sei noch „kein Land von steigenden Meeren überspielt worden“ zeigt eine erschreckende Ignoranz, nach dem Motto, wenn es heute, morgen oder nächste Woche nicht passiert, besteht wohl keine Gefahr oder anders gesagt, das klingt nach: „Erst wenn ich selbst gesehen habe, glaube ich es auch“. Muss ich einen Lungenkrebstoten sehen, damit ich an die Gefährlichkeit des Rauchens glaube? Nein, ich muss nur meinen Verstand einschalten (siehe Huxley).

Für uns sind ein halbes Grad, oder ein Grad ein Witz, für fein abgestimmte biologische Systeme aber nicht. In der Meeresbiologie können Veränderungen von nur einem halben Grad schon Störungen der Fortpflanzung bewirken. Dieses microtuning oder die kurzfristige Veränderung eines Mikroklimas an Land ist wahrscheinlich viel relevanter für die Gefährdung der Stabilität von Ökosystemen, als die ständige Beobachtung globaler Durchschnittstemperaturen. Das Problem dreht sich eben nicht nur um Klimawerte, sondern gleicht einem globalen Zerstörungskrieg (als „Wirtschaft“ bekannt, doch eher die Chrematistik, nicht die „Ökonomie“ der Griechen), der von den Wachstumsfanatikern natürlich nicht beachtet wird, im Gegenteil sie sind irgendwo in den 1980er Jahren stecken geblieben, wo man der aufkeimenden Umweltbewegung noch entgegenhielt: Man müsse doch das Geld erst erwirtschaften, mit dem man den „Umweltschutz“ finanzieren könne. Der „Washington Consensus“, als letztes Stadium des Kapitalismus,  bringt uns letztlich alle um, das ist das Problem.

Den besten und umfassendsten Kommentar dazu lieferte der CDU-Dissident Herbert Gruhl in seinem Buch „Ein Planet wird geplündert“, das man allen Journalisten eindringlich als Lektüre empfehlen müsste, bevor sie sich zum Thema „Klimawandel“ oder Umwelt- und Wirtschaftspolitik äußern …

Dass Herr Langenbach (wie viele andere) anscheinend auch das Opfer der „generating controversy“ Strategie geworden ist, überrascht auch nicht wirklich. Warum sonst würde er schreiben: „Entschieden ist es nicht?“ oder noch besser „die Natur hat viele Rückkopplungen“.

Stimmt, doch hier geht es um positive Rückkopplungen: (z.B. nach Abschmelzen des Polareises kommt es zu einer noch stärkeren Erwärmung, weil die dunklen Flächen mehr Wärme absorbieren und das freiwerdende Methan (vorher Permafrost) den Prozess weiter aufschaukelt). Die Puffersysteme, die eine negative Rückkopplung bewirken könnten,  (z.B. Aufnahme von CO2 durch Wälder und andere Senken) werden gleichzeitig zerstört (so schnell, dass Wiederaufforstung (wieder „Nutzwald“ statt natürliches Ökosystem) zu spät kommt und bei Urwäldern gar nicht möglich ist) und auch die Meere sind schon übersäuert.

Auch das Fazit zur Energiepolitik: „Wir haben die großen Alternativen noch nicht und werden sie so rasch auch nicht haben“ klingt nach Banalität und Resignation. Was haben denn die Medien dazu beigetragen, damit dieser dringend nötige Paradigmenwechsel stattfindet?

Die ersten Warnungen über den Wahnsinn des Wachstums stammen doch schon aus den 1970er Jahren! Erich Fromm (Haben und Sein), E.F. Schumacher (Small is Beautiful), die Berichte des Club of Rome oder des Wuppertal-Institutes, das feststellte, wenn alle den „westlichen Lebensstil“, also den Konsumwahn des Wirtschaftswachstums-Kultes (aus den USA) übernehmen (oder die bevölkerungsreichen Länder wie China), bräuchten wir 6 Planeten, um diese Ressourcen bereitzustellen!

Was unter diesem Aspekt vom „Wachstumsbeschleunigungsgesetz“ der deutschen Bundesregierung zu halten ist, ist wohl klar … Merkel, Westerwelle, „off-balance-sheet accountant“ Schäuble und zu Guttenberg: das Horrorkabinett der neoliberalen Indoktrination geht unbeirrt seinen Weg der Zerstörung weiter, unterstützt von Journalisten, die nichts kapiert haben ….

Vielleicht sollte man statt dem „Economist“ (Wirtschaftsteil der Zeitungen) und den bescheuerten (weil manipulierten) Börsenkursen mal einen „Ecologist“ einführen, der den Leuten klarmacht, dass die herkömmliche Art der „Wirtschaft“  uns direkt in den Abgrund führt!

Aber das kann man wohl von unseren Journalisten nicht erwarten, stattdessen „business madness as usual“ : Wachsdummswahn ohne Ende und das kriminelle „carbon-trading“, das nur der Bereicherung dient …

Quellen:

Scientists Offered Cash to Dispute Climate Study

Hans von Storch Website

Climate sceptics claim leaked e-mails are evidence of collusion

Greenfacts.org

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