It’s Your Job to Change the World

Das sagte Margret Atwood zu einem Journalisten, der sie gefragt hatte, ob sie glaube, dass Schriftsteller mit zeitkritischen Büchern die Welt verändern könnten….)

Warum ist die Bekämpfung des Hungers in der Welt so schwierig?

(Thema im „Notizbuch“ von Bayern 2 am 20.November 2009)

Weil die Journalisten nur mehr „Talking Points“ transportieren und nicht willens oder nicht in der Lage sind, sich intensiv mit den großen Problemen (Hintergrund und Zusammenhänge) dieser Welt auseinanderzusetzen (bevor sie auf Sendung gehen)?  Oder gibt es Denkverbote im öffentlich-rechtlichen Rundfunk? Dieser Gedanken konnte man sich nicht erwehren, angesichts dessen, was man uns in der letzten Woche an dilettantischen und oberflächlichen Diskursen serviert hat ….

Bayern 2 hat sich mehrfach mit dem Thema „Hungerbekämpfung“ anlässlich der Welternährungskonferenz in Rom befasst, darunter in der Radiowelt, im „Tagesgespräch“ und zuletzt im „Notizbuch“. Als „Experte“ war  der Agrarwissenschaftler und  Journalist (WDR)  Dr. Wilfried Bommert eingeladen.  Was kam dabei heraus?

Die Aussagen von Herrn Bommert sind irreführend und völlig einseitig. Er spricht immer von den gleichen Dingen: der Korruption (in den Entwicklungsländern), der ineffizienten Entwicklungshilfe („neue Welternährungsorganisation nötig“), etc.); von den (26) Kriegen in Afrika“ – „da muss die Welt für Frieden sorgen“; von Regierungen, die alles falsch machen(er meint, die Entwicklungsländer u. Investitionen in industrielle Infrastruktur statt Landwirtschaft); und vor allem der  „Biosprit“, der als das größte, akute Problem dargestellt wird.  Diese Faktoren spielen zwar auch eine Rolle, aber die alles überragenden strukturellen Ursachen (neoliberale Wirtschaftspolitik, die mit Demokratie und sozialer Gerechtigkeit völlig unvereinbar ist) werden totgeschwiegen ….Auch die Redaktionen von Bayern 2 haben dazu nichts zu sagen …

Im „Tagesgespräch“ sagte Herr Bommert wörtlich ..“dass die Welt zuwenig Nahrung produziert“. Das ist – wie selbst der Papst in seiner Rede erwähnte – FALSCH.

Es besteht kein Mangel an Nahrungsmitteln auf der Welt.

Die Ursache des Hungers (als Ausdruck von Armut) ist also nicht eine zu geringe Produktivität in der Landwirtschaft, oder zu geringe Investitionen, sondern die extreme Ungleichheit bei Zugang (zu) bzw. Besitz lebenswichtiger Ressourcen wie Land, Produktionsmittel, Bildung, aber auch das extreme Ungleichgewicht der Kräfteverhältnisse auf dem Markt. Wenige, sehr mächtige Konzerne und Handelsketten stehen Millionen von atomisierten Kleinbauern gegenüber. Die unfairen Handelsbedingungen, die durch die WTO zementiert wurden, haben die Marktmacht der einen Seite noch mehr konsolidiert, während die Ohnmacht der Bauern auf der anderen Seite offensichtlich ist.

Doch diese feudalen, undemokratischen Strukturen, die in den Medien meistens als „Freihandel“ (!) bezeichnet werden, regeln weit mehr, als Import und Export von Waren. Sie sind ein massiver Eingriff in die Demokratie selbst, in die Entscheidungssouveränität der Völker, ihre Agrar-, Handels und Wirtschaftspolitik (und damit die Basis ihrer Lebensumstände) selbst und nach unterschiedlichen Bedürfnissen zu bestimmen.

Für den Bereich der Landwirtschaft gilt hier besonders das Agreement on Agriculture (AoA), das  1995 in Kraft trat. Obwohl die Menge der erzeugten Nahrungsmittel seit Gründung der WTO ständig gesteigert wurde, nehmen Armut und Hunger weiter zu. (Zum Argument des Bevölkerungswachstums ist festzuhalten, dass 60% der Weltgetreideernte für die TIERMAST  verfüttert werden) Klingt paradox, ist es aber nicht, wenn man sich die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen genauer ansieht:

„Freier“ Handel bedeutet im Klartext, die Starken erpressen die Schwachen (die kaum Verhandlungsmacht haben) und pressen sie auch immer mehr aus; im Endeffekt ist es eine andere Variante der Plantagenwirtschaft, mit der die Kolonialherren im 18. und 19. ihre Vermögen machten, der Unterschied ist nur, dass die Sklaverei nicht mehr physische Nähe erfordert, sondern im wesentlichen über die Kontrolle von Preisen und Löhnen  erfolgt ….

Die WTO kommt im Buch des Herrn Bommert ganze 2mal vor (nur namentlich), der IWF gar nicht und die Weltbank wird nur einmal mit einem Hauch von Kritik erwähnt, weil sie die Industrialisierung der Schweinezucht in China massiv fördert (statt Küchenabfälle und Kleie bekommen die Schweine jetzt wertvolles Getreide, das ist „Fortschritt“ …)

“Eine neue Art des Warentausches begann zwischen dem neuen und dem alten Kontinent, … der sich eigentlich als ebenso vorteilhaft für Amerika hätten herausstellen sollen, als er für Europa sicherlich war. Doch die brutale Ungerechtigkeit der Europäer verwandelt ein Ereignis, von dem eigentlich alle Beteiligten profitiert hätten, in ein zerstörerisches, ruinöses Unterfangen für viele dieser unglücklichen Länder …“

„Der Wohlstand der Nationen“, Adam Smith 1776)

Zahlreiche wissenschaftliche Studien kommen zum gleichen Ergebnis, wenn es um die Frage geht, warum sind sie so arm? Warum nimmt der Hunger zu? Die Handels- und Agrarpolitik, die man (besonders) den Entwicklungsländern  unter dem Mäntelchen von „Fortschritt und Entwicklung“ aufs Auge gedrückt hat, ist die zentrale, strukturelle Ursache für die zunehmende Verelendung (und damit auch Unterernährung) der ländlichen Bevölkerung. Dazu folgende Fakten im Überblick:

  • 80% der Hungernden auf der Welt sind Bauern
  • (50% Kleinbauern, 20% landlose Arbeiter, 10% Tierhalter)
  • seit Gründung der WTO 1995 sind die Erzeugerpreise für Lebensmittel dramatisch (z.t. niedriger als vor 40 Jahren!) gefallen – Warum?

Weil durch EU- bzw. US-Subventionen systematisch eine exportorientierte Überschussproduktion  gefördert wird. In den Industrieländern wurden riesige Mengen der fünf wichtigsten Agrarpflanzen (Weizen, Mais, Soja, Reis, Baumwolle) zu Dumpingpreisen auf den Markt geworfen, die bis zu 50% unter den Produktionskosten lagen. Durch den erzwungenen Abbau von Importbeschränkungen konnten diese ungehindert in die Märkte der Entwicklungsländer eindringen und ruinierten damit in vielen Fällen die eigene Produktion. Die Kleinbauern haben gegen diese Subventionslawine keine Chance, viele geben auf und landen in den Slums der Städte oder rutschen in die Kriminalität (siehe auch „Piraten“ in Somalia, oder Schlepper in Westafrika, die früher Fischer waren, etc.) ab.

In den Entwicklungsländern sorgten Weltbank und IWF –„Berater“ dafür, dass auch die Produktion der „Kolonialwaren“ in großem Stil ausgeweitet wurde. (Siehe dazu das Beispiel Kaffee in meinem früheren Beitrag). Die unter Bedingung der Liberalisierung gewährten Kredite machen die Bauern und Länder zu „Schuldsklaven“: Ertrags- bzw. Exportsteigerungen durch erhöhten Einsatz von Agrochemie verteuern die Produktionskosten, während gleichzeitig die Einnahmen wegen des Preisverfalls  kontinuierlich sinken; Versuche, den Einkommensverlust durch höhere Produktivität wettzumachen, lässt den Preis weiter fallen, usw. – diese Preisspirale ist tödlich.

Dieses System führt auch zu einer Refeudalisierung der Landwirtschaft, denn nur große industrielle Einheiten können in diesem brutalen Umfeld bestehen und Marktmacht ausüben, so kommt die „Plantagenwirtschaft“ wieder in Schwung und mit ihr die die Neuauflage der Sklaverei. Ketten braucht man nicht mehr, es genügt die Kontrolle über Preise und Löhne, die man jetzt auch schon „virtuell“ erledigen kann … (z.B. durch elektronisches Trading, etc.)

Sowohl die FAO als auch NGOs haben festgestellt, dass die wirtschaftspolitische Prämisse, die armen Länder werden durch Teilnahme am Welthandel bzw. durch verstärkte Exporte mehr Wohlstand erlangen, eine Illusion ist. Die Statistiken beweisen dies ganz klar: obwohl immer mehr exportiert wird, sinken die erzielten Erlöse. Gleichzeitig steigen die Zinsen für Kredite und das Währungsrisiko, sodass ein immer größerer Teil der Exporteinnahmen in die Zinszahlungen fließen. Für die eigene Bevölkerung bleibt da nicht mehr viel übrig. Etliche Länder wenden schon mehr als die Hälfte ihres Budgets für diese gezielte Plünderungsaktion der Banken auf.

Dazu kommt noch, dass genau diese Länder immer mehr Nahrungsmittel importieren müssen (weil die eigenen Felder für eben jene cash crops gebraucht werden, mit denen Devisen zur Schuldenrückzahlung erwirtschaftet werden müssen). Durch die Magie des „compounding interest“ ist es quasi unmöglich, diese Schulden je zurückzuzahlen (was ja auch beabsichtigt ist).

Übrigens, das Märchen von der „Entwicklungshilfe“(„wir zahlen für die“) ist ein Witz, denn die armen Länder zahlen etwa 5-10 x mehr jährlich in Form von Zinsen an den Westen, als sie von uns bekommen. Das Problem ist nur, dass dieses Geld die Großbanken einstreifen, die wir gerade „retten“ mussten)

Das Corporate Food Regime ist also gekennzeichnet durch:

  • Agribusiness: Errichtung einer industrialisierten, von Konzernen und Kapitalinteressen diktierten Landwirtschaft (kleine Bauern haben darin keine Zukunft)

  • Das ganze Food System wird von wenigen transnationalen Konzernen kontrolliert – vom Saatgut bis zum Supermarkt  (sie schanzen sich gegenseitig die astronomischen Gewinne zu)
  • Weitgehende Privatisierung der Ressourcen (Boden, Wasser) und Patente auf Saatgut und Wissen (TRIPS)
  • „Oligonomie“: wenige dominante „Käufer“ und „Verkäufer“ (oft im gleichen Konzern) beherrschen den Markt
  • Diese transnationalen Monsterfirmen bestimmen aufgrund ihrer Marktmacht WAS und WIE produziert wird (unterstützt von den Sympatisanten im Bankenkartell von Weltbank und IWF)

ÜBERBLICK

Ziele der Handelsliberalisierung:

  • Entwicklung eines globalen Agrarmarktes (kein Naturzustand!)
  • NICHT BEDINGUNGEN, DIE ENTWICKLUNG FÖRDERN
  • NICHT DIE LÖSUNG BESTHENDER PROBLEME (Die Herren der Welt WOLLEN JA Dumping (erzeuger)preise …)

  • GEWINNER

  • Transnationale Konzerne entlang der gesamten  Wertschöpfungskette
  • Wenige Großbetriebe
  • Investoren
  • Spekulanten (Trader)

  • VERLIERER

  • Großteil der Bauern im Norden und Süden
  • Konsumenten (hohe Verbraucherpreise, durch Werbung verblödet, Illusion der „Wahl“ (Marken des gleichen Konzerns)
  • EU-Bürger zahlen dreifach: Subventionen, hohe Preise, Kosten für Umweltschäden, Tierseuchen, „Fleischskandale“, etc.
  • Umwelt: Verlust der Biodiversität, Bodenerosion, Wasserbelastung, Wasserknappheit, Nitratbelastung, Klimawandel (Lachgas durch N-Düngung viel schlimmer als CO2!)
  • Demokratie: Konzerne diktieren (über Preis) Produktionsbedingungen
  • Gesundheit: Convenience Food (ungesund, hoch verarbeitet, denaturiert), Massentierhaltung (Antibiotika); immer mehr übergewichtige Kinder

  • Soziale Katastrophen in den armen Ländern, Recht auf Selbstbestimmung verwehrt, Hungerlöhne, Wage-Slavery, keine Verhandlungsmacht (zu viele billige Arbeitskräfte verfügbar (Nachschub von ruinierten Bauern)
  • Vertreibungen der indigenen Völker aus Wäldern, Umsiedlung ganzer Dörfer für Plantagen oder Staudämme

CHANGE: Nahrungssouveränität: das Recht

  • auf Nahrung
  • zur Selbstbestimmung der Produktionsmethoden in Landwirtschaft und Fischerei, (auch Respekt vor Traditionen)
  • auf eine Agrarpolitik nach den unterschiedlichen Bedürfnissen der Menschen und den ökologischen und sozialen Bedingungen in verschiedenen Regionen der Erde
  • Lokale Versorgung wichtiger als Export  (Importe verringern)
  • Lokale, regionale Produktion ist auch klimafreundlich
  • Solidarität zwischen Produzenten und Konsumenten, Arbeitern und Bauern, Umweltgruppen, Gewerkschaften, Klimaschützern, etc.
  • Weniger Fleisch essen! Fair Trade  und Bioprodukte kaufen
  • EU Politik entlarven (auch Austritt erwägen)
  • WTO in dieser Form unhaltbar, unvereinbar mit Demokratie

Das jetzige System PRODUZIERT strukturelle ARMUT und damit auch HUNGER

(es fördert auch Umweltzerstörung und Klimawandel, mehr dazu siehe Quellen am Ende)

Friends of the Earth zählen eine Liste von erforderlichen Maßnahmen zur Änderung des Systems auf und fassen in ihrer Broschüre Trade and Food Sovereignity die Situation so zusammen:

„Wenn wir eine schonende und nachhaltige Landwirtschaft wollen, die Ernährungssicherheit leisten kann, müssen sowohl der Zugang zu Ressourcen als auch der Ertrag aus deren Nutzung fair zwischen Ländern, Regionen und Menschen verteilt werden.“

In einem Satz gesagt:

Menschenrechte müssen wichtiger sein, als Besitzrechte.

Die schlimmste Form der Gewalt ist Armut.

Mahatma Ghandi

(siehe dazu auch die  bewegende Doku von John PILGER

Es ist völlig inakzeptabel, dass die Einhaltung willkürlicher, von (und für) Kapitalinteressen verfassten „Handelsregeln“ mit strengen Sanktionen überwacht wird, während die massive Verletzung der Menschenrechte (wozu das Recht auf wirtschaftliche Selbstbestimmung, Zugang zu Nahrung, Wasser  und anderen Basics auch gehört) im Rahmen der Marktherrschaft als völlig normal angesehen bzw. gar nicht medial angeprangert wird.

Die ökologische und soziale Schuld der Industrieländer gegenüber den (früheren) „Dritte-Welt-Ländern“ ist weitaus größer, als die finanzielle, die unsere Finanzmafia eintreibt. Auch im Kontext der Klimadebatte muss dieser Umstand betont werden.

Entscheidend ist auch, dass die absurden Wirtschaftsideologien bzw. surreale „ökonomische Theorien“,  die diesem menschenverachtenden System zugrunde liegen, entlarvt werden müssen. Der „Markt“ hat weder Gewissen, noch Moral, denn er wird von jenen konzipiert und beherrscht, die ihre Seele dem Profit verkauft haben und es, als echte „Friedmaniacs“, auch völlig normal finden, dass man sein Leben damit verbringt, nie genug Geld und Macht zu bekommen, auch wenn man dabei über Hungernde und Leichen gehen muss ….

Sollte sich doch bei dem einen oder anderen letzte Reste eines Gewissens rühren, liefert auch dafür die (Pseudo)-Wissenschaft eine Rechtfertigung: es sind die „egoistischen Gene“, also die Evolution, die dieses unmenschliche Verhalten steuern, der Sozialdarwinismus kommt auch sehr gelegen: Der eigene „Erfolg“ und Reichtum sind doch nur Beleg dafür, dass man zu den „Besten“ gehört, die Armen, Hungernden werden mehr? So what? Das sind doch „Verlierer“, Leute, die schon genetisch minderwertig sind oder eben nicht „leistungsbereit“…

Mehr Background: (kleine Auswahl)

Advertisements

Ein Kommentar zu „It’s Your Job to Change the World

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s