Dr.Jekyll and Mr.Hide im Iran

Während unsere Medienschafe wie üblich in die gleiche Richtung laufen und den angeblichen “Wahlbetrug” im Iran inzwischen als gegeben übernommen haben, sollte man doch etwas vorsichtiger sein und die Dinge in einem größeren Kontext betrachten.

In den westlichen Medienberichten wurde der Oppositionskandidat Mousavi schon wie ein „grüner“ Messias gefeiert, der das Land quasi aus seiner Isolation  erlösen und die dringend notwendigen „Reformen“ einleiten werde, sollte er die Mehrheit der Wählerstimmen erhalten. Doch die angebliche große Unterstützung für Mousavi entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Fata Morgana:  Die Anhänger Mousavis konzentrieren sich in der wohlhabenden, kleinen Oberschichte, den urbanen Zentren und besonders  bei den westlich orientierten Studenten, aber die große Zahl der einfachen Arbeiter und der Armen in den ländlichen Gebieten und kleineren Städten unterstützt Ahmadinejad. Zu diesem Ergebnis kam auch eine amerikanische Umfrage, die vor der Wahl durchgeführt wurde.

Die meisten Berichte haben einfach Beobachtungen in Tehran auf das ganze Land übertragen, ohne dass man die Situation in den Provinzen wirklich untersucht hatte.  Als starkes Indiz für einen Wahlbetrug wurde der Umstand angeführt, dass Mousavi in den Azerigebieten (Azeris sind die zweitgrößte ethnische Gruppe im Iran, der er selbst auch angehört) nicht die Mehrheit errungen hat. Soziale und Klasseninteressen sind wohl höher zu bewerten, als die reine Zugehörigkeit zu einer ethnischen Gruppe.

Die ländliche, verarmte Bevölkerung ließ sich wohl eher von Ahmadinejads Umverteilungspolitik überzeugen (er sorgte für die Verbesserung der Infrastruktur, günstige Kredite für die Bauern und andere soziale Verbesserungen und brachte damit zum Ausdruck, dass ihm daran gelegen ist, die Lage der Menschen auf dem Land zu verbessern, während Mousavi eher als der Kandidat der Wohlhabenden und Intellektuellen wahrgenommen wird, aber insbesondere auch als Kandidat „des Westens“ und dessen Anbetung der (die soziale Kohäsion unterminierenden)  „Marktwirtschaft“.

Im Westen der Provinz Azerbaijan hat Mousavi  ja in den Städten die Mehrheit errungen, ebenso in der Provinz Tehran, wo er die Wähler der Mittel- und Oberklasse eindeutig hinter sich hat.   Zahlenmäßig ist diese Wählerschicht den unteren Klassen (Arbeiter und Bauern) aber weit unterlegen.  So kann Mousavi als Vertreter der  privilegierten Schichten angesehen werden, der die Business-Klasse, die betuchten Studenten und die pro-westlichen Intellektuellen anspricht. Diese wurden ja auch immer wieder in westlichen Medienberichten als Bannerträger der Reformbewegung präsentiert, sie sind aber für die große Masse der Bevölkerung wohl kaum repräsentativ.

Aus dem oben erwähnten Umfragedaten geht auch hervor, dass fast 70% der iranischen Jugendlichen sich gar keinen Computer leisten können, die zahlreichen Internetbotschaften, die also über Twitter und Facebook lanciert wurden, dürften ebenfalls aus einer relativ kleinen Gruppe betuchter Studenten stammen, die schwer als Stimme des ganzen Volkes gewertet werden können. Dass die Authentizität dieser „Zwitscherer“ allerdings auch fragwürdig ist, liegt auf der Hand, wenn man sie als Teil einer psychologischen Kriegsführung ansieht.

Unbestritten ist, das Ahmadinejad durchaus genügen Anlass für Kritik bietet, vor allem seine Wirtschaftspolitik wird oft angeführt, so haben sich die „Bazaris“ (Kaufleute und Händler) gegen ihn gewandt und für die Freunde und Gesinnungsgenossen Rafsanjanis (der beim Volk das „Ansehen“ eines korrupten Machiavellis genießt) ist er auch ein rotes Tuch (im doppelten Sinn des Wortes). Die aggressive Boykottpolitik der USA  gegen den Iran darf jedoch bei der Bewertung der wirtschaftlichen Situation nicht vergessen werden und wie es aussieht, steht Ahmadinejad bei sehr vielen Iranern deshalb hoch im Kurs, weil er sich nicht von den massiven Drohungen durch die USA und Israel  einschüchtern lässt und die Solidarität mit den Palästinensern hervorhebt, die die Verbrechen Israels nicht kampflos hinnehmen wollen.

Auch sein Auftritt bei der UN-Rassismuskonferenz zeigte, dass er sich von der zionistischen Lobby keinen Maulkorb umhängen lässt (mehr zu dieser Medienkampagne siehe vorhergehende Artikel mit tag Iran)

Während unsere „Churnalisten“ schön brav die PR-Strategien aus Washington / Jerualem exekutieren, bleiben wichtige Informationen auf der Strecke, die eine völlig andere Sicht der Lage in Iran ermöglichen.

So könnte  Ahmadinejads Wahlerfolg (angenommen er ist echt) in den Grenzregionen dadurch erklärt werden, dass er sich für eine Stärkung der nationalen Sicherheit einsetzt, eine Politik, die aufgrund terroristischer Überfälle  (aus Pakistan bzw. dem irakischen Kurdistan) bei der Bevölkerung auf große Zustimmung stoßen. Dass diese Terroreinheiten von den USA finanziert und aktiviert wurden, interessiert hier niemanden, ebenso die Rolle Israels bei diesen brutalen Operationen, das natürlich auch großes Interesse daran hat, den Iran zu destabilisieren.

Hier handelt es sich NICHT um dumpfe Verschwörungstheorien, sondern akribisch recherchierte Fakten:

Einer der letzten „Helden“ des investigativen Journalismus, Seymour Hersh, berichtete letztes Jahr, dass die US seit Jahren im Iran ein geheimes Programm zur Destabilisierung des Iran unterhält, das unter Bush jun. noch verschärft wurde.

Ein Interview mit Mr. Hersh zu diesem Thema kann HIER gehört werden:

Präsident Obama (“Fata Obama”) hat offenbar auch nicht die Absicht, diesen Wahnsinn zu stoppen. Die New York Times schrieb kürzlich dazu folgendes (warum der Iran nicht mehr Enthusiasmus zeigt für die “ausgestreckte Hand” des neuen Präsidenten:

„….  the Obama administration has done nothing to cancel or repudiate an ostensibly covert but well-publicized program, begun in President George W. Bush’s second term, to spend hundreds of millions of dollars to destabilize the Islamic Republic. Under these circumstances, the Iranian government – regardless of who wins the presidential elections on June 12 – will continue to suspect that American intentions toward the Islamic Republic remain, ultimately, hostile.”

Während Obama also vor der Presse vornehme Zurückhaltung zeigt, und erklärt, es wäre sehr “unproduktiv, wenn der Eindruck entstünde, die USA mischten sich in die Wahlen des Iran ein” (angesichts der früheren geheimen CIA Interventionen, die den Sturz Mossadeghs bewirkten), läuft im Hintergrund ein geheimes Programm, das noch viel schlimmer ist, als die Operation im Jahr 1953, die in erster Linie durch massive Bestechung erfolgreich war.

In seinem Artikel (2008) zitiert Hersh einen ehemaligen Geheimdienstmitarbeiter so:

“Viele Aktivitäten werden von Dissidenten ausgeführt, nicht von Amerikanern. Ein Problem mit dem Verteilen von Geld in einer geheimen Aktion ist, dass man nur schwer kontrollieren kann, wo das Geld schließlich landet und wer davon profitiert.“ […] Eine mögliche Konsequenz dieser Operationen könnte sein, dass die Regierung mit massiver Gewalt gegen die die Dissidenten vorgeht, was der Bush Regierung einen Grund für eine Intervention liefern würde.“

Justin Raimondo findet die passenden Worte dazu:

“Obama, with his peace overtures, serves as the smiley-face mask for some pretty loathsome activities. The U.S. government claims to be fighting terrorism, yet is sponsoring groups that plant bombs in mosques, kidnap tourists as well as Iranian policemen, and fund their activities with drug-running in addition to covert subsidies courtesy of the U.S. taxpayers. The recent suicide bombing in Zahedan was the work of Jundallah. These are war crimes, carried out with the full knowledge of the leaders of both parties in Congress, paid for by you and me, and conducted in our name.

What’s even more outrageous is that the Obama administration, far from decrying or even trying to distance itself from such activities, is endorsing and expanding this style of warfare by appointing Lt. Gen. Stanley A. McChrystal to head up U.S. military operations in Afghanistan. McChrystal was formerly commander of the Joint Special Operations Command (JSOC), a secret army of special-ops commandos who murdered, tortured, and kidnapped suspected terrorists throughout the world.”

Kurzfassung: Obamas freundliches Auftreten dient als Cover für die Weiterführung jener abscheulichen Politik, die der USA weltweite Verachtung und Hass eingebracht haben. Während man als Kämpfer für Freiheit und Demokratie posiert, der den bösenTerror besiegen will, ist in Wahrheit die Erschaffung und Förderung von Terrorgruppen (wie einst die Taliban in Afghanistan) sowie der verstärkte Einsatz von „special forces“ (die Staatsterror ausüben) das Mittel der Wahl zur Beseitigung aller, die sich den Interessen Washingtons in den Weg stellen.

Aus dieser Perspektive darf die offizielle Darstellung des Wahlergebnisses in Tehran massiv angezweifelt werden und die Reaktionen aus Israel sprechen ja auch für sich. Dass es Unzufriedenheit im Iran gibt, kann nicht bestritten werden, aber die Frage ist, wer hat ein Interesse daran, diese zu schüren?

Vergessen wir nicht die „Mutter aller politischen Umstürze“ durch verdeckte Geheimdienstaktivitäten der USA, den Sturz des demokratisch gewählten Präsidenten Mossadegh 1953 durch die CIA (Vorläufer: OSS).

Sehen / Hören Sie hier ein Interview mit  Steven Kinzer, der über die geheime Operation von Kermit Roosevelt berichtet.  (Autor des Buches:

All the Shah’s Men, An American Coup and the Roots of Middle East Terror.”

Ähnliches hat man auch in Venezuela versucht, aber diesmal scheiterte der Coup. Wie die mediale Berichterstattung massiv manipuliert wurde (Teil einer psychologischen Operation, durch die die öffentliche Meinung nach Wunsch geformt wird)  zeigt dieses VIDEO von John Pilger (The War on Democracy): Die Parallelen zum Iran sind nicht zu übersehen (ab Minute 22 im Video sieht man den „Aufstand“ gegen Chavez)

Berechtigte Zweifel, ob Berichte wie diese “ ehemaliger General Mirza Aslam Beig (Pakistanische Armee) behauptet, dass die  CIA  $400 im Iran verteilt hat, um eine Revolution auszulösen, ernst zu nehmen sind, verblassen daher, angesichts der langen Geschichte der USA, unliebsame politische Führer zu stürzen und durch US-kompatible Regierungen zu ersetzen.

Welche verheerende Wirkung die Massaker im Irak und in Afghanistan auf die iranische Bevölkerung hatten, wird bei der Bewertung des Wahlergebnisses im Iran völlig ignoriert, erklärt aber, warum Ahmadinejad womöglich doch eine klare Mehrheit gewonnen hat. Denn wenn der „große und kleine Satan“ das Land mit Krieg bedrohen, versammeln sich die Menschen hinter dem politischen Führer, der ihnen am ehesten ein Gefühl der Stärke vermittelt. Je mehr Ahmadinejad  (von den wirklich „Bösen“) dämonisiert wird, desto mehr sammeln sich die Menschen hinter ihm.

Vielleicht hat die Mehrheit der Wähler ja die Unbeugsamkeit Ahmadinejads gegenüber der Arroganz der USA und Israels überzeugt, ebenso wie seine ablehnende und kritische Haltung gegenüber dem Raubtierkapitalismus, der solidarisches Handeln und soziale Bindungen zerstört und die Freiheit des (vorwiegend amerikanischen) Kapitals als oberstes Prinzip festlegt.

Man könnte auch sagen, dass die beiden Lager (die Mousavi und Ahmadinejad darstellen) eine Art Klassenkampf symbolisieren: auf der einen Seite die gut verdienenden, marktorientierten, pro-kapitalistischen Leute, die den „individuellen“ life-style des Westens ersehnen (wobei die „Wahlfreiheit“ auch beim Konsum eine Illusion ist…) und auf der anderen die Geringverdiener, die Arbeiter und Bauern, die eher eine moralisch orientierte Wirtschaft anstreben, in der (auch durch die Religion) ein schrankenloses Wuchern durch ungezügelte Gier, Wucher und Expansionsstreben verhindert wird. Bei einer Öffnung des Iran im Sinne des „freien Marktes“ würden die Folgen für die Armen verheerend sein. Diese Art der „Reform“ wird aber von Washington bevorzugt (nicht die vermeintlich demokratische).

Der Außenminister Guatemalas (dessen Regierung den USA bzw. ihren Konzernen auch nicht genehm war und deshalb ein Jahr später ebenfalls entfernt wurde) wendete sich damals an die UN, und bat um Hilfe gegen die geheimen Operationen der USA. Toriello sagte damals

„Jeder Versuch, ökonomisch unabhängig zu sein, jedes Bemühen für soziale Verbesserungen, jede intellektuelle Neugier und jedes Interesse an progressiven liberalen Reformen werden von den USA als „Kommunismus“ verunglimpft, den man um jeden Preis bekämpft. (Siehe auch John Perkins als „Confessions of An Economic Hitman“)

Es klingt auf den ersten Blick paradox, aber auch Israel bevorzugt Ahmadinejad gegenüber einem gemäßigten Präsidenten, denn dieser würde die “Bedrohung” für Israel in den Medien weniger glaubwürdig machen und somit die militärische Aggression Israels und seine Rechtsverletzungen (verkauft als als Selbstverteidigung) einigen Boden entziehen. Für einige Beobachter war das Massaker in Gaza nur eine Vorbereitung für den großen Krieg gegen den Iran….Man kann nur hoffen, dass sie Unrecht haben….

In einer Theokratie zu leben ist für uns kaum vorstellbar und es gibt sicher genug Anlass für Kritik, die sich allerdings nicht auf Ahmadinejad, sondern das System an sich konzentrieren sollte. Dennoch ist es nicht fair, den Iran als eine Art Militärdiktatur hinzustellen, um dann als glorreiche Befreier (erinnern wir uns an den Irak…) der Unterdrückten „zu Hilfe zu kommen“ und der Westen sollte sich erst mal um seine eigene „Demokratie“ kümmern, die auch schon im Wachkoma liegt….

Die Doppelmoral hier ist unerträglich: Präsident Mubarak, ein echter Diktator, der immer über 90% der „Stimmen“ erhält (von den Saudis ganz zu schweigen) wird von Präsident Obama mit Küsschen begrüßt, aber Ahmadinejad ist der neue „Hitler“?

“Full Spectrum Dominance” (strategisches Ziel der USA) ist eben kein Konzept, das dem Weltfrieden eine Chance gibt, sondern ein Grund für ewigen Krieg (Wirtschaftskrieg inklusive). Harold Pinter verstand das wie kein anderer .

Kurzfassung:

Wie sagte ein ehemaliger CIA-Agent, der auch an solchen verdeckten Operationen teilnahm:

“We did not give a hoot about democracy….”

Aber dank einer folgsamen Medienherde (gekauft, manipuliert oder geknebelt) wird die Wahrheit einfach ignoriert. So lange, bis sie aufhört, zu existieren (in den Köpfen). Das zeigt sich auch auf dramatische Weise im „Nahostkonflikt“ (siehe dazu meine Artikel über Israel und Palästina).

Pinter:

It never happened. Nothing ever happened. Even while it was happening it wasn’t happening. It didn’t matter. It was of no interest. The crimes of the United States have been systematic, constant, vicious, remorseless, but very few people have actually talked about them. You have to hand it to America. It has exercised a quite clinical manipulation of power worldwide while masquerading as a force for universal good. It’s a brilliant, even witty, highly successful act of hypnosis.”

Wir wissen nicht, was im Iran wirklich passiert ist. Aber wir sollten der „offiziellen Darstellung“ in den Medien mit äußerster Vorsicht begegnen und uns vielleicht einen Satz von Hugo Chavez zu Herzen nehmen (als man versuchte, seine demokratisch gewählte Regierung zu stürzen):

Don’t let them poison you with their lies….

Advertisements

Ein Kommentar zu „Dr.Jekyll and Mr.Hide im Iran

  1. Bah, hier macht sich ein Netz-Ideologe zum Sprachrohr der Herrscher aller Baukräne.

    „BETUCHTE Studenten“ seien die Opposition, aha.
    So betucht wie die Studenten von 1968 bei uns.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s