Bauernopfer: Agrarpolitik und Konsumentenverblödung

Deutsche Milchbäuerinnen campieren vor dem Bundeskanzleramt um auf ihre verzweifelte Lage aufmerksam zu machen. Am Milchaktionstag demonstrierten 25.000 Bauern aus 14 EU-Ländern  gegen die Niedrigpreise:  von 25 cent oder noch weniger können die kleinstrukturierten Betriebe (z.B. in Bayern oder  in vielen Regionen Österreichs) nicht mehr leben.

Woher kommt die Krise in der Landwirtschaft und was kann / muss man dagegen tun?  Was bedeutet es, wenn unsere Lebensmittel wie Industriegüter produziert werden? Welche Rolle spielen die Medien bei der öffentlichen Diskussion, die immer in die gleiche Richtung läuft?

Ein Versuch, die Situation und ihre Ursachen  zu analysieren:

1) SMALL IS BEAUTIFUL? Die großen Verlierer der Globalisierung

Bereits im Jahr 1988 erschien ein Booklet mit dem Titel „Bauernopfer“-Die Auswirkungen eines EG (damals noch nicht EU)-Beitrittes auf die österreichische Landwirtschaft. Darin heißt es:

„Schon jetzt ist … das EU-Preisniveau deutlich unter dem österreichischen und die realen Agrarpreise sinken weiter. Durch die Strukturnachteile der österreichischen Landwirtschaft würde also im Fall eines EU-Beitrittes die Luft für die Bauern noch dünner werden.“

In den folgenden Kapiteln werden dann die Betriebsgrößen in den einzelnen EU-Ländern verglichen, wobei schon damals die eklatanten Unterschiede zwischen Österreich (sowie anderen Regionen mit kleinräumiger Landwirtschaft) und jenen Ländern  ins Auge stachen, die bereits Ende der 80er Jahre einen sehr hohen Industrialisierungsgrad erreicht hatten (z.B. Großbritannien, Niederlande)

Noch schlimmer war die Prognose für die Milchbauern:

Bestände, die eine kostengünstige Milchproduktion erlauben, sind in Österreich nicht vorhanden. Die potentesten Betriebe jeder Sparte können expandieren, während die kleinen, bäuerlichen Familienbetriebe in massive wirtschaftliche Schwierigkeiten kommen werden.“

Für die kleinstrukturierte Milchwirtschaft konnte es nur bergab gehen, weil sich die Preise an den großbetrieblichen Erzeugerstrukturen innerhalb der EU orientieren, die wesentlich billiger produzieren. Dies wird noch verstärkt durch die  höheren Kosten für Milchanlieferung und Erfassung. Außerdem sinkt der Anteil der aus österreichischer Milch gewonnenen Produkte auf dem heimischen Markt und dies kann kaum durch verstärkten Export kompensiert werden.

Trotz dieser negativen Folgen haben sich gerade die christlich-konservativen Parteien für den EU-Beitritt stark gemacht, also jene, die so gerne vom Wert der „Heimat“ und der Familie schwafeln….

2) BULLSHIT AUS BRÜSSEL : Die EU-Agrarpolitik und ihre Folgen

Oberstes Ziel der EU-Agrarpolitik war die ständige Steigerung der Produktivität der Landwirtschaft. Dieses Programm erwies sich mittlerweile als Katastrophe: Die hohen Überschüsse führen natürlich zu einem ständigen Sinken der Agrarpreise (das ist ja auch gewollt, denn die Verarbeiter  und der Handel machen enorme Gewinne)

Wenn Förderungen an Betriebsgrößen gekoppelt sind, werden die Großen gefördert, die kleinen benachteiligt, immer mehr Agrarfabriken sind die Folge. Ausbringung von Millionen Tonnen von Pestiziden und Düngemitteln, Flurbereinigung, immer mehr Maschinen – wofür und um welchen Preis?

Der „Fortschritt“, die sogenannte Grüne Revolution ist in Wahrheit ein Wahnsinn: die höheren Erträge können nur mit gewaltigem Energieeinsatz erreicht werden, die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern (für Düngerproduktion und Treibstoffe) wird immer größer, die ökologischen Schäden sind verheerend, die gesundheitlichen Folgen weitgehend unbeachtet.

Aus einer Greenpeace Studie über die ökologischen Folgen der „konventionellen“ Landwirtschaft:

Vor allem der hohe Energie- und Chemikalieneinsatz gilt im Agrarbereich als Hauptverursacher von Treibhausgasen. Die Studienautoren schätzen den Ausstoß an CO2-Äquivalenten durch die Landwirtschaft auf einen Wert zwischen 8,5 und 16,5 Milliarden Tonnen pro Jahr. Mit 2,1 Milliarden Tonnen CO2-Äquivalenten hat der übermäßige Einsatz von Dünger dabei den größten Anteil. Durch die Überdüngung der Felder entsteht vor allem Lachgas (N2O), das in etwa dreihundert Mal so klimaschädlich ist wie CO2

Was ist das eigentlich für ein „Fortschritt“, wenn man zwar die Erntemenge pro Hektar verdreifacht hat, aber den Energieeinsatz verzehnfacht und die Bodenfruchtbarkeit immer mehr abnimmt? (von der Schädlingsresistenz ganz zu schweigen…)

Dazu kommt noch, dass durch die Abschottung des EU Binnenmarktes für landwirtschaftliche Produkte aus den Entwicklungsländern bzw. das Preisdumping durch billige Importe die lokalen Märkte dort zerstört und die Armut vergrößert werden. Doch wer treibt eigentlich diese verheerende Entwicklung voran? Wer profitiert von diesen Strukturen, die mit demokratischer Wirtschaftspolitik unvereinbar sind?

3) GLOBAL PLAYER:  Die Organisation des Welthandels und der „Freie Markt“

Im Jahr 1995 verabschiedete die WTO ein „Agreement on Agriculture“, das versprach, die Bauern werden von mehr Handel profitieren, ein besserer Marktzugang haben und höhere Preise erzielen. 10 Jahre später die Bilanz:

Weltweit fallen die Preise, weil die Folge des Marktes natürlich ein „race to the bottom“ ist (Preisspirale nach unten -wie auch bei den Löhnen). Allein in den USA mußten mehr als 200.000  Farmer aufgeben, in den Entwicklungsländern waren die Folgen noch verheerender, denn dort gibt es ja keine sozialen Netze: In Indien haben sich in den letzten Jahren mehr als 150.000 Bauern umgebracht, weil sie nach Missernten aus ihrer Schuldenfalle (hohe Kosten für Dünger, Pestizide und Lizenzgebühren für transgenes Saatgut) nicht mehr herauskamen.

Versuche, die niedrigen Preise durch höhere Ernten bzw. Steigerung der Produktivität oder Expansion  zu kompensiere, sind natürlich eine Illusion, denn jede Mengensteigerung reduziert den Preis – die Bauern können also nur verlieren (außer sie haben selbst eine marktdominante Position).

Das System ist also darauf angelegt, dass die Erzeugerpreise weiter fallen, damit die großen Verarbeiter ihre Gewinnspannen und Marktmacht weiter vergrößern können. Das Märchen, dass der „Verbraucher“ am Verfall der Rohstoffpreise schuld sei („geiz ist geil“), wird nur verbreitet, damit die öffentliche Debatte in die erwünschte Richtung gelenkt wird. Natürlich haben wir als Konsumenten eine große Verantwortung, aber die Spielregeln von Produktion und Handel werden von Konzernen und Lobbies gemacht, während die Politik nur mehr als Erfüllungsgehilfe fungiert.

Die absurde Subventionsmaschinerie der EU (auch die USA zahlen Milliarden an ihre Agrofabriken, die den Namen „Bauern“ nicht mehr verdienen) gerät häufig ins Zentrum der Kritik, wenn es um Landwirtschaftspolitik geht. (Mehr dazu im nächsten Beitrag)

Das eigentliche Strukturproblem sind aber nicht die Subventionen, sondern das völlig ungleiche Kräfteverhältnis der „Marktteilnehmer“: DIE KONZENTRATION DER MARKTMACHT in den Händen weniger….

Millionen von Produzenten (Bauern) stehen wenigen Handels- und Verarbeitungsriesen der Lebenmittelindustrie gegenüber. Die großen Foodmultis und Handelsketten wollen natürlich  niedrige Erzeugerpreis und können wegen ihrer dominanten Marktposition ihre Interessen durchsetzen, während die Verhandlungsmacht der Erzeuger (besonders in der 3. Welt) auf verlorenem Posten steht.

Auch die oft zitierte „Macht der Verbraucher“ ist in Wahrheit sehr beschränkt, da ein ausgefeiltes Marketingsystem dafür sorgt, dass der „Konsument“ systematisch verblödet  wird. (Er hat keine Ahnung, was  er eigentlich kauft bzw. welche Folgen der Kauf dieser Produkte hat -mehr dazu im nächsten Beitrag)

Aber nicht nur die großen Food-Multis sind die Gewinner, auch auf nationaler Ebene ist das meiste Geld in der Veredelung zu machen, die Erzeuger  der „Agrarrohstoffe“ werden aber einem immer höheren Preisdruck unterworfen.

Beispiel Kaffee: Raten Sie mal, was ein afrikanischer Kaffeebauer für ein Kilo Kaffee bekommt? Etwa 15 cents. Transnationale Konzerne wie Nestlé zahlen für den Rohkaffee etwa EUR 1.30 pro Kilo, während wir dafür ca. 9 EUR bezahlen – der Produzent erhält also nur ein 60-stel des Kaffeepreises, trägt aber das ganze Risiko (Wetter, Missernten, etc.) und muss seine Familie ernähren, während Firmen wie Nestlé Riesengewinne machen und ihren Aktionären weitere Gewinnsteigerungen versprechen. Da diese Konzerne riesige Mengen abnehmen, könne sie den Produzenten ihre Bedingungen aufzwingen, deshalb brauchen wir das, was Vandana Shiva „Food Democracy“ nennt.

Die Spielregeln für landwirtschaftliche Produktion und Handel müssen auch die Interessen der Bauern berücksichtigen und vor allem ökologische Imperative.  Der Orwellsche Doublespeak von „free trade“ muss ein Ende haben, denn „frei“ ist dabei nur, wer genug Geld und Marktmacht hat, um seine Interessen auf Kosten der Schwächeren durchzusetzen.

Agribusiness statt Landwirtschaft, Hormone, Gentechnik, alles was verspricht, mehr Ertrag  zu erreichen, ist erlaubt. Der gefährliche Einsatz von Wachstumshormonen zur Steigerung der Milchleistung in den USA hat nicht nur gesundheitliche Schäden zur Folge sondern ist auch völlig pervers, denn sie beschleunigt ja den Preisverfall. (Raten Sie mal, wer dieses Hormon verkauft:  Monsanto -klingelt da was?)

Trotzdem pumpt auch die USA jährlich Milliarden in das dortige Agrarsystem, was die Großen noch größer werden läßt und das Prinzip des „freien Wettbewerbs“ letztlich ad absurdum führt. (Marx wußte ja bereits, dass das Zeil des Kapitalismus das Monopol  ist und nicht ein fairer Wettbewerb, das sehen wir ja auch bei den Energieoligarchen…) Trotzdem beten unsere Politiker das Wachstums- und Wettbewerbsmantra herunter – wie lange kann man diese Realitätsverleugnung noch hinnehmen?

WAS MUSS SICH ÄNDERN? Welche Schäden erzeugt das System?

GRUNDPROBLEM: „Marktpreise“ sind künstlich (gesteuert von „Spezialinteressen“ der dominanten Marktteilnehmer) und reflektieren in keiner Weise den tatsächlichen Wert oder  Kostenwahrheit (ökologischen Schäden bzw. im Falle der biologischen Landwirtschaft deren Vermeidung), die durch die Produktion und den weltweiten Handel entstehen.

Derzeit zahlen wir dreimal – aber nur der Verkaufspreis wird als solcher wahrgenommen: 1) für die Milliarden Subventionen 2) für die Umweltschäden aus Herstellung, Verarbeitung und Transport und 3) für die Handelsspannen (Marketing, Vertrieb, etc.) Durch die „Externalisierung“ der  versteckten Kosten wird klar, dass Bioprodukte eben nicht „teurer“ sind, sondern nur scheinbar mehr „kosten“. (Diese sollten natürlich in erster Linie regionalen Ursprungs sein, um die Transportemissionen so gering wie möglich zu halten)

Dass der Verbraucher fast 75% des Milchpreises für Marketing und Vertrieb zahlen muss, dem Bauern aber zu wenig zum Leben bleibt, bzw. eine artgerechte Tierhaltung nicht mehr finanziert werden kann, wer hat das bestimmt?  Viele Kunden sind bereit, mehr zu zahlen, wenn sicher gestellt ist, dass dieses Geld auch dem naturnah wirtschaftenden Produzenten bleibt und nicht in Form höherer Gewinne dem Handel zugute kommt.

Deshalb muss es Mindestpreise für Milch geben auf Basis unterschiedliche Qualitätsklassen, wobei die ökologische, kleinräumige Landwirtschaft die höchste Klasse darstellt und die industrielle Milchviehhaltung (Kühe stehen immer im Stall, werden mit eiweißreichem Kraftfutter (z.B. transgenes Soja aus Brasilien, das hohe Umweltschäden verursacht) zu immer höheren Milchleistungen angetrieben) die niedrigste, weil man eben auch die ökologischen Kosten in Rechnung stellen muss.

Immer war von Strukturwandel die Rede, aber wie soll die gewünschte Endstruktur eigentlich aussehen? Strukturwandel ist doch kein Ziel, sondern nur ein Mittel, aber wofür? Das vorrangige Ziel der Versorgungssicherheit ist nicht nur schon längst erreicht, sondern mehr als überschritten worden. Es werden gewaltige Überschüsse produziert, die dann – exportiert zu Dumpingpreisen und gestützt mit hohen Subventionen – in wirtschaftlich schwächeren Ländern die lokale Produktion ruinieren (z.B. der Mais aus den USA, der in Mexiko dank „free trade“ (NAFTA) die einheimischen Bauern verdrängt hat).

Das Auftreten von BSE, Geflügel- u. Schweinepest, der SARS-Erreger, das alles sind Symptome eines irrsinnigen Systems, indem Tiere als reine Produktionsmaschinen möglichst kostengünstig zu Höchstleistungen getrieben werden.

Das Märchen, dass die „Vogelgrippe von Wildvögeln stammt, wurde nur verbreitet, damit die Massentierhaltung nicht unter Beschuss gerät. Ausserdem wurde durch die „Stallpflicht“ noch erreicht, dass ausgerechnet die Freilandhaltung der Biobetriebe als Gefahrenquelle präsentiert wurde, was völlig absurd ist. Recherchiert man  die Hintergründe der Krankheit, wird schnell klar, dass natürlich in den brutalen Haltungsbedingungen (tausende Tiere auf engsten Raum, also Dauerstress für die Tiere) ein idealer Nährboden für Epidemien geliefert wird. Diese Viren kommen zwar auch in Wildpopulationen vor, aber nur in den widerlichen Mastanstalten finden sie optimale Bedingungen or, um zu mutieren bzw.ist das geschwächte Immunsystem dieser gequälten Tiere nicht mehr in der Lage mit diesen Pathogenen fertig zu werden. Die routinemäßige Verabreichung von Antibiotika in diesen Tierfabriken hat ja bereits auch zum Entstehen multiresistener Bakterienstämme geführt.

Dass die EU Bürokraten die Realität verleugnen und Heuchler sind, wenn es um die EU als „Wertegemeinschaft“ geht,  beweist der Artikel III – 121 der EU Verfassung (die jetzt nicht mehr so heißt, um den Widerstand dagegen zu unterminieren…):

„…die Maßnahmen der EU im Hinblick auf Landwirtschaft, Fischerei, Verkehr, etc. tragen den Erfordernissen des Wohlergehens der Tiere als fühlende Wesen in vollem Umfang Rechnung.“ (!)

1992 kam es zwar zu einer Reform der EU Agrarpolitik, aber der vorliegende Entwurf der EU „Verfassung“ belehrt uns eines besseren. Der Binnenmarkt und ein grenzenloses Konkurrenzprinzip werden in den Verfassungsrang erhoben und alles hat sich dem unterzuordnen. Die sehr unterschiedliche Situation der einzelnen Volkswirtschaften, ihrer Landschafts- und Betriebsstrukturen verlangt eigentlich eine sehr differenzierte EU-Agrarpolitik, aber natürlich werden alle über einen Kamm geschoren. Der Markt regiert und alle tun so, als wäre das ein Naturereignis, eine natürliche Entwicklung. Der Handel, der natürlich von niedrigen Erzeugerpreise profitiert, argumentiert immer gleich:

Die Preise bilden sich nach den Prinzipien des Marktes und darauf müssen sich alle einstellen.

Sagt wer? Die „Marktherrschaft“ ist jedoch Folge massiver wirtschaftspolitischer Intervention und nicht ein unvermeidbarer Naturzustand. Wenn wir erkennen, dass die Folgen dieses Marktes (Carl Amery spricht von der neuen „Reichsreligion) ein „race to the bottom“ ist und letztendlich die Zerstörung der sozialen Kohäsion in der Gesellschaft bewirkt, die Unterwerfung aller Prinzipien unter das Profit-/ Rentabilitätsprinzip, die Gesellschaft zu einem riesigen Warenhaus degradiert, müssen wir das System ändern. Nicht die Gesellschaft muss sich der Wirtschaft, also dem Markt anpassen, sondern umgekehrt. Die totale Ökonomisierung unserer Gesellschaft ist die Krankheit, an der wir leiden.

Nicht der Bauer muss sich dem System unterwerfen, sondern das System muss dem Wohl der Bauern (und somit uns allen durch gesunde Lebensmittel und intake Natur) dienen. Menschen sind doch mehr als Produktionsfaktoren und das BSP und der „Wettbewerb“ sind nicht das Maß aller Dinge.

Demokratisch nicht legitimierte Organisationen wie die WTO, der IWF und die Weltbank und vor allem die Finanzmärkte haben seit einiger Zeit mehr Einfluß auf die Entwicklung und Richtung der Wirtschaftspolitik, als nationale Regierungen. Die Prediger des „Marktes“  (und ihre in „Think Tanks“ organisierten Jünger) sollen eine Politik legitimieren, die den dominanten Marktteilnehmern erlaubt, ihre Interessen auf Kosten  vieler anderer durchzusetzen und die sozialen Verwerfungen, die daraus entstehen, einer fehlenden „Flexibilität“ der Betroffenen zuzuschreiben…

Doch diese mächtigen Akteure kommen in den medialen Debatten über Bauernsterben und Strukturwandel so gut wie nie vor, warum wohl? Stets ist nur von Produzent und Konsument bzw. Angebot und Nachfrage die Rede.

So hat man uns vor einiger Zeit den Bären aufgebunden, der plötzliche Anstieg bei Milch- und Butterpreisen, sei das Resultat eines stark gestiegenen Verbrauchs in Asien (vor allem China) gewesen. Das ist völlig absurd, denn diese Preise stiegen über Nacht und sind ebeno schnell wieder gefallen. Der Butter- und Milchpulverkonsum in China dürfte sich aber nicht so plötzlich geändert haben.

In Wahrheit werden diese Preise natürlich manipuliert: teilweise durch effektive PR, teilweise durch Börsenspekulationen (z.B. bei Getreide), die durch skandalöse Praktiken wie „naked short selling“ mittlerweile zur Routine geworden sind.

Wir brauchen in der Landwirtschaft ein „Supply- und Qualitätsmanagement“. Ökologische Anbaumethoden, kleinere Einheiten, regionale Versorgng, Artenvielfalt müssen gefördert werden, Massenproduktion benachteiligt. Die Landwirtschaft, darf nicht wie ein Industriebetrieb geführt werden –Agriculture statt Agribusiness. Der ungebremste Markt kann die massiven Probleme nicht lösen, im Gegenteil er ist zentraler Teil des Problems.

„Man kann nicht ein Problem mit derselben Denkweise lösen, durch die es entstanden ist“. (Albert Einstein)

Dieser Satz drückt aus, welche religiösen Züge mittlerweile die „Marktwirtschaft“ angenommen hat.  Die massiven Probleme, die durch die Anhimmelung des „Marktes“ als oberstes Prinzip entstanden sind (Klimawandel, soziale Konflikte, Zunahme von Armut und Ungleichheit, nicht zu vergessen die „liberalisierte“ Finanzmafia, die uns die größte Wirtschaftskrise seit 70 Jahren beschert hat), werden durch Symptombehandlung bekämpft, aber das System selbst darf nicht angetastet werden.

Der „freie Markt“ hat u. a. dazu geführt, dass die fünf weltweit am meisten gehandelten landwirtschaftlichen Rohstoffe (Weizen, Mais, Soja, Reis, Baumwolle) von den großen Tradern bis zu 50% unter dem Erzeugerpreis gehandelt werden, man spricht von „agricultural dumping“. Diese Preisspirale nach unten ist für die Erzeuger mörderisch, aber für die Verarbeiter ein Traum. Nestlé, Unilever und Kraft Foods haben Grund zur Freude – die Bauern auf der ganzen Welt nicht. Und die Verbraucher auch nicht, denn wenn auch manches billiger geworden ist, die versteckten Kosten (Soziales Elend in armen Ländern, die wenig Verhandlungsmacht haben; Umweltschäden und gesundheitliche Risiken, überall die gleichen Marken und Produkte, künstliche Aromen u. Farbstoffe, hohe Raffinierung statt natürlichem Geschmack) sind hoch.

Dringend erforderlich ist deshalb ein Paradigmenwechsel: Der Markt als oberstes, alles regulierende Prinzip einer Gesellschaft funktioniert eben langfristig nicht. Prämissen, auf denen die großen Wirtschaftstheoretiker ihre Thesen aufbauten (z.B. Ricardo mit seinem komparativen Kostenvorteil) sind längst überholt, weil man damals Kapital als immobil betrachtete und sich die Liberalisierung der Finanzmärkte kaum vorstellen konnte.

Auch das ewige Herunterbeten des obersten Wirtschaftsmantras „ Wachstum ohne Ende…“ muss endlich als das erkannt werden, was es ist: eine gefährliche Illusion. Wachstum ist ein Begriff aus der Biologie und dort Teil eines natürlichen Kreislaufes von Geburt, Reife und Tod. Ständige Steigerung von Produktivität und Output ist unvereinbar mit den Gesetzen der der Ökologie und der Biokybernetik. Ein System, das ständig expandieren muss, um zu überleben, hat langfristig keine Chance (…das Prinzip einer Krebszelle…)

Warum muss z.B. ein Bauer aus Bayern mit Bauern aus anderen Ländern u. Kontinenten konkurieren? Länder, mit völlig verschiedenen Volkswirtschaften und agrarischen Strukturen werden gegeneinander ausgespielt, davon lebt der Markt. Ich zahle gerne 2 Euro für die Milch[1], wenn sie von Kühen kommt, die noch in kleinen Gruppen auf einer Weide stehen dürfen, die sich in einem intakten Ökosystem befindet und der Bauer für seine Arbeit einen fairen Preis bekommt.

Der „Marktwert“ der Milch ist fiktiv und interessiert mich eigentlich nicht. Dass die Arbeit der Bauern, gesunde und wohlschmeckende Lebensmittel zu produzieren gesellschaftlich wichtiger (vielleicht am wichtigsten ist) ist, als jene der Manager, Talk-Show Moderatoren und Sportler ist klar. Wieso bekommen die einen dann so wenig und die anderen so viel?

Die Werteskala in der market society ist völlig ver-rückt. Die Wirtschaft fordert Flexibilität und trägt selber ihre Dogmen wie einen Mühlstein um den Hals. It´s time for a change….


[1] Ich kaufe Milchprodukte nur aus biologischer, überwiegend heimischer Landwirtschaft.

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Ein Kommentar zu „Bauernopfer: Agrarpolitik und Konsumentenverblödung

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