Engineering Consent: Wie die israelische PR unsere Medien beeinflusst

Am Beispiel einiger Zitate aus dem STANDARD möchte ich zeigen, wie einfache sprachliche Formulierungen dazu dienen können, Meinungen zu beeinflussen. Diese Beeinflussung kann absichtlich oder unbewusst erfolgen. Ich betone aber auch, dass ich hier weder einer bestimmten Zeitung noch einem  bestimmten Journalisten irgendwelche unlauteren Motive unterstelle.

Ich gehe davon aus,  dass sich der STANDARD (vielleicht die beste Tageszeitung Österreichs) um eine ausgewogene Berichterstattung bemüht, wie auch  andere Zeitungen. Meine Ansicht ist eher, dass viele Journalisten selbst Opfer der PR wurden (in ihrer Wahrnehmung des Konflikts). Ich denke, die Dämonisierung der Hamas hat sich schon so in den Köpfen festgesetzt, dass selbst Journalisten, vielleicht unbewusst, bei der Formulierung ihrer Texte davon beeinflusst werden.

Der Standard hat auch seinerseits zum Thema israelischer Spin und Propaganda  Kommentare veröffentlicht. Einer davon heißt „Willkommen im Wahrheitsministerium Jerusalem“ (natürlich eine Anspielung auf Orwells „Ministry of Truth“) und ist sehr zu empfehlen.

Hier einige Textstellen, die ich notwendigerweise zitieren muss, um darüber schreiben zu können. Eine Verletzung irgendwelcher Urheberrechte sehe ich darin nicht.  Der ganze Artikel kann hier nachgelesen werden:

Olmert: Israel nähert sich den Zielen“  – 12.01.2009

In der Printausgabe vom 12. Jänner war auch auf der Titelseite eine kleine Meldung über Gaza: Heftige Kämpfe um Gaza-Stadt“. Ich konnte dafür keinen Weblink finden, weise aber darauf hin, dass die ersten beiden Zitate aus dieser Meldung stammen). Ich würde gerne den ganzen Text hier darstellen, möchte aber das Copyright nicht verletzen. Deshalb nur die Zitate. Die Hervorhebungen (Fett / Farbe) sind von mir.

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Zitat 1:

„An den heftigsten Gefechten seit Beginn der Offensive beteiligen sich Kämpfer der Hamas und des Islamischen Jihad. Laut einem Arzt setzt Israel auch Phosphorgranaten ein, die zu schweren Verbrennungen führen. Die Armee dementierte das  jedoch.“

Kommentar: Durch Kombination der ersten beiden Sätze wird der Einsatz von verbotenen Waffen mit der „fanatischen Gewalt“ islamistischer Kämpfer assoziiert.  Dass diese Waffen im überfüllten Gazastreifen natürlich in erster Linie Zivilisten treffen müssen, wird als Kontext lieber weggelassen.

Wenn Israel unmoralische Handlungen, ja schwere Kriegsverbrechen vorgeworfen werden, wird sofort ein Dementi präsentiert, um die Behauptung zu entkräften und zumindest Zweifel beim Leser aufkommen zu lassen. Das Dementi kann man natürlich als Beweis für „ausgewogene Berichterstattung“ sehen, aber warum kommt dann nie eins, wenn der Hamas Greueltaten unterstellt werden?

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Zitat 2:

„Hamasführung bleibt dabei, dass man weiter Raketen abschießen würde, so lange die Übergänge geschlossen sind.“

Kommentar: Kontext fehlt völlig – Der Waffenstillstand wurde von Israel in zweifacher Hinsicht gebrochen:

(1) Öffnung der Grenzübergänge war Bedingung und wurde von Israel nicht erfüllt.

(2) Israel hat die Feuerpause gebrochen, indem es am 4. November in den Gazastreifen eindrang und 6 Hamasmitglieder tötete.

(3) Die Forderung der Hamas, die Grenzen zu öffnen sind völlig legitim und die Weigerung  Israels ein Verstoß gegen die UN  Menschenrechtsdeklaration,  Art. 13/2, Res. 217A (III)  vom 10.12.1948) :

Everyone has the right to leave any country, including his own and to return to his country.“

Suggestion: Hamas ist wieder einmal ein Hindernis für Frieden…..

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Zitat 3:  „Olmert wiederum wies am Sonntag vor dem Ministerrat in Jerusalem indirekt die Waffenstillstands-Resolution  der UNO zurück.Sein Land werde niemanden darüber entscheiden lassen, ob es sich gegen jene wehren dürfe, die „Bomben auf unsere Kindergärten und Schulen werfen„, sagte Olmert.“

Kommentar: Der Ausdruck „wies indirekt zurück“  verharmlost die moralische Dimension dieser Haltung. Israel ist als Mitlied der UN verpflichtet, diese Beschlüsse zu respektieren. Wir wissen aber alle, dass das Land seit seiner Gründung sämtliche Resolutionen ignoriert hat und sich damit über das Völkerrecht stellt, also eigentlich das Verhalten eines Schurkenstaates hat (wie die israelischen  Wissenschaftler Avi Shlaim,  Ilan Pappe und Neve Gordon  auch feststellen.)

Durch ständige Wiederholung der scheinbar harmlosen Sätze Olmerts (die die Medien schön brav abdrucken ohne ihre manipulative Wirkung zu kommentieren) wird das „Framing“ („Selbstverteidigung“ als Slogan) weiter verstärkt: Israel als Opfer, Israel als Beschützer seiner Kinder, etc. Dass die IDF zur gleichen Zeit hunderte palästinensische Kinder auf grausame Weise getötet hat, wird dabei erfolgreich ausgeblendet. Der gewünschte – und dank unserer folgsamen Journalisten – auch erreichte Effekt ist natürlich, dass die Gewalt Israels moralisch höherwertig gesehen werden soll (defensiv), während die der Hamas nur mit finsteren Motiven beladen wird.

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Zitat 4:

„In der Nacht auf Sonntag hatten die Israelis nach eigenen Angaben rund 60 Ziele aus der Luft angegriffen. Darunter bewaffnete Kommandos, Waffenlager, unterirdische Tunnels und eine Moschee in Rafah, die auch als Trainingscamp gedient haben soll.“

Kommentar: Hier wird wieder israelische PR wiedergegeben. Man glaubt, seiner journalistischen Ethik genüge getan zu haben, durch Formulierungen wie „nach eigenen Angaben“, die aber natürlich dem Gesamtbild (Framing) keinen Abbruch tun. Die Dämonisierung der Hamas ist bereits soweit fortgeschritten, dass die Leser sehr geneigt sind, Meldungen, die dieses Zerrbild verstärken, als wahr zu akzeptieren.  Man hätte auch schreiben können: Die Bombardierung einer Moschee sowie aller anderen zivilen Einrichtungen der Hamas Regierung stellt ein Kriegsverbrechen dar (egal zu welchen Zwecken sie „angeblich“ genutzt wurde). Stattdessen: Reine Spekulation (und PR), dass ein Gotteshaus für üble Zwecke missbraucht worden sei, damit seine Bombardierung als legitim erscheint. „Gedient haben soll“ bedeutet letztendlich, dass dieser Spin von Israel verbreitet wurde.

Wie diese israelische PR die Wahrnehmung verzerrt und von den Medien transportiert wird, beklagt auch der israelische Friedensaktivist Uri Avnery (Gush Shalomhier.

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(Kontext: Heftige Straßenkämpfe in Gaza, etc.)

Zitat 5: „Die Israelis warfen auch Panzer und Hubschrauber in die Schlacht, die Hamas setzte Anti-Panzer-Raketen und Mörsergeschützte ein.“

Kommentar:  Die Suggestion ist –  hier stehen sich vergleichbare militärische Kräfte gegenüber. Wir wissen aber, dass sich hier ein jüdischer Goliath und ein palästinensischer David gegenüberstehen.  (siehe auch Avi Shlaim im vorhergehenden Beitrag)

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Zitat 6:

Die Palästinenser meldeten bis zur Tagesmitte mindestens 26 Tote. Der Anteil der zivilen Opfer ist dabei schwer zu bemessen, weil es zur Taktik der Hamas gehört, die eigenen Verluste geheim zu halten. Nach israelischen Schätzungen könnten seit Beginn der Militärkampagne schon bis zu 500 Hamas-Männer getötet worden sein.

Die Hamas ihrerseits verbreitet, das sie noch 10.000 Kämpfer in Reserve habe, etc…(gekürzt)“   (Absatz endet mit Hinweis auf Verringerung der Raketenabschüsse nach Israel)

Kommentar: Der Ausdruck „weil es zur Taktik  der Hamas gehört“ suggeriert (im etablierten Frame der Unmoral und der Hinterhältigkeit) wieder, man könne der Hamas kein Vertrauen entgegen bringen. Der Ausdruck -an sich ja harmlos – wird praktisch nie verwendet, wenn es um Israel oder die  IDF geht. Typisch auch „verbreitet“ für Hamas (was natürlich an Propaganda erinnert) aber „nach israelischen Schätzungen“. Nach „Einschätzungen der Hamas“ habe ich noch nie gelesen…

fathercarryingdeadboy

Zu der Aussage, der Anteil der zivilen Opfer sei schwer zu bemessen, hier ein Vergleich:

Quelle: THE IRISH TIMES vom 13. Jänner 2009:

Vertreter der Gesundheitsbehörde in Gaza sagten gestern, dass die Zahl der getöteten Palästinenser 917 erreicht hat und die Zahl der Verletzten 4.100.  Man rechnet damit, dass die Zahl der Opfer stark ansteigen wird, weil israelische Panzer und Truppen in sehr dicht besiedelte, urbane Gebiete im Norden vordringen und israelische Bomber ihre Angriffe im Süden intensivieren.

Basseem Naeem, Gesundheitsminister der Hamas-Regierung sagte, dass etwa 380 der Todesopfer Frauen und Kinder seien. Israelische Quellen sagten, 300 Kämpfer seien getötet worden, eine Zahl, die auch 187 Polizisten (die als Zivilisten zu werten sind) einschließen könnte, die bei der ersten Bombardierung ums Leben kamen. Das würde bedeuten, dass ZWEI DRITTEL der Opfer Zivilisten sind, darunter nach offiziellen  Angaben sehr viele Kinder. Was nicht verwunderlich ist, denn die Hälfte der Bevölkerung in Gaza ist jünger als 15 Jahre.“

Kommentar:  Das klingt doch ganz anders, oder? Denn der Leser wird daran erinnert, dass Hamas ja auch eine Regierung ist, die gewählte Vertreter und Behörden hat und es wird nicht ständig das Image des „fanatischen Kämpfers“ verstärkt. Für beide Seiten wird der Ausdruck „sagt“ verwendet, sodass keine latente und suggestive Bewertung der Authentizität der Aussagen stattfindet.  Zu den Zahlen und Fokussierungen:

Segenreich:

„26 Tote bis zur Tagesmitte“; es könnten bis zu 500 Kämpfer getötet worden sein“

Jansen: „917 Tote, davon etwa 380 Frauen und Kinder, 4.100 Verletzte“; Man kann  davon ausgehen, dass 2/3 der Toten Zivilisten sind, darunter viele Kinder.

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Hier wird klar, welche unterschiedlichen Wege beschritten werden und wir sehen auch, dass es eine echte  Neutralität der Presse  natürlich nicht geben kann, das begreift jeder, der nur einen Funken von Psychologie und Neurologie versteht.  Jeder Journalist schreibt im Rahmen seines persönlichen Wertesystems, seiner persönlichen Wahrnehmung (die ja auch Ziel der PR ist) und natürlich auch im Rahmen der „Linie“ des Blattes.

Die Redaktionen werden natürlich auch von Lobbyisten unter Beschuss genommen, wie der Standard ja auch selbst beklagt hat (The Israel Project) nd

Übrigens, die International Federation of Journalists sandte kürzlich folgende Meldungen aus:

  • Jan. 12: Brief and UN-Generalsekretär „Israeli Targeting of Media in Conflict Zone and Denial of Access to Gaza“

Dass Israel auch Pressevertreter und Mediengebäude bombardiert, ist ja leider nichts neues… (Irak, Libanonkrieg, etc.)

Ich verstehe, das Konzept der „Ausgewogenheit“ insofern nicht, als dabei die Frage von Recht und Unrecht bzw. von wahr und unwahr mehr oder weniger ausgeblendet wird.

Die historischen Fakten sagen eindeutig, dass den Palästinensern ein gewaltiges Unrecht angetan wurde und zwar seit mehr als 60 Jahren.  Robert Fisk, dessen wunderbares und gleichzeitig bedrückendes Buch „The Great War for Civilisation / The Conquest of the Middle East“ man wärmstens empfehlen kann hat das Verhalten Israels und auch der Europäer (seit der Kolonialzeit) gegenüber den Palästinensern (und auch anderen arabischen Völkern) mit einem Wort zusammengefasst: Betrayal, also Verrat. Wobei man fairerweise auch betonen muss, dass die Rolle der arabischen Staaten auch nicht sehr rühmlich war (vor allem Jordanien und Ägypten, die zuerst den „britischen Einfluss  in der Region“ und später den amerikanischen nie mehr loswurden.  Von Saudi-Arabien ganz zu schweigen…..

Das Prinzip der Solidarität, dass meines Wissens im Islam einen sehr hohen Stellenwert hat, wurde hier erfolgreich von macht- und geopolitischen Interessen erschlagen. Aber – who am I to complain – ? Hier in Europa hat man uns ja auch gründlich entsolidarisiert…..

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Dieses Zitat von Robert Parry habe ich schon mehrfach gebracht, aber ich wiederhole es trotzdem, weil es so wichtig ist:

„Jetzt ist klar, dass eine Doppelmoral zum Thema „Terrorismus“ nicht nur

eine Verletzung der journalistischen Ethik darstellt,

oder einen Akt politischer Feigheit

sondern auch Komplizenschaft zu Massenmord.

Ohne diese Doppelmoral kann man sich schwer vorstellen, wie das Blutbad im Irak, im Libanaon 2003 und jetzt in Gaza möglich wären.

Heuchelei zum Begriff „Terror“ ist nicht nur ein unschuldiges Streit über Semantik. Diese Heuchelei bringt Menschen um.“



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