Israels „Notwehr“: Macht über Meinungen

Facts  Do  Not Cease  To  Exist  Because  They  Are  Ignored.

Aldous Huxley

Botschaft jüdischer Siedler in Hebron

Waren das jüdische Siedler in der West Bank?

isracis

Die  heftigen Wortgefechte in den Lesermeinungen zur „Notwehr“ Israels (DER STANDARD)  zeigen, wie polarisiert die Debatte ist und hinterlassen den Eindruck, dass die meisten wenig Ahnung davon haben, was im Nahen Osten wirklich passiert ist. Kein Wunder, denn die israelische PR-Maschinerie ist sehr effektiv. Das weit verbreitete Wiederkäuen dieser Slogans, das den Leuten natürlich nicht bewusst ist, sollte aber zum Anlass genommen werden, auf der Metaebene zu diskutieren und zu versuchen, die dahinter liegenden Strategien zu entlarven.

Ich versuche das mit Hilfe der weisen Erkenntnisse, die uns der englische Schriftsteller Aldous Huxley hinterlassen hat. Der Autor von Brave New World hat schon vor vielen Jahren die Kunst der Propaganda, heute „public diplomacy“, also der Manipulation der öffentlichen Meinung durch Steuerung der Wahrnehmung analysiert. Ich verwende daraus Textauszüge (meine Übersetzung) und ergänze sie mit einigen Beispielen, die nach meiner Ansicht in der Medienstrategie Israels erkennbar sind und sich als „Spiegelbild“ in den Leserreaktionen wiederfinden. Methoden der Propaganda (nach Huxley) werden dabei als Überschriften verwendet:

1 – Falsche, Verstümmelte und Unvollständige (Unterdrückung von) Information:

Die mediale Darstellung der Ereignisse im Nahen Osten ist völlig verzerrt und sehr selektiv, sodass  Ursache und Wirkung, Provokation und Reaktion für den Empfänger nicht zu unterscheiden sind, die Bewertung aber  fast immer zugunsten Israels ausfällt und die Hamas dämonisiert. Ich habe dies anhand der mit großem PR-Aufwand verkauften „Entführung“ von Gilad Shalit auf meinem Blog konkret erläutert.

Ein weiteres wunderbares Beispiel für das semantische „Management der Wahrnehmung“ ist die Phrase: „Israel hat sich zur Gänze aus dem Gazastreifen zurückgezogen„, die auch in den Lesermeinungen vertreten war.

  • Israel hat zwar seine militärische Präsenz in Gaza beendet und die jüdischen Siedlungen geräumt (und zerstört), aber NIEMALS die effektive Kontrolle darüber aufgegeben, wie Herr Rotter richtig bemerkte. Israel hat Gaza in ein Open-Air Gefängnis verwandelt, ein Ghetto, dessen Bewohner völlig von ihren „Bewachern“ abhängig sind. Auch der letzte UNHRC-Bericht (siehe weiter unten) streicht das heraus: (Seite 7-13):

Ob ein Gebiet nach internationalem Recht besetzt ist oder nicht, hängt davon ab, WER es tatsächlich kontrolliert, nicht davon, dass militärische Kräfte anwesend sind.“

Um die verzweifelte Situation in Gaza und die Unmenschlichkeit der israelischen Regierung bewerten zu können, muss man diese Berichte gelesen haben. Jeder kann eine Meinung haben, die Frage ist nur: worauf gründet diese? Auf Fakten oder Desinformation und Ignoranz?

Ein weiteres, sehr erfolgreiches Produkt der USraelischen PR ist die Darstellung, dass die Hamas „die Macht in Gaza an sich gerissen habe“ und die Bevölkerung quasi versklavt wurde.

Aus den Leserrepliken: „Hamas hält Palästinenser als Geiseln“, sie „leiden unter Hamas“ und man würde durch „Nichtverurteilung der Hamas dieses Elend auch noch rechtfertigen“. Die Dämonisierung der Hamas war so erfolgreich, dass man ihr inzwischen jede Menschlichkeit aberkannt und sie zum islamistischen Godzilla erklärt hat. Es KANN gar nicht sein, dass die Hamas vielleicht aufrichtiger und moralischer ist, als die israelische Regierung (ganz zu schweigen von der IDF). Gewalt der Hamas ist per se BÖSE. Die Gewalt Israels ist dagegen GUT – man tötet in Notwehr und nur für den guten Zweck. Diese Rollenverteilung darf nicht angezweifelt werden.

IGNORIERT: Die Hamas wurde in der einzigen demokratischen Wahl im Nahen Osten von mehr als 50% der Palästinenser gewählt, weil die korrupte PLO nach der gezielten Demontage und Demütigung Arafats durch die israelischen Hardliner kein Ansehen mehr hatte. Hamas ist eine politische Partei, eine soziale und religiöse Organisation und nicht nur eine militante Gruppe, die gegen die israelische Besatzung kämpft. Sie wurde anfangs von Israel unterstützt (Bau von Moscheen, Schulen, sozialen Einrichtungen) um einen Rivalen für die PLO aufzubauen und den Widerstand durch Spaltung der palästinensischen Führung zu schwächen, was ja auch gelang.

Wie die Hamas von USrael als medialer Sündenbock für die eigenen, gezielten Sabotageakte des „Friedensprozesses“ (Orwell ist nichts dagegen…) benutzt wird, hat David Rose in seinem gründlich recherchierten Artikel in Vanity Fair ausgiebig geschildert (ohne sie dabei von ihren eigenen Schandtaten zu exkulpieren): Der Versuch, einen Bürgerkrieg in Gaza auszulösen, in dem man Fatah Waffen lieferte und einen agent provocateur (Dahlan) engagierte, scheiterte zwar, aber der gewünschte PR-Effekt wurde erreicht, nachdem die Hamas die gekauften Aufrührer der Fatath besiegt hatte.  Dies wurde medial als eine Art coup d’état präsentiert: Wieder ein „Beweis“ für die Ruchlosigkeit der Hamas, die nur die Sprache der Gewalt versteht….

xmas1Während in internationalen  – noch nicht kontrollierten Medien – immer wieder darauf hingewiesen wurde, dass alle Friedensouvertüren der Hamas ignoriert oder torpediert wurden – durch israelische Gewalt und Hinterhältigkeit – haben die Medien hierzulande diese Fakten ignoriert und so hat sich hier das(von Israel) erzeugte Image  bereits in die Hirne eingebrannt:

Hamas ist an allem schuld, Hamas ist nur mehr TERROR / TERRORIST, / TERROR-Organisation. Darauf wird alles reduziert –  der historische Kontext für die Gewaltausbrüche im Nahen Osten wird in Quarantäne  geschickt. Das Wort hat einen Brainwashing-Effekt, weil es Gefühle auslöst (Angst, Abscheu, Wut) und den Verstand ausschaltet und seit 9/11 kommt natürlich noch die Islamphobie dazu, die alle Muslime unter Generalverdacht stellt. Da gibt es nichts zu reden, man braucht die Vertreter einer „Terrorgruppe“ (einer bestimmten Kategorie von Menschen) nicht zu Wort kommen lassen, sich nicht genauer anschauen, was sie wirklich tun und sagen (auch Gutes) – auf diese Fairness (zuerst die Fakten anschauen, dann verurteilen) haben sie keinen Anspruch; und warum auch; man „weiß“ einfach, was diese Unmenschen denken und wollen…..

Ist das nicht das gleiche Denkmuster (besser: Unfähigkeit, noch selbständig zu denken), aus dem der Anti-Semitismus (und der Rassismus an sich) hervorging?

Strategisch gedacht, war der Wechsel von der PLO zur Hamas (aus Sicht der PR) sehr willkommen  für Israels PR-Spezialisten und Hardliner, weil man die öffentliche Meinung  im Kampf gegen „islamistische Terroristen“ viel leichter für sich einnehmen kann als gegen den „Friedensnobelpreisträger“ Arafat….

Leserrepliken: Der Gipfel der Ignoranz,  – die wohl auch aus dieser PR-Strategie erwachsen ist – ist hier die Meldung aus der aristokratischen Ecke, die die vernünftigen Ausführungen Rotters allen Ernstes mit der Appeasement-Politik gegenüber Hitler vergleicht!  Die Hamas mit der NSDAP auf eine moralische Ebene zu stellen,  scheint der neueste Twist der Greuel-PR zu sein, die Israel verbreitet (im ZiB2 Interview hat der israelische Botschafter ja ähnliche Töne anklingen lassen, als Herr Wolf darauf hinwies, die Hamas sei eine demokratisch gewählte Regierung (was Israel nicht davon abgehalten hat, die gewählten Abgeordneten 2006 dutzendweise ohne rechtliche Grundlage zu inhaftieren.

Auch das Beispiel eines Lesers „nehmen wir an, dass die Wiener St.Pölten beschießen, weil sie verfeindet sind“ zeigt, dass die Vorgeschichte, also der kausale Zusammenhang, erfolgreich aus den Gedankengängen eliminiert wurde.  Der Startpunkt ist immer: die Hamas beschießt Israel mit Raketen, was Israel den Palästinensern vorher seit Jahrzehnten angetan hat, interessiert nicht. Hier setzt meine einzige, aber heftige Kritik (an Rotter) an: Die Frage WODURCH die Gewalt ausgelöst wurde und wer sie provoziert hat ist DAS THEMA überhaupt und auch der Begriff der „Notwehr“ oder Selbstverteidigung unterliegt einer Beweisführung. Jeder Strafrichter beurteilt die Schwere einer Tat auch nach den Motiven und selbst die UNHRC betont inzwischen, dass man blinden Terror vom gewalttätigen Widerstand gegen eine Besatzungsmacht oder ein Apartheidregime unterscheiden müsse (Seite 6: „acts of terror must be seen in historical context“) umso mehr, weil Israel selbst dieses Argument für sich in Anspruch nimmt:

Dass der jüdische Staat selbst aus Terror geboren wurde, muss tunlichst aus der Debatte herausgehalten werden. Dass Israel – nach meiner Kenntnis – die einzige „Demokratie“ ist, in der ehemalige Terroristen später Regierungsmitglieder wurden (Begin, Shamir) hat auch nicht zu interessieren. Dass Terroristen der IRGUN (die Mörder von Lord Moyne, während der britischen Mandatszeit) 1975 ein Staatsbegräbnis erhielten, macht auch nichts.  Dass die jüdischen Terroristen (die sich selbst natürlich Freiheitskämpfer nannten, wie die Hamas, obwohl die Briten ein Mandat hatten und ihnen durch die Balfour Declaration ja erst die „Heimstätte“ in Palästina ermöglicht wurde) nie Reue gezeigt haben, weil sie so überzeugt sind, dass diese Morde „notwendig“ waren, um ihre politischen Ziele zu erreichen, darf natürlich auch nicht in die mediale Debatte des Nahostkonfliktes einfließen.

Dass Israel durch eigenen Terror, pardon „gezielte Tötungen zahlreiche Hamas-Führer ermordet hat, (wobei oft unschuldige Zivilisten und Kinder getötet wurden), und darauf stolz ist,  wird auch (mit Hilfe der Medien) gerne ignoriert, wenn es darum geht, die „moralische Überlegenheit“ Israels in Frage  zu stellen. Dass Hamas nach diesen Anschlägen, die Waffenruhen beendet hat,  ist ebenso irrelevant. Es geht hier nicht darum, die  Verbrechen der Hamas (die weit weniger Opfer gefordert haben, als jene Israels)  zu legitimieren, sondern klar zu zeigen, welche Doppelmoral hier am Werk ist.

2 – Man meidet jede logische Argumentation und manipuliert die Wahrnehmung durch die Ständige Wiederholung Weniger Schlagwörter, die schließlich  als  „wahr“ akzeptiert  werden

Man muss die ganze Rhetorik natürlich im Kontext des „War on Terror“ sehen. Selbst ein Bericht der UNHRC vom Jänner 2008 (Seite 5, Abschnitt I.B) weist darauf hin, wie sehr Israel diese nach 9/11 erzeugte Angst für seine Zwecke ausgenutzt hat, um die brutale Repression zu rechtfertigen.  Der Satz „die Hamas ist eine Terrororganisation“ wird in jedem Interview mit israelischen Vertretern ad nauseam mehrmals wiederholt. Er ersetzt und vermeidet jede weitere logische Begründung für die brutale Gewalt des israelischen Staates (Staatsterror) und liefert gleichzeitig deren moralische Legitimation. Wenn man den Doublespeak entfernt, würde sich das etwa so anhören:

Die kleinsten Opfer in Gaza....

Die kleinsten Opfer in Gaza

„Deren“ Terror  (aus Gaza) fordert zwar nur sehr wenige Opfer (20 in 8 Jahren und die Raketen werden abgeschossen, nachdem wieder Menschen in Gaza getötet wurden) während „unser“ Terror mehr als 1500 Palästinenser (nur in Gaza) getötet hat (die nicht an Kämpfen teilnahmen, darunter mehr als 700 Kinder), aber trotzdem ist „unser“ Terror moralisch ok, weil das Leben eines Israeli ungefähr soviel Wert ist, wie das von 100 Palästinensern…

3- Empört Vorgebrachte Denunzierung In- oder Ausländischer Sündenböcke

Wie die Hamas hier als Prügelknabe vorgeführt wird, habe ich ja bereits geschildert. Im Ausland sind es natürlich der ultraböse Iran und Syrien, die hier als „Achse des Bösen“ mit Erfolg präsentiert werden. Eine eingehende Betrachtung der Geschichte beider Länder und die Rolle der USA in diesem außenpolitischen Krimi kann hier nicht stattfinden,  aber die Fakten sind da, man braucht nur danach zu suchen. Dass die Rolle der USA in diesem Spiel bei den Leserrepliken gar nicht vorkam, ist äußerst interessant…..

4- Indem man auf clevere Weise Die Niedrigsten Motive mit den Höchsten Idealen verknüpft, sodass selbst Grausamkeiten als eine Angelegenheit Religiöser Prinzipien oder Patriotischer Pflicht behandelt  und wahrgenommen werden.

Auch hier hat die israelische  Führung beachtliche Erfolge vorzuweisen, die eng mit dem Zionismus zusammenhängen. Der israelische Historiker Ilan Pappe hat den daraus erwachsenen „selbstgerechten Zorn“ als politisches Instrument hinterfragt.

Huxley:

„Diese PR-Spezialisten erzielen oft ihre größten Triumphe einfach dadurch, dass sie gewisse Dinge nicht tun. Wahrheit ist ja ganz schön, aber von einem praktischen Standpunkt aus, ist das Verschweigen der Wahrheit (Stillschweigen) noch großartiger. Indem man einfach gewisse Themen GAR NICHT ERWÄHNT, haben totalitäre Propagandisten die öffentliche Meinung viel effektiver manipuliert als durch das Vorbringen  eloquenter Entgegnungen.“

und das letzte Wort (Appell an die Journalisten) geht an Thomas Jefferson…

If a nation expects to be ignorant and free,“ it expects what never was and never will be. The people cannot be safe without information.

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