Israel: Verlogene Geschichte (Teil 3)

blood_street_gaza_350„Will man die  Immunität verstehen, die Israel angesichts des Massakers in Gaza zugestanden wird, muss man sich mit der selbst erteilten Rechtfertigung für die Unmenschlichkeit und der davon abgeleiteten Straflosigkeit beschäftigen, die mehr als nur ein Ärgernis sind.

Sie beruht vor allem auf den glatten Lügen, die als Orwellscher „Neusprech“ vermittelt werden und an dunklere Tage im Europa der 1930er Jahre erinnern.

Jede halbe Stunde kommt irgendeine Nachrichtenmeldung im TV/ Radio, die  die Opfer in Gaza als „Terroristen“  und Israels Massaker an ihnen als einen Akt der Selbstverteidigung darstellt.

Israel präsentiert sich seinem Volk als rechtschaffenes Opfer, das sich gegen das große Böse verteidigt. Auch die akademische Welt wird dazu eingespannt, zu erklären, wie dämonisch und monströs der Palästinensische Widerstand unter Führung der Hamas ist. Dies sind dieselben Gelehrten, die  vor Jahren Yasser Arafat dämonisiert und seine Fatah Bewegung während der zweiten Intifada  jede Legitimation abgesprochen haben.

Aber die Lügen und verzerrte Darstellungen sind nicht das Schlimmste daran. Es ist der direkte Angriff auf die letzten Reste von Menschlichkeit und Würde, die den Palästinensern noch gelassen wurden,  der die größte Wut auslöst.“

ethclean-pape_1Das sind die Worte des israelischen Historikers Ilan Pappe, zu den aktuellen Ereignissen in Gaza. Pappe kritisiert weiter, dass die israelischen Palästinenser, die ihre Solidarität mit Gaza ausgedrückt haben, jetzt unter Beschuss geraten, weil ihre mangelnde Unterstützung für die israelische Aggression zum Anlass genommen wird, ihr Recht im eigenen Land  zu bleiben, anzuzweifeln.

Hier klingt an, was unsere Medien tunlichst verschweigen: Dass der Staat Israel ein rassistischer (ethnozentrischer) Staat ist , in dem die arabische Bevölkerung quasi Menschen zweiter Klasse sind und zahlreiche Israelis sich wünschen, die Palästinenser würden ganz verschwinden (vornehm ausgedrückt).  Zitat von Dr. Pappe:

Die Heuchelei, die aus selbstgerechtem Zorn erwächst, ist grenzenlos. Der Diskurs der Generäle und Politiker bewegt sich erratisch zwischen Selbstlob für die mit „chirurgischer Präzision“ durchgeführten Bombenangriffe einerseits und der Notwendigkeit Gaza ein für alle mal zu zerstören, auf  „humane Weise“ natürlich…..

Seit der zionistischen Besitzergreifung in Palästina und auch nach der Staatsgründung wurden alle Verbrechen  –  Vertreibung und ethnische Säuberungen, die Besatzung, Massaker und Zerstörungen, Missachtung der Menschenrechte,  immer als moralisch gerechtfertigt präsentiert, die Israel widerwillig begehen musste, um sich gegen seine Feinde, zu wehren..

Pappe weist darauf hin, dass es unabdingbar sei, die ideologischen Ursprünge dieser Geisteshaltung zu analysieren und die politisch nötigen Schlüsse daraus zu ziehen.

(Mein Kommentar:)

Diesen selbstgerechten Zorn (der natürlich auch den Holocaust instrumentalisiert) trägt Israel als Schutzschild vor sich her, um jede externe Kritik und internationalen Druck auszuschalten.  Mit großem Erfolg.

Das Fehlen jeglicher politischer Sanktionen nach Jahrzehnten der Selbstgerechtigkeit und Rechtlosigkeit, der systematischen Verletzung der Menschenrechte in Gaza und der West Bank hat natürlich katastrophale Folgen für die kollektive Psyche des Landes. Von einer  relativ kleinen Gruppe kritischer Intellektueller und den Friedens- u. Menschenrechtsorganisationen abgesehen, befindet sich die israelische Gesellschaft in einer Art geistigem Ausnahmezustand: ständige Verdrängung der eigenen unrühmlichen Geschichte und Verbrechen) ständige Glorifizierung der eigenen Motive, absurde Rechtfertigungen mit biblischen Texten, etc.

Dieser kontinuierliche Selbstbetrug führt zu einer völlig verzerrten Wahrnehmung und macht ein ehrliches Verhandeln beim so genannten „Friedensprozess“ unmöglich. Was der Hamas unterstellt wird – fanatische, irrationale Gewalt, wird auf der eigenen Seite rationalisiert und als Notwendigkeit legitimiert: Israel tötet für den guten Zweck. Hamas tötet, weil sie bösartig ist. Die verzerrte Darstellung, dass die israelische Gewalt eine höhere moralische Qualität hätte, als die palästinensische, ist unerträglich.

Pappe führt weiter aus, dass man der Welt und den Israelis selbst klarmachen müsse, dass Zionismus eine gefährliche Ideologie sei, die ethnische Säuberungen, Besatzung und Massaker gutheißt:

Was jetzt notwendig ist, ist nicht nur eine Verurteilung des jetzigen Massakers sondern auch die Diskreditierung einer Ideologie, die diese Politik erzeugt hat und sie moralisch und politisch rechtfertigt.

Aber Pappe ist klar, dass es naiv wäre, an diese Wende zu glauben:

Sogar das Töten hunderter unschuldiger Palästinenser ist nicht genug, um eine solche Wende in der öffentlichen Meinung zu erzeugen und die Wahrscheinlichkeit, dass die Verbrechen in Gaza eine Änderung der  EU-Politik  gegenüber Palästina bewirken, ist noch geringer.

(Mein Kommentar:)

2008 war ein besonders Jahr für die Palästinenser, weil es der 60. Jahrestag der „Nakba“ (Katstrophe) war, also der Vertreibungen, Massaker und Massenflucht, die  unmittelbar nach der Staatsgründung Israels stattfanden. (Siehe Buchcover  weiter oben)  Doch dieses Thema hat die Medien hier kaum interessiert….

  • Wie ist es möglich, dass  ein Staat  sich 60 Jahre lang hinter dem Holocaust verstecken kann, um die eigenen Verbrechen zu vertuschen?

Durch effektive PR,  Gleichschaltung und Kontrolle der Medien, wobei vor allem die deutschen Medien durch Unterwürfigkeit gegenüber Israel hervorzuheben sind. (Die corporate media in den USA ist eine andere Geschichte…) Können die grausamen Verbrechen der Nazis, reduziert auf  das magische Wort „Anti-Semitismus“  wirklich für alle Ewigkeit in Deutschland als Immunisierungsstrategie gegen berechtigte Kritik an Israel missbraucht werden? Warum müssen die Palästinenser für die Shoa büßen? Ein Außerirdischer könnte denken, Auschwitz habe sich in Palästina befunden…..

Während ich diesen Text schreibe, höre ich gerade in den Radionachrichten zum x-ten Mal, dass die Angriffe Israels auf Gaza „UNVERMEIDLICH“ waren um der Hamas endlich das Handwerk zu legen. Sämtliche Interviews im Fernsehen laufen nach dem gleichen Muster ab:

Frage des Moderators: Wer ist schuld an der Gewalteskalation? (Oft wird auch a priori unterstellt, Hamas habe ein Massaker provoziert um daraus politisches Kapital zu schlagen….)

Antwort aus Israel: Natürlich die böse Hamas. Ihre Kassamraketen versetzen Israelis in den grenznahen Orten in Angst und Schrecken. Das ist unakzeptabel. „Diese Menschen haben ja kein normales Leben mehr. Ständig diese Angst vor neuen Einschlägen.“ (Über die Gegenüberstellung der Opferbilanz  bzw. wer hier der größere Terrorist ist, habe ich im letzten Beitrag geschrieben; Hamas bedroht Israel? Mücke bedroht  Elefant…)

Israel muss deshalb – schweren Herzens – tausend Kilo Bomben (nach neuesten Berichten auch Phosphorgranaten (!) in das verzweifelte und elende Riesenghetto Gaza abwerfen, um seine Bevölkerung zu schützen. Auch die massive Zerstörung ziviler Infrastruktur dient natürlich nur der Selbstverteidigung…..

Ende der Debatte.

DIE GRÖSSTE ALLER FRAGEN, WARUM DIE HAMAS  RAKETEN ABFEUERT, BZW. WELCHE ISRAELISCHEN AKTIONEN (VERBRECHEN) DAZU BEIGETRAGEN HABEN, WIRD NIE GESTELLT.

(Übriges, Hamas hat seit 2005 keine Selbstmordanschläge mehr verübt, wohl aber die Al Aksa Brigaden, ein Arm der Fatah, die jetzt der neue „Partner für den Frieden“  Israels ist…)

Warum auch, wir „wissen“ doch alle, warum: weil sie böse, fanatische Terroristen sind, oder?

Die völlige Isolierung der palästinensischen Gewalt aus dem historischen und aktuellen Kontext ist die stärkste Waffe Israels und unsere SCHÄBIGEN JOURNALISTEN betätigen sich nur als Verstärker der israelischen Propaganda. Wie hier Ursache und Wirkung bewusst verschleiert und verkehrt werden, habe ich in meinem Beitrag (ISRAEL: EIN GESPINST AUS LÜGEN – TEIL 2) anhand der „Entführung“ von Gilad Shalit  erklärt)

Es ist dringend nötig, dass diese Art des Papageienjournalismus aufhört und die Medien sich ihrer Verantwortung als Kontrolleure der Macht und Wächter der Demokratie bewusst werden. Wozu haben wir Pressefreiheit? Das erbärmliche Schauspiel, das sich jedes Mal (wenn Israel wieder kollektive Bestrafung in Gaza exekutiert oder die West Bank terrorisiert) in der TAGESSCHAU, den TAGESTHEMEN oder dem ZDF REPORT abspielt, ist nicht mehr auszuhalten.

Wie Ilan Pappe richtig feststellt, kann nur durch Einbeziehung der geschichtlichen Ereignisse in Palästina / Israel seit dem ersten Weltkrieg, das Ausmaß der Verbrechen, die an den Palästinensern begangen wurden, für die Öffentlichkeit klar werden. Die akademische Welt muss dabei ebenso aktiv sein, wie die alternativen Medien. (Gibt es die im deutschen Sprachraum??)

Ohne die historische Perspektive ist es leicht, die unerträgliche Schwarz-Weiß-Malerei der Öffentlichkeit als Zerrbild der wirklichen Ereignisse im Nahen Osten zu verkaufen. „Unsere guten Bomben töten die bösen Terroristen“ – dieser Kindergartenjournalismus ist unerträglich….

Die Verurteilung des Islamismus bzw. des Missbrauchs der Religion als politisches Instrument der Unterdrückung und Rechtfertigung für Greueltaten erfreut sich großer Zustimmung, aber die Tatsache dass auch und gerade in Israel dasselbe Problem zu orten ist, wird gerne ignoriert.

Wie Pappe betont, muss der Öffentlichkeit auch klar gemacht werden, dass die israelische Politik ihre Wurzeln im Zionismus hat, einer rassistischen, hegemonialen Ideologie, die durch eine „endlose Zahl von Schichten aus Selbstgerechtigkeit isoliert wird.“ Deshalb muss endlich die Kausalität zwischen dieser Ideologie, den Verbrechen Israels seit 1948 und den palästinensischen Gewaltausbrüchen sowie der Radikalisierung (Hamas)  deutlich gemacht werden. Er führt weiter aus, dass man auch das Schicksal der vertriebenen oder geflohenen Palästinenser in die Debatte mit einbeziehen müsse.

Ich teile seine Ansicht, dass die öffentliche Meinung gegen diese Politik des „Völkermordes in Raten“ (meine Wortwahl) aufgebracht werden muss, aber solange unsere Medien nur die Agenturmeldungen wiederkäuen und Israel in vorauseilendem Gehorsam und ewigem Gedenken an den Holocaust zu Diensten sind,  haben die Menschen in Palästina keine Chance….

Was uns hier (vor allem im Radio / Fernsehen) präsentiert wird, ist eine Schande für den Journalismus und die demokratische Pressefreiheit.

Der wunderbare Journalist John Pilger (<< „Palestine is still the Issue“ u. sein Buch „Freedom Next Time“) sagte eimal  in einem Vortrag, der britische Geheimdienst habe vor dem Irakkrieg gezielt Artikel in den Zeitungen platziert, um eine Stimmung für den Krieg zu erzeugen bzw. ihn zu legitimieren. Diese Mühe hätte man sich sparen können, da die Presse großteils ohnehin nur die Propaganda „aus offiziellen Kreisen“ wie ein Echo wiedergab…

Robert Parry, US-Journalist (Associated Press, Newsweek) schrieb vor kurzem in einem Kommentar mit dem Titel „Wie Heuchelei zum Thema Terror Menschen tötet“

Doch jetzt wird klar, dass die Duldung einer Doppelmoral beim Thema Terrorismus nicht nur eine Verletzung der journalistischen Ethik darstellt oder einen Akt politischer Feigheit. Nein, sie ist auch Komplizenschaft bei Massenmord. Ohne diese Doppelmoral wären wohl das Blutbad im Irak, im Libanon 2006 und heute in Gaza nicht möglich gewesen.

Das sollten sich unsere Journalisten (vor allem die TV und Radiomoderatoren) einmal bewußt machen….

Anm: Der angekündigte Beitrag über die „Machtübernahme“ in Gaza und die damit verbundenen Intrigen von USrael wurde aus aktuellem Anlass (Bodenoffensive = noch mehr Terror in Gaza) verschoben.  Die Story kann aber hier (in Englisch) nachgelesen werden.

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