Die Sozialisierung der Wall Street: Kritik der Medienreaktionen

Gier, Leichtsinn und kriminelle Energie in der Finanzindustrie kann man nicht gänzlich verhindern, aber man kann Rahmenbedingungen schaffen, durch die Möglichkeiten zum Missbrauch erheblich eingeschränkt sind. Indoktrinierte Politiker und träge Journalisten geben diesen Reformen aber keine Chance….

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as letzte Mal, als das Bankensystem kurz vor dem Kollaps stand, war 1932, drei Jahre nach dem Aktiencrash von 1929. Präsident Roosevelt reagierte richtig, in dem er der unheiligen Allianz von Finanzkapital und krimineller Energie, einen Riegel vorschob: Durch Verabschiedung des „Glass-Steagall-Acts von 1933 “, einem Gesetz zur Trennung des traditionellen Bankgeschäftes vom hoch riskanten Investmentbanking. Zur Absicherung des ersten Segmentes (Kunde: der „kleine“ Mann….) wurde die FDIC gegründet (Federal Deposit Insurance Corporation) und ein gründliches Regulierungs- und Aufsichtssystem etabliert.

Die Investmentbanken konnten ihre Spekulationen weitgehend ohne staatliche Aufsicht verfolgen,  (Kunden: elitäre Investoren), allerdings gab es dafür eben keine staatliche Absicherung und es durfte kein „Bürgerkapital“ für Tradingaktivitäten verwendet werden. Diese strikte Trennung verhinderte nicht nur eine Verflechtung von Konsumenten- und Investorenkapital, sondern ermöglichte auch soviel Übersicht, dass man die Transaktionen der Banken nachvollziehen konnte.

Die massive Deregulierung dieses Systems (Glass Steagall ist nur ein Teil davon) in den USA seit den 1980er Jahren, Folge eines quasi religiösen Festhaltens an der „Selbstregulierung des Marktes“, hat zu der jetzigen, noch gar nicht absehbaren „Bankenkrise“ geführt, die in den deutschen Medien unglaublich naiv kommentiert wird.

Man spricht von „Turbulenzen“ „ in Not geratenen Banken“, Instituten, die „in raue See“ geraten seien, als ob es sich hier um eine Art Naturkatastrophe handelte. Der ziemlich ahnungslose Nachrichtenredakteur wendet sich an die üblichen „Finanzexperten“, um Erklärungen zu erhalten, aber dort wird er die Wahrheit nicht finden, denn die meisten Ökonomen sind ja selbst mehr („Friedmaniacs“) oder weniger („Friedmanites“) indoktriniert von der „Chicago School of Economics“, die staatliche Regulierung grundsätzlich ablehnt und den „Märkten“ völlig freie Hand lässt. Diese Leute sind unfähig zuzugeben (oder sogar zu erkennen), dass die weltweite Deregulierung der Finanz- und Kapitalmärkte (Teil des neoliberalen Takeovers des politischen Denkens…), aber vor allem in den USA selbst, katastrophale Folgen hat, weil sie eine extrem hohe Volatiliät erzeugt, die weit mehr als die üblichen, kleinen Spekulationsblasen, eine Gefahr für die Stabilität der gesamten Wirtschaft ist. In einer sozialen Marktwirtschaft werden durch die Sozialsysteme staatliche Wirtschaftsimpulse und eben Regulierung und Transparenz die „Launen“ des Marktes abgefedert, aber dieses System wurde ja in den letzten Jahren immer mehr demontiert und in den USA durch die Republikaner quasi zu Grabe getragen.

Die jetzige „Bankenkrise“ wurde eben nicht verursacht durch die „Immobilienkrise (man hat Kreditkeiler gezielt auf die schwächste Einkommensschicht , in den USA angesetzt und ihnen den Traum vom eigenen Haus mit „Teaser Rates“ (billigen Anfangsraten) und der Aussicht auf „Re-Financing“ schmackhaft gemacht) diese ist nur ein Symptom der Finanzpsychose und allenfalls ein Katalysator für den Zusammenbruch des bodenlosen Derivatehandels, der unter dem Titel „Securitization“, eine Art Pyramidenspiel für Fortgeschrittene geworden ist. Hier handelt es sich ja um so genannte „vermögensbesicherte“ Darlehen, man hat also den Begriff „Besicherung“ ad absurdum geführt… Denkt sich ein Journalist nichts dabei, wenn Einkommen stagnieren (trotz steigender Produktivität), aber Immobilienpreise, Managergehälter und Spekulationsgewinne explodiert sind? Wie kann man 20, 30, 40% mit spekulativem Kapital erzielen, wenn die reale Wirtschaft um 1, 2, 3% wächst? Wo kommt das Geld her? Wo ist der reale Hintergrund in diesem virtuellen Casino?

Das jahrelange, schrankenlose „financial engineering“ und die zugelassene Verflechtung von kommerziellen und hoch spekulativen Investmentbankgeschäften hat die zerstörerische Kettenreaktion in Gang gesetzt und Federal Reserve und Treasury versuchen verzweifelt, wenigstens die größten und wichtigsten Player aufzufangen. Ein US Journalist hat es auf den Punkt gebracht: Der Staat, den man jahrelang bekämpft hat, muss jetzt eingreifen, um zu verhindern, dass sich die Banken als Folge einer unzensurierten Handlungsmacht und eines Systems, das hohe Risiken mit gigantischen Prämien belohnte, gegenseitig umbringen.

Der unkontrollierte Markt, in Verbindung mit ständigen Zinssenkungen durch Alan Greenspan, die die Immobilien- und Spekulationsblase noch angeheizt haben, wurde zu einer Art finanziellem, schwarzen Loch.  Das explosionsartige Wachsen der Hedgefonds und ihrer Ableger, der „Private Equity“ Firmen, verdeutlicht das sehr gut: Seit den 1990er Jahren ist aus wenigen Beutejägern eine Meute von tausenden geworden, die mit ihren hochriskanten Spekulationen und – so lange es gut ging – enormen Gewinnen immer mehr neidvolle Banker angezogen haben. Kredit-Derivative sind heute ein 100 Billionen Dollar Markt, in Zahlen: 100.000.000.000.000 USD und ziehen eine Potenzierung von Verlusten nach sich, wenn sie schief gehen (wie bei Enron).

Statt Risikostreuung wurde hier Risikokonzentration produziert und hunderte Milliarden Dollar versenkt, aber die meisten Medien finden es noch immer nicht der Mühe Wert, diesem Skandal auf den systemischen Grund zu gehen und man hat wohl bis dato noch immer nicht begriffen, welche Folgen diese Machenschaften für die reale Wirtschaft und uns alle haben.

Das Schlimmste ist, dass man aber die Lektion offenbar nicht gelernt hat: Die Übernahme von Merrill Lynch durch die Bank of America, die weniger mediales Aufsehen erregt hat, als der Kollaps von Lehmann Brothers und Bear Stearns, u.a. zeigt, das der Wahnsinn weitergeht: eine kommerzielle Bank übernimmt einen Spekulationsgiganten der immer mehr in den trüben Gewässern der Hedge Fonds gefischt hat und schließlich darin versunken ist….

Das völlig unkontrollierte Spekulieren und „Wetten“ mit unvorstellbaren Summen geborgten Kapitals, mit bis zur Unkenntlichkeit verpackten Schuldverschreibungen, Wertpapieren und Derivaten, wo so genannte „Absicherungen“ selbst zu Spekulationsinstrumenten werden, wo selbst die Bond-Versicherer mitzocken, hat mit seriösem Bankgeschäft nichts mehr zu tun. Diese in wahrer Orwelldiktion als „strukturierte Investment-Vehikel“(SIV) bezeichneten „innovativen Finanzinstrumente“ sind Ausdruck eines Realitätsverlustes und Gefühls der Allmacht, das die Finanzindustrie im Zeitalter des Investorenkapitalismus offenbar befallen hat. Warren Buffet´s berühmtes Zitat über die „weapons of financial mass destruction“ (also die Kreditderivate als finanzielle Massenvernichtungwaffen) hat sich als absoulut richtig erwiesen, aber unsere Medien lassen sich von „Finanzexperten“ weismachen, diese Krisen  seien eben Teil des normalen Finanzsystems….(Bayerischer Rundfunk (Bayern 2) vor 3 Tagen)

Merken Journalisten nicht was hier gespielt wird? Die ständige Beschwichtigungstaktik, die hier angewendet wird, um die Krise zu bagatellisieren und die dringend notwendige Regulierung der Finanzmärkte zu verhindern? Die Architekten und Befürworter des Systems sind natürlich nicht geeignet, es zu kritisieren. Dank der Blauäugigkeit und Untätigkeit in den meisten Redaktionen wird das strukturelle Problem nicht sichtbar und der Wahnsinn geht weiter…

Diese Katastrophe (und ihre Ursache) ist eben NICHT Teil eines normalen Finanzsystems, sondern Folge einer Indoktrination durch neoliberale Ideologie, mit der ein Großteil der Wirtschaftsuniversitäten kontaminiert ist und dessen Jünger natürlich auch in zahlreichen Think-Tanks und Stiftungen zu finden sind, die Politiker und Medien kontinuierlich mit ihrem Markt-Evangelium beglückt haben.

Was unsere Medien scheinbar gar nicht begreifen, ist die wahre politische Dimension dieses Skandals: Die Deregulierung der Finanzmärkte und auch der Wirtschaft generell führt zu einer Machtkonzentration des Kapitals, die mit Demokratie unvereinbar ist.

Kritische US Kommentatoren (z.B. Denny Schechter) drücken dies ironisch aus, indem sie die Wall Street Banker als „Masters of the Universe“ bezeichnen. Wache Amerikaner fahren mit Autos durch die Gegend, auf deren Stoßstangen Aufkleber mit „Reform Wall Street Not Social Security“ zu sehen sind, während bei uns ein Großteil der Medien völlig daneben steht und sich von den oben schon erwähnten Experten an der Nase herum führen lässt. Diese Wirtschaftsliberalen würden nie zugeben, dass ihr „Der Markt Regelt Sich Selbst“-Dogma („market efficiency) nichts anderes als „Rinderexkrement“ (besser bekannt als Bullshit) ist, egal welche horrenden Folgen es nach sich zieht. Der vorher weitgehend entmündigte Staat darf aber gerne „banking welfare“ leisten und die Steuerzahler dürfen Milliardenhaftung für „failed banks“ übernehmen….

Danny Schechter schreibt: „Has our media prepared us for his disaster? There are headlines now but where were the TV / radio networks and the press when all these practices (which we now hear denounced) were first taking place and building steam?”

Die gleiche Frage stelle ich mir auch: Worin sehen unsere Journalisten eigentlich noch ihre Aufgabe und Verantwortung? Die Meldungen aus den Agenturen ein bisschen auszuschmücken und kritiklos wiederzugeben und dann 3-min-Interviews zu führen, in denen dubiose Antworten niemals in Frage gestellt werden? Man arbeitet seinen Fragenkatalog ab und sagt, danke für das Gespräch, ist das alles? (Hier sind TV und Radio gemeint) Diese „Krise“ kam nicht aus dem Nichts, sie hat sich seit Jahren zusammengebraut, aber dank folgsamer Medien konnte das perverse Spiel mit dem Risiko weitergeführt werden….

Symptome für das jetzige Desaster gab es schon lange: Bereits 1998 kollabierte LTCM, ein führender Hedgefonds, anstatt aber dem „Markt seinen Lauf zu lassen“, hat die Fed, um eine Panik zu verhindern, auf die großen Banken Druck gemacht und die Übernahme und Liquidierung des Fonds erreicht, was die Banken rund 4 Milliarden Dollar kostete. Niemand ahnte vorher, welche gewaltigen Risiken der Fonds eingegangen war, weil es keinerlei Aufsicht gab.

Aber wie gesagt, man verarztet die Opfer, beklagt die Toten, steckt Milliarden in die Wiederbelebung der auserwählten Komatosen, aber das Monster des „Laissez-Faire“, (selbst regulierende Märkte sind ein völliger Unsinn, ebenso absurd die „freiwillige Selbstkontrolle“ der Industrie) das diese Schäden verursacht, darf im wesentlichen weiter wüten…. Bis zum nächsten Weltkrieg?

  • Mehr über die angeblich unvermeidliche Belastung der Steuerzahler mit Milliarden (eher Billionen) für das „Rettungspaket“ im nächsten Blog…..

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