Banking Blues: Das Management der Wahrnehmung

Auf welch erbärmliches Niveau hat sich die Politik schon begeben, wenn die deutsche Bundeskanzlerin letztes Jahr beim G8 Gipfel in Heiligendamm an die Finanzindustrie, besonders die Hedge Fonds, appellierte, man möge sich doch bitte selbst einen „freiwilligen“ Verhaltenskodex auferlegen….

Dieser Beitrag enthält Auszüge einer  Mail an die Redaktion der „Tagesthemen“, die ich als Reaktion auf die Sendung vom 22. September (Kommentar vom HR zur Bankenkrise) geschrieben habe:

Es ist unglaublich,  auf welch oberflächliche  Weise in öffentlich-rechtlichen Sendern über die „Wall Street Mess“ berichtet wird: Die Ausdrucksweise ist irreführend, als ob es sich hier um eine Art „Naturkatastrophe“ handelte, z.B. „Hilfspakete für in Not geratene Banken“, oder einen Fall für die Psychiatrie : „wild gewordene  Banker“ (Hütsch) In den meisten Medien wird als Erklärung lediglich die mangelnde Kreditwürdigkeit vieler Amerikaner genannt, die sich mit Hypothekardarlehen übernommen hätten, so auch gestern im Kommentar von Herrn Hütsch: „amerikanische Hausbesitzer haben zu lange auf Pump und über ihre Verhältnisse gelebt, jetzt zahlen sie den Preis (!)

Das ist eine unglaubliche Simplifizierung und Verschleierung der wahren Ursache der Krise: der massiven, seit mehr als zwei Jahrzehnten betriebenen Deregulierung der Wall Street (Repeal of Glass Steagall von Roosevelt) und als Folge dessen ein unfassbares, kriminelles (hätte man Roosevelts Gesetze belassen) und weitreichendes Pyramidenspiel mit den Kredit-Derivativen, das durch die Niedrigzinspolitik von Alan Greenspan noch angeheizt wurde und bei dem auch europäische Banken (wenn auch in geringerem Umfang) mitgewettet haben.

Dass sowohl die Fed (unter Greenspan, der die Spekulationsblase noch durch billiges Geld anheizte), als auch das Finanzministerium von ehemaligen Wall Street Bankern geführt werden, sollte man den Zuschauern viellaucht auch mal mitteilen.

Update: Das ZDF hat hier die Nase vorn: Gestern wurde im heute Journal dieser Kontext hergestellt und auch Frontal 21 hat – wie üblich – sehr gute Arbeit geleistet.

Treasury Secretary  Paulson, hat ein Privatvermögen von über 500 Millionen Dollar in Aktien von Goldman Sachs investiert, wo er ja vorher als CEO tätig war und betreibt auch im eigenen Interesse das „Bailout“ seiner Branche….Das ganze ist ein unglaublicher Skandal, aber die Reaktion der Mainstream Medien hier, ist ein noch größerer…. Man kann sich des Eindruckes nicht erwehren, die haben noch nicht einmal begriffen, was hier passiert ist….

Der Gipfel der Volksverdummung ist aber die Aussage von Herrn Hütsch „..möge sich aufregen, wer will, eine Alternative gibt es nicht“.

Das ist genau das, was die Wall Street Bande und ihre geistigen Paten uns glauben machen will und die Redaktionen spielen brav mit…. Aber Journalisten, die ihren Job noch ernst nehmen (als Wächter der Demokratie), bringen kritische, unabhängige Experten vor die Kamera, nicht die Klone aus den Wirtschaftsinstituten und den Investmentbanken, die uns hier vorgeführt werden und deren Message dann schön brav vom Journalisten übernommen wird…..

Dieser Kommentar hatte Kindergartenniveau und hörte sich an  wie die Sonntagspredigt (vor allem der Tonfall) an die ahnungslosen Schafe in der Herde.

Herr Hütsch hat zwar richtig festgestellt, dass man „strenge Richtlinien für Banker und eine wirksame Kontrolle braucht, die entschieden eingreift“, aber vergessen zu erwähnen, dass es diese Kontrolle ja seit Roosevelt gab (als Reaktion auf den Bankencrash 1929) diese aber dank des ideologischen Schwachsinns von „selbstregulierenden Märkten“ und „market efficiency“ sukzessive ausgehölt wurde (von Clinton bis Bush) und auch bei uns die Deregulierung und Privatisierung weiter geht (in der gesamten Wirtschaft), als ob es dazu keine Alternative gäbe (genau darin liegt der Betrug – siehe Titel dieses Blogs).

Auch die meisten Journalisten sind so indoktriniert (dank Bertelsmann u.a.), dass sie  z.B . Proteste gegen die Abschaffung des VW-Gesetzes (ihrer Ansicht nach ein Anachronismus) als unsinnig bezeichnen und den Beschäftigten raten, sie müssen sich eben mit dem „scharfen globalen Wettbewerb“ (sprich ausländische Investoren haben mehr Entscheidungs- u. Mitbestimmungsrechte  als einheimische Arbeitnehmer; für die Durchsetzung dieser Rechte sorgt die EU-Kommission und dann wundert man sich, dass der EU-Vertrag abgelehnt wird...) abfinden….

Plakativ ausgedrückt: Dass hier dem Diktat des Kapitals (Marx läßt grüßen…) auch noch Vorschub geleistet wird und die demokratische Mitbestimmung der Bürger (pardon, wir sind ja auf „Konsumenten“ reduziert worden…) über ihre wirtschaftlichen Rahmenbedingungen negiert wird, ist dem Durchschnittsjournalisten nicht bewußt…

Aber im deutschen Fernsehen findet sich niemand, der den Mut hat, das System selbst anzugreifen und die Ideologie die dahinter steht: das Märchen vom der „Markteffiizienz“ und den angeblichen Segnungen des globalen „Wettbewerbs“ (Klartext: große Fische fressen kleine und der Mensch (durch seine Arbeitskraft) wird letztendlich auch zur Ware, die gehandelt wird – siehe Karl Polanyi).

Der Staat wird als ineffizient und bürokratisch dargestellt, eine Kritik die zum Teil berechtigt ist, aber deshalb nicht rechtfertigt, den Staat weiter auszuhöhlen (was in den USA passiert  ist und bei uns auch stattfindet, wenn auch nicht so dramatisch) und ihn  auf die Rolle des Rettungssanitäters für  größenwahnsinnige Banker  und Intensivstation für unhaltbare, ökologisch destruktive Industriezweige (z.B. Kohle- und Atomsubventionen) zu reduzieren.

Diese Ideologie hat uns eine Gesellschaft gebracht, die Hartz IV-Bezieher einen Offenbarungseid leisten lässt, (die müssen sich quasi bis auf die Unterhose ausziehen, damit transparent ist, ob nicht irgenwo ein Vermögenswert versteckt ist) aber Hedge Fonds und anderen dubiosen Playern, die mit Milliarden von Fremdkapital hochriskante Spekulationen wagen, völlige Narrenfreiheit lässt. Nicht umsonst gibt es in den USA (seit Jahren) bumper stickers mit der Aufschrift „Reform Wall Street, not Social Security“. Zu der Verbindung zwischen der Freiheit der Finanzmärkte und der immer größeren Abhängigkeit (Unfreiheit) der Arbeitnehmer hat Frederic Lordon einen aufschlussreichen Artikel geschrieben.

Während man uns seit Jahren erzählt, für die Sozialsysteme sei kein Geld da, können plötzlich Milliardenbeträge für „in Not geratene“ Investmentbanker locker gemacht werden? Wer wird denn hier verarscht? In den USA wurde als Erkärung für das unvermeidliche Bailout der Wall Street Zocker angegeben: „They are too big to fail“ – also sie sind zu groß, um sie scheitern zu lassen. Lassen wir uns damit wirklich abspeisen? Hätte man eben nicht verhindern müssen, dass solche gigantischen Finanzkonglomerate und finanzielle Supermärkte wie Citigroup überhaupt entstehen? (Glass-Steagall hätte genau das verhindert).

Was jetzt dringend notwendig ist, ist Entflechtung  des Sytems, nicht weitere Verflechtung. Genau darin liegt ja die Gefahr der Risikomaximierung  dass eben nicht einzelne Unternehmen pleite gehen (was die Wirtschaft u. Gesellschaft verschmerzen kann) sondern ein Dominoeffekt eintritt. Unsere Journalisten aber tappen weiter im Dunkeln. Die TAZ schrieb noch vor wenigen Tagen euphorisch über die teilweise Übernahme der Postbank durch die DB:

Es gibt ja auch einen guten Grund für den Zusammenschluss, beiden Banken ergänzen sich gut. Die Deutsche Bank ist stark im Investmentbanking und spielt auf den großen Börsenplätzen dieser Welt. Das kann hohe Gewinne bringen, ist aber auch risikoreich. In solchen Zeiten lernt man das Kleinvieh zu schätzen…“

Dass genaue diese Art der (hier noch nicht völlig vollzogenen) Fusion von kommerzieller Bank und Investmentbank) neues Unheil beschwört, von US Experten als „an accident, waiting to happen“ bezeichnet wird,  also es nur mehr eine Frage der Zeit ist, bis die nächste Krise ensteht, versteht unsere Presse anscheinend nicht.

Die gestern von fast allen Redaktionen übernommene Meldung „seit heute gibt es keine Investmentbanken mehr“ und die beiden letzten hätten sich auf eigenen Wunsch in „normale, kommerzielle Banken umwandeln lassen“ wurde leider aus dem politischen Kontext genommen: dass nämlich die commercial banks eben staatlich abgesichert sind und die Investmentbanken eben nicht (die strenge Trennung dieser beiden Systeme hat ja Glass Steagall bewirkt, aber diese Regulierung wurde begraben und dann gab es ja mehrere Krisen (von der dotcom, über die Savings & Loan, das Bailout von LTCM bis zur jetzigen Katastrophe (the shit has hit the fan, wie der Amerikaner so schön sagt.)

Während die exorbitanten Gewinne von den Investoren, Fondsmanagern und Investmentbankern eingestreift wurden, sollen jetzt die Verluste und Risiken dem Staat, also den Steuerzahlern aufgebürdet werden, duch eine Art Blankoscheck an den Finanzminister, der dadurch quasi feudale Handlungsvollmacht erhielte und nur nach persönlichem Gutdünken schalten und walten könnte, um Kredite im Billionenbereich zu verteilen und die toxischen Abfallprodukte seiner lieben Kollegen (er kommt ja von Goldman Sachs) aufzukaufen….

Was uns hier aufgetischt wird, also die Darstellung, es gäbe keine Alternative zum Bailout, kann man nur als „managing perceptions“ bezeichnen, also Manipulation der Wahrnehmung um Akzeptanz für etwas zu generieren, das inakzeptabel ist. Man rettet hier nicht die Wirtschaft, oder das Finanzsystem, man versucht, den schlimmsten, unmoralischsten und verantwortungslosesten Teil des Systems zu retten, das „debt system“ also das Wetten auf Kreditrisiken und Spekulieren mit deren Versicherungen, an deren Ende (oder Anfang) die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft stehen. Aber denen hilft man nicht, nach dem Motto: too small to survive.… (zu klein und unwichtig, um überleben zu dürfen…)

Die Armut in den USA nimmt weiter zu, besonders die der „working poor“, also Leute die trotz Arbeit (oft mehrere Jobs) arm sind. Rund 50 Millionen Amerikaner haben keine Krankenversicherung, was oft dazu führt, dass sie Kredite aufnehmen müssen, nur um die Krankenhausrechnung bezahlen zu können. Die Forderungen nach einer staatlichen Versicherung wurde unter Hinweis auf fehlendes Geld abgelehnt....Die Einkommensschere ging in den letzten Jahren dramatisch auseinander und Wall Street Banker waren an der Spitze, obwohl sie keinen realen Beitrag für die Wirtschaft leisteten. Die einen verdienten pro Stunde soviel, wie die anderen nach 2 Monaten Arbeit….

Man kann nur hoffen, dass sich der US-Kongress nicht mit Hilfe der Shock-Doctrine über den Tisch ziehen läßt….

John Pilger, ein britischer, unabhängiger Ausnahmejournalist, sagte in einer Rede: „Professioneller“ Journalismus erschöpfe sich heute im wesentlichen dadurch, dass man die offizielle Wahrheit (die von den Wirtschaftsmächtigen im Staat herausgegeben wird) übernimmt, amplifiziert und nachplappert (parroting), anstatt kritisch zu recherchieren und offizielle Statements zu hinterfragen (Wer glaubt allen Ernstes, von Bankern ein uneigennütziges Statement zur Bankenkrise zu hören? Wie blauäugig sind Journalisten, die tatsächlich berichten, die Überweisung an Lehmann sei eine „technische Panne“ gewesen???)

Sein ironischer Rat an die Leser / Zuschauer:

Never believe anything, until it´s been officially denied“

Also glauben Sie nichts, bis es nicht offiziell abgestritten wird – anders gesagt, nehmen Sie das Gegeneil von dem, was der US-Finanzminister und unsere Investmentbanker sagen, dann kommen Sie der Wahrheit schon nahe….

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s