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EHEC … die große Verarschung

„Die Bedrohung durch mehrfach resistente Bakterien war noch nie so groß wie heute. Die Schlüsselfaktoren für diese bedrohliche Entwicklung sind der unkritische Einsatz von Antibiotika (bei Mensch und Tier), die enorme Mobilität [Reisen und globaler Handel] und die zunehmende Industrialisierung.“

Peter M. Hawkey, Professor für Mikrobiologie, Experte für Molekulare Epidemiologie und Diagnostik von (zunehmend) resistenten Krankheitserregern

Was hat denn das nun mit dem „EHEC“-Theater in Deutschland zu tun?

Wir kennen wohl alle den Begriff „genetischer Fingerabdruck“ oder „DNA-Analyse“, obwohl die meisten von uns sich eher selten mit Molekularbiologie beschäftigen. Diese Begriffe tauchen aber sehr oft in TV-Krimis auf und erleichtern (natürlich auch in der realen Welt) die Aufklärung eines Gewaltverbrechens enorm, denn die DNA jedes Menschen ist einzigartig.

Doch auch Bakterien haben eine spezifische molekulare „Visitenkarte“ und somit kann die Genanalyse sehr wichtige Hinweise auf die Herkunft und Entwicklung des Bakterientyps geben. Ich frage mich nur, warum das – trotz endloser Debatten in Talk-Shows – niemand den Leuten erklärt.

Der Wahnsinn, tausende Tonnen Gemüse zu vernichten, eine Gurken-Salat-Tomaten-Panik auszulösen und jetzt die „Sprossen“ als nationale Bedrohung auszurufen, kann zwar als Vorsichtsmaßnahme legitimiert werden, lenkt aber davon ab, was alle Experten wissen, aber in den Medien kaum erwähnt wird:

Der Begriff „EHEC“ hält sich hartnäckig, ist hier aber eigentlich fehl am Platz, denn es handelt sich um einen „EAEC“ (ein Darmkeim, der quasi seinen eigenen „Superkleber“ produziert und sich noch dazu durch einen so genannten Biofilm schützt) , der mit Hilfe eines Bakteriophagen ein einziges EHEC (oder auch STEC) Gen „eingefangen“ hat, das das gefährliche Shigella-Toxin produzieren kann. Sie denken jetzt vielleicht „Na und? Kann doch mir egal sein, ob EHEC oder EAEC …Was ist daran so interessant?

EAEC sind Bakterien, deren häufigstes „Reservoir“ seit vielen Jahren bekannt ist:  der Mensch, vor allem in „ärmeren“ Ländern des Südens.  Es gibt also klare Hinweise darauf, dass die „Quelle“ in diesem Fall nicht bei Tieren (Rindermist, Gülle,  etc.) zu suchen ist.

Was die Sprossen betrifft, ist die Sache völlig absurd: Nichts wird keimfreier hergestellt als Sprossen: sie wachsen ohne Erde, ohne Dünger, ohne Pestizide.  Als Quelle der Kontamination kommt nur das Wasser, mit dem sie gegossen werden in Frage, oder eben Menschen, die damit hantieren (zB bei der Verpackung).

Schwedische Forscher haben sich das Genom des deutschen EAEC Stamms genauer angesehen und ihre Erkenntnisse online in EUROSURVEILLANCE veröffentlicht. Im fünften Absatz finden wir folgendes Statement:

So what do the findings tell us about the reservoir and origin of the pathogen causing this outbreak? …”

(Was sagen uns diese Ergebnisse über den Ursprung dieses Erregers?)

„EaggEC (oder EAEC)  ist ein weit verbreiteter Krankheitserreger, der bei Reisenden oft Durchfallerkrankungen hervorruft und in Entwicklungsländern dauerhaften Durchfall bei Kleinkindern verursacht (6,7]. Im Gegensatz zu STEC (EHEC), haben EAEC Stämme kein tierisches Reservoir, sondern ein menschliches.“

 

Der Stamm 0 104: H4  ist auch nicht “völlig neu”, wie man oft lesen konnte, sondern in weiten Teilen ein „alter Bekannter“: Er ist zu 93% gleich mit dem EAEC 55989, der erstmals 2002 in Zentralafrika bei einem HIV-infizierten Patienten gefunden wurde und beinahe völlig identisch mit einem Stamm, der 2001 in Köln identifiziert wurde und in der „HUSEC“ Sammlung der Universität Münster zu finden ist: „HUSEC041/01-09591“ hatte schon damals zwei bemerkenswerte Mutationen (gegenüber dem afrikanischen Stamm): je ein Gen für die Produktion des Shigella-Toxins (stx 2) bzw. für die Resistenz gegenüber Tellurium (terE). Woher das kommt, ist auch eine äußerst interessante Frage, die niemand stellt…

Der aktuelle Stamm unterscheidet sich, soweit bekannt, von dem aus 2001 nur dadurch, dass die Resistenz gegen Antibiotika ausgeweitet wurde (gegen 8 Klassen resistent- siehe dazu das  genetische Profil (RKI) Auf Seite 2  (ganz unten) dieser Information des Robert-Koch-Institutes finden wir folgenden Satz:

 „Der ESBL-Typ CTX-M-15 ist der häufigste ESBL-Typ bei nosokomialen ESBL-E. coli.“

Das sagt den meisten Leuten wohl zunächst gar nichts, doch dieser wissenschaftliche Jargon kann relativ leicht in normale Sprache übersetzt werden, die jeder versteht. Die Schlüsselwörter in dem o.a. Satz sind „ESBL“ (CTX-M-15) und „nosokomial“:

ESBL steht für Extended-Spektrum Beta-Laktamase, das ist ein sehr potentes bakterielles Enzym, das fast alle „modernen“ Antibiotika, vor allem die Cephalosporine der 3. Generation ausschalten kann. Es gibt davon mehr als 200 verschiedene Formen, die je nach geographischer Herkunft des Bakterienstamms variieren. Das Gen, das die Herstellung dieses Enzyms ermöglicht, befindet sich nicht direkt im bakteriellen Chromosom, sondern in einem Plasmid. Plasmide können leicht Genmaterial austauschen und sich selbständig vervielfältigen (deshalb werden sie auch in großem Stil in der Gentechnik verwendet).

Nosokomial“ bedeutet, der Ursprung der Infektion liegt in einem medizinischen Behandlungsort – sprich: Krankenhaus.

Und jetzt wird es richtig interessant: während die ganze mediale Aufmerksamkeit auf Gemüse gerichtet ist, verdichten sich die Hinweise darauf, dass die Quelle eine ganz andere ist …

Schauen wir mal, was erfahrene Experten dazu sagen:

Wie erfolgt die Infektion mit ESBL-bildenden Keimen?

„Infektionsquelle ist der infizierte Patient oder Keimträger. Erregerreservoir sind meist der Darm und die Harnwege, in selteneren Fällen auch die Atemwege. Die Übertragung erfolgt überwiegend über kontaminierte Hände. Ziel ist es, den direkten und indirekten Kontakt mit … erregerhaltigen Sekreten und kontaminierten Gegenständen zu vermeiden.“

(Interview mit Univ.-Prof. DDr. Wolfgang Graninger, Leiter der Abteilung für Infektionen und Tropenmedizin, Universitätsklinik für Innere Medizin I, AKH Wien)

Hier gibt es eine ganze Powerpoint-Präsentation zum Thema (Ausbreitung der ESBL bildenden Bakterien in Krankenhäusern). Daraus nur ein paar Bilder:

ESBL Ausbreitung in Intensivstationen

Bemerkenswert: ESBL Fälle haben sich in nur  drei Jahren versechsfacht; Antibiotika wirken nur mehr in 27 % der Fälle …

  • 64 % der ESBL Bildner sind E.Coli (EC)
  • 60% im Harn;  11% Wunden; 8 % Sputum; 7 % Stuhl
  • INTERNE / INTENSIV / CHIRURGIE (wo am häufigsten gefunden)

Die Ausbreitung der ESBL bildenden (MDR) Krankheitserreger ist so dramatisch, dass man internationale Online-Datenbanken eingerichtet hat. Zuerst war vor allem Osteuropa betroffen (Bulgarien, Rumänien, dann Griechenland u. Türkei), während Nordeuropa bis heute am wenigsten ESBL Probleme hat. Einzige Ausnahme: Großbritannien, dass seit Jahren massiv betroffen ist.

2001 waren 45% der E.Coli ESBL-Bilder, 2005 waren es bereits 80%, und 2011 ?

Extended-spectrum [beta]-lactamase producing Escherichia coli: changing epidemiology and clinical impact.

In dieser Studie wird festgestellt, dass ESBL-EC Stämme sich weltweit immer mehr ausbreiten und ein zentraler Faktor für Krankenhaus- und mittlerweile auch Community-Infektionen  werden. Wörtlich heißt es:

Die am häufigsten ermittelten Risikofaktoren für ESBL-EC Infektionen  sind Kontakt mit Krankenhäusern, kürzliche Einnahme von Antibiotika (AB) und das Vorhandensein einer anderen Krankheit / Gesundheitsstörung.“

Doch es wird noch komplizierter, denn die Erreger können auch von Menschen übertragen werden, die keine Krankheitssymptome haben (sie sind nicht „infiziert“ sondern nur „kolonisiert“)

Was das für Folgen  haben kann, zeigt das folgende Beispiel:

Eine Frau liegt auf der Entbindungsstation, sie ist mit Zwillingen schwanger. Durch die  vaginale Geburt werden die beiden Neugeborenen mit einem ESBL-Erreger infiziert. Die Krankenschwestern übertragen die Infektion auf andere  Babys und dann fragen sich alle – woher kommen die Bakterien?

Increasing Prevalence of ESBL Producing Enterobacteriaceae in Europe

Auch diese EUROSURVEILLANCE Studie kommt zu den gleichen Schlüssen:

„Zu häufiger Einsatz von AB, Kreuzinfektion in Krankenhäusern, der globale Handel, Tourismus, Migrationen, etc. haben wohl alle zur Weiterverbreitung dieser gefährlichen Erreger beigetragen“.

ESBLs wurden erstmals in den 1980er Jahren in Europa gemeldet und bis zur Mitte der 1990er Jahre waren es hauptsächlich die Typen TEM und SHV, die vom Bakterium Klebsiella pneumoniae (kann Atemwegserkrankungen wie Lungenentzündung hervorrufen) produziert wurden.

Zunächst interessierte sich die breite Öffentlichkeit wenig für diese Problem, weil es anfangs nur auf Intensivstationen beschränkt war. Aber nach 2001 traten diese resistenten Bakterien plötzlich auch immer öfter in der „Community“ (nicht nur bei Kranken) auf (sie hatten sich mit den harmlosen E.Coli im Darm „verbrüdert“, ihre Plasmide ausgetauscht).

E.Coli wandern immer mal wieder auch in den Harntrakt ein (besonders bei Frauen, weil die ja durch ihre Anatomie mehr „exponiert“ sind). Diese Harnwegsinfektionen (med. abgekürzt  „UTI“) wurden in England ab dem Jahr 2000 auf einmal sehr problematisch, weil sie schwer zu therapieren waren und immer wieder auftraten.

Resistenzen sind bei Bakterien ein ganz normaler Teil der Evolution: sie sichern damit ihr Überleben (wir dürfen nicht vergessen, dass Bakterien eine wichtige  bio- bzw. ökologische Funktion haben). Doch der exzessive und leichtfertige Einsatz von Breitbandantibiotika führte dazu, dass das Tempo dieser Anpassung massiv  beschleunigt wird (Hypermutationen). Wie ich bereits sagte, es ist illusorisch, Bakterien ausrotten zu wollen, je mehr sie bekämpft werden, desto stärker werden sie – und sie tauschen ihre Waffen untereinander aus. Die zunehmende Umweltvergiftung (zB industrielle Abwässer bzw. Abfälle) sorgt auch dafür, dass immer leichter und immer schneller artübergreifend Resistenzen gebildet werden.

Dabei gibt es Zusammhänge, auf die wohl niemand gekommen wäre und die zeigen, dass die Industrialisierung (vor allem die große Freiheit der chemischen Industrie) einen hohen Preis hat: unsere Gesundheit…):

Anfang der 1990er  Jahre wurden in großen Mengen Chemikalien freigesetzt, deren Wirkung auf Bakterien niemand untersucht hatte: Kationische Tenside wie DSDMAC – wir kennen sie besser als Hauptwirkstoffe in “Weichspülern“.

Als man die Auswirkungen dieser Substanzen auf eine Pflanzenkläranlage untersuchte, fand man heraus, dass die darin lebenden Bakterien dadurch verstärkt ein so genanntes  Klasse I integron aufnahmen. Das ist ein genetischer Schlüsselmechanismus für die Verbreitung von Antibiotika-Resistenzen durch horizontalen Gentransfer.

Seit 1993 (Zufall?) haben sich die ESBL Enzyme rasant verändert und die E.Coli Bakterien sind die häufigsten Träger dieser Resistenzgene geworden. Vor allem die Ausbreitung von CTX-M-15  (braun in der Graphik unten) macht den Wissenschaftlern große Sorgen.

Hier finden wir auch den Begriff  CTX-M-15 “Pandemie”, denn mittlerweile wurde diese Enzymgruppe, in fast allen europäischen Ländern nachgewiesen. Spanische Studien zeigten, dass Menschen, die eine Infektion der Harnwege durch ESBL-EC  hinter sich hatten, zu 70% diese gefährlichen Erreger ausscheiden, Die dauerhafte „Darmbesiedelung“ mit ESBL-EC wird deshalb als Risiko für eine Harnwegsinfektion gesehen und als Übertragungsquelle in Haushalten.

In Ungarn wurde in den Intensivstationen von 35 Krankenhäusern eine zunehmende Verbreitung von CTX-M-15 gemeldet. Noch unheimlicher wird es, wenn man liest, dass es aber auch Plasmide gibt, die ihre Resistenzgene vorübergehend „stillgelegt“ haben (silenced), wodurch ihre Aufdeckung als ESBL-Produzenten – und damit die richtige Behandlung -noch schwieriger wird.

Wie komplex die Beziehungen zwischen den Infektionsquellen und Übertragungswegen beim Horizontalen Gentransfer sind, zeigt diese Graphik:

Bewegung der resistenten Gene in E. coli in der Biosphäre.

(Dicke Pfeile zeigen die drei größten Auslöser für die Selektion der Resistenzgene:

1) vom Menschen erzeugte Chemikalien “Xenobiotics”- die in der Natur nicht vorkommen und nicht biologisch abbaubar sind

2) unkritischer Einsatz von Antibiotika in der Veterinär- und 3)  in der Humanmedizin

Ich würde noch radioaktive Spaltprodukte aus AKW (Normal- und Störbetrieb) dazunehmen!

(Dünne Pfeile zeigen die Hauptrichtungen des Genflusses)

Lautder o.a. schwedischen Studie (Eurosurveillance) wurden Infektionen mit dem EAEC O 104:H4  in den letzten Jahren   in mehreren Ländern gemeldet:

Deutschland 2001, Frankreich 2004, Süd-Korea 2005, Georgien 2009  und Finnland 2010 [9,10].

„Auffällig ist, dass innerhalb dieses Serotyps, der bekanntermaßen durch eine große genetische Vielfalt charakterisiert ist, die Isolate aus dem jetzigen Ausbruch, eine genetische Ähnlichkeit aufweisen, die auch in dem Stamm aus Georgien auftraten (… wurde damals nicht veröffentlicht – warum nicht? Aber gemeinsam mit dem amerikanischen CDC untersucht …?)

ECDC: latest figures

So far, the EHEC pathogen O104:H4 was not detected in any food product from the retail Market”

Sehr Interessant auch die Aussage des ECDC:

Auf keinem einzigen Lebensmittel im Einzelhandel  wurde bisher dieser Erreger nachgewiesen”

Noch mehr Info:

Multiresistente Erreger im klinischen Alltag (dt. Ärzteblatt 2005)

 The changing epidemiology of resistance

 

GENial Daneben: (Shit Happens, die 4.)

Schon als „besiegt“ geglaubte Infektionskrankheiten wie zB die Tuberkulose sind wieder stark im Kommen, besonders in Osteuropa. Aber auch „neue“ Virenarten (SARS, AIDS, „Schweinegrippe“, etc.)  und extrem widerstandsfähige Bakterienstämme (z,B. MRSA) machen den Ärzten und Gesundheitspolitikern Kopfzerbrechen.  In Deutschland ist es zur Zeit der EHEC (oder STEC), ein gefährlicher  E.Coli Mutant: H 104: H4.

Es gibt immer zwei Hauptfaktoren, die entscheidend sind für die Bewertung der Gesundheitsgefahr:

1)      Die Virulenz des Erregers  der Infektion

2)      Der Immunstatus des Menschen, der infiziert wurde (wie stark ist das Immunsystem; es gibt Menschen, die Erreger in sich tragen, aber nicht krank werden)

Armut, Mangelernährung, Belastung durch Umweltgifte, etc. und andere soziale Ursachen müssen in diesem Zusammenhang natürlich berücksichtigt werden. In den letzten 20 Jahren wurde aber auch die kommerzielle Biotechnologie als „innovative Zukunftstechnologie“ stark gefördert. Die dringende Frage, die gestellt werden muss, ist also:

In welchem Ausmaß trägt die unkritische Anwendung Gentechnik  dazu bei, dass immer mehr Krankheitserreger Therapie- bzw. Antibiotika resistent werden und dass neue „Superkeime“ entstehen, gegen die die Medizin mehr oder weniger machtlos ist?

(siehe dazu auch meine Beiträge zum Thema „Schweingrippe“ bzw. „Impfen“)

Dieses Problem wird umso dringender, als sich die Hinweise darauf verdichten, dass gentechnisch hergestellte Erreger, die angeblich „entschärft“ sind, doch einen Weg finden, sich zu vermehren bzw. ihre krankmachenden Eigenschaften mit denen anderer Mikroben zu kombinieren, wodurch sie natürlich immer gefährlicher werden.

Vorkommen bzw. Infektionen mit pathogenen Keimen wie Salmonellen oder Escherichia Coli (aber auch Noro- und Rotavirus) weiten sich seit Jahren weltweit aus. Besonders in Tieren bzw. tierischen Produkten finden sich immer häufiger krankmachende Mikroben. Doch nicht nur die „Durchfallbakterien“ werden zum Problem:

Seit den 1990er Jahren hat beinahe jede weit verbreitete Bakterienart Resistenz gegen Antibiotika entwickelt, viele davon sogar Mehrfachresistenzen (MR): dazu gehört Staphylococcus aureus (verursacht Toxisches Schock Syndrom, schwere Infektionen nach Operationen), Streptococcus aureus (Toxic Shock-like Syndrom);  S. pneumoniae (Erreger der Lungenentzündung);  S. pyogenes – Erreger des Rheumatischen Fiebers; Haemophilus influenzae (Erreger der Gehirnhautentzündung)

Die Entdeckung bzw. Entwicklung der Antibiotika war ein Meilenstein in der Medizingeschichte und hat Millionen das Leben gerettet, doch die Zahl der resistenten Bakterienstämme steigt seit Jahren dramatisch an. So zB bei den pathogenen E.Coli (wie EHEC),. Zwei E.Coli Stämme, die in einem Transplantationszentrum in Cambridge isoliert wurden, waren gegen 21 Medikamente resistent.

Forscher untersuchen seit Jahren, warum diese Stämme (wie EHEC bzw. STEC) immer aggressiver werden und haben festgestellt, dass es die Aufnahme und Aktivierung bestimmter Gene ist, die für die zunehmend gesundheitsschädliche Wirkung verantwortlich sind. Diese Gene werden als „Virulenzgene“ bezeichnet.

Dazu gehören zB Gene, die es dem Bakterium erleichtern, sich in die Darmschleimhaut einzunisten (bei STEC/ EHEC ist das z.B. eae (codiert intimin), doch der jetzt eruierte Erregerstamm hat dieses Gen überraschenderweise nicht) oder Gene, durch die das Bakterium ein starkes Zellgift produzieren kann (hier:  stx2). (Antibiotika verschlimmern die Giftwirkung in diesem Fall!)

Doch selbst wenn man diese Gene identifiziert und damit ein wichtiges Tool hat, die verschiedenen Unterarten zu unterscheiden, bleibt doch die wichtigste Fragen: Wieso nehmen (ursprünglich) harmlose Bakterien diese Gene auf? Welche Faktoren in der Umwelt beschleunigen diesen Prozess? Diese und andere Fragen versucht die Gen-Ökologie zu beantworten.

Diese wissenschaftliche Disziplin ist umso wichtiger, seit dem man weiß, dass genetisches Material (DNA oder RNA) von einem Organismus zu einem anderen übertragen werden kann. Dies nennt man Horizontalen Gen-Transfer (HGT). Während die normale “Vermehrung” (durch Zellteilung bzw. Paarung)  innerhalb einer Art als „vertikal“ bezeichnet wird.

Gen-Ökologie untersucht wie Gene funktionieren, wie und warum sie sich bewegen, wie sie übertragen werden können und wie ihr Verhalten durch Feedback aus der Umgebung (aus der jeweiligen Zelle, dem ganzen Lebewesen -Kommunikation der Zellen untereinander – und der äußeren Umwelt) geregelt wird.

An dieser Stelle ist es notwendig ganz klar zu sagen, dass die in den Medien kolportierte Vorstellung von der Funktion der „Gene“ völlig falsch ist: Gene sind NICHT die großen Diktatoren, die alles im Körper steuern, sie sind kein „Programm“, nach dem alles (immer automatisch) abläuft, sondern als Segmente der DNA eher eine „Datenbank“, aus der bestimmte „Ausführungsbefehle“ – je nach Bedarf – ausgewählt, verändert, neu geschrieben oder gelöscht (bzw. still gelegt) werden können. Sie sind Teil der komplexen Zellbiologie und keine Einbahnstraße“, wie es das klassische Dogma der Genetik vorgab:

Ein Gen erzeugt ein Protein und das wiederum ist für eine bestimmte Eigenschaft zuständig. Die DNA (und auch die Zellen und der Organismus an sich) ist nach dieser Auffassung eine biochemische Maschine. Demnach kann man, wenn man die Funktion eines Gens kennt, dieses ausschneiden, klonen, in ein anderes Genom einschleusen und somit Organismen produzieren, die bestimmte „erwünschte“ Eigenschaften haben. Wie zB Mais, dem man ein Gen für ein bakterielles Gift eingebaut hat (bt-Mais), das Schadinsekten vernichten soll. Klingt alles wunderbar einfach ist aber  gefährlicher  (wishful thinking) Bullshit.

Dieses mechanistische, reduktionistische Denken  ist ein Relikt von Newton und Descartes und wurde von der Realität schon längst überholt. Biologische Netzwerke sind viel komplexer als Physiker und Mathematiker wahrhaben wollen. Erstens kann ein Gen auch mehrere Eiweiße produzieren (aber auch mehrere Gene dasselbe Protein), es gibt also verschiedene Beziehungen. Zweitens hat der Mensch nur 30.000 Gene (es gibt Pflanzen, die mehr haben; Bakterien haben ca. 500 – 4000), es können aber Millionen verschiedener Eiweiße hergestellt werden. Die Gene sind natürlich keine technischen Komponenten, die nach Belieben ausgetauscht werden können, sondern alle miteinander vernetzt. Manipuliert man nur eines, ändert man die Beziehungen aller Gene zueinander mit unvorhersehbaren Folgen. Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Mutationen finden auch meistens nicht „zufällig“ statt, wie oft immer noch behauptet wird (siehe dazu auch Epigenetik).

Und vor allem: Gene reagieren auf die Umwelt und die “Antwort” verändert sich entsprechend. Welches Gen aktiviert wird, wie lange, welche anderen stillgelegt werden, hängt also von der zellulären und äußeren Umgebung ab. Deshalb wurde auch der Begriff „Fluid Genome“ geprägt: es ist ein dynamisches System, kein mechanisches, das in ein komplexes biologisches Netzwerk eingebettet ist, und von dem die Wissenschaft nur sehr wenig versteht. Je tiefer sie gräbt, desto komplizierter wird es. Die Gefahr dabei ist, dass man sich in Details verliert und dabei der Blick auf das Ganze verloren geht.

Doch die Gentechniker wollen das nicht wahrhaben, denn dann müsste ihnen klar werden, wie gefährlich und verantwortungslos ihre Manipulationen im Labor sind. Erstens verhalten sich Zellen in einer „Laborkultur“ immer anders als in einem Zellverband bzw. in einem lebenden Organismus, eben weil die biochemischen Signale aus der Umgebung fehlen. Die Zellkommunikation ist eines der faszinierendsten Themen in der Molekularbiologie und auch hier liegt noch vieles im Dunkeln. Doch die „Techniker“ verändern ein System, das sie kaum verstehen, weil sie berauscht sind von dem Gedanken, neue Lebewesen zu erschaffen und damit am besten auch noch viel Ruhm zu ernten und / oder Geld zu verdienen.

Ich kriege eine Gänsehaut, wenn ich Texte wie diesen lese:

Für ihn ist E. coli redux nur ein erster Schritt auf dem Weg zur „synthetischen Biologie“, die vor allem US-Forscher seit zwei Jahren propagieren. So wie aus der Elektrizitätslehre die Elektrotechnik, aus der Mechanik der Maschinenbau hervorging, ist die synthetische Biologie für sie die logische Weiterentwicklung der Wissenschaft vom Leben hin zu einer Ingenieursdisziplin.

[…] Die Grundlage für diese Entwicklungen legten James Watson und Francis Crick 1953, als sie die molekulare Struktur der DNS aufklärten. Schon der Terminus „Bauplan” für das Erbgut deutet darauf hin, dass die Biologie dazu überging, die Zelle in den Metaphern des Industriezeitalters zu beschreiben. Die zwischen einem und zehn Mikrometer großen Gebilde werden als winzige Fabriken gesehen. Aber da ist niemand, der die Moleküle in Bewegung setzt, um die Lebensprozesse der Zelle zu starten und am Laufen zu halten. Permanent werden im Zellkern Abschnitte des langen DNS-Moleküls kopiert. Die Kopien werden dann im Zellinneren verteilt. Ein kleiner Teil der Kopien, etwa fünf Prozent, wird in eiförmige Ribosomen gesteckt, in diesen werden aus herbeigeschafften Aminosäure-Molekülen die Eiweiße gefertigt. Die Eiweiße wiederum transportieren andere chemische Verbindungen, bereiten sie auf oder versorgen die Zelle mit Energie.

Wie diese ungeheure Aktivität im Detail abläuft, verstehen die Biologen zwar noch nicht. Aber seit die Biotechnik die Grundbausteine des genetischen Codes aufschlüsseln kann, wächst das Wissen, welche Genabschnitte welche Proteine kodieren. Genau hier setzt die junge Zunft der synthetischen Biologen an. Dem Maschinenparadigma folgend, werden Proteine und Botenmoleküle als Bauteile begriffen, die der Mensch beliebig verändern oder einfügen kann.

Während [diese Forscher] natürlich nur nützliche Biomaschinen im Sinn haben, könnten solch künstliche Organismen auch zu unschönen Zwecken designt [sic] werden. Im Prinzip sei es vorstellbar, hoch infektiöse Bakterien zu entwickeln, die etwa die Proteinfaltung von Menschen verändern und auf diese Weise tödlich wirken, warnt Nediljko Budisa, Biologe am Max-Planck-Institut für Biochemie in Martinsried. Das Ergebnis wäre eine ganz neue Klasse biologischer Waffen“

[…] “Die dreißigjährige Erfahrung mit genetisch veränderten Organismen hat gezeigt, dass sie im Vergleich zu ihren natürlichen Gegenstücken in natürlichen Umgebungen weniger fit sind.Aber die Biomaschinenbauer wären keine guten Ingenieure, wenn sie diesen kleinen Konstruktionsfehler ihrer Geschöpfe nicht beseitigen wollten. …“

Wahnsinn: Die ungeheuerliche Komplexität und Faszination des Lebens wird also reduziert auf das Niveau einer Maschine und man maßt sich allen Ernstes an, Lebewesen (für Profit und Größenwahn) konstruieren zu wollen, die besser sind als die aus der Natur, obwohl die Natur 4 Milliarden Jahre Erfahrung hat. Angesichts dieser Hybris, wird mir Angst und Bange, wenn ich daran denke, was sich in diesen Biotechnologie-Labors täglich abspielt (kein Politiker versteht das, fördert aber diesen Irrsinn als „Innovation“ …).

Bakterien sind das Lieblingsspielzeug der Gentechniker, weil sie von Natur aus die Fähigkeit haben, Genmaterial zu tauschen bzw. aufzunehmen und außerhalb des Chromosoms zu vermehren.  Das ist ja auch Teil ihrer Überlebensstrategie.

In Viren befindet sich das Erbmaterial in einer Proteinhülle. Das gilt zwar auch für Bakterien (die aber nicht in den Zellkern des „Opfers“ eindringen müssen, um ihr Erbmaterial in der Wirtszelle zu vermehren), doch diese beherbergen zusätzlich Plasmide (P), die sich im Zytoplasma vermehren können. Dann gibt es noch Transposone (T), die zwar in das Chromosom integriert werden, aber sich bewegen können (innerhalb eines Chromosoms bzw. zu einem anderen,  oder vom Chromosom zum Plasmid und umgekehrt). P und T  tragen typischerweise die o. a. Virulenzgene.

Künstliche Vektoren, die in Gen-Labors hergestellt werden, werden aus jenen Teilen der natürlichen Vektoren zusammengebastelt, die am infektiösesten sind, eben weil man den HGT beschleunigen will. Diese Konstrukte aus Bakterien und Viren werden zwar „deaktiviert“ (Virulenzgene entfernt oder stillgelegt), doch diese fehlenden „Kollegen“ im Genorchester können anderweitig rekrutiert werden: Aus Viren und andere parasitäre Agenten, die in der Umwelt bzw. den Zellen aller Organismen vorhanden sind.

Um ein transgenes Lebewesen herzustellen, muss also der Vektor in die Zelle eindringen und sich dort vermehren (er trägt also die Kopiereinheit in sich oder wird in das Genom der Zelle integriert). Um festzustellen, ob dies tatsächlich gelungen ist – man sieht ja nichts – werden so genannte Antibiotische Resistenz-Marker (ABM) eingebaut. Es wird also ein Geninsert eingefügt, dass diese Resistenz vermittelt. Dann werden alle Zellen mit diesem Antibiotikum behandelt, nur jene, die den Vektor (und damit das Gen) integriert haben, überleben, die anderen sterben. Doch was ist, wenn diese Antibiotikaresistenz weitergegeben und durch Kombination potenziert wird?

E.Coli gehört zu den gram-negativen Bakterien und wird seit Jahrzehnten als das Haustier der Molekularbiologen im Labor gezüchtet…. Unter idealen Bedingungen verdoppelt sich E.Coli alle 20 Minuten. Diese … Laborstämme sind genetisch derart beschaffen, dass sie außerhalb der Laborbedingungen nicht lebensfähig sind.“

 (Zitat aus: Grundzüge der Gentechnik, Birkhäuser Verlag, 2005; Seite 47)

Sind sie das wirklich nicht?

E. Coli ist das am intensivsten manipulierte Lebewesen der Welt. Gene von fast allen Arten  wurden hineingeschleust und darin millionenfach kopiert, seine Plasmide als „Genfähren“ benutzt. Mittlerweile werden ja auch Impfstoffe und Antikörper gentechnisch hergestellt. (Siehe dazu auch meine Beiträge zu „Impfen“ und „Schweinegrippe“)

Ist hier wirklich alles unter Kontrolle?

Hier haben wir einen Fall aus England, wo 2007 aus einem Biotech-Labor, das gentechnisch Impfstoffe herstellt, Erreger der Maul und Klauen-Seuche entwichen sind (man konnte den Stamm anhand der typischen Genmerkmale eindeutig  als Laborstamm identifizieren). Kommentar des britischen Umweltministers: „Das hätte nicht passieren dürfen“

2005 wurden von einem privaten Unternehmen „irrtümlich“ an über 6.000  Labors (weltweit) ein Päckchen geschickt, das den gefährlichen Erreger der „Hong Kong Grippe“ (Asian Flu) enthielt, an dem 1957 Millionen Menschen gestorben waren. Aber es passieren noch ganz andere „Pannen“:

„Versehentlich“  und absichtlich wurden auch schon neue Viren geschaffen:

Vor einigen Jahren gelang es Genetikern in Spanien (!) einen Coronavirus zu klonen: den TEGV. Das ist ein Virus, der neugeborene Ferkel befällt, von denen 80% an einer Darminfektion sterben. Zu den Coronoaviren gehören aber auch viele andere Unterarten, die grippeähnliche Infekte und möglicherweise auch neurologische Krankheiten auslösen. Diese Viren haben ein sehr großes Genom (mehr als doppelt so groß wie konventionelle RNA-Viren. (Die virale RNA wird im Zytoplasma vermehrt, nicht im Zellkern, der die eigene DNA der Zelle enthält.) Diese cDNA  wurde gemeinsam mit einem Promoter des CMV in E.Coli Bakterien eingebaut, der sie „kloniert“, also vervielfältigt hat.

Als man diese cDNA in Schweine injiziert hat, wurden RNA Viren produziert. Das kam sehr überraschend, weil die cDNA zuerst in den Zellkern der Schweinezellen gelangen musste, um dann wieder zu RNA umgeschrieben zu werden und anschließend zurück ins Zytoplasma transportiert wurde, damit sie sich replizieren konnte. Aber das tun normale Viren eben nicht. Die Forscher haben also einen völlig neuartigen Virus erschaffen.

Ein anderes, gentechnisches Experiment sorgte schon 2001  für Aufregung:

Es wurde hier über die Versuche australischer Wissenschaftler berichtet [20, 21], die mit einer Verstärkung der Antikörperproduktion durch die Überproduktion des Cytokins Interleukin 4 (IL-4) die Schwangerschaft bei Mäusen zu verhindern suchten. [Warum?]

Ein Gen für die Produktion von IL-4 wurde in das Genom eines Mauspockenvirus eingesetzt. Das Virusgenom enthielt auch ein Gen für die Produktion eines Proteins, das auf Eizellen der Maus zu finden ist. Nach der Infektion von Mäusen mit diesem Virus sollte das Eizellenprotein produziert und Antikörper dagegen hervorgerufen werden. Gleichzeitig sollte das IL-4-Gen in Mäusezellen exprimiert und eine größere Menge des IL-4-Cytokins als sonst produziert werden. Diese Überproduktion an IL-4 sollte dann eine Verstärkung der Antikörperproduktion gegen das Eizellenprotein verursachen. Ungeplant  hat IL-4 aber auch die Aktivität einer bestimmten Klasse von Immunzellen (cytotoxische T-Lymphozyten, Tc-Zellen oder auch Killerzellen genannt) unterdrückt, die normalerweise virusinfiziete Zellen attackieren, abtöten, und eine Virusinfektion dadurch beseitigen.

Und jetzt kommt der Hammer: Die Mäuse waren eigentlich gegen diesen Mäusepockenvirus resistent, es müsste also harmlos gewesen sein. Doch die Mäuse wurden vom Virus getötet.  Die Einfügung des IL-4-Gens hat dadurch ein “Killervirus” erzeugt, das auch in resistenten Mäusen das Immunsystem lahm legte (unterdrückt die Primärantwort und das „Immungedächntnis“).

Hier stoßen wir auch an die schwammige Grenze zwischen Gen-Forschung und Entwicklung von Bio-Waffen. (Es gibt auch Stimmen, die glauben, der EHEC Keim sei absichtlich in Deutschland freigesetzt worden …. Weil er so ungewöhnlich sei, nämlich eine HGT Chimäre: er hat Gene von EHEC, EAEC (besonders gefährlich für Leute, deren Immunsystem unterdrückt ist) und von Viren …kommt uns das nicht irgendwie bekannt vor?) Äußerst interessant ist auch die Frage, WIE den die Patienten behandelt werden? Sie werden es nicht glauben: mit gentechnisch hergestellten Antikörpern …(Fortsetzung folgt)

Die spannende Suche nach der Wahrheit  geht weiter …

 

Die Ergebnisse zeigen, dass es sich bei bei dem HUSEC041-Ausbruchsstamm um einen Erreger mit erweiterten Virulenz-, Schwermetall- und Antibiotikaresistenz-Eigenschaften handelt.

Dieser Stamm kann als Hybrid oder Chimäre bezeichnet werden, da er Virulenzeigenschaften unterschiedlicher Erreger vereint.“

Prof. Karch; Institut für Hygiene, Uni Münster

 

SHIT HAPPENS (3): Falsche Fährten?

Unfassbar: Obwohl bestätigt wurde, dass die Keime auf den spanischen Gurken nicht die Erreger der EHEC / HUS Infektion sind, geht die Gemüsehysterie weiter und es werden Tonnen von gesundem Gemüse nicht gegessen, sondern vernichtet. Die Dummheit kennt anscheinend keine Grenzen, denn was isst der in Spanien urlaubende Deutsche stattdessen?  Fast Food! (laut n-tv)

Es ist zwar bekannt, dass unhygienisch zubereitetes Rinderhack eine der Hauptquellen für Darminfektionen darstellt, doch man greift lieber zum – auch sonst ungesunden – Hamburger und entfernt dann auch noch die Tomate und das Salatblatt. Was soll man dazu noch sagen? How stupid can you get? 

Es muss noch einmal betont werden: das größte und gefährlichste Reservoir für diese EHEC Keime sind Wiederkäuer, vor allem Rinder (deren Verdauungssystem bzw. deren Ausscheidungen). Die Quelle ist also die (vor allem industrielle) Tierhaltung und hat nichts mit Gemüse- bzw. Bioanbau zu tun. Irgendwelche unsichtbaren Mikroben sind immer auf unserem Gemüse, doch durch gründliches Waschen werden diese entfernt (sonst müssten wir ja dauernd  Verdauungsstörungen haben).

Wie übertrieben und kurzsichtig es ist, sich nur auf Gemüse zu konzentrieren, zeigt auch folgende Geschichte:

In einer Wurstfabrik in Deutschland wurden im Rahmen einer Studie fast zwei Jahre lang die Arbeiter untersucht, um eventuelle Keimträger zu ermitteln. Zwei der Arbeiterdie überhaupt keine Symptome hatten – hatten wochenlang den gefährlichen EHEC-Erreger ausgeschieden, und niemand wäre (nur durch Befragungen, wie sie das Robert-Koch Institut jetzt durchführt) je darauf gekommen.

In diesem Zusammenhang scheint es auch wichtig, hervorzuheben, dass die Übertragung von Mensch zu Mensch weit häufiger vorkommt, als es die Medienberichte vermuten  ließen. Aus einer amerikanischen Studie stammt folgendes Diagramm:

Daraus ist zu ersehen, dass 38% der STEC Infektionen durch Übertragung von infizierten Personen zustande kamen, 15 % durch Fleischkonsum, gefolgt von Milchprodukten und belastetem Wasser, aber nur 6% durch Obst und Gemüse.

Da muss man fragen: Wie wird diese Übertragung in Deutschland verhindert? Noch dazu gibt es nicht wenig Menschen, die sich nach dem Besuch einer Toilette nicht die Hände waschen ….

Bakterienangst: Immer auf die Kleinen …

Bakterien sind um uns herum, leben auf und in uns und das ist auch ganz normal so. Es besteht kein Grund, deswegen hysterisch zu werden oder gar zu anti-bakteriellen Chemikalien zu greifen. Der Kauf dieser Produkte (anti-bakterieller Seifen und Waschlotionen, Produkte wie Danchlor, etc.) ist immer kontraproduktiv, d.h. wenn Sie solche aggressiven Chemikalien verwenden, steigt die Chance dramatisch an, dass die Bakterien in ihrem Haushalt (bzw. auf Ihrer Haut) mutieren und früher oder später resistent werden. Bakterien „ausrotten“ zu wollen, ist eine Illusion, je mehr man sie unter Druck setzt, desto stärker werden sie.

Gesunde Lebensweise (dazu gehört viel Obst und Gemüse!), ein starkes Immunsystem und ein gewisses Maß an Sauberkeit sind die beste Voraussetzung für eine problemlose Koexistenz mit den zahlreichen Mikroben, die uns umgeben.

Aber zurück zu den E.Coli bzw. EHEC Infektionen:

Während hier also – bewusst – die ganze Aufmerksamkeit auf Gemüse gelenkt wird, muss man sich die Frage stellen, will man hier eine falsche Fährte legen?

Im  RASFF Bericht der EU (2009), werden die festgestellten Gesundheitsrisiken in Lebensmitteln festgehalten und evaluiert. Unter der Rubrik „pathogene Mikroorganismen“ gibt es ein Balkendiagramm, das verdeutlichen soll, welche Keime am häufigsten gefunden wurden und in welchen Nahrungsmitteln: (Seite 27). E.Coli ist neben der Listeria der am häufigsten gefundene Keim (gelber Balken). Doch in welchen Nahrungsmitteln wurde er meistens gefunden?

In Meeresfrüchten, vor allem in Muscheln und Tintenfischen, etwa fünf Mal häufiger als in Fleisch, das an zweiter Stelle steht. Da frage ich mich, warum niemand diese Tatsache erwähnt, wenn in einer Stadt wie Hamburg, die natürlich auch ein Umschlagplatz für Fische und andere essbare Meerestiere ist, eine große Zahl von Menschen an diesen Keimen erkrankt.

Doch es gibt noch eine ganz andere mögliche Quelle für die „Evolution“ eines besonders gefährlichen Bakterienstammes, über die man gar nicht spricht, denn das würde einen Sturm der Entrüstung auslösen):

Die Biotechnologie-Firmen in Norddeutschland (mehrere in Hamburg und Bremen) oder ganz allgemein die Gentechnik-Labors, in denen Dinge passieren, die sich der normale Bürger nur schwer vorstellen kann.

So wird tunlichst nicht erwähnt, dass das E. Coli Bakterium seit vielen Jahren in diesen Labors als „Klonapparat“ und als „Modellorganismus“ für eine ganze Reihe anderer biotechnologischer Experimente benutzt wird.

Bakterien können sich in wenigen Stunden explosionsartig vermehren  und ihre „Kompetenz“ (man kann fremdes bzw. künstliches Genmaterial in sie einschleusen, das dann millionenfach geklont wird) als „Bio-Reaktor“ ist in der Biotech-Branche äußerst beliebt. E.Coli ist der Liebling aller Gentechniker, denn er lässt  – scheinbar – alles mit sich machen. Um zu verstehen, worum es hier geht, müssen wir uns etwas näher mit der Vermehrung von Bakterien und ihrem Genom beschäftigen:

Bakterien haben prokaryotische Zellen, in denen die Erbanlagen, (als freier, gekräuselter DNA Strang)  zu finden sind. Zusätzlich können sie aber auch so genannte Plasmide beherbergen, das ist ein Stück kreisrunder DNA, das sich unabhängig vom “Chromosom” (es ist kein echtes, wie beim Menschen) vermehren kann und ohne Hülle auskommt (man nennt das „nackte“ DNA).  Das Fehlen des Hüllenproteins (das „O“ beim EHEC) macht es viel leichter, in andere Zellen einzudringen, deshalb werden Plasmide millionenfach in der Gentechnik zum Einschleusen bestimmter Genkonstrukte verwendet.

Mehr dazu im nächsten Beitrag   

P.S.

Seltsam: Laut ECDC hat Deutschland die ersten HUS Fälle schon am 25. April gemeldet (Bei einer Inkubationszeit von etwa 7-10 Tagen (für EHEC)  hat also die Infektion Mitte April stattgefunden)

Laut Robert-Koch Institut traten die ersten Fälle aber erst Anfang Mai auf. Wer erzählt hier die ganze Wahrheit? Wer hat den Überblick?

RKI: “Der früheste Erkrankungsbeginn mit Durchfall war am 2. Mai 2011.

“Vom 2. bis 8. Mai lag die Fallzahl zwischen 0 und 2 Fällen täglich. Am 9. Mai stieg die Fallzahl auf 6 Fälle an und erhöhte sich seitdem kontinuierlich weiter bis zu einem bisherigen Maximum von 34 Fällen am 19. Mai. Zwischen 13. und 22. Mai lag die tägliche Fallzahl bei mindestens 17 bis maximal 34 Fällen. Seit dem 23. Mai lag die HUS-Fallzahl bei weniger als 15 Fällen pro Tag, wobei sich die Fallzahlen aufgrund eines Melde- und Übermittlungsverzugs wahrscheinlich noch ändern werden.”

 ECDC  Reported HUS Cases / Deaths                          Update 1 06 2011

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

SHIT HAPPENS (2): Das Kommt Mir Spanisch Vor …

SPIN ALARM! (Mein angekündigter Beitrag zum Thema Gentechnik -Was hat die mit der Gefährlichkeit von Bakterien zu tun? – folgt  deshalb später)

Während die Gemüse-Panik also, wie erwartet, immer mehr um sich greift, betätigt sich die Presse, wie immer, als Wiederkäuer der  monoklonalen Agenturmeldungen, deshalb schreiben auch alle, mit kleinen Variationen, das gleiche.

Ein bisschen Panikmache fördert die Auflage, das ist ja normal, aber es wird gefährlich – im demokratischen Sinn – wenn die Medien eine Stimmung erzeugen, die auf Schüren von Emotionen und nicht auf Fakten beruht. Niemand von uns möchte gerne an einer blutigen Durchfallerkrankung leiden oder gar an Nierenversagen sterben, doch Vorsicht und Hygiene ist eine Sache, Verdummung und Irreführung eine andere. Was ist damit gemeint?

Wenn  man sich die Presseberichte ansieht, fällt bereits auf, dass sich niemand die Mühe macht, einmal die Quellen der Information näher zu untersuchen bzw. die Übereinstimmung ihrer Aussagen zu überprüfen (wir kennen das ja aus den zahllosen Krimisendungen im Fernsehen …). Das ist aber sehr aufschlussreich und hilft, zu erkennen, was wahr und was Stimmungsmache bzw. Propaganda ist.

1-„BIO-BASHING“  STATT ECHTER AUFKLÄRUNG

Der ORF (österreichische Rundfunk)  meldete heute folgendes:

 „Nun ist wegen des EHEC-Keims, der eine Durchfallepidemie insbesondere in Deutschland auslöste, auch in Österreich eine Rückrufaktion gestartet worden […]

Das Gesundheitsministerium  fordert nun die Konsumenten auf, aus diesen Geschäften bezogene spanische Gurken, Paradeiser und Melanzani auf keinen Fall zu verzehren, sondern zu vernichten. …“

Sucht man die Quelle dieser Meldung im Internet, findet man folgendes:

Die AGES [privatwirtschaftlich orientierte Agentur mit Verbindung zu öffentlichen Stellen; getarnt als „Public Private Partnership“ ] gibt im Auftrag des  Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) bekannt, dass geringe Mengen von spanischen Gurken, die im Verdacht stehen, mit EHEC-Keimen belastet zu sein können, über deutsche Großhändler auch nach Österreich gelangt sind.

Wie über das Europäische Schnellwarnsystem RASFF am 28.05.2011 um 21.30 Uhr gemeldet wurde,  wurden spanische Bio-Schlangengurken des Erzeugers Frunet S.L. von den Firmen Dennree GmbH und Ökoring Handels GmbH, Deutschland, an Einzelhändler in Österreich geliefert.“

Auf der Website des österreichischen Gesundheitsministeriums findet man jedoch bei genauerem Hinsehen Informationen, die weniger geeignet sind, wieder einmal auf „Bio“ hinzuhauen und vom eigentlichen Problem (der industriellen Landwirtschaft) abzulenken:

EHEC in spanischen Gurken nachgewiesen

„Am 26.5. teilten die deutschen Behörden über das RASFF-System mit, dass bei zwei Gurken aus Spanien von zwei verschiedenen Erzeugerfirmen (ein Bioprodukt, ein herkömmliches) EHEC-Bakterien festgestellt wurden. In dieser Meldung war keine Lieferung nach Österreich angegeben. Noch ist nicht eindeutig klar, ob es sich um denselben Keim handelt, der bei Erkrankten auftritt.

Auch wurde über RASFF mitgeteilt, dass bei einer Gurke eines holländischen Vertreibers EHEC-Bakterien festgestellt wurden. Die Herkunft des Produktes ist derzeit noch unklar. Die holländischen Lebensmittelbehörden ermitteln.

Am späten Abend des 28.5. wurde über das RASFF-Schnellwarnsystem gemeldet, dass geringe Mengen der spanischen Biogurken, bei denen EHEC-Keime nachgewiesen wurden, über zwei deutsche Großhändler auch nach Österreich gelangt sind. …Beide Großhändler haben gleich nach Bekanntwerden des positiven Ergebnisses einen Lieferstopp und Rückruf durchgeführt. Der Rückruf betrifft auch Tomaten und Melanzani, sodass insgesamt 33 Betriebe in Österreich betroffen sind..  Die Produkte sollen keinesfalls verzehrt werden. „

Das klingt ziemlich dramatisch. Doch etwas weiter unten steht dann:

Diese Information erfolgt vorsorglich und besagt weder, dass die in Österreich vertriebenen Gurken tatsächlich mit EHEC-Keimen belastet sind noch dass diese Gurken die Ursache für die Erkrankungswelle in Deutschland sind.“

Was in der „RASFF“ Notifikation  wirklich stand, können sie hier lesen:(nur eine einzige Bio-Probe wurde gezogen, die zweite konventionelle – verschwand die und was ist mit der Ware aus Holland?)

2- DIE GRÖSSERE (?) GEFAHR: EHC

Die „EHC“ ist meine Abkürzung für „Europäische Heuchler Commission, die normalerweise mit „EUC“ abgekürzt wird (ohne Heuchler natürlich). Wenn ich Herrn Barroso nur sehe, kommt mehr Übelkeit auf, als  ein Bakterium je auslösen kann .. . Aber Schluss mit der Polemik und zurück zu den Fakten:

Auch die EU-Kommission (unsere obersten, ungewählten Herrscher) hat natürlich ihren Senf zum EHEC Drama dazugegeben und eine Pressemeldung lanciert, darin heißt es erstaunlicherweise:

Die deutschen Behörden haben … die Kommission darüber informiert, dass sie Gurken aus biologischer Landwirtschaft (original: organic cucumbers) aus zwei spanischen Provinzen … als eine der (Infektions-)Quellen identifiziert haben. Es sind weitere Untersuchungen im Gange, um andere potentielle Quellen zu ermitteln, während eine dritte Charge von Gurken, die aus den Niederlanden kommt, auch untersucht wird.“

Wenn wir diese Meldung mit der oben angeführten des österreichischen BMG vergleichen, fällt auf, dass die „konventionelle“ oder „herkömmliche“ Gurke jetzt verschwunden ist  und nur mehr die „Biogurke“ am Pranger steht. Das ist doch äußerst interessant, oder?

Und mittlerweile kümmert sich auch niemand mehr um die Gurken aus Holland, während Spanien als „Bösewicht” gebrandmarkt wird und die spanischen Gemüsebauern vor dem Ruin stehen. Ist das alles Zufall oder Inkompetenz?

Wer immer diese Pressemeldung lanciert hat, ist jedenfalls nicht besonders intelligent, oder sehr nachlässig, denn es geht so weiter:

The E. Coli outbreak is responsible for two deaths in Germany, while a total number of 214 cases have been recorded therealmost seven out of 10 (68%) concern women. …..

Die 214 Fälle, die hier zitiert werden, ist aber nicht die Zahl der EHEC-Infektionen, (die natürlich bei mehreren hundert, inzwischen bei tausend liegt) sondern die Zahl der HUS-Fälle (inzwischen 276), also jener schweren Komplikation, die in Deutschland viel häufiger aufgetreten ist, als sonst üblich. Das Robert-Koch Institut dazu:

„Das hämolytisch-urämische Syndrom (kurz: HUS) ist eine schwere, manchmal todliche Komplikation, die u. a. bei bakteriellen Darminfektionen mit enterohamorrhagischen Escherichia coli (EHEC) auftreten kann. Das Vollbild des HUS ist charakterisiert durch akutes Nierenversagen, hamolytische Anamie (Blutarmut) und Thrombozytopenie (Mangel an Blutblattchen). Typischerweise gehen dem enteropathischen HUS blutige Durchfälle voraus. Pro Jahr werden dem RKI durchschnittlich etwa 1.000 symptomatische EHEC-Infektionen und etwa 60 HUS-Falle, zum größten Teil Kinder betreffend, übermittelt.

Ein Grund, warum diese Erreger so gefährlich sind, ist auch, dass diese sehr und mehrfach-resistent gegen Antibiotika (AB) sind; eine Behandlung mit Antibiotika würde die Ausschüttung der Toxine (Giftstoffe) sogar noch verstärken!

Hier eine beeindruckende Liste von AB, die der aktuelle Erreger O 104:H4 problemlos ausschaltet:

Ampicillin, Amoxicillin/Clavulansäure, Piperacillin/Sulbactam, Piperacillin/Tazobactam, Cefuroxim, Cefuroxim-Axetil, Cefoxitin, Cefotaxim, Cetfazidim, Cefpodoxim, Imipenem, Meropenem, Amikacin, Getamicin, Kanamycin, Tobramycin, Streptomycin, Nalidixinsäure, Ciprofloxacin, Norfloxacin, Tetracyclin, Nitrofurantoin, Trimethoprim/Sulfamethoxazol, Chloramphenicol, Trimethoprim/Sulfamethoxazol-Kombination, Tetracyclin

Ob die Pharmaindustrie wirklich weiß, mit wem sie es hier zu tun hat? Wenn es ein Lebewesen gibt, für das der Satz “Was uns nicht umbringt, macht uns nur härter” gilt, dann sind es (E.Coli) Bakterien, die der Mensch gewaltig unterschätzt und als “Klonmaschine” für künstliche Genkonstrukte verwendet (mehr dazu folgt)

Der Bakterienstamm ist also wirklich ein formidabler „Gegner“, umso wichtiger ist es festzustellen, woher er wirklich kommt (wieso sich die gefährlichen  E.Coli Bakterien im Darm der Rinder so vermehren, habe ich ja in meinem ersten Beitrag erläutert…), anstatt Tonnen von Gemüse zu vernichten, während andere Menschen hungern.

FAKTEN ÖSTERREICH

  • ·   Bei keiner einzigen Gemüsesorte aus Spanien  wurde in Österreich  das EHEC Bakterium nachgewiesen. Alle bisher gezogenen Proben von Lebensmitteln waren nicht zu beanstanden. 2010 wurden Erreger nur in Rohwürsten gefunden.
  • ·   Bei keinem einzigen Bioprodukt wurde EHEC nachgewiesen.
  • ·   Es gibt keine Erkrankungsfälle in Österreich (2 Fälle von deutschen Radtouristen, die sich in Österreich aufhalten, aber vor kurzem in Norddeutschland waren; sie sind beide schon wieder aus dem Krankenhaus entlassen worden).
  • ·   Der in Deutschland als (ein) Auslöser identifizierte Bakterienstamm (STEC O104:H4) wurde in Österreich heuer weder bei Menschen noch bei Tieren oder Lebensmitteln nachgewiesen.

 

 

 

 

FAKTEN ALLGEMEIN

1- Es gibt keinen einzigen Beweis dafür, dass die Quelle der Kontamination in Spanien liegt.

Die Firma Frunet liefert hunderte Tonnen von Gemüse nach Deutschland und Skandinavien, nur ein kleiner Teil davon wird in Hamburg bzw. Schleswig-Holstein konsumiert. Der Bio-Anteil ist vergleichsweise winzig. Wieso werden nur Leute aus Norddeutschland krank bzw. Leute, die kürzlich dort waren?

„… Auch im Ausland verbreitet sich der Erreger. Schweden hatte 25 nachgewiesene Ehec-Erkrankungen, Dänemark sieben, Großbritannien drei, Österreich zwei und die Niederlande eine.“ (Quelle: Stern)

Gefährlicher Keim breitet sich in Europa aus

Meldungen, wie diese sind falsch und sehr irreführend. Die FAZ relativiert zwar im Artikel u.a.:

SCHWEDEN: Zum Wochenauftakt war eine Reisegruppe von zwölf Golfspielern nach der Rückkehr aus Norddeutschland an den typischen Symptomen erkrankt.“

Doch die Schlagzeile suggeriert, hier bahne sich eine Epidemie an und ist somit auch eine Form von Panikmache. Die Europäische Behörde für Seuchenkontrolle ECDC  klärt auf:

„Other Member States have also reported HUS cases: UK (2), Denmark (3) and Netherlands (1). One of the UK cases has been confirmed as STEC O104. Both of the UK cases are German nationals. The Danish HUS cases have yielded isolation of STEC strain, which is eae-negative and Stx1/Stx2-positive. One of the Danish cases is a German national, and both cases have travelled to Germany. The Dutch case had been visiting Hamburg on 15 May, three days before the onset of illness.”

Alle Erkrankten im Ausland waren kürzlich in Norddeutschland, einige davon sind Deutsche (Menschen können sich natürlich auch untereinander anstecken, wenn es an Hygiene mangelt).

Das ECDC hat weiters diese  Informationen veröffentlicht:

„Der STEC Ausbruch, der aus Deutschland berichtet wird, ist deshalb auffällig, weil binnen kurzer Zeit so viele  schwere Fälle gemeldet wurden: 276 HUS Patienten und zwei Tote in nur wenigen Wochen. Eine große Mehrheit der Fälle sind erwachsene Frauen. Das bedeutet, dass mehrere hundert schwere Erkrankungen noch zu erwarten sind.

Weitere 15 HUS-Fälle sind außerhalb Deutschlands aufgetreten. Alle sind mit Reisen nach Norddeutschland verbunden. Das wahre Ausmaß dieses Ausbruchs an Darminfektionen wird sich in den nächsten Wochen zeigen, wenn die Falldefinitionen harmonisiert wurden und die Dokumentationsprobleme gelöst wurden.“

2 -Es gibt keinen einzigen Beweis dafür, dass Biogurken (oder andere Biogemüse durch den Anbau an sich) für Infektionen in Deutschland verantwortlich sind.

Zwei Gurken zu untersuchen, und daraus eine Gefahr für alle Gurken (oder gar Gemüse) aus Spanien zu machen, ist absurd und wissenschaftlich unhaltbar. So schreibt auch das Robert-Koch-Institut in einer Aussendung:

… ist nicht auszuschließen, dass auch … andere Lebensmittel als mögliche Infektionsquelle in Frage kommen. Die Studie war darüber hinaus auf Hamburg begrenzt, sodass die Ergebnisse nicht mit Sicherheit auf das Gesamtgeschehen übertragen werden können. Fragen nach den Bezugsquellen der Lebensmittel ergaben bislang ein uneinheitliches Bild.“

Auch das ECDC weist darauf hin, dass weder Zeitpunkt noch Ort der Kontamination mit den gefährlichen Bakterien  geklärt wurden und dass es zweifelhaft sei, dass die Ergebnisse der kleinen Probe aus Hamburg auf ganz Deutschland übertragen werden können. Die definitive Quelle der Infektion muss erst noch gefunden und bewiesen werden.

…Samples of fresh cucumbers taken in Hamburg tested positive for STEC, however, the exact time and place of contamination remains unclear.

It is unclear whether the results from Hamburg can be extrapolated to the whole of Germany. Furthermore, it cannot be excluded that an alternative food item is the vehicle of infection. The definite source of the infection remains to be confirmed.

Die Schlussfolgerung der ECDC lautet:

Der Ausbruch von STEC / HUS Erkrankungen ist (für diesen Kurzen Zeitraum) bedenklich hoch, mit einer untypischen Verteilung nach Alter und Geschlecht, doch es gibt bis dato keine Beweise dafür, dass irgendein potentiell kontaminiertes Nahrungsmittel außerhalb Deutschlands vertrieben wurde (was sehr interessant  ist ..) und dass der  Wirkungsbereich des Erregers  auf Deutschland beschränkt sei.

Gründliche Untersuchungen seien im Gange um die Quelle der Infektion zu finden und um die Dimension des Risikos richtig beurteilen zu können.

Quelle: Outbreak of Shiga-Toxin Producing E-Coli (STEC) in Germany

Es besteht also überhaupt kein Grund, sämtliches Gemüse aus Spanien unter Generalverdacht zu stellen, oder kein rohes Gemüse mehr zu essen (gründliches Waschen ist ja wohl üblich), schon gar nicht Biogemüse zu meiden.  Einfach deshalb, weil diese auch sehr viele gesundheitsfördernde Inhaltsstoffe enthalten, die unser Immunsystem stärken und wenn sie – mit der und nicht gegen die Natur – angebaut wurden, umso besser. (Vergessen wir nicht, bevor die chemische Industrie ihre ehemaligen Kriegschemikalien in die Landwirtschaft umgelenkt hat, war alles „Bio“ – siehe dazu auch die wunderbare  Vandana Shiva )

(Übrigens, ich esse nur Biogemüse (täglich Salat, Gurken, Tomaten- auch heute) und es geht mir und meiner Familie prima)

Die Quelle des Problems ist die industrielle Tierhaltung (siehe dazu Teil 1 von SHIT HAPPENS), der globale undurchsichtige Handel mit Lebensmitteln über tausende Kilometer; brutale Preiskonkurrenz, die zu Qualitätsverlust und höherem Risiko führt (für Gesundheit und Umwelt) und eine irrsinniges Wirtschaftsdogma, das „Wachstum und Wettbewerb“ zum quasi-religiösen Status erhoben hat, dem sich alles unterordnen muss (Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Mitgefühl, Tiere als gleichwertige Lebewesen zu betrachten, etc.)

Zum Abschluss noch eine schöne Animation, in der gezeigt wird, wie es die Bakterien schaffen, in die Zellen der Darmschleimhaut einzudringen (die ja- wie alle Zellen, eigentlich „zu“ sind, und nur durch Freisetzung bestimmter Proteine ein Andocken bzw. Eindringen fremder Organismen zulassen)

 

(Die Untertitel sind in Englisch und für Menschen, die sich gar nicht mit Molekularbiologie befasst haben, schwer  zu verstehen, aber trotzdem interessante Bilder…)

Leichter verständlich, ein Video aus Österreich, dass über die Risiken und Gefahrenquellen  aufklärt:

VIDEO über Ansteckung und Vermeidung (AGES)

 

 

 

 

SHIT HAPPENS (oder “Die Killergurken”)

E.Coli Bakterien

 das ist die Schlagzeile, die man als Zusammenfassung der Pressemeldungen über die gefährlichen „EHEC-Bakterien“ in seinem Gedächtnis abspeichern könnte. Angst und Unsicherheit führen zu gewaltigen Umsatzeinbrüchen bei den betroffenen Nahrungsmitteln (Gurken, Salat, etc.) – so titelt der Stern etwa:

Bauern shreddern ihr Gemüse

Die Medien berichten, dass der EHEC Erreger auf spanischen Gurken nachgewiesen wurde (auf 3 von 4 Gurken – woher kam die vierte?), doch das sagt nichts über die tatsächliche Quelle der Verseuchung aus.

Während also die „Gemüsepanik“ um sich greift, wird die eigentliche Ursache des Problems so gut wie gar nicht erwähnt. Das ist ja auch kein Zufall, denn die „moderne Landwirtschaft“ steht nicht gerne am Pranger und die Politiker, die sie vorantreiben, schon gar nicht. Schauen wir uns also die Sache in einem größeren Kontext an, um herauszufinden, wo die Wurzel des Übels wirklich liegt:

1 -Was sind E.Coli (bzw. EHEC) Bakterien und woher kommen sie?

E. Coli (Escherichia coli) sind eine große Gruppe von Bakterien, die im Darm von Säugetieren und Menschen vorkommen. Sie sind im Allgemeinen nicht gefährlich, sondern ein nützlicher Bestandteil der natürlichen Darmflora, deren „Gesundheit“ vor allem von unserer Ernährung, aber auch von anderen Lebensgewohnheiten beeinflusst wird (seelischer Stress, Bewegung, Rauchen, andere Umweltgifte, etc.) Entscheidend ist, dass die Darmflora „im Gleichgewicht“ ist, also nicht ein Mikrobenstamm quasi die „Überhand“ gewinnt, während andere dezimiert bzw. unbeabsichtigte genetische Mutationen ausgelöst werden (was z.B. durch leichtfertige und häufige Einnahme von Antibiotika passieren kann – mehr dazu später).

Es gibt neben den harmlosen Varianten auch gefährliche Stämme von E. Coli,  die man als pathogen, also krankmachend bezeichnet. Meistens werden sie in Verbindung gebracht mit Durchfallerkrankungen, aber es gibt auch Arten, die Infektionen der Harnröhre oder der Atemwege (bis zur Lungenentzündung) auslösen können.

Shiga Toxin Molekül

Sehr gefährlich sind die so genannten STEC- Infektionen:  Das „ST“ steht für Shiga- (ähnliches) Toxin, ein sehr gefährlicher Giftstoff, der eigentlich von einer anderen Bakterienart stammt: Shigella dysenteriae. Vermutlich wurde die Fähigkeit, diesen Giftstoff zu produzieren, durch horizontalen Gentransfer zwischen den beiden Bakterienarten vermittelt. (Was das ist, wird im nächsten Teil erklärt).

Manchmal werden sie auch VTEC oder  – wie jetzt in Deutschland – EHEC genannt, das steht für enterohaemorrhagische E.Coli: das bedeutet, es schädigt die Darmschleimhaut, und löst gefährliche Blutungen aus; Enteritis = Darmentzündung)

Die  gefährlichste Unterart (in den USA und später auch weltweit), auch Serotyp genannt,  ist O157: H7. Aandere Serotypen, die  Krankheiten auslösen sind z.B. 026, 0111 und 0104, das in Deutschland bei vier Patienten nachgewiesen wurde.

Darm eines infizierten Hundes

2 – Wie kommt ein „Darmbakterium“ auf Gemüse?

Das ist wohl eine zentrale Frage in diesem  Puzzlespiel und die Aussagen dazu sind eindeutig: die Hauptquelle für Infektionen mit pathogenen E.Coli Stämmen ist das Rind im Kontext der industriellen Landwirtschaft, deshalb heißt diese Krankheit auch in den USA  scherzhaft  „Hamburger Disease“.

In den USA trat 1982 erstmals eine Infektion mit „STEC“ Bakterien auf. Die „Prävalenz“, also die Häufigkeit der Erkrankungen nahm seither ständig zu: Heute werden pro Jahr 110.000 Fälle in den USA registriert, Tendenz (weltweit) steigend, 30 Länder haben seither Infektionen gemeldet.  In Großbritannien sind es 40.000 jährlich. Die Inkubationszeit dauert nur wenige Tage und es ist nur eine sehr geringe Menge an Bakterienmaterial erforderlich (10 sollen schon genügen). Die größte direkte Infektionsquelle ist der Rindermist, also die Ausscheidungen der Tiere, aber auch unpasteurisierte Milchprodukte, rohes Fleisch, kontaminiertes Wasser (getrunken, zur Bewässerung von Feldern oder zum Schwimmen genutzt) und schlechte Hygiene (WC Besuch ohne Hände waschen!). Die Bakterien sind aber auch leicht durch „Schmierinfektion“, also von Mensch zu Mensch übertragbar. Schweine und Vögel können die Verbreitung fördern, ohne selbst betroffen zu sein.

Man könnte denken, Rinder (und andere Wiederkäuer) seien ein „natürliches“ Reservoir für diese Krankheitserreger …Ist das wirklich so simple?

3- Wieso nimmt die Ausbreitung von EHEC  zu (und ihre Gefährlichkeit für Menschen)?

Das CDC erwähnt auf seiner Homepage [unter der Rubrik Incidence] en passant, dass EHEC Infektionen in den Entwicklungsländern eher selten sind – was können wir daraus schließen? Einen Zusammenhang zwischen Massentierhaltung, industrieller Landwirtschaft und dem vermehrten Auftreten neuer Infektionskrankheiten als Folge der „modernen Methoden“ in der Tierhaltung? Präventiver Einsatz von Antibiotika in der Tiermast? Grauenvolle Zustände, in denen Tiere wie Produktionsmaschinen behandelt werden, die nie die Sonne sehen, sich frei bewegen können oder ihre sozialen Bedürfnisse ausleben dürfen?

Hier tun sich Abgründe auf, die wir gerne verdrängen – besonders die Einkäufer von „Billigfleisch“, aber auch Politiker ,Wirtschafts-Gurus und Journalisten tun so, als ob dieser Wahnsinn nicht nur normal, sondern ein Zeichen des Fortschritts in der Landwirtschaft wären, eine Steigerung von „Effizienz“ und “Produktivität“.  Demgegenüber steht der gern belächelte Öko-Romantiker, der Kühe auf grünen Wiesen sehen möchte und Schweine, die sich im Dreck wälzen dürfen und dafür auch noch gerne mehr bezahlt.

Und dann kommen die „Experten“, die uns weismachen, es gäbe keinen Beweis dafür, dass „Bio“ und „Öko“ gesünder wäre als  „konventionell“ und außerdem könne sich ja nicht jeder die höheren Preise leisten, die moderne Landwirtschaft sei einfach kosteneffektiver, oder?

Spätestens jetzt ist es notwendig, einmal der Wahrheit die Ehre zu geben, um den Irrsinn der industriellen Agrarproduktion endlich bloßzustellen:

Es gibt eine klare Korrelation zwischen der „Besatzdichte“ (Konzentration der Tiere auf engem Raum) und dem HU-Syndrom bei Kindern (Studie in Frankreich, Zeitraum: 1996-2001). Die „intensive Tierhaltung“ begünstigt also die Vermehrung und die Verbreitung dieser gefährlichen Mikroben,  besonders in den „CAFOS“, das sind riesige Mastbetriebe, mit mehr als tausend Tieren (manchmal sogar 10.000 …). Die Unmengen an Gülle und Mist sind nicht nur ekelhaft, sondern auch schwer zu „entsorgen“, deshalb werden sie oft illegal ausgetragen und kontaminieren so Boden und Wasserquellen. 2006 kam es in den USA zu schweren Erkrankungen, weil das Bewässerungssystem für Spinatfelder in Kalifornien mit dem EHEC „Abwasser“ eines angrenzenden Mastbetriebes verseucht war.  In Kanada wurde die Wasserquelle einer ganzen Stadt durch Überlaufen einer riesigen  „Gülle-Lagune“ mit gefährlichen Keimen infiziert ….

4 – Warum ist es  ziemlich bekloppt, „Kraftfutter“  an Wiederkäuer zu verfüttern?

Bereits im Jahr 2000 wurden Studien  veröffentlicht, die einen klaren Zusammenhang zwischen der dominanten Getreidefütterung und der dramatischen Vermehrung von pathogenen e.coli Bakterien im Dickdarm der Rinder aufzeigten. Konsequenzen? Keine. Einige Jahre später machte man erneut eine erstaunliche wissenschaftliche Beobachtung:

Als man das Futter für Rinder von Getreidepellets (90% Mais und Soja) auf Grünfutter umstellte, verringerte sich nach nur fünf Tagen die Zahl der E.Coli Bakterien im Dickdarm um das 1000-fache. Dazu wurde noch festgestellt, dass die Fähigkeit dieser Stämme, einen “Säureangriff“ zu überleben, durch das Grünfutter entscheidend abnahm bzw. die Population der säureresistenten Stämme um das 100.000-fache kleiner wurde. (Außerdem enthält Grünfutter Tannine und andere Polyphenole, die hemmend auf das Bakterienwachstum wirken, und das Immunsystem der Tiere auf natürliche Weise stärken.)

Wieso ist das wichtig?  Weil unser Immunsystem ja einen wichtigen Helfer hat: die Magensäure, die vielen unerwünschten Eindringlingen den Garaus macht, also auch Bakterien ins Jenseits befördert. Warum können dann die EHEC Stämme den Magen passieren? Weil sie quasi durch einen permanenten Säureangriff so  (genetisch) trainiert wurden, dass ihnen die Magensäure nichts mehr anhaben kann. Was hat das mit Getreidefutter  zu tun?

Das Verdauungssystem von Wiederkäuern ist für faserreiches GRÜNFUTTER ausgelegt und nicht für Getreide  wie Mais oder Soja (das noch dazu tausende km transportiert wird und 10-mal soviel Menschen wie Tiere ernähren könnte, wenn die pflanzlichen Kalorien direkt aufgenommen würden). Nach Aufnahme großer Mengen leicht verdaulicher (fermentierbarer) Kohlenhydrate, werden bei deren Abbau große Mengen organischer Säuren gebildet (im Pansen)  und in der Folge verändert sich das bakterielle bzw. mikrobielle Gleichgewicht. Die Stärke kann im Pansen nicht vollständig abgebaut werden und so wird sie im Dickdarm vergoren, wobei Zucker entsteht, der wiederum ein hervorragender Nährboden für die gefährlichen E.coli Stämme ist.

Der Fachmann spricht von SARA: subakuter ruminaler Azidose, die durch einen hohen Kohlenhydratanteil im Tierfutter erzeugt wird. Die Folge ist die explosionsartige Vermehrung von EC Keimen mit „Virulenzgenen“, die die Entstehung von Entzündungen (Immunreaktion) begünstigen, u.a. auch  des Euters, also der Mastitis bei Milchkühen. Dann kommen noch mehr Antibiotika, die die Widerstandskraft der Bakterien noch mehr herausfordern  (Hypermutationen erzeugen Resistenz), der Teufelskreis geht weiter – bloß nicht das Denkgebäude einstürzen lassen, das den ganzen Irrsinn hervorgebracht hat.

Uns fragt ja keiner ...

So macht man also aus symbiotischen Organismen in Rindern durch „moderne Fütterungsstrategien“ und „effiziente Haltung“  ein immer größeres Reservoir für mutierende und zunehmend resistente Infektionserreger, die Menschen und Tiere gefährden,  aber in der ökonomischen und intellektuellen Bilanz der „modernen Landwirtschaft“ nicht auftauchen (dazu gehören natürlich auch: BSE, Geflügelpest („Vogelgrippe“ und SARS), etc.

Die Bakterienlast (Krankheitserreger) könnte also erheblich reduziert werden, wenn die Tiere artgerecht gehalten werden: auf der Weide, mit Licht und Bewegung, hauptsächlich Grünfutter statt Getreide (das noch dazu große ökologische Probleme verursacht, weil transgener Mais  bzw. Soja durch unlautere Methoden immer mehr verbreitet wird). Gesündere Tiere, weniger Kosten für die Bauern, gesündere Lebensmittel, weniger Umweltbelastung, weniger klimaschädliche Emissionen, etc.. Doch was passiert?

Die mächtige, von wenigen Konzernen beherrschte Futtermittelindustrie bzw. die  „geistigen Eigentümer“ der patentierten Getreidesorten wehren sich mit allen Mitteln gegen eine Änderung des etablierten Systems. Schließlich verdient man sich dumm und dämlich damit.

Und außerdem ist eine Vernunft basierte Lösung nicht erwünscht. Es muss der „Markt“ das letzte Wort haben, soll heißen: ein selbst geschaffenes, systematisches Problem wird nicht an der Wurzel gelöst, sondern als neue „Marktchance“ gesehen: die Tiere werden also weiterhin konsequent durch falsche Ernährung und stressvolle Haltung chronisch übersäuert, wodurch viele Krankheiten entstehen. Doch anstatt diese zu verhindern, will man damit auch noch verdienen.

So werden z.B. Patente für Medikamente angemeldet, die die Azidose bekämpfen sollen: z.B. Amylasehemmer, an denen dann wiederum die großen Pharmakonzerne verdienen.

Ein Satz aus der Patenanmeldung zeigt, wie diese Leute denken:

„Es wird geschätzt, dass Pansen-Azidose und dazu in Beziehung stehende Probleme die Tierindustrie aufgrund verlorener Leistung mehr als 1 Milliarde Dollar pro Jahr kosten.“

Beachten Sie das Wort „Tierindustrie“ und die Sorge um „verlorene Leistung“ (man könnte also noch mehr Profit aus den Hochleistungsrindern herausholen …)

Damit kommen wir zu einem sehr wichtigen Aspekt dieses Problemkreises: Antibiotika &  Biotechnologie, der im nächsten Beitrag behandelt wird:

5 – Was hat die Gentechnik mit den (EC) Infektionen zu tun?

Für mehr Hintergrundinformation und Kontext zu den Auswirkungen der „modernen“ Landwirtschaft bitte auch meine früheren Beiträge (tag: “Landwirtschaft”) ansehen …

 

DER GANZ NORMALE WAHNSINN

In den Medien wird immer noch sehr irreführend berichtet, denn es dominiert der Eindruck, nur die vom aktuellen „Skandal“ betroffenen Tiere bzw. Eier und andere tierische Produkte seien  „dioxinverseucht“, also gesundheitsschädlich, alle anderen tierischen Produkte aus der Massentierhaltung aber harmlos (frei von Dioxinen / PCB (und anderen Schadstoffen, die hier aber nicht weiter erörtert werden).

Das ist eben nicht der Fall: die Alarmglocken haben diesmal nur geläutet, weil die Grenzwerte für „Dioxine“ erheblich überschritten wurden und auch das wird nur durch „Stichproben“ überprüft. (siehe dazu meinen vorhergehenden Beitrag)

Meistens werden die Behörden nur dann aktiv, wenn die Tiere Krankheitssymptome zeigen (die Untersuchungen zum Nachweis für Dioxin sind sehr teuer). Die ganze Medienmeute kümmert sich außerdem nur um die Gesundheit der Menschen, aber die Tiere werden ja durch Dioxine (und DL-PCB) auch chronisch vergiftet (Ihr „Glück“ besteht nur darin, dass sie früher sterben als wir und sich deshalb nicht so viel Schadstoffe ansammeln können, wie bei uns;) Alles was wir ihnen antun, kommt als „Bumerang“ früher oder später zu uns zurück. Tier- u Umweltschutz heißt also immer auch Menschenschutz.

Der eigentliche Dauer-Skandal besteht darin, dass wir ständig mit unserer Nahrung (und natürlich auch in der Atemluft) immer mehr gesundheitsschädliche Substanzen aufnehmen, die unsere fortschrittsgläubige Industriegesellschaft in riesigen Mengen freisetzt.  Das Dioxin-Problem ist ja nur eines von vielen (zB Schwermetallbelastungen, Pestizidrückstände, gesundheitsgefährdende Wirkungen von Kunststoffen (die allgegenwärtig sind, zB als Verpackungsmittel für Lebensmittel, aber auch in unseren Wohnräumen) schädliche Abgase aus Industrie, Hausbrand und Verkehr. Alleine die chemische Industrie produziert seit Jahren ein riesiges, unübersichtliches Arsenal an potentiell-schädlichen Substanzen (das die EU über die  REACH Verordnung in den Griff bekommen wollte, was aber kläglich gescheitert ist), deren kumulative bzw. Langzeit- Wirkung niemand untersucht hat, bevor sie massenhaft produziert wurden;

Es ist kein Zufall, dass Allergien, Auto-Immunkrankheiten (zB Multiple Sklerose), Krebs (vor allem bei Kindern!) und neurobiologische Störungen (Alzheimer, Parkinson,etc.) im Vormarsch sind und die oberste Priorität kann nicht sein, nach einem therapeutischen „Wundermittel“ zu forschen (durch Gentechnik, etc), sondern alles zu tun, um die Entstehung solcher Krankheiten zu verhindern.

Das Problem ist, dass sich die Medien und auch die Politik meistens nur dann mit diesen Themen befassen, wenn es einen „Skandal“ oder zumindest ein Aufsehen erregendes Ereignis gegeben hat (So etwa die Aluschlacken-Katastrophe in Ungarn – tolle „Katastrophenbilder“- oder der „BSE-Skandal“ – taumelnde Kühe schockieren –  garantieren die Aufmerksamkeit der Leser bzw. „Konsumenten“ von Nachrichten. Aber selbst dann wird der größere Kontext ignoriert.

Man fordert dann stets „mehr und strengere Kontrollen“, strengere Haftung, etc. was aber im Zeitalter des neoliberalen Kapitalismus, der sich die „Freiheit“ des Marktes auf die Fahnen geschrieben hat, und die staatlichen Lenkungs- u. Kontrollfunktionen immer mehr aushöhlt, auf ziemlich verlorenem Posten steht: So sind in Zeiten des angeordneten „Sparens“ (für die Bankenoligarchie) auch Lebensmittel-Kontrollbehörden mit Personal chronisch unterversorgt.

Dazu kommt noch die ideologische Indoktrination der Politik: man verlässt sich auf „Selbstkontrollen“  und „Eigenverantwortung“ der Industrie, was natürlich – im Kapitalismus – ein schlechter Witz ist. Doch „Privat“ ist immer besser als staatlich  und der letztlich angestrebte „Nachtwächterstaat“ soll sich darauf konzentrieren, das Privateigentum und die wirtschaftlichen Machtverhältnisse abzusichern und aufkeimende Unruhe in der Bevölkerung wegen der wachsenden sozialen Ungerechtigkeit und der fortschreitenden Entmündigung des Bürgers (zB selbst zu bestimmen, wie unsere Lebensmittel angebaut / produziert werden, nach welchen Spielregeln die Wirtschaft funktionieren soll, etc.) zu kriminalisieren oder wenn nötig, auch niederzuknüppeln (siehe Griechenland, Irland, England, Portugal, etc.) Das heißt dann, „für innere Sicherheit sorgen“. Subventionieren darf der Staat auserwählte Branchen natürlich schon, alles andere regelt schon der „Markt“ alleine.  Als der „Gammelfleisch-Skandal“ in Bayern Aufsehen erregte, wurde nicht einmal der Name des verantwortlichen Unternehmens veröffentlicht, um dessen „Image“ nicht zu gefährden. Hier geht es eben nicht „nur“ um schädliche Lebensmittel, sondern auch um die Aushöhlung der Demokratie durch wirtschaftliche Machtstrukturen, die der Politik vorgeben, wo es langgeht.

Die vorgefertigten, monotonen Debatten in Talkshows über den „Dioxin-Skandal“ sind also nicht geeignet, die Wurzel des Problems anzuprangern– das natürlich ein systemisches ist und nicht die Folge „krimineller Energie“  einzelner Personen. Erich Fromm hat dazu ja schon vor vielen Jahren seine Thesen vom „gesellschaftlichen Charakter“ (der den individuellen Charakter verändert) formuliert. Dieser „social character“ nimmt durch den Kapitalismus immer negativere Züge an und in letzter Konsequenz muss die Menschlichkeit selbst (moralisch, ethisch und solidarisch zu handeln) als Ballast und Hindernis für Profitmaximierung und Erhaltung der Machtstrukturen über Bord geworfen werden.

Herabwürdigende Ausdrücke wie „Gutmenschentum“ zeigen ja bereits, wohin die  Reise geht ….

Wir können also lange über „mehr Kontrollen“ diskutieren, aber das geht am eigentlichen Problem völlig vorbei:

Solange das oberste Prinzip der Wirtschaft die Profitmaximierung ist, (die Politik sich von „Wirtschaftsexperten“ und „Think-Tanks“ das Denken abnehmen lässt) und gleichzeitig die Machtkonzen-trationen zunehmen, werden die negativen Folgen für die Gesell-schaft immer schlimmer: Zerstörung unserer Lebensgrundlagen, Tierquälerei im großen Stil, völlige Entfremdung von der Natur, Wirtschaftsidiotie und Konsumidiotie für  ein „Wachstum“, das uns  in letzter Konsequenz alle umbringen wird.

Schon in den 1970er Jahren haben uns visionäre Denker wie E.F. Schumacher, Herbert Gruhl oder Frederic Vester gezeigt, dass das Mantra von „Wachstum & Wettbewerb“ bei näherer Betrachtung ein Haufen Bullshit ist, weil systemische Effekte, ökologische Folgeschäden, soziale „Kollateralschäden“ und die unvermeidbare, wirtschaftliche Polarisierung (intra- und international) einfach ausgeblendet werden.

Was uns droht, wenn der kapitalistische „Markt“ zum obersten Prinzip unserer Gesellschaft erhoben, bzw. diese selbst zur „market society“ transformiert wird, hat uns Karl Polanyi schon vor 60 Jahren klargemacht: alle menschlichen und sozialen Beziehungen werden schließlich der Marklogik untergeordnet (Patienten, Schüler, Studenten, pflegebedürftige Menschen werden zu „Kunden, die nur gegen Bezahlung eine „Leistung“ erhalten, die sich natürlich „rechnen“ muss …) …

Die Beziehung zwischen Mensch und Natur ist völlig gestört, weil auch sie nur mehr als auszubeutendes Reservoir von Rohstoffen bzw. als Dumpingground für Abfälle betrachtet wird. Alle Lebewesen werden zu „Waren“, denen ein „Marktwert“, sprich Preis zugeordnet wird. Tiere werden zu gefühllosen Produktionsmaschinen degradiert. Die können doch auch Dreck und Abfall fressen …

Die von einer Minderheit angemahnte Erhaltung von Ökosystemen und Artenvielfalt (wenn schon nicht aus ethischen Gründen, sondern wenigstens um das eigene Überleben zu sichern) wird durch effektive PR-Strategien der Industrie wie „greenwash“, „corporate responsibility“ Slogans und „astroturfing“ unterminiert und ad absurdum geführt (am Beispiel des Informationskrieges zum Thema  „Klimawandel“  gut zu erkennen)

Entscheidend für das soziale Prestige und den Wert der Menschen ist nur mehr ihre ökonomische Verwertbarkeit. (Langzeit-Arbeitslose sind demnach nichts wert, sie sind ökonomischer Ballast).Der „Nutzen“ einer Tätigkeit wird nur mehr daran gemessen, wie viel Profit generiert wird – so werden Bauern, die ihren Boden und ihre Tiere noch mit Respekt behandeln, belächelt und als „überholt“ und sentimental betrachtet, während die Großbetriebe, die riesige Profite machen, aber gewaltige ökologische Schäden anrichten, als „erfolgreich“ „effizient“ und „zukunftsfähig“ hingestellt werden.

Diese Schäden werden “externalisiert”, d.h. auf die Gesellschaft übergewälzt (in Form von Krankheit, Umweltzerstörung,  etc.), während die Profite natürlich privatisiert werden (und man auch danach trachtet, möglichst keine Steuern zu zahlen). Würde man diese Folgekosten den Verursachern aufbürden (sie also in die betriebswirtschaftliche Rechnung aufnehmen), dann würde  Kostenwahrheit entstehen und plötzlich wären die Bioprodukte billiger als die aus der “konventionellen” Landwirtschaft. Dann wäre es vorbei mit dem Preisbetrug …

Ein weiteres Grundproblem (das sich aus dem vorgenannten ergibt)  wird auch gar nicht thematisiert:

Wir können es uns nicht mehr leisten, dass nur „die Wirtschaft“ (bzw. die Investoren und Kapitalbesitzer) entscheiden, was (wie und mit welchem Ziel) produziert wird:

Sprüche wie „der Markt“ wisse am besten, wie die Kapitalallokation zu erfolgen habe, und man müsse diese (anonymen) Kräfte nur walten lassen, sind natürlich völliger Unsinn und zeigen, wie indoktriniert „Entscheidungsträger“ und „Multiplikatoren“ (so werden ja Journalisten heute genannt) mittlerweile sind. Wirtschaft funktioniert doch nicht in einem (konstruierten mathematischen) Vakuum! Unternehmen sind Teil eines sozialen Gefüges und natürlich auch Teil eines übergeordneten Produktionskreislaufes  – der Natur, mit ihren für uns unverzichtbaren Ökosystemen (deren Leistungen wir „gratis“ bekommen und deshalb ihren Wert nicht erkennen).

Hühnerfabrik 2011

Der Preisdruck des Weltmarktes und die Industrialisierung der Landwirtschaft führen natürlich dazu, dass die Produktionskosten (bei gleichzeitiger Expansion) ständig gesenkt werden müssen. Die Konzentration der Futtermittelhersteller und Großhändler verstärkt das massive Ungleichgewicht in der Verhandlungsmacht der „Markt-Teilnehmer“. Bei Nutztierhaltung und Mast heißt das natürlich, dass in letzter Konsequenz der billigste Dreck gerade gut genug ist, denn auch am anderen Ende will man noch kräftig trotz „Billigpreisen“ verdienen.

SPIN-ALARM:

Jedes Mal wenn es wieder einen Lebensmittel –„Skandal“ gibt, schreibt der brave Journalist, der Konsument sei schuld, weil er doch „so billig“ einkaufen wolle – egal, mit welchen Folgen. Doch diese Binsenweisheit ist nur auf den ersten Blick wahr, denn völlig ausgeblendet werden dabei folgende, entscheidende Faktoren für die Preispolitik:

Der „MARKT“ wird (durch die „Globalisierung“) zunehmend ein HAIFISCHBECKEN: Es gibt eine gewaltige Konsolidierung bei den großen „Food-Multis“ (globale Einkäufer, Verarbeiter Großhandel), daraus resultiert eine konzentrierte Marktmacht weniger Konzerne, gegen die die Millionen Erzeuger (vor allem „echte“ Bauern) keine Chance haben. Diese globalen Konzerne haben natürlich ein starkes Interesse daran, dass die Erzeugerpreise so niedrig wie möglich gehalten werden, damit ihre Profite so hoch wie möglich sind. Ähnliche – extrem ungleiche – Machtverhältnisse finden wir im Einzelhandel, wo eine Handvoll Unternehmen sich den „Markt“ aufteilt. Sie machen ebenfalls immer mehr Druck auf die Lieferanten (zB von Eiern, Gemüse, Fleisch, etc.) um mit den Ladenpreisen wieder den größte Profit zu machen und der “Wettbewerb“  wird hier praktisch ausschließlich über den „Billig-Preis“ geführt.

Es ist also nicht so, dass die Menschen vom dem Gedanken beherrscht werden, immer das billigste Lebensmittel zu kaufen und ihnen alles andere egal ist, sondern dass mit mehr oder weniger subtilen PR-Methoden , den Leuten eingehämmert wird, das billigste zu kaufen, sei ein Zeichen für Intelligenz („Geiz ist geil“; „Bio“-Schmäh“, „ich bin doch nicht blöd“, etc.). Verschärft wird der Drang zum „billigen Essen“ natürlich durch sinkende Real-Löhne, prekäre Arbeitsverhältnisse, höhere Arbeitslosigkeit, etc.  hier muss also auch der größere Kontext der neoliberalen Umverteilung der Einkommen und Vermögen von unten nach oben gesehen werden.

Und als letztes Mosaiksteinchen kommt natürlich noch die gewollte Verblödung der Leute durch die Medien hinzu (die selbst zum Instrument der wirtschaftlichen Machtelite werden). So wird eben jede tiefer gehende Debatte zum Wahnsinn unseres Wirtschaftssystems, wie ich sie skizziert habe, tunlichst vermieden. Und wenn jemand den Mut hat, dieses Thema anzuschneiden, wie Sarah Wiener, wechselt der Journalist das Thema, oder – wenn es „Die Linke“ ist, wird sofort „Kommunismus-Alarm“ ausgerufen und der Dissident dämonisiert …

Mehr Info siehe meine Artikel zum Thema „Landwirtschaft“

Dieser  beeindruckende Film zeigt (kommentarlos) wie der Wahnsinn bei uns Methode hat …(als NORMAL akzeptiert wird) Welche absurden Verhältnisse die “Marktwirtschaft”  hervorruft, zeigt dieser eine Satz aus dem Film:

“Der Preis für eine  Tonne Streusplit ist höher als für eine Tonne Weizen.”

Wir sehen also, dass jeder Zusammenhang zwischen Preis und Wert verloren gegangen ist …


Dazu kommt noch, dass die Millionen Tonnen unerwünschter Nebenprodukte und Abfälle aus der industriellen Produktion teuer „entsorgt“ werden müssten (das Wort ist Orwell pur). Diese Kosten möchte man natürlich auch auf andere überwälzen oder zumindest reduzieren. (Mehr dazu im nächsten Beitrag)

So nimmt es nicht Wunder, dass Altöle und ausrangierte Industriefette nach dieser Logik des „Cost-Cutting“ letztlich im Tierfutter und somit auch in unseren Körpern landen.

Der chilenische Ökonom Manfred Max-Neef (mit deutschen Wurzeln) hat das Dilemma unserer idiotischen Wirtschaftspolitik (die immer mehr einer Religion ähnelt als einer Wissenschaft)   kürzlich in einem Interview auf den Punkt gebracht:

„We are simply dramatically stupid“

Fortsetzung folgt…

DRECK FRESSEN – Hintergründe zum “Dioxin-Skandal”

Die "effiziente" Form der Geflügelhaltung

Brave New Year 2011

1- Woher kommen „Dioxine“?

Dioxine sind unerwünschte “Verunreinigungen”, die  bei der Synthese (künstlichen Herstellung) chlororganischer Produkte entstehen. Sie bilden eine Gruppe halogenierter aromatischer Kohlenwasserstoffe,  die ähnliche chemische Strukturen aufweisen.

Dioxine entstehen aber auch bei Verbrennungsvorgängen, so zB in Müllverbrennungsanlagen. Durch optimierte Verbrennungstemperaturen und spezielle Abgasbehandlung ist inzwischen eine gewisse Emissionsminderung erreicht worden (allerdings  nimmt die Müllmenge dank „Wirtschaftswachstum“ ständig zu). Daneben werden Dioxine in Kraftwerken sowie in Diesel- und Benzinmotoren gebildet. Auch industrielle Prozesse tragen erheblich zur Dioxinbelastung bei: zB in der Metallindustrie (Aluminium-schmelze und Sinteranlagen bei der Eisenerz-/Stahlerzeugung)

Polychlorierte Biphenyle (PCB) oder „Die Geister, die ich rief ….“

sind  chemische Verbindungen, die gezielt für verschiedene industrielle Anwendungen hergestellt wurden. Z.B als Transformatorenöl, Dielektrikum in Kondensatoren, Hydraulikflüssigkeit im Bergbau und als Wärmeüberträger. Sie wurden auch als kostengünstige Schmier-, Imprägnier- und Flammschutzmittel, Weichmacher (Kunststoffindustrie) sowie als Zusatzmittel in Druckfarben, Papier und Klebstoffen vermarktet und in großen Mengen eingesetzt.

PCB sind geruchlose, geschmack- und farblose bis blass-gelbe, ölige Flüssigkeiten oder Feststoffe, manche kommen als flüchtige Dämpfe vor. Da sie nur sehr schwer abgebaut werden können, werden sie als  „persistente“ (dauerhafte) Umweltgifte bezeichnet.

Wie immer, interessierte man sich nur dafür, ob diese neu geschaffenen Stoffe die erwünschten Eigenschaften für die industrielle Anwendung hatten und natürlich billig in der Herstellung waren. Als man nicht mehr ignorieren konnte, wie umwelt- und gesundheitsgefährdend diese Verbindungen sind, wurde schrittweise ein Verbot durchgesetzt. Doch obwohl die Erzeugung von PCB seit mehr als 20 Jahren verboten ist,  stellen sie noch immer ein gewaltiges Problem als „Altlast dar. Die „Schöpfer“ dieser Substanzen haben uns (ähnlich wie bei Asbest und anderen Errungenschaften des glorifizierten „technischen Fortschritts“ ein scheinbar ewiges Gifterbe hinterlassen. Doch im Gegensatz zu den finanziellen Belastungen (Haushaltsdefizite & Schuldenberge) unseres irrsinnigen Wirtschaftssystems spricht hier kaum ein Politiker von der Unverantwortlichkeit, dieses schreckliche Erbe unseren Kindern aufzubürden  (von der unkritischen Euphorie über die angewandte Nano- und Gentechnik ganz zu schweigen).

2 -WIE  GIFTIG  SIND  PCB?

PCBs werden je nach ihren biochemischen und toxikologischen Eigenschaften in verschiedene Gruppen eingeteilt. So unterscheidet man dioxinähnliche PCB (DL-PCB), und dioxin-unähnliche NDL-PCBs, die toxikologisch als weniger gefährlich betrachtet werden. Je nach Anzahl der Chloratome und ihrer Position, sind 209 verschiedene Verbindungen möglich. Die Giftigkeit der einzelnen Varianten (Kongenere) ist sehr unterschiedlich. 130 dieser Verbindungen kommen in produzierten Gemischen der Industrie  vor.

Obwohl die Dioxine in der Regel als komplex zusammengesetzte Gemische vorliegen, haben sich die meisten Studien bisher auf das (als Giftstoff) besonders relevante 2,3,7,8-Tetrachlordibenzo-p-dioxin („Seveso-Gift“) beschränkt. Im Tierversuch sind bei allen  Tierarten  Auszehrungssymptome,   eine Schrumpfung  der  Thymusdrüse sowie Magen-Darm-Blutungen festgestellt worden. Daneben hat man auch Leberschäden und Enzyminduktion beobachtet. (Enzyme haben eine Schlüsselfunktion bei allen biochemischen Prozessen im Körper, sie wirken als Auslöser (Induktor)  bzw. Beschleuniger (Katalysator).

Wie aber kann man die Giftigkeit der verschiedenen Kongenere  vergleichen bzw. ihre Gesamtwirkung bewerten?

Die akute Toxizität eines bestimmten Stoffes wird meistens mit dem so genannten „LD-50-Test“ bestimmt: dabei wird jene Dosis (pro kg Körpergewicht) ermittelt, bei der die Hälfte der Versuchstiere stirbt. Selbst bei einer einzigen Dioxinvariante ist es schwer, die akut-giftige Dosis pro Gewichtseinheit zu ermitteln: Der LD50- Wert von 2,3,7,8-TCDD schwankt  beispielsweise bei oraler Gabe zwischen 1 μg/kg Körpergewicht beim Meerschweinchen und dem tausendfachen Wert bei anderen Nagetieren. Die akute Giftigkeit ist also je nach Tierart sehr unterschiedlich. Wie soll man angesichts dieser enormen Schwankungen solche Testergebnisse auf den Menschen übertragen? (Tiere und Menschen sind eben mehr als „biochemische Maschinen“).

Wir wissen jedenfalls, dass die Werte in unseren Nahrungsmitteln bei weitem nicht so hoch sind, dass eine akute Gesundheitsgefahr bestünde (also unmittelbar eintretende Effekte wie Übelkeit, Erbrechen, und die später auftretende typische Chlorakne, etc.) Das Riesenproblem ist natürlich die chronische Giftigkeit: Wie wirken sich winzige Mengen aus, die über einen langen Zeitraum im Körperfett akkumulieren?

Das deutsche Institut für Risikobewertung schreibt dazu u.a. in einer Stellungnahme (Seite 3):

„Als chronische Wirkungen von Dioxinen und PCB wurden bei Tierversuchen Störungen der Reproduktionsfunktionen [beim Menschen zB verminderte Spermienproduktion bei Männern], des Immunsystems, des Nervensystems und des Hormonhaushalts beschrieben. Als empfindlichste Zielorgane wurden dabei die Leber und die Schilddrüse identifiziert. Verschiedene Dioxine gelten als Tumorpromotoren.“

PCB und Dioxine haben also eine verheerende, weil systemische Stör-Wirkung in dem hoch komplexen biologischen Netzwerk unserer Milliarden Zellen und das heimtückische daran ist, dass man die negativen Folgen erst nach Jahren bemerkt.

Welche furchtbaren Folgen Dioxine auch für folgende Generationen haben können, zeigt dieses Foto (hier als Resultat des großflächigen Einsatzes des Entlaubungsmittels Agent Orange im Vietnam-Krieg, das übrigens die Firma MONSANTO hergestellt hatte, die uns heute mit transgenen Pflanzen traktiert…) Noch heute kommen in Vietnam und Kambodscha Kinder mit schweren Missbildungen auf die Welt, doch darüber spricht man nicht …. (Die USA sind die einzige Industrienation, die das Abkommen von Stockholm zur weltweiten Reduzierung der Belastung mit dauerhaften Umweltgiften nicht unterzeichnet haben – mehr dazu im nächsten Beitrag)

 

 

 

 

 

 

Dioxine und PCB sind lipophil, d.h. sie werden im Fettgewebe gespeichert und dort natürlich im Laufe der Zeit angereichert. Die „Giftfracht“ ist demnach auch in jenen Lebensmitteln am höchsten, die einen hohen Fettgehalt haben und je weiter oben in der Nahrungskette sich das Tier befindet. Der Mensch wird  somit zum „Endlager“ seiner eigenen Giftproduktion, die im Falle der Dioxine als unerwünschtes Nebenprodukt („Verunreinigung“), aber im Falle der PCB absichtlich (ohne Berücksichtigung der systemischen Auswirkungen) erfolgte.

Und wie soll dann noch die Gesamtheit der unerwünschten und schädlichen Effekte dieses changierenden „Giftcocktails“ in unserem Körper evaluiert werden, von synergetischen Effekten mit anderen Schadstoffen und Langzeitfolgen ganz zu schweigen? Diese Bewertung kann aufgrund der enormen Komplexität biologischer Systeme und des Fehlens von Langzeit-Studien über chronische Belastungen (die niemand finanzieren will) nicht von der Wissenschaft erbracht werden, sondern ist natürlich letztlich eine politische Entscheidung (ebenso wie die „Strahlenschutz-Werte“ mehr mit Willkür und Wirtschaftsmacht zu tun haben, als mit Vorsorge).

 

Schweine im Unglück

3 -DIE  EU  UND  DAS  DIOXIN-PROBLEM

So hat man festgelegt, dass nur eine kleine Gruppe ausgewählter Kongenere wirklich „Anlass zur Sorge“ geben, da sie als „besonders“ giftig und hartnäckig angesehen werden: 17 „echte“ Dioxine und 12 (dioxin-ähnliche) DL-PCB, die ein ähnliches toxikologisches Profil haben wie das „giftigste“ aller Dioxine: 2,3,7,8-TCDD. Damit überhaupt eine Risikoabschätzung bzw. Regulierung erfolgen kann, mussten „Toxizitätsäquivalenzfaktoren“ (TEFs) konstruiert werden, deren Anwendung in der „Empfehlung“ 1881/2006 der EU-Kommission definiert wird: d.h. um die Ergebnisse der Giftigkeitsanalysen vergleichen und einschätzen zu können, wird als Referenzfaktor das hoch giftige „Seveso-Dioxin“ (2,3,7,8-TCDD) hergenommen, es wird also die Giftigkeit jeder Variante mit dem „Seveso-Gift“ verglichen und entsprechend eingestuft.

2002 erstellte die EU-Kommission (EUC) erstmals einen Aktionsplan, um die Dioxinbelastung in Lebens- und Futtermitteln zu reduzieren.  Der Zeitpunkt war kein Zufall: 1999 hatte der belgische Dioxinskandal Öffentlichkeit und Politik erstmals aufgerüttelt:

„Bis zum 15. August 1999 wurden 4 464 t Hühnchen, 9 996 t Schweine und 4 000 t Fleisch, Fleischprodukte und Lebensmittel vernichtet. Insgesamt sind bis zum 6. Oktober 1999 60 000 t Tiere getötet und aus der Nahrungsmittelkette entfernt worden. Alle Tiere und Lebensmittel wurden als Risikomaterial bei Temperaturen von über 1 400 °C verbrannt. Der direkte Schaden für die belgische Wirtschaft wird auf rd. 1 Milliarde Euro geschätzt.“

Diese Passage ist aus zwei Gründen ein erschreckendes Beispiel  für den als „normal“ akzeptierten Wahnsinn der industrialisierten Landwirtschaft:

Erstens, weil Tiere nicht mehr als Lebewesen, sondern nur mehr als Produktionsmaschinen bzw. „Produkte“  wahrgenommen werden (sie werden als „vernichtete Tonnen“ (!) angegeben) und zweitens, weil man sich nur für den wirtschaftlichen Schaden interessiert, aber die ökologischen Kosten der Massentierhaltung bzw. der „Markt- und Profitlogik“ völlig ignoriert:

Lebensmittel sind eben keine bloßen „Industrie-Waren“, deshalb muss ihre Produktion ganz besonderen Schutzvorschriften und Vorsorgeprinzipien unterliegen und darf nicht den amoralischen und nicht rechenschaftspflichtigen „Märkten“ überlassen werden.

(Vor Gründung der WTO bzw. Existenz des AoA waren landwirtschaftliche Produkte, also LEBENSMITTEL auch von gängigen Handels- u. Exportregeln ausgenommen, heute heißen sie (Grundnahrungsmittel wie Weizen, Mais, Reis, etc. ) nur mehr „Agrarrohstoffe“ und die Preise werden zunehmend Gegenstand der organisierten Spekulation …)

2004 empfahl die EUC den Mitgliedsstaaten schließlich auch ein Dioxin-Monitoring (Dioxine, DL-PCB und NDL-PCB) von Lebens- und Futtermitteln durch stichprobenartige Untersuchungen (2004/704/EC). Entsprechende Daten wurden seitdem an die Kommission weitergeleitet und diese waren dann die Basis für die spätere Bewertung der europäischen Lebensmittelbehörde EFSA.

2006 gab es den nächsten Dioxin-Skandal in der EU, wobei offenbar das gleiche belgische Futtermittel-Unternehmen, das auch 1999 in die kriminellen Vorfälle verwickelt war, wieder sein Unwesen trieb (man hatte nur den Firmennamen geändert …):

Wegen Dioxin 400 Betriebe in Belgien und den Niederlanden gesperrt

2008 ging es dann in Irland weiter:

Bis zu 25 Länder mit verseuchtem Fleisch beliefert

Und jetzt der aktuelle Skandal: Im Rahmen des letztendlich in der EU etablierten Schnellwarnsystems wurde heuer bereits im Frühjahr bekannt, dass es zu erheblichen Grenzwertüberschreitungen gekommen war: (BfR-Stellungnahme vom Mai 2010)

„Aus Deutschland und den Niederlanden wurden erhöhte Dioxingehalte in Eiern gemeldet. Der in der Verordnung (EG) Nr. 1881/2006 festgelegte Höchstgehalt für Dioxine von 3 Pikogramm WHO-PCDD/F-TEQ pro Gramm Fett und für Dioxine und dioxinähnliche PCB von 6 Pikogramm WHO-PCDD/F-PCB-TEQ pro Gramm Fett wurde in einigen der amtlich untersuchten Proben überschritten. Somit ist diese Ware aus lebensmittelrechtlicher Sicht nicht verkehrsfähig.“

Wieso wurden diese (immer wieder vorkommenden) Überschreitungen erst im Dezember publik gemacht?

Es ist offensichtlich, dass hier die wirtschaftlichen Interessen der Fleischlobby (vor allem in Ländern wie Niedersachsen) höher wiegen, als das Recht der Bevölkerung, aufgeklärt zu werden. Erst wenn es nicht mehr vertuscht werden kann, wird wieder einmal „ein Skandal“ bekannt.

Es gibt zwar seit 2006 in der EU Höchstgrenzen für (eine Kombination aus) PCDD/F (Dioxine) und DL-PCB (dioxin-ähnliche PCB)  in Lebens- und Futtermitteln – als tolerierbare wöchentliche Aufnahme (TWI)  hat das SCF der EU einen Wert von 14 Pikogramm pro kg Körpergewicht  festgelegt -aber keine Limits für NDL-PCBs, obwohl diese anteilsmäßig überwiegen – sie wurden lt EFSA Bewertung in mehr als 80% der getesteten Lebensmittel nachgewiesen. Die komplexe, biologische Gesamtwirkung der PCB (und anderer Gifte, die wir aufnehmen) kann also nur erahnt werden. Selbst die EFSA beklagt in ihrem Schlussstatement, wie unzureichend die zur Verfügung gestellten Daten sind.

Natürlich ist es schwer möglich (und sehr teuer) genau festzustellen, welche Dioxinlast (inkl.PCB) die Menschen bereits mit sich herumtragen und wie viel tierische Fette sie täglich aufnehmen. Doch die Daten, die wir jetzt schon (über den täglichen Konsum) haben, zeigen klar, dass die gewählten „Höchstgrenzen“ nicht mehr lange zu halten sind, wenn weiterhin soviel Fleisch bzw. tierische Produkte aus der Massentierhaltung konsumiert werden. (Noch schlimmer ist es mit Fischen, die als „Sammelbehälter“ für alle möglichen Gifte dienen, die im Meer gelandet sind – aber die haben wir ja ohnehin bald ausgerottet.

Bezeichnend und erschreckend ist, dass man in diesem Zusammenhang von einer „background-presence“ (Hintergrundbelastung) spricht, das Vorhandensein von Dioxinen und PCB in der Nahrung (und somit in der Natur) also mittlerweile als normal und unvermeidbar angesehen wird.

Dieser „Hintergrundbelastung“ (Emissionen in der Luft bzw.  Partikel  im Freien, die sich auf Pflanzen absetzen) kann natürlich auch die Bio-Landwirtschaft nicht entgehen, aber die Futtermittel der Biobauern werden streng kontrolliert und müssen ebenfalls aus Biolandwirtschaft stammen. Da die Bauern höhere Preise erzielen, müssen die Tiere auch nicht möglichst billig und schnell gemästet werden. Kleinere Betriebsgrößen erlauben es auch, dass das Futter im Idealfall vom eigenen Hof stammt. (Dass in Deutschland Hühnerhalter mit tausenden Tieren noch als „Biohöfe“ durchgehen, muss sich aber auch ändern).

Mehr dazu im zweiten Teil: DER GANZ NORMALE WAHNSIN

(Massentierhaltung als Teil einer idiotischen Wirtschaftspolitik … warum wir ständig Schadstoffe und Gifte mit der Nahrung aufnehmen …was passiert eigentlich mit dem wachsenden Berg von  “Sondermüll” den unsere Wirtschaft produziert?)

Bodenlose Dummheit oder Fortschritt am Acker?

DIE GRÜNE REVOLUTION IST BANKROTT

Die meisten Menschen halten die „moderne“ Landwirtschaft für eine Erfolgsstory und so sieht sie auf den ersten Blick auch aus: Eine winzige Zahl von Bauern (gemessen an der Gesamtbevölkerung) ernährt heute etwa 2o0 Millionen mehr Menschen in Europa als 1950 und dazu wird natürlich noch für den Export in außereuropäische Länder produziert. Doch trotz dieses Überflusses macht sich Unbehagen breit: Ernährungsbedingte Krankheiten nehmen zu, Nahrungsmittelallergien steigen stark an;  Verunsicherung durch „Fleischskandale“, BSE, zunehmende Tierseuchen, vermehrter Einsatz von Antibiotika; gesundheitsschädliche Rückstände von Agrargiften in Obst, Gemüse und Gewürzen, usw.

Die extrem wichtige Rolle der Landwirtschaft zur Erhaltung der Volksgesundheit und der Ökosysteme als unsere Lebensgrundlagen wird selten erwähnt und auch im Kontext des „Klimawandels“ wird die industrielle Landwirtschaft ziemlich ignoriert.  Doch diese Bagatellisierung können wir uns nicht mehr leisten:

Ein großes Problem ist etwa der rasant  steigende Einsatz synthetischer Düngemittel, der sich seit 1961 mehr als verfünffacht hat: Bei Stickstoffdünger stieg der Verbrauch von etwa  8 kg pro Hektar auf heute mehr als 60 kg pro Hektar, also um mehr als  700%. Doch dieser exorbitante Stickstoffeintrag endet nicht zur Gänze in der Pflanze, sondern ein Teil davon landet im Grundwasser bzw. in der Luft (man könnte sagen, der Stickstoff wird vom Boden wieder „ ausgeatmet“)

Wozu die Aufregung,  könnte so mancher jetzt denken, deshalb sind ja auch die Erträge pro Hektar  stark gestiegen und man konnte „mehr Menschen satt machen“. War das nicht die Essenz der mit großem Medienecho propagierten „Grünen Revolution“, für die Norman Borlaug den Friedensnobelpreis erhielt?

Ein Siegeszug des wissenschaftlichen „Fortschrittes“ (dank Justus von Liebig), der sich in diesem Fall durch massiven Einsatz von Düngern und Pestiziden manifestierte? Leider ist auch diese „Erfolgsgeschichte“ menschlicher Innovation bei näherem Hinsehen ein Flop und langfristig sogar eine Katastrophe. Warum, das zeigen folgende Zahlen:

Die vier wichtigsten Grundnahrungsmittel auf diesem Planeten sind Weizen, Soja, Mais und Reis.  Sie alleine benötigen etwa ein Drittel der weltweiten  Ackerflächen. Bei allen vier Getreidearten ist der heutige Ertrag, gemessen am Düngereinsatz und im Vergleich zu 1961 um mehr als 70% gesunken:

Per  Kilo Stickstoff wurden folgende Erträge erzielt:

1961 2006
Weizen 126 kg 45 kg
Soja 131 36 kg
Reis 217 kg 66 kg
Mais 226 kg 76 kg

Dass die anfänglich gefeierte Ertragssteigerung durch synthetische Dünger langfristig nicht haltbar ist, weil das Verhältnis zwischen Input und Output eben nur scheinbar linear ist, ist ja nichts Neues. Schon Ende der 1970er Jahre gab es erste Warnungen über die „Grenzen des Wachstums bzw. über die missachteten ökologischen Regelkreise der Natur und das fehlende systemische Denken.

Einer dieser Propheten war Herbert Gruhl, der mit seinem Buch Ein Planet Wird Geplündert“ (1978) für große Furore sorgte, weil er als CDU-Politiker den Wahnsinn des Wachstumsparadigmas anprangerte und dafür wie ein Häretiker und Spinner von seiner Partei und den vermeintlichen „Wirtschaftsexperten“  behandelt wurde.

Doch Gruhl hatte mit allem, was er kritisierte, recht (mehr dazu später) und so zeigte er schon 1978 auf, dass die Erfolgsstory der industriellen Landwirtschaft in Wahrheit ein Märchen ist. Als praktisches Beispiel diente u. a. eine Tabelle über den steigenden Energieaufwand beim Maisanbau:

Aus einer Statistik des Wissenschaftsmagazins Science (Vol. 182, Nov. 1973, 445) ergab sich folgendes Bild:  Die gesamte Aufwandsenergie für Arbeit, Maschinen, Strom, Treibstoff, Dünger (N, P, K) Samen, Bewässerung, Pestizide, Trocknung, Transport wird dem Maisertrag (in Kilokalorien) gegenüber gestellt:  Daraus ergeben sich folgende Verhältnisse:

1945 925.500 kcal Aufwand für     3.427.000 kcal  Ertrag

Verhältnis:        1: 3,7 0

1964 2.242.000 kcal  Aufwand für    6.854.000 kcal Ertrag

Verhältnis:        1: 3,06

1970 2,896.000 kcal Aufwand für     8.165.000 kcal Ertrag

Verhältnis:        1: 2,82

2009: Verhältnis:        2: 1?

Das heutige Verhältnis ist mit Sicherheit inzwischen negativ, man muss also mehr Energie investieren, als im Endeffekt dabei herauskommt.  Soviel zum Thema „Effizienzsteigerung“ in der Landwirtschaft durch „moderne“ Anbaumethoden, die man inzwischen vermehrt den Entwicklungsländern aufs Auge gedrückt hat und die kleinräumige, traditionelle Landwirtschaft als Auslaufmodell  lächerlich macht.

Doch – big surprise – die Hungernden bzw. Unter- oder Mangelernährten auf der Welt werden nicht weniger, der Zugang zu erschwinglichen Nahrungsmitteln wird immer mehr zum Privileg einer wohlhabenden Minderheit, wie auch kürzlich beim „Hungergipfel“ in Rom beklagt wurde (siehe dazu meinen Beitrag Papst, Hunger, Kaffee etc. wo es natürlich auch um Handelspolitik geht)

Aber auch der exponentiell steigende Verbrauch von synthetischen Düngern war bereits damals ein Thema. Gruhl griff noch weiter zurück, bis 1949. Damals wurden weltweit 3,10 Millionen Tonnen Stickstoffdünger verbraucht. Bis 1961 hatte sich dieser Bedarf mehr als verdreifacht, bis 1978  auf  rund 48 Millionen Tonnen gesteigert, das entspricht einer Steigerung von 1.548% in 29 Jahren.

Zum Vergleich, die Weltgetreideernte stieg zwischen 1950 und 1984 um 250%, bis 1994 hatte sie sich verdreifacht. Der Energieeinsatz hatte sich bereits vervierfacht. Seitdem stiegen sowohl der Energieeinsatz als auch der Einsatz von Düngern und Pestiziden, doch die Erträge können nur mehr marginal gesteigert werden und sinken weiter im Verhältnis zum Input wie oben bereits ausgeführt.

Da die fossile Energie immer teurer wird und gleichzeitig die Erzeugerpreise systematisch nach unten getrieben werden (davon profitieren natürlich die großen Food Multis, die sie verarbeiten -siehe dazu meine älteren Beiträge unter „Landwirtschaft“) haben die Bauern keine Chance in diesem System, es sei denn, sie werden zu „Unternehmern“ (die Familie muss durch andere „Projekte“ ernährt werden)  oder Agrarfabriken, die mit „Agrikultur“ nichts mehr zu tun haben und die Zerstörung der Bodenfruchtbarkeit noch mehr beschleunigen.

Heute liegt der N-Düngerverbrauch bei mehr als 90 Millionen Tonnen pro Jahr. Solche Steigerungsraten kann kein System auf Dauer aushalten, weder das komplexe Ökosystem des Ackerbodens, noch die übergeordneten Systeme und natürlich führt diese exorbitante Ausbeutung der Rohstoffe (z.B. Rohphosphat) dazu, dass sie nicht mehr lange vorhanden sein werden.  Den beschränkten, weil viel zu kurzen  Planungshorizont der Politik beklagte Gruhl schon 1978: „Die Bodenschätze sind unser Kapital, nicht unser Einkommen“, (sie werden aber weiter so behandelt)  und schüttelt den Kopf darüber, dass in der ökonomischen Theorie nur die Produktionsfaktoren Kapital und Arbeit Beachtung finden, aber weder „Natur“ noch „Energie“. Dazu kommt noch der Irrsinn, dass industrielle Großverbraucher von Energie durch besonders niedrige Preise belohnt werden.

Graphik 3.17:   Globaler Verbrauchstrend für Stickstoffdünger, 1961–2001 ( in Millionen Tonnen)

Die so genannte gewaltige  “Produktivitätssteigerung in der Landwirtschaft ist also in Wahrheit ein gewaltiger Selbstbetrug, denn der Einsatz der Arbeitskraft ist zwar dramatisch verringert worden und der Ertrag gesteigert, dafür wurde eben immer mehr Energie eingesetzt, wobei das Verhältnis zwischen Input und Output mittlerweile negativ ist! Worin besteht der Fortschritt, wenn man die Ernten vervierfacht, aber den Energieeinsatz verzehnfacht und dabei noch die Bodenfruchtbarkeit und die Biodiversität schrittweise ruiniert?

Man könnte auch sagen, wir „essen“  mit jedem Weizenkorn fossile Energien.  Es gibt Berechnungen, wonach in einem Kilogramm Stickstoffdünger das Energieäquivalent von  etwa 1,4 – 1,8 l Diesel steckt. Für eine Tonne wären das (Mittelwert 1,6) dann 1.600 l Diesel, für die 100 Millionen Tonnen Jahresverbrauch (die wir bald haben) sind das

160. 000. 000. 000 Liter Diesel pro Jahr

nur für Stickstoffdünger

Wenn man noch die Prozessenergie der industriellen Lebensmittelverarbeitung dazurechnet, ist das ganze endgültig ein Irrsinn, weil für jede Nahrungskalorie, die vor allem in  Form diverser Convenience Produkte auf unserem Tisch landet, insgesamt etwa 10 Kalorien Energie verbraucht wurden.

Der Konsum tierischer Produkte (vor allem Fleisch) ist natürlich an sich energieintensiver, denn für eine Fleischkalorie muss man zwischen 3 und 10 Pflanzenkalorien einsetzen.

(Die Tiere bewegungsunfähig zu machen, um Futter zu sparen, ist die perverse Folge einer irrationalen Sichtweise, die Lebewesen (weil sie essbar sind) wie Maschinen behandelt, deren „Effizienz“ dadurch gesteigert wird. Dass diese Form der Tierquälerei als biologischer Bumerang zu uns zurückkommt (Geflügelpest, pardon „Vogelgrippe“ etc.), ist klar, wenn man das Ausbrechen von Tierseuchen  als negatives Feedback erkennt. Diese Rückkopplung sollte ein starkes Indiz dafür sein,  einen unhaltbaren Zustand (Massentierhaltung) zu beenden, doch dazu reicht das Denkvermögen offenbar nicht aus. Stattdessen werden Millionen Tiere getötet und dann macht man weiter, wie bisher ….)

Dass für die Produktion von synthetischen Düngern Energie aus fossilen Quellen verbraucht wird (vor allem Erdöl und Erdgas), macht die Sache noch schlimmer, besonders im Kontext der aktuellen Klimadebatte. Dabei fällt auf, dass die Landwirtschaft in Kopenhagen so gut wie gar nicht erwähnt wird (jedenfalls nicht in den Medien).

Der Energieeinsatz in der „modernen“ Landwirtschaft lässt sich wie folgt aufteilen: (am Beispiel der USA)

  • 31% für die Düngerherstellung
  • 19% für landwirtschaftliche Maschinen (Feldbearbeitung)
  • 17% für Transport
  • 13% für Bewässerung
  • 8% für Tierhaltung (ohne Futter)
  • 5% für Trocknen der Ernte
  • 6 % für Pestizidherstellung

Der Einsatz von organischen Düngern in der biologischen Landwirtschaft, die quasi als Nebenprodukt ohne zusätzlichen Energieeinsatz in einer Kreislaufwirtschaft entstehen,  ist also schon für sich alleine eine gewaltige Verbesserung der Energie- und Stoffbilanz und ein Beitrag zum „Klimaschutz“.

Dass durch den intensiven Einsatz von Agrochemie aber langfristig auch die Bodenfruchtbarkeit abnimmt ist ein Riesenproblem, das viel zu wenig beachtet wird. Die leichte Verfügbarkeit der Nährstoffe wirkt wie ein „Doping“ im komplexen Bodenleben. Die Mikroben vermehren sich explosionsartig, was wiederum den Abbau der organischen Substanz beschleunigt, wodurch vermehrt Kohlendioxid freigesetzt wird. Der ganze Stoffkreislauf wird also auf „Turbo“ gesetzt, was damit endet, dass die organische Substanz immer weniger wird und auch die Bodenorganismen abnehmen, weil der natürliche Regulationsprozess nicht mehr funktioniert. Es kommt zu Bodenverdichtung (auch die Folge schwerer Maschinen), der Boden kann weniger Wasser und Nährstoffe  speichern, die Wurzeln der Pflanzen verkümmern (u.a. auch weil die Symbiose mit Wurzelpilzen gehemmt ist) usw.

Ohne ein ausgewogenes Verhältnis zwischen organischer Masse, Bodenlebewesen und Verfügbarkeit von Mikro-Nährstoffen (die sich alle gegenseitig beeinflussen, dazu kommen natürlich noch andere Faktoren wie das Wetter, die Bodenbearbeitung /  Pflege, negative Umwelteinflüsse (z.B. Industriegifte) u.v.a. nimmt die Bodenfruchtbarkeit ständig ab.  Das „lineare“ Denken, das Frederic Vester schon vor dreißig Jahren angeprangert hat, ist aber immer noch vorherrschend, weshalb die Reaktion auf diese Probleme  völlig falsch ist und den Prozess der Bodendegradierung noch beschleunigt (positive Rückkopplung).

Man bringt noch mehr Dünger aus und wundert sich dann, warum die Erträge nicht mehr gesteigert werden können, während die Produktionskosten weiter nach oben gehen. Nicht selten ist es an diesem Punkt, dass Bauern erkennen, in welche Sackgasse die industrielle Landwirtschaft führt und dass die Kosten – Nutzenbilanz eindeutig negativ ausfällt.

Der hohe Einsatz von Stickstoffdünger hat aber auch für den „Klimawandel“ verheerende Folgen, denn aus dem Ackerboden entweichen Stickoxide, die im Vergleich zum Kohlendioxid   200 mal effektiver sind). Diese Stickoxide sind für  mehr als 40% der Treibhausgase verantwortlich, die die Landwirtschaft erzeugt.

Doch wie oft in einem komplexen System, dessen Selbststeuerung durch menschliche Eingriffe unterminiert wird, kommt es zum Aufschaukeln ungewollter Effekte: Denn die Abnahme organischer Masse behindert nicht nur die Nährstoffaufnahme der Pflanzen sondern reduziert auch die Kapazität des Bodens als Kohlenstoffspeicher. Ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Stickstoff und Kohlenstoff kann nicht mehr gewährleistet werden.

Nach konservativen Schätzungen hat die organische Masse um etwa 1-2% abgenommen (in der etwa 30 cm dicken Humusschicht). Das klingt ziemlich mickrig. Doch hochgerechnet auf die gesamte Ackerfläche sind das etwa 200 Millionen Tonnen. Ohne diesen Verlust könnten etwa  330 Millionen Tonnen Kohlendioxid aus der Luft gefiltert und im Boden gespeichert werden.

Versuchen wir nun, den Einsatz von synthetischen Düngern als Paradebeispiel für lineares Denken (man fokussiert auf  eine Ursache  und  eine Wirkung) und die Missachtung des Systemcharakters darzustellen:

Logik für Simple Minds: (die reduktionistische Betrachtung der Natur als Maschine….)

  • Prämisse: Pflanzen brauchen Nährstoffe, die sie dem Boden während des Wachstums entziehen
  • Schlussfolgerung:  ersetzt man diese Nährstoffe durch Dünger, (N, P, K), ist ewige Fruchtbarkeit garantiert; je mehr Dünger, desto größer die Ernte, oder wie?

Völlig ignoriert:

  • Welche anderen Faktoren  beeinflussen die Bodenfruchtbarkeit?
  • Welche Effekte hat der Dünger- und Pestizideinsatz auf diese Faktoren (und damit die Bodenfruchtbarkeit)?
  • Welche Regelkreise werden durch den menschlichen Eingriff  gestört?
  • Welche schädlichen Wirkungen entstehen dadurch (oft zeitverzögert )?
  • Welche „Führungsgröße“ (Ziel) bestimmt das menschliche Verhalten (der Produzenten)?  Maximierung des Ertrags >> Profitstreben
  • Von welchen Zielen werden die ökologischen Regelkreise gesteuert?
  • Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit und Artenvielfalt, Stabilität der Ökosysteme, Stabilität des Mikroklimas,  des Wasserhaushaltes, etc.

Doch die Steigerung der Erntemengen ist noch aus anderer Sicht eine Illusion:  Die Pflanzen mögen schneller wachsen, doch die neuen „Hochleistungssorten“ sind weniger wert, als die alten, lokal angepassten Sorten. Warum? Weil sie  weniger Mineral- und Nährstoffe enthalten als früher und weil sie weniger aushalten (an Umweltstress).

In einer Dokumentation („Je suis mal à la terre“) von ARTE, die schon vor einiger Zeit gezeigt wurde, konnte man sehen, dass der angebliche „Fortschritt“ keiner ist: Ein Getreidebauer in Frankreich hat sich auf den Anbau alter Weizensorten (nach „alten“ Methoden, also eigentlich biologisch, spezialisiert (man könnte auch sagen, er hat damit experimentiert, denn offiziell ist dieser Anbau sogar verboten!). Diese sind rein optisch sofort von den modernen Sorten zu unterscheiden: Die Getreidehalme sind sehr hoch (1,50 – 1,70 m), knicken aber trotzdem nicht so leicht um und sind resistenter gegen Pilzkrankheiten.

Sie sind für die maschinelle Verarbeitung in Großbäckereien nicht geeignet, weil sie einen höheren Eiweißanteil haben. „Moderne“ Sorten wurden ja für diese Erfordernisse gezüchtet:

  • durch das Düngerdoping schossen die Halme zunächst in die Höhe, wodurch sie bei Wind leicht umknickten. Deshalb mussten auch „Wachstumshemmer“ eingebaut werden.
  • durch das Ammoniumnitrat (Stickstoff) werden die Wände der Pflanzenzellen aufgedunsen und dünn. Die Pflanze ist durch das „Turbowachstum“ geschwächt und anfällig für Krankheiten.
  • Durch die kurzen, sehr dicht beieinander stehenden Ähren wird zusätzlich die Entstehung von Pilzkrankheiten gefördert. Also mussten Fungizide her.
  • Durch die „modernen“ Monokulturen hatten Schädlinge ein Festmahl (ohne Feinde) vor sich, also mussten Insektizide her, usw.

Das Ende vom Lied sind Weizensorten, die sich prima von und in Maschinen verarbeiten lassen, aber weniger Eiweiß enthalten, als die alten Arten und auch der Mineralstoffgehalt ist gegenüber ökologisch intakten Böden reduziert.  Das heißt also, wir müssen mehr Weizen essen, um die gleiche Menge der Nährstoffe zu bekommen, die in den alten Sorten enthalten waren. Dafür bekommen wir aber Pestizidrückstände „gratis“ dazu ….

Ähnliche Zustände gelten für Gemüse und Obst:  2003 wurde in England ein Bericht veröffentlicht, der zu folgenden Ergebnissen kam: Zwischen 1940 und 1990 betrug der Verlust an Mineralstoffen bei Gemüse im Durchschnitt:  (die Vergleichswerte stammten aus einer Studie aus dem Jahr 1940  des Medical Research Councils, dessen Forschung später vom  britischen Landwirtschaftsministerium fortgeführt wurde)

  • -24% Magnesium
  • -46% Calcium
  • -27% Eisen
  • -76% Kupfer

Nach diesen Untersuchungen müsste man heute  z.B.  8-10 Tomaten essen, um die  gleiche Menge Kupfer aufzunehmen, als mit einer Tomate aus dem Jahr  1940*Das ist doch “Fortschritt”, oder nicht?

(* Quelle: „We Want Real Food“ / Graham Harvey, Chapter 4, page 52)

Fortsetzung folgt ….

Quellen: 

Earth Matters (GRAIN Report)

Millenium Assessment

Agroecology and the Search for a Sustainable Agriculture


It’s Your Job to Change the World

Das sagte Margret Atwood zu einem Journalisten, der sie gefragt hatte, ob sie glaube, dass Schriftsteller mit zeitkritischen Büchern die Welt verändern könnten….)

Warum ist die Bekämpfung des Hungers in der Welt so schwierig?

(Thema im „Notizbuch“ von Bayern 2 am 20.November 2009)

Weil die Journalisten nur mehr „Talking Points“ transportieren und nicht willens oder nicht in der Lage sind, sich intensiv mit den großen Problemen (Hintergrund und Zusammenhänge) dieser Welt auseinanderzusetzen (bevor sie auf Sendung gehen)?  Oder gibt es Denkverbote im öffentlich-rechtlichen Rundfunk? Dieser Gedanken konnte man sich nicht erwehren, angesichts dessen, was man uns in der letzten Woche an dilettantischen und oberflächlichen Diskursen serviert hat ….

Bayern 2 hat sich mehrfach mit dem Thema „Hungerbekämpfung“ anlässlich der Welternährungskonferenz in Rom befasst, darunter in der Radiowelt, im „Tagesgespräch“ und zuletzt im „Notizbuch“. Als „Experte“ war  der Agrarwissenschaftler und  Journalist (WDR)  Dr. Wilfried Bommert eingeladen.  Was kam dabei heraus?

Die Aussagen von Herrn Bommert sind irreführend und völlig einseitig. Er spricht immer von den gleichen Dingen: der Korruption (in den Entwicklungsländern), der ineffizienten Entwicklungshilfe („neue Welternährungsorganisation nötig“), etc.); von den (26) Kriegen in Afrika“ – „da muss die Welt für Frieden sorgen“; von Regierungen, die alles falsch machen(er meint, die Entwicklungsländer u. Investitionen in industrielle Infrastruktur statt Landwirtschaft); und vor allem der  „Biosprit“, der als das größte, akute Problem dargestellt wird.  Diese Faktoren spielen zwar auch eine Rolle, aber die alles überragenden strukturellen Ursachen (neoliberale Wirtschaftspolitik, die mit Demokratie und sozialer Gerechtigkeit völlig unvereinbar ist) werden totgeschwiegen ….Auch die Redaktionen von Bayern 2 haben dazu nichts zu sagen …

Im „Tagesgespräch“ sagte Herr Bommert wörtlich ..“dass die Welt zuwenig Nahrung produziert“. Das ist – wie selbst der Papst in seiner Rede erwähnte – FALSCH.

Es besteht kein Mangel an Nahrungsmitteln auf der Welt.

Die Ursache des Hungers (als Ausdruck von Armut) ist also nicht eine zu geringe Produktivität in der Landwirtschaft, oder zu geringe Investitionen, sondern die extreme Ungleichheit bei Zugang (zu) bzw. Besitz lebenswichtiger Ressourcen wie Land, Produktionsmittel, Bildung, aber auch das extreme Ungleichgewicht der Kräfteverhältnisse auf dem Markt. Wenige, sehr mächtige Konzerne und Handelsketten stehen Millionen von atomisierten Kleinbauern gegenüber. Die unfairen Handelsbedingungen, die durch die WTO zementiert wurden, haben die Marktmacht der einen Seite noch mehr konsolidiert, während die Ohnmacht der Bauern auf der anderen Seite offensichtlich ist.

Doch diese feudalen, undemokratischen Strukturen, die in den Medien meistens als „Freihandel“ (!) bezeichnet werden, regeln weit mehr, als Import und Export von Waren. Sie sind ein massiver Eingriff in die Demokratie selbst, in die Entscheidungssouveränität der Völker, ihre Agrar-, Handels und Wirtschaftspolitik (und damit die Basis ihrer Lebensumstände) selbst und nach unterschiedlichen Bedürfnissen zu bestimmen.

Für den Bereich der Landwirtschaft gilt hier besonders das Agreement on Agriculture (AoA), das  1995 in Kraft trat. Obwohl die Menge der erzeugten Nahrungsmittel seit Gründung der WTO ständig gesteigert wurde, nehmen Armut und Hunger weiter zu. (Zum Argument des Bevölkerungswachstums ist festzuhalten, dass 60% der Weltgetreideernte für die TIERMAST  verfüttert werden) Klingt paradox, ist es aber nicht, wenn man sich die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen genauer ansieht:

„Freier“ Handel bedeutet im Klartext, die Starken erpressen die Schwachen (die kaum Verhandlungsmacht haben) und pressen sie auch immer mehr aus; im Endeffekt ist es eine andere Variante der Plantagenwirtschaft, mit der die Kolonialherren im 18. und 19. ihre Vermögen machten, der Unterschied ist nur, dass die Sklaverei nicht mehr physische Nähe erfordert, sondern im wesentlichen über die Kontrolle von Preisen und Löhnen  erfolgt ….

Die WTO kommt im Buch des Herrn Bommert ganze 2mal vor (nur namentlich), der IWF gar nicht und die Weltbank wird nur einmal mit einem Hauch von Kritik erwähnt, weil sie die Industrialisierung der Schweinezucht in China massiv fördert (statt Küchenabfälle und Kleie bekommen die Schweine jetzt wertvolles Getreide, das ist „Fortschritt“ …)

“Eine neue Art des Warentausches begann zwischen dem neuen und dem alten Kontinent, … der sich eigentlich als ebenso vorteilhaft für Amerika hätten herausstellen sollen, als er für Europa sicherlich war. Doch die brutale Ungerechtigkeit der Europäer verwandelt ein Ereignis, von dem eigentlich alle Beteiligten profitiert hätten, in ein zerstörerisches, ruinöses Unterfangen für viele dieser unglücklichen Länder …“

“Der Wohlstand der Nationen”, Adam Smith 1776)

Zahlreiche wissenschaftliche Studien kommen zum gleichen Ergebnis, wenn es um die Frage geht, warum sind sie so arm? Warum nimmt der Hunger zu? Die Handels- und Agrarpolitik, die man (besonders) den Entwicklungsländern  unter dem Mäntelchen von „Fortschritt und Entwicklung“ aufs Auge gedrückt hat, ist die zentrale, strukturelle Ursache für die zunehmende Verelendung (und damit auch Unterernährung) der ländlichen Bevölkerung. Dazu folgende Fakten im Überblick:

  • 80% der Hungernden auf der Welt sind Bauern
  • (50% Kleinbauern, 20% landlose Arbeiter, 10% Tierhalter)
  • seit Gründung der WTO 1995 sind die Erzeugerpreise für Lebensmittel dramatisch (z.t. niedriger als vor 40 Jahren!) gefallen – Warum?

Weil durch EU- bzw. US-Subventionen systematisch eine exportorientierte Überschussproduktion  gefördert wird. In den Industrieländern wurden riesige Mengen der fünf wichtigsten Agrarpflanzen (Weizen, Mais, Soja, Reis, Baumwolle) zu Dumpingpreisen auf den Markt geworfen, die bis zu 50% unter den Produktionskosten lagen. Durch den erzwungenen Abbau von Importbeschränkungen konnten diese ungehindert in die Märkte der Entwicklungsländer eindringen und ruinierten damit in vielen Fällen die eigene Produktion. Die Kleinbauern haben gegen diese Subventionslawine keine Chance, viele geben auf und landen in den Slums der Städte oder rutschen in die Kriminalität (siehe auch „Piraten“ in Somalia, oder Schlepper in Westafrika, die früher Fischer waren, etc.) ab.

In den Entwicklungsländern sorgten Weltbank und IWF –„Berater“ dafür, dass auch die Produktion der „Kolonialwaren“ in großem Stil ausgeweitet wurde. (Siehe dazu das Beispiel Kaffee in meinem früheren Beitrag). Die unter Bedingung der Liberalisierung gewährten Kredite machen die Bauern und Länder zu „Schuldsklaven“: Ertrags- bzw. Exportsteigerungen durch erhöhten Einsatz von Agrochemie verteuern die Produktionskosten, während gleichzeitig die Einnahmen wegen des Preisverfalls  kontinuierlich sinken; Versuche, den Einkommensverlust durch höhere Produktivität wettzumachen, lässt den Preis weiter fallen, usw. – diese Preisspirale ist tödlich.

Dieses System führt auch zu einer Refeudalisierung der Landwirtschaft, denn nur große industrielle Einheiten können in diesem brutalen Umfeld bestehen und Marktmacht ausüben, so kommt die „Plantagenwirtschaft“ wieder in Schwung und mit ihr die die Neuauflage der Sklaverei. Ketten braucht man nicht mehr, es genügt die Kontrolle über Preise und Löhne, die man jetzt auch schon „virtuell“ erledigen kann … (z.B. durch elektronisches Trading, etc.)

Sowohl die FAO als auch NGOs haben festgestellt, dass die wirtschaftspolitische Prämisse, die armen Länder werden durch Teilnahme am Welthandel bzw. durch verstärkte Exporte mehr Wohlstand erlangen, eine Illusion ist. Die Statistiken beweisen dies ganz klar: obwohl immer mehr exportiert wird, sinken die erzielten Erlöse. Gleichzeitig steigen die Zinsen für Kredite und das Währungsrisiko, sodass ein immer größerer Teil der Exporteinnahmen in die Zinszahlungen fließen. Für die eigene Bevölkerung bleibt da nicht mehr viel übrig. Etliche Länder wenden schon mehr als die Hälfte ihres Budgets für diese gezielte Plünderungsaktion der Banken auf.

Dazu kommt noch, dass genau diese Länder immer mehr Nahrungsmittel importieren müssen (weil die eigenen Felder für eben jene cash crops gebraucht werden, mit denen Devisen zur Schuldenrückzahlung erwirtschaftet werden müssen). Durch die Magie des „compounding interest“ ist es quasi unmöglich, diese Schulden je zurückzuzahlen (was ja auch beabsichtigt ist).

Übrigens, das Märchen von der „Entwicklungshilfe“(„wir zahlen für die“) ist ein Witz, denn die armen Länder zahlen etwa 5-10 x mehr jährlich in Form von Zinsen an den Westen, als sie von uns bekommen. Das Problem ist nur, dass dieses Geld die Großbanken einstreifen, die wir gerade „retten“ mussten)

Das Corporate Food Regime ist also gekennzeichnet durch:

  • Agribusiness: Errichtung einer industrialisierten, von Konzernen und Kapitalinteressen diktierten Landwirtschaft (kleine Bauern haben darin keine Zukunft)

  • Das ganze Food System wird von wenigen transnationalen Konzernen kontrolliert – vom Saatgut bis zum Supermarkt  (sie schanzen sich gegenseitig die astronomischen Gewinne zu)
  • Weitgehende Privatisierung der Ressourcen (Boden, Wasser) und Patente auf Saatgut und Wissen (TRIPS)
  • „Oligonomie“: wenige dominante „Käufer“ und „Verkäufer“ (oft im gleichen Konzern) beherrschen den Markt
  • Diese transnationalen Monsterfirmen bestimmen aufgrund ihrer Marktmacht WAS und WIE produziert wird (unterstützt von den Sympatisanten im Bankenkartell von Weltbank und IWF)

ÜBERBLICK

Ziele der Handelsliberalisierung:

  • Entwicklung eines globalen Agrarmarktes (kein Naturzustand!)
  • NICHT BEDINGUNGEN, DIE ENTWICKLUNG FÖRDERN
  • NICHT DIE LÖSUNG BESTHENDER PROBLEME (Die Herren der Welt WOLLEN JA Dumping (erzeuger)preise …)

  • GEWINNER

  • Transnationale Konzerne entlang der gesamten  Wertschöpfungskette
  • Wenige Großbetriebe
  • Investoren
  • Spekulanten (Trader)

  • VERLIERER

  • Großteil der Bauern im Norden und Süden
  • Konsumenten (hohe Verbraucherpreise, durch Werbung verblödet, Illusion der “Wahl” (Marken des gleichen Konzerns)
  • EU-Bürger zahlen dreifach: Subventionen, hohe Preise, Kosten für Umweltschäden, Tierseuchen, „Fleischskandale“, etc.
  • Umwelt: Verlust der Biodiversität, Bodenerosion, Wasserbelastung, Wasserknappheit, Nitratbelastung, Klimawandel (Lachgas durch N-Düngung viel schlimmer als CO2!)
  • Demokratie: Konzerne diktieren (über Preis) Produktionsbedingungen
  • Gesundheit: Convenience Food (ungesund, hoch verarbeitet, denaturiert), Massentierhaltung (Antibiotika); immer mehr übergewichtige Kinder

  • Soziale Katastrophen in den armen Ländern, Recht auf Selbstbestimmung verwehrt, Hungerlöhne, Wage-Slavery, keine Verhandlungsmacht (zu viele billige Arbeitskräfte verfügbar (Nachschub von ruinierten Bauern)
  • Vertreibungen der indigenen Völker aus Wäldern, Umsiedlung ganzer Dörfer für Plantagen oder Staudämme

CHANGE: Nahrungssouveränität: das Recht

  • auf Nahrung
  • zur Selbstbestimmung der Produktionsmethoden in Landwirtschaft und Fischerei, (auch Respekt vor Traditionen)
  • auf eine Agrarpolitik nach den unterschiedlichen Bedürfnissen der Menschen und den ökologischen und sozialen Bedingungen in verschiedenen Regionen der Erde
  • Lokale Versorgung wichtiger als Export  (Importe verringern)
  • Lokale, regionale Produktion ist auch klimafreundlich
  • Solidarität zwischen Produzenten und Konsumenten, Arbeitern und Bauern, Umweltgruppen, Gewerkschaften, Klimaschützern, etc.
  • Weniger Fleisch essen! Fair Trade  und Bioprodukte kaufen
  • EU Politik entlarven (auch Austritt erwägen)
  • WTO in dieser Form unhaltbar, unvereinbar mit Demokratie

Das jetzige System PRODUZIERT strukturelle ARMUT und damit auch HUNGER

(es fördert auch Umweltzerstörung und Klimawandel, mehr dazu siehe Quellen am Ende)

Friends of the Earth zählen eine Liste von erforderlichen Maßnahmen zur Änderung des Systems auf und fassen in ihrer Broschüre Trade and Food Sovereignity die Situation so zusammen:

„Wenn wir eine schonende und nachhaltige Landwirtschaft wollen, die Ernährungssicherheit leisten kann, müssen sowohl der Zugang zu Ressourcen als auch der Ertrag aus deren Nutzung fair zwischen Ländern, Regionen und Menschen verteilt werden.“

In einem Satz gesagt:

Menschenrechte müssen wichtiger sein, als Besitzrechte.

Die schlimmste Form der Gewalt ist Armut.

Mahatma Ghandi

(siehe dazu auch die  bewegende Doku von John PILGER

Es ist völlig inakzeptabel, dass die Einhaltung willkürlicher, von (und für) Kapitalinteressen verfassten „Handelsregeln“ mit strengen Sanktionen überwacht wird, während die massive Verletzung der Menschenrechte (wozu das Recht auf wirtschaftliche Selbstbestimmung, Zugang zu Nahrung, Wasser  und anderen Basics auch gehört) im Rahmen der Marktherrschaft als völlig normal angesehen bzw. gar nicht medial angeprangert wird.

Die ökologische und soziale Schuld der Industrieländer gegenüber den (früheren) „Dritte-Welt-Ländern“ ist weitaus größer, als die finanzielle, die unsere Finanzmafia eintreibt. Auch im Kontext der Klimadebatte muss dieser Umstand betont werden.

Entscheidend ist auch, dass die absurden Wirtschaftsideologien bzw. surreale „ökonomische Theorien“,  die diesem menschenverachtenden System zugrunde liegen, entlarvt werden müssen. Der „Markt“ hat weder Gewissen, noch Moral, denn er wird von jenen konzipiert und beherrscht, die ihre Seele dem Profit verkauft haben und es, als echte „Friedmaniacs“, auch völlig normal finden, dass man sein Leben damit verbringt, nie genug Geld und Macht zu bekommen, auch wenn man dabei über Hungernde und Leichen gehen muss ….

Sollte sich doch bei dem einen oder anderen letzte Reste eines Gewissens rühren, liefert auch dafür die (Pseudo)-Wissenschaft eine Rechtfertigung: es sind die „egoistischen Gene“, also die Evolution, die dieses unmenschliche Verhalten steuern, der Sozialdarwinismus kommt auch sehr gelegen: Der eigene „Erfolg“ und Reichtum sind doch nur Beleg dafür, dass man zu den „Besten“ gehört, die Armen, Hungernden werden mehr? So what? Das sind doch „Verlierer“, Leute, die schon genetisch minderwertig sind oder eben nicht „leistungsbereit“…

Mehr Background: (kleine Auswahl)

Papst, Hunger, Kaffee und Wirtschaftslügen

Gedanken zu Medienberichten über den  Welternährungsgipfel in Rom: Warum nimmt der Hunger zu?  Who cares? Wer verarscht hier wen?

In seiner Rede zum Amtsantritt am 20. Jänner 1949 sprach der amerikanische Präsident Harry Truman  zum ersten Mal von der wichtigen Aufgabe, die unterentwickelten Gebiete der Welt am wissenschaftlichen und industriellen Fortschritt teilhaben zu lassen, um durch die Ausweitung des Welthandels Armut und Hunger zu beenden und den Frieden  zu sichern.

Diese Rede kann wohl als Startschuss für das gelten, was heute als „Entwicklungshilfe“ bekannt ist, doch diese entpuppte sich bald als Trojanisches Pferd für Marktmacht und ökonomische Diktatur …

Bis 1960 wurde mehr als ein Drittel des globalen Weizenhandels über US „Food Aid“ (subventionierte Preise) abgewickelt. Ende der 1960er Jahre gingen  80% der US-Exporte in die „Dritte Welt“. So wurden Eingriffe in die globale Nahrungsmittelversorgung ein nicht unerheblicher Part amerikanischer Außenpolitik. Doch auch die EU ist mittlerweile auf diesem Pfad erfolgreich unterwegs und terrorisiert mit ihrem Export- und CAP-Wahnsinn die kleinen Bauern dieser Welt ….

Die „Grüne Revolution“ mit ihren gewaltigen Ertragssteigerungen bedeutete mehr verfügbare Lebensmittel, führte jedoch keinesfalls zu „Ernährungssicherheit“, weil die Selbstbestimmung der Länder über ihre Agrar-, Export- und Wirtschaftspolitik immer weiter unterminiert wurde.

Free Trade“ funktioniert eben nur mit Nötigung und Zwang, das ist die Ironie … (siehe Karl Polanyi: The Great Transformation)

Stattdessen wurden neue Abhängigkeiten geschaffen: die multinationalen Konzerne der Agrochemie verdienten mit ihren synthetischen Düngern und Pestiziden nicht nur Milliarden, sie gewannen gleichzeitig eine wachsende Zahl von „Agro-Junkies“, die ohne ihre „Infusionen“ in die Äcker nicht mehr auskamen und ständig mehr davon verwenden mussten, weil die Bodenfruchtbarkeit langfristig durch den Einsatz dieser Chemikalien sowie die intensive Bewirtschaftung (Monokulturen, Herbizide, etc.) abnimmt. Doch das alles wird im Irrenhaus der Ökonomie unter “Effizienz- bzw. Produktivitätssteigerung” geführt, denn die sozialen und ökologischen Kosten werden einfach “externalisiert”

Dass die überwältigende Mehrheit der Hungernden und Unterernährten selbst Bauern sind bzw. in der Landwirtschaft arbeiten, scheint auch nicht weiter aufzufallen ….  (siehe Vandana Shiva u.a.)

Ein sehr effektives Mittel zur Kontrolle der Nahrungsmittelproduktion auf internationaler Ebene sind  natürlich die Kredite, deren Vergabe an strenge Auflagen (SAP) geknüpft wurde, die dem internationalen Bankenkartell (bekannt als IWF und Weltbank) und den transnationalen Konzernen (vertreten durch WTO) möglichst ungehinderten Zugang zu den Ressourcen  und Märkten der “unterentwickelten” Länder garantieren sollten und ein Herr von Schuldsklaven ….

Unter dem Deckmantel der “Entwicklungshilfe”,  angeblichem Kampf gegen Armut, etc. wurde die Handels- und Agrarpolitik also zu einem Machtinstrument für die finanziellen und wirtschaftlichen Eliten dabei wurde massiv in das Selbstbestimmungsrecht der schwächeren Staaten eingegriffen: „Food Sovereignity“ ist das Recht von Gemeinden, Regionen und Ländern, ihre eigene Landwirtschafts- und letztlich auch Wirtschaftspolitik festzulegen, deren Prioritäten von den Bedürfnissen der eigenen Bevölkerung geleitet werden und nicht von ökonomischer Ideologie und den Machtinteressen der transnationalen Konzerne, die das gegenwärtige System zu ihren Gunsten konzipiert haben.

Diese „Souveränität“ schließt auch Ernährungssicherheit (im Bezug auf Produktion, Verteilung, Qualität, umweltverträgliche Anbaumethoden, die langfristig die Bodenfruchtbarkeit und unverzichtbare Ökosysteme erhalten) ein.

Doch weder das Bevölkerungswachstum noch die angeblich zu geringe Produktivität der Landwirtschaft sind das eigentliche Problem, sondern das Festhalten an einer irrsinnigen Ideologie: Wachstum & Wettbewerb (sprich: Marktbeherrschung, Re-Feudalisierung der Welt und Oligopole, die Preise diktieren und die Armut verschärfen) Natürlich ist auch der westliche Konsumwahn (sprich: “Wachstum”), die Verfütterung von 60% des Getreides an tierische Produktionsmaschinen (als Lebewesen werden sie ja nicht mehr behandelt) in industriellen Gulags (CAFOs), die Perversion der forcierten Erzeugung von “Biotreibstoff” für prestigeträchtigen Schwachsinn wie SUVs, (der wieder mit Erdöleinsatz und  massiver Umweltzerstörung hergestellt wird…), die steuerliche Bevorzugung des Flugverkehrs, die Subvention von Kohle und Atom und vieles mehr Ausdruck des Irrenhauses, in dem wir leben und das uns als rationale Wirtschaftspolitik verkauft wird ….)

Undemokratische Organisationen wie die WTO, die Weltbank und der IWF – aber auch die EU – haben Strukturen gefördert, die unvereinbar sind mit dem Selbstbestimmungsrecht der Völker, den Menschenrechten und den ökologischen Imperativen, die die Säulen unsere Lebensgrundlagen bilden. Sie haben die Armut und damit den Hunger (bzw. Mangelernährung) vergrößert und quasi zementiert, und gleichzeitig die astronomischen Gewinne der dominanten Marktakteure ermöglicht.

Dies soll an einem konkreten Beispiel dargestellt werden, einem Produkt, das wir wohl alle gerne konsumieren:

Kaffee

Was kostet ein Kilo guter Kaffee für den Konsumenten im Einzelhandel?  Etwa 10 Euro, also etwa 15 US-Dollar. Raten Sie mal, wie viel davon bekommt wohl der Kaffeebauer? Wieviel davon der Kaffeeexporteur? Ein Drittel, ein Viertel? Weit gefehlt.

Schauen wir uns die Verhältnisse am Beispiel der Kaffeepreise in Uganda an. Nach den Monatsberichten der  „Uganda Coffee Development Authority“ brachte der Export von einem Kilo Rohkaffee im Schnitt

Juli 2008:       2,15 Dollar / kg

September      2,10 Dollar / kg

Dezember       1,63 Dollar / kg

Mai 2009        1,53 Dollar / kg

In Euro ausgedrückt hat sich der Exportpreis also in 10 Monaten von EUR 1,43 auf EUR 1,02 reduziert (wobei natürlich auch der Wechselkurs eine Rolle spielt). Er ist also um 29% gefallen. Auch wenn man weiter zurückgeht und die Entwicklung über Jahre anschaut, die Tendenz ist immer die gleiche: die Preise fallen und fallen und das ist natürlich kein Zufall, denn das ganze System des „Welthandels“ ist so angelegt, dass die Erzeugerpreise fallen müssen, dass gewaltige Überschüsse entstehen, die den großen Händlern und Verarbeitern ständig fallende Einkaufskosten bescheren, während der Preis für den Konsumenten nicht gesenkt wird oder sogar steigt, sodass es ein Kinderspiel ist, in diesem System ständig steigende Gewinne zu machen (siehe Nestlè & Co.)

Die verzweifelten Bauern versuchen natürlich die Verluste durch Steigerung der Produktion wettzumachen, werden also mehr oder weniger dazu gewzungen, was aber letztlich den Preisverfall wieder beschleunigt. In diesem System kann der Produzent NUR verlieren. Die Zahlen aus Uganda zeigen auch diese systemische Ausbeutung auf:

Im Jänner 2009 wurde nur  8%  weniger Rohkaffee exportiert als im Jänner des Vorjahres, aber der Wertverlust war 23%. Im May 2009 nahm die Exportmenge gegenüber dem Vergleichsmonat um 4,7% ab, aber der finanzielle Verlust war bereits 31,3%. Zwischen Oktober 2008 und Jänner 2009 wurde das Exportvolumen um 7% gegenüber dem Vorjahr gesteigert, aber die Einnahmen stiegen nur um 0,66%.

Dieser eingebaute Abwärtstrend hat natürlich fatale Folgen für diese Länder, deren Exporte zu einem Löwenanteil aus der Landwirtschaft bestritten werden. Denn obwohl sie den „Rat“ der „Freihandelstheologen“ befolgten (IWF, Weltbank, WTO, EU) und vermehrt „Cash Crops“ exportierten, kommen sie aus der Schuldenfalle nicht heraus. Warum? Obwohl die Exporte ständig ausgeweitet werden, sinken die Einnahmen, aber gleichzeitig steigen die Produktionskosten (schon alleine durch die steigenden Energiepreise).

Das können nur Großbetriebe überleben, aber der weitaus größte Anteil in den „Entwicklungsländern“ sind natürlich Kleinbauern, die diesen unfairen Preiskampf nicht lange durchstehen. Ende der 1990er Jahre fiel der Welt-Kaffeepreis in vielen Fällen unter die Produktionskosten. Aber aus Sicht der neoliberalen Prediger ist auch das kein Problem: Entweder die Bauern bringen sich massenweise um (wie in Indien – das freut die Malthusianer ….), oder sie wandern in die Slums der Großstädte, wo sie bereit sind, unter sklavenähnlichen Bedingungen  in Sweatshops und anderen menschenverachtenden Systemen zu arbeiten. So garantiert der „Welthandel“ immer eine Reservearmee von verzweifelten Menschen, die bereit sind, unter unmenschlichen Bedingungen für das Wohl der Konzerne zu arbeiten.

Aber wie viel bekommt denn nun der Kaffeebauer selbst für seine Bohnen? In Uganda sind es derzeit etwa 35 Eurocent pro Kilo (zwischen 1000 und 1200 ugandische Schillinge) – wir erinnern uns, der Exporteur bekommt etwa 1 Euro und wir zahlen dafür etwa 10 Euro. Der Preis ist also um mehr als das 28-fache gegenüber dem Erzeuger gestiegen. Handel und Verarbeitung ist das große Geschäft, aber der Produzent, der das größte Risiko hat und seine Familie von diesem ständig und heftig schwankenen Einkommen ernähren muss, bekommt nur die sprichwörtlichen „Peanuts“, also so gut wie nichts.

Stellen Sie sich mal ihr, ihr Einkommen würde trotz harter Arbeit kontinuierlich sinken, unter das Existenzminimum und sie könnten nichts dagegen machen….

Was passiert, wenn die Bauern in Uganda aufgeben müssen? Kein Problem, die Weltbank und andere „Entwicklungshelfer“ sorgen schon für Ersatz. So wurde z.B. in Vietnam eine super-billige (minderwertige) Kaffeeproduktion gefördert, die die Preise noch weiter in den Keller trieb und nebenbei noch große Urwaldgebiete zerstörte (was natürlich den Klimawandel forcierte) – mehr dazu weiter unten.

Deutschland feierte kürzlich den 20. Jahrestag des Falls der Berliner Mauer, aber für die Menschheit insgesamt war das – aus heutiger Sicht – kein Grund zum Feiern. Warum nicht?

Schon wenige Monate nach dem Mauerfall, zog sich die USA vom so genannten ICA, ein internationales Handelsabkommen für Kakao und Kaffee, das Ende der 1960er Jahre unter Führung der UNabgeschlossen worden war, zurück und in der Folge  kündigten auch andere Länder ihre Teilnahme auf, so dass die Kontrolle der Produktionsmengen und damit einigermaßen stabile Erzeugerpreise nicht mehr funktionierte. Die Folge waren dramatische Preisverluste für die Bauern, hunderttausende wurden in den Ruin getrieben, viele brachten sich um, oder mussten ihr Land auf der Suche nach Arbeit, verlassen.

Die historische Fakultät der Universität in Santa Cruz (Kalifornien) hat eine kleine Geschichte des Kaffeeanbaues auf ihrer Website veröffentlicht. Darin heißt es u.a.:

„Der Rückzug der USA aus dem ICA war symptomatisch für die globalen wirtschaftlichen Veränderungen in der Zeit nach Ende des kalten Krieges, die gravierende Auswirkungen auf den Kaffeehandel hatten. Ohne die Bedrohung des Kommunismus sahen von den USA geführte Organisationen wie der IWF und die Weltbank keinen Grund mehr, marktradikale, neoliberale Wirtschaftspolitik auf kleiner Flamme schmoren zu lassen. Das Streben nach Profiten musste jetzt nicht mehr wegen der Bedürfnisse nach sozialer Gerechtigkeit  gezügelt werden, denn das „Ende der Geschichte“ war gekommen. Jetzt konnte man endlich voll zuschlagen ….

Voller Sieg des Kapitalismus, keine Gefahr mehr durch den gescheiterten Soviet-Sozialismus (der natürlich mit Marx’schen Ideen einer neuen Gesellschaft relativ wenig zu tun hatte …)

IWF und Weltbank haben großzügig Kredite an „Entwicklungsländer“ vergeben, um damit Infrastrukturprojekt zu finanzieren (dieses Geld floss zum größten Teil wieder an die Geberländer zurück, weil deren Konzerne die Projekte durchführten), die meistens überdimensioniert waren und kaum der eigenen Bevölkerung nutzten. Als Bedingung mussten „Strukturanpassungs-programme“ (SAP) durchgeführt werden, die den Abbau von Sozialprogrammen und Preisstützungen für Nahrungsmittel; Deregulierung und Privatisierung verlangten.  Exportwaren mussten direkt auf dem Weltmarkt verkauft werden, mit einem Minimum an Steuern und Zöllen.

Die verheerenden Effekte der neoliberalen Politik sind am Beispiel Vietnams zu sehen:

Anfang der 1990er Jahre erhielten die Bauern hohe Kredite um den Kaffeeanbau dramatisch auszuweiten. Dabei wurde nicht nur Regenwald und die dazugehörige Fauna weitgehend zerstört, sondern auch viele indigene Gruppen vom Land ihrer Väter vertrieben, die mit und vom Regenwald gelebt hatten, und den unschätzbaren Wert dieses Ökosystems nicht so gering achteten, wie die vermeintlichen Vertreter des „Fortschritts“.

Im August 2000, attackierten mehr als 150 Mitglieder der Edeh in der Provinz  Dak Lak (zentrales Hochland) eine Kaffeefarm, zerstörten Häuser und brannten zwei Hektar mit Kaffeesträuchern nieder. Obwohl die Regierung hart durchgriff und sogar das Militär einsetzte, eskalierte der Widerstand und tausende gingen auf die Straße, ja blockierten sogar ganze Straßen, um gegen diese menschenverachtende Form der „Entwicklung“ zu protestieren. Nach zwei Wochen mussten sie sich geschlagen geben … (Ähnliche Szenen spielen sich natürlich an vielen Orten der Welt ab, wo der „Fortschritt“ und die „Entwicklung“ auf Kosten der Menschen durchgesetzt werden, aber in den Medien erfährt man davon so gut wie nichts…)

Und die vietnamesischen Kaffeebauern? Haben die wenigstens etwas gewonnen? Schön wär’s.

Um diese Kredite zurückzahlen zu können, mussten sie den Kaffee so schnell wie möglich auf den Weltmarkt bringen. Diese Kaffeeflut bewirkte einen dramatischen Preisverfall mit verheerenden Folgen für hunderttausende Bauern weltweit. Während die Proponenten dieses Systems behaupten, dieser Irrsinn hätte tausende Arbeitsplätze in Vietnam geschaffen, ist die traurige Wahrheit, dass die Kaffeebauern in Vietnam aus der Schuldenfalle nicht mehr herauskommen. Schwankungen der Währung und der Zinsen hängen wie ein Damoklesschwert über ihnen und die Banker dieser Welt strahlen: denn der IWF ist in Wahrheit ein Bankenkartell unter Führung des US-Finanzministeriums… Dass diese Herren „systemrelevant“ sind, egal welche horrenden Schäden sie auf der Welt anrichten, wurde ja erst kürzlich wieder gezeigt … Too Big to Fail (Firmen), too Small to Survive (Menschen) …die Tragik der modernen „Wirtschaft“

Man darf ja auch nicht vergessen, dass die „Plantage“ ja Ausdruck und Ergebnis der kolonialen Ausbeutung war und ohne die brutale Sklaverei, die großen Gewinne mit Zuckerrohr, Kaffee, Kakao, Baumwolle nicht möglich gewesen wären. Diese Denkschule der „Plantagenwirtschaft“ gibt es noch heute, sie ist nur etwas subtiler und heißt heute „Globalisierung“ und auch sie braucht Arbeitssklaven ….nur die Ketten wurden abgeschafft uns durch unsichtbare „Zwänge“ ersetzt ….

Zwischen 2000 und 2004 sanken die Kaffeepreise wegen der bewusst geförderten Überproduktion auf ein absolutes Rekordtief (die Bauern bekamen weniger als 1960!), wodurch 25 Millionen Menschen, die vom Kaffeeanbau leben, in eine extreme Notlage gerieten und ihre Familien ins Elend gestürzt wurden. Die Weltkaffeeproduktion im Jahr 2002 betrug etwa 116 Millionen Säcke (à 60 kg), während nur fünf Millionen dieser Säcke konsumiert wurden.  Die von der Weltbank geförderte Ausweitung der  Kaffeeproduktion in Vietnam um das 14-fache war also ein Anschlag auf die Überlebensfähigkeit der Kleinbauern zugunsten der stark steigenden Gewinne der fünf großen Kaffeeverarbeiter und des konzentrierten Einzelhandels.

Der Kaffeeabsatz stagniert im Großen und Ganzen, die reichen Länder trinken ohnehin schon mehr als vielleicht aus gesundheitlicher Sicht gut für sie ist. Trotzdem wird die Produktion weiter ausgeweitet, das muss zu weiteren Preisverfällen führen, damit die Gewinnspannen trotz stagnierender Umsätze weiter steigen …. Es ist nie genug … Die Investoren wollen doch steigende Renditen sehen, wo die in einer begrenzten Welt herkommen, interessiert nicht ….

Nach dem Hinscheiden des ICA, ist der Anteil der Erzeugerländer am Profit des Kaffeegeschäftes  von 40% auf ca. 12% gesunken. Das große Geschäft ist die Veredelung, die zur Gänze in den westlichen Industrieländern stattfindet. Nur die „Fair Trade“ Produkte sind ein Ansatz, den Produzenten ein Einkommen zu gewährleisten, von dem sie auch leben können.

Das globale Kaffeegeschäft dreht sich inzwischen um mehr als 140 Milliarden Dollar (zweitgrößter Handelswert an den Terminbörsen), nach Erdöl das lukrativste Geschäft mit Rohstoffen, die durch die Verarbeitung gigantische Gewinne bescheren ….

Die Kaffeebauern der Welt werden gegeneinander ausgespielt (wen kann man noch mehr auspressen, wo gibt es noch brutalere Produktionsbedingungen, noch weniger Ansprüche auf Menschenrechte, etc.) und die großen Food-Multis (eine Handvoll beherrscht den Markt) kassieren gigantische Gewinne. Das ist das gern ignorierte wahre Wesen von „Wettbewerb“ und „Wachstum“, von dem neoliberale Politiker ständig schwärmen ….  „Wachstum“, das über Leichen geht …

Papst Benedikt hat in seiner Rede zum Welternährungsgipfel etwas sehr wichtiges gesagt:

Es ist nötig, sich [folgende Dingen] entgegenzustellen:

  • jene Formen der „Hilfe“, die schweren Schaden in der Landwirtschaft anrichten,
  • jene Sicht der Nahrungsproduktion, die nur auf Konsum ausgerichtet ist und den größeren Kontext [soziale und ökologische Folgen] völlig außer Acht lässt und besonders
  • der Gier, die das hässliche Gesicht der Spekulation sogar in der Vermarktung von Getreide auftauchen lässt, als ob Lebensmittel wie jede andere Ware zu behandeln seien …

Damit hat er einen zentralen Punkt getroffen, der in der endlosen Debatte über den Hunger in der Welt, so gut wie nie erwähnt wird. Denn natürlich sind Lebensmittel etwas besonderes, weil sie unverzichtbar sind. Man kann als „Konsument“ Macht ausüben, wenn man bewusst eine Ware nicht kauft, aber auf Essen kann niemand verzichten.

Dass Lebensmittel wie Socken oder Nägel behandelt werden, verdanken wir der WTO und dem „Agreement on Agriculture“. Dass nur mehr der Papst echte Kritik an den systemischen (und moralischen) Ursachen von Hunger und Armut übt, während unsere Journalisten nur mehr die „Talking Points“ wiederholen, die irgendwelche (von den Konzernen gesteuerten) Think-Tanks bzw. deren Gesandte („Experten“) ihnen vorsetzen, ist ein Trauerspiel der besonderen Art.

Sie reden über Bevölkerungsexplosion, Biosprit, fehlenden Investitionen und Korruption, aber die systemischen Ursachen von Armut und Hunger – die verheerende Wirtschafts- und Handelspolitik des  neoliberalen Marktkultes, die gewollte Konzentration von Profit und Macht in den Wirtschafts- und Finanzeliten, die auf Handlanger-Dienste reduzierte Rolle der Politik, die bewusst in Kauf genommene hohe Arbeitslosigkeit, die „beschränkte Haftung“ der Wirtschaftsführer für nie dagewesene ökologische Zerstörung, Plünderung öffentlicher Haushalte  und soziale Verelendung, all das ist kein Thema für sie.

Die Verzweiflung und Stigmatisierung von Hartz IV-Beziehern,  die bedrohte Existenz (auch unserer) Bauern, mehr als 150.000 Selbstmorde alleine in Indien – no Big Deal.. Aber wenn sich ein Fußballer umbringt, ist nationale Trauer  und große Betroffenheit angesagt …

Der Journalist als Autist, als Medienschaf, das mit den anderen im Chor blökt …. (Agenturmeldungen wiederkäuen und möglichst Denken vermeiden ….) und wir hungern nach Wahrheit ….

P.S. Es gibt noch wenige Ausnahmejournalisten, die uns wirklich helfen, die Welt besser zu verstehen und die Hintergründe zu erkennen, z.B. HIER., sollten wir solche raren Dokumente der Pressefreiheit nicht durch Abos der Printversion unterstützten?  …. Diese Zeitung hat finanzielle Probleme (kein Wunder, denn sie ist völlig unabhängig und keine Massenware ….) und dennoch kann man das Online-Archiv gratis benutzen, weil eben nicht das Profitmotiv im Vordergrund steht ….